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Theoretische Ansätze der Sozialstrukturanalyse

Soziale Ungleichheiten scheinen ›auf der Hand‹ zu liegen. Man weiß um ungleiche Lebens- und Arbeitsbedingungen auf diesem Globus oder in einem Nationalstaat, um die Not von Hungernden und Geflüchteten; man weiß um rassistische und sexistische Strukturen, die damit nicht selten zusammenhängen. Dieses Wissen wird nicht selten politisch ›aufgeladen‹, wenn Elend und Missstände angeprangert, wenn ›Verantwortlichkeiten‹ aufgezeigt und wenn ›Abhilfe‹ eingefordert wird. Im politischen Raum können Zuspitzungen sinnvoll sein, wenn es gelingt, sich von populistischen und menschenfeindlichen bzw. rassistischen Argumentationen fernzuhalten.

Wissenschaftlich angelegte Sozialstrukturanalysen zeichnen sich dadurch aus, dass sie theoriegeleitet erfolgen und dass der Standpunkt der Analysierenden reflektiert wird. Theoretische Überlegungen sind erforderlich, um die Vielzahl von vorliegenden Informationen über soziale Ungleichheiten sinnvoll verorten und interpretieren zu können; sie sind erforderlich, um Forschungen anzuleiten und die Ergebnisse solcher Forschungen auswerten und interpretieren zu können; sie sind schließlich erforderlich, um Aussagen über mögliche Ursachen von Ungleichheiten zu machen. Auch die oben konstatierte politische Einbettung von wissenschaftlichen Sozialstrukturanalysen in die zeitgenössischen Diskurse an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit bedarf der theoretisch geleiteten Reflexion.

Im Folgenden soll zunächst dieses theoretische Repertoire von Sozialstrukturanalysen genauer skizziert werden.

Forschungsrichtungen* der Sozialstrukturanalyse

In den verschiedenen sozialwissenschaftlichen Disziplinen finden sich seit dem 19. Jahrhundert vielerlei Ansätze, Sozialstrukturen systematisch zu analysieren. Sie zeichnen sich durch eine Vielfalt von Perspektiven (eher sozioökonomisch, eher soziokulturell, eher sozialhistorisch) aus. Auch das Verhältnis von empirischen Analyse und theoretischer Reflexion unterscheidet sich. Schließlich variiert auch die Interessenlage und das Selbstverständnis der Analysierenden; während bei den einen Gesellschaftskritik, Zeitdiagnose und politische Forderungen im Vordergrund stehen, sehen sich andere ausschließlich wissenschaftlichen Standards verpflichtet. Auch in nichtwissenschaftlichen Kontexten wie der Marktforschung oder der Organisations- und Politikberatung wird mit sozialstrukturellen Konzepten gearbeitet. In jedem Falle sollte reflektiert werden, dass sich Sozialstrukturanalysen mit Themen befassen, um die im politischen Raum heftig gestritten wird.

Entlang der unterschiedlichen Perspektiven auf Ungleichheiten, der typischen Forschungsmethoden und der wissenschaftlichen Diskurszusammenhänge lassen sich verschiedene Ansätze der Sozialstrukturanalyse ausmachen:

Sozioökonomische Ansätze

Sozioökonomische Ansätze interessieren sich für die Stellung im gesellschaftlichen Produktionsprozess, für Berufe oder für Einkommen und Vermögen. Dementsprechend werden verschiedene soziale Klassen oder Schichten, arme und reiche Bevölkerungsgruppen oder mächtige und weniger mächtige soziale Gruppen unterschieden.

Unter dem gemeinsamen Nenner, sozioökonomische Unterschiede ins Zentrum der Sozialstrukturanalyse zu stellen, finden sich dann ganz unterschiedliche Ansätzen: z.B. verschiedene Klassenkonzepte, die Schichtungsforschung oder die Armuts- und Reichtumsforschung.

Klassentheorien

Klassentheorien grenzen soziale Gruppen nach ihrer sozioökonomischen Positionierung ab; dazu werden die Stellung im Produktionsprozess (z.B. Marx), Besitz- und Erwerbsverhältnisse (z.B. Weber) oder berufsbezogene Informationen (z.B. Goldthorpe) genutzt.

Klassen bei Marx

Karl Marx hat seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in seinen politischen und ökonomischen Analysen in verschiedenen Zusammenhängen von Klassen gesprochen. Er hatte geplant, diese Überlegungen zu einer Klassentheorie zu verdichten, konnte dies aber nicht umsetzen. D.h. auf Marx zurückgeführte Klassentheorien bedienen sich mit unterschiedlichen Perspektiven in seinen umfangreichen Schriften. Am bekanntesten sind jene Ansätze, die sich auf die Analysen zum gesellschaftlichen Produktionsprozess stützen. Hier unterscheidet er soziale Gruppen entlang des (Nicht-)Besitzes von Produktionsmitteln: auf der einen Seite die Besitzer_innen dieser Produktionsmittel, die darin ihr Kapital anlegen. Auf der anderen Seite diejenigen, die nicht über solche Kapitalien verfügen und sich als Lohnarbeiter_innen verdingen müssen. Damit wird auch eine Aussage über Machtverhältnisse getroffen, indem die Kapitalbesitzenden, z.B. die Möglichkeit haben, ihr Kapital in anderen Branchen, in anderen Weltregionen oder in Finanzmärkte zu verschieben. Demgegenüber sind die Lohnarbeitenden, die allein über ihre Arbeitskraft verfügen, dazu verdammt, diese auch unter widrigsten Bedingungen immer wieder neu auf dem Markt anzubieten. Sozial betrachtet wird dann von Bourgeoisie (wörtl. Bürgertum) und Proletariat gesprochen. Marx hat diesen Ansatz auf der Basis seiner Analysen und theoretischen Überlegungen Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelt; ihm liegt die Einschätzung zu Grunde, dass die (groß)industrielle Produktion zur national und global dominierenden Form der Produktion wird, dass es zu Prozessen der Polarisierung kommen wird und dass die Nationalstaaten weitgehend im Sinne der Kapitalbesitzenden agieren. Keine dieser Einschätzungen war ganz falsch; es haben sich dann aber im 20. und 21. Jahrhundert weltweit ganz unterschiedlichen Kapitalismen und damit auch Klassenkonstellationen entwickelt.

Klassen bei Wright

Eric Olin Wright hat versucht, das Marxsche Modell den beobachtbaren Entwicklungen anzupassen, indem er den polarisierenden Effekt und die Tendenz zur großindustriellen Einheiten hinterfragt. Dementsprechend erweitert er das polarisierende Bild von Bourgeoisie und Proletariat z.B. um Gruppen wie Manager, Experten oder Vorarbeiter (und die damit verbundenen qualifikatorischen Unterschiede). Zudem verweist er auf den Fortbestand mittelständischer und kleinbetrieblicher Betriebsformen und die damit verbundenen Beschäftigungsformen (z.B. Handwerker_innen, Soloselbständige).

Klassen bei Weber

Max Weber verknüpft in seinen Analysen von Sozialstrukturen ökonomische und soziokulturelle Argumentationen. So unterscheidet er eher im Sinne von Marx Besitzklassen (z.B. Besitz von Grund und Boden oder von Unternehmen) und Erwerbsklassen (z.B. Unternehmer, Mittelklassen, Arbeiter). Zugleich spricht er aber auch von sozialen Klassen, die sich über ihre Durchlässigkeit (z.B. Möglichkeiten des Aufstiegs, Partnerschaftsverhalten oder soziale Kontakte) unterscheiden. Hier führt er an: die Arbeiterschaft, das Kleinbürgertum, die besitzlose Intelligenz und Fachgeschultheit sowie die Klassen der Besitzenden und durch Bildung Privilegierten. Schließlich verweist er auch auf die fließenden Übergänge zwischen eher ständisch und eher klassenmäßig organisierten Gesellschaften und auf das Fortleben ständischer Strukturen in Klassengesellschaften.

Klassen bei Bourdieu

Pierre Bourdieu begreift Klassen in einem sozioökonomischen und einem soziokulturellen Sinne. Dementsprechend fragt er im Sinne von Marx oder Weber nach der Stellung in den Produktionsverhältnissen; im Sinne von Weber oder Geiger analysiert er aber auch die Stellung innerhalb der ›kulturellen Produktionsverhältnisse‹. Davon ausgehend positioniert er dann soziale Gruppen in einem mehrdimensionalen sozialen Raum. Dabei unterschiedet er zwei herrschende Klassen, verschiedene Mittelklassen und schließlich beherrschte Klassen.

Neben dieser eher sozialstrukturellen Perspektive untersucht Bourdieu gesellschaftliche Klassifizierungsprozesse in der Alltagswelt sowie im politischen und im wissenschaftlichen Feld.

Klassen bei Erikson/ Goldthorpe

Das auf Robert Erikson, John Goldthorpe und Lucienne Portocarero zurückgehende Modell der EGP-Klassen versteht sich nicht in der Marxschen Tradition und versucht auf Basis von Angaben zu Qualifikation, Beruf und Arbeitsplatz eine Zuordnung zu verschiedenen sozialen Klassen. Durch die Zusammenfassung ähnlicher Gruppen entsteht so ein 11-, ein 7- und ein 4-Klassenmodell. So werden in der 7er-Variante folgende Gruppen unterscheiden:
– obere Dienstklasse: z.B. Unternehmer_innen, Manager_innen, Freiberufler_innen mit größeren Unternehmen
– untere Dienstklasse: z.B. höher qualifizierte Angestellte und Beamte, Freiberufler_innen
– gehobene und einfache Routinedienstleistungen in Handel und Verwaltung: z.B. Verkaufs- und Servicetätigkeiten
– kleine Selbstständige (inklusive Landwirtschaft)
– Techniker_innen, Meister_innen, Vorarbeiter_innen,
– Facharbeiter_innen
– un- und angelernte Arbeiter_innen.

Die beiden Dienstklassen sind jenseits der Unternehmer_innen durch ein spezifisches Dienstverhältnis charakterisiert; man ist in leitender Funktion einem Unternehmen oder einer großen Verwaltungseinheit dienstbar. Am anderen Ende der Skala stehen klassische Lohnarbeitsverhältnisse. Zu den Zwischengruppen gehören z.B. kleine Selbstständige, ausführende Dienstleistungskräfte oder Meister und Techniker_innen

Klassen bei Oesch

Das auf Daniel Oesch zurückgehende Klassenmodell unterscheidet Klassen entlang von Angaben zu Beruf, Qualifikation und Betrieb; zudem interessiert die ›Arbeitslogik‹ verschiedener Berufsfelder: das ist neben der selbständigen Arbeitslogik, eine interpersonelle, eine technische und eine organisatorische Arbeitslogik.
selbständige Arbeitslogik: von großen Unternehmer_innen, Freiberufler_innen, über das Kleingewerbe bis hin zu Soloselbständigen,
interpersonelle Arbeitslogik: von hochgebildeten Berufen in Medizin, Bildung und Kultur, über Erziehungs- und Serviceberufe zu einfachen Verkaufsdienstleistungen,
technische Arbeitslogik: von technischen Expert_innen, über Facharbeiter_innen bis zu gering qualifizierten manuellen Arbeitskräften
organisatorische Arbeitslogik: vom oberen und unteren Management, über qualifizierte Büroberufe zu ausführenden Büro- und Verwaltungskräften.
Dementsprechend schlägt Oesch ein Modell vor, in dem in der einen Dimension zwischen den Arbeitslogiken unterschieden wird und in der anderen das Qualifikationsniveau bzw. bei den Selbständigen die Betriebsgröße berücksichtigt wird.

Schichtungsforschung

In der empirischen Schichtungsforschung werden zumeist neben berufsbezogenen Angaben auch Informationen zu Qualifikation und Einkommen berücksichtigt. Dabei sind die Unterschiede zu den zuletzt aufgeführten Modellen fließend. Darüber hinaus wurden aber auch die Mentalität oder das Prestige von sozialen Gruppen berücksichtigt oder man fragte nach der sozialen Selbsteinschätzung. Die Schichtenkonzepte gehen zumeist von eher fließenden Übergängen zwischen sozialen Schichten aus; zudem sind sie weitaus stärker durch eine empirische denn eine theoretische Orientierung charakterisiert.

Schichtung bei Dahrendorf

Eine auf Ralf Dahrendorf zurückgehende Darstellung aus den 1960er Jahren geht von folgenden Schichten aus:
Eliten (weniger als 1%): z.B. wirtschaftliche, politische, administrative, kulturelle oder weltanschauliche Eliten
Dienstklasse (12%): Beamte und Angestellte verschiedener Ränge, in den bürokratischen (nicht-technischen) Berufen des neuen Mittelstandes
Mittelstand (20%): der alte Mittelstand, wie z.B. mittlere und kleinere Unternehmer, Handwerker, Händler oder Bauern, sowie die technischen Beruf des neuen Mittelstandes
Arbeiterelite (5%): z.B. Vorarbeiter, Industriemeister
– ›Falscher Mittelstand‹ (12%): einfache Dienstleistungsberufe, die sich oft gegenüber der Arbeiterschaft abgrenzen
Arbeiterschicht (45%): Facharbeiter, angelernte und ungelernte Arbeiter
Unterschicht (5%): die Gruppe der ›sozial Verachteten‹
Bei der Einordnung der Schichten bezieht sich Dahrendorf sowohl auf sozioökonomische Merkmale wie auf Mentalitäten.

Schichtindices

Für die quantifizierende Sozialforschung wurden verschiedene Typen von Schichtindices ermittelt. In einem einfachen Modell wurde aus Informationen über Beruf, Bildung und Einkommen ein additiver Index ermittelt. Der ISEI-Index (Internationale Sozioökonomische Index des beruflichen Status) verknüpft (auf internationaler Basis) Informationen über Einkommen und Bildung, um den Status eines Berufs zu ermitteln. Am Ende entsteht eine Skala, die von 16 (z.B. Hilfs- oder Reinigungskräfte) bis 90 (z.B. Richter_innen) reicht.

Armuts- und Reichtumsforschung

Im Rahmen der Armuts- und Reichtumsforschung werden vor allem Einkommens- und Vermögensinformationen genutzt, um Aussagen über die soziale Lage der Untersuchten zu machen. In den Armuts- und Reichtumsberichten der Bundesregierung werden Daten aus verschiedenen Studien zusammengetragen, um die Arbeits- und Lebenssituationen der unterschiedlichen Einkommensgruppen zu beleuchten: zu den Armutsgefährdeten rechnen nach EU-Standard jene, die über weniger als 60% der mittleren Nettoäquivalenzeinkommens verfügen; von Reichen wird gesprochen, wenn das Einkommen mehr als 200% (es finden sich auch höhere Grenzwerte) des mittleren Nettoäquivalenzeinkommens beträgt. In komplexeren Modellen werden auch die längerfristige Einkommenssituation, die Vermögen und die Erwerbs- wie die Wohnsituationen für die Kategorisierung von Haushalten berücksichtigt.

Neben der Klassifikation sozialer Gruppen liefert die einkommens- und vermögensorientierte Forschung auch wichtige Informationen über die Verteilung dieser Ressourcen; so sagen Indices der Einkommens- bzw. Vermögensverteilung etwas darüber aus, wie stark diese von einer gedachten Gleichverteilung abweichen und wie sich diese zeitlich entwickeln.

Sozioökonomisch-kulturelle Ansätze

Sozioökonomisch-kulturelle Ansätze betrachten neben den sozioökonomischen Positionierungen auch Lebensweisen, Orientierungen und kulturelle Praktiken, die mit diesen Positionen verbunden sind. Dabei geht es auch um die Wahrnehmung sozialer Differenz und um Fragen der Selbstverortung. Demnach werden verschiedene soziale Milieus unterschieden, die sich neben der Kapitalausstattung auch nach Graden der gesellschaftlichen Anerkennung oder umgekehrt der Diskriminierung unterscheiden lassen.

Bereits in dem Klassenkonzept Max Webers oder in dem Schichtenmodell Theodor Geigers spielten die Lebensstile und Mentalitäten sozialer Gruppen eine wichtige Rolle.

Auch für die Marktforschung war die sozioökonomisch-kulturelle Perspektive attraktiv, konnten damit doch Konsumentscheidungen oder politische und weltanschauliche Präferenzen weitaus besser erfasst werden. So entwickelte das Sinus-Institut in den 1980er Jahren ein immer wieder aktualisiertes Milieumodell, in dem einzelne soziale Gruppen nicht nur nach ihrer sozioökonomischen Positionierung, sondern auch nach ihren Lebensstilen und Orientierungen (z.B. traditionell oder modern) klassifiziert wurden.

Für die wissenschaftliche Sozialstrukturanalyse spielten die theoretischen Überlegungen und empirischen Analysen Pierre Bourdieus eine zentrale Rolle, vor allem die Konzepte des Habitus und der Inkorporierung.

Als Habitus begreift Bourdieu jene Wahrnehmungs-, Orientierungs- und Handlungsmuster, die die Arbeits- und Lebensweise verschiedener sozialer Gruppen prägen. Er begreift den Habitus als die Summe vergangener (elterlicher und eigener) sozialer Erfahrungen, die zunächst in der Phase der Sozialisation vermittelt werden, die dann aber auch durch eigene Lebenserfahrungen modifiziert werden. Dabei spielt auch das soziale Umfeld, das umgebende Milieu, eine wichtige Rolle; dementsprechend hatte Bourdieu zunächst von einem Klassenhabitus gesprochen. Der Grundidee ist zuzustimmen, der Einfluss der sozialen Umgebung sollte jedoch enger gefasst werden. Es können jenseits von Klassenerfahrungen auch spezifischere Erfahrungen sein, wie Diskriminierungs-, Migrations-, Gewalt- oder Konflikterfahrungen. Das Habitusmodell verweist darauf, dass sich soziale Positionierungen nicht nur an materiellen Faktoren festmachen, es geht auch um die damit verbundenen Erfahrungen. Zudem können mit diesem Modell Lebenswege und -entscheidungen in anderer Weise analysiert werden. Es sind weit mehr als einfache Kosten-Nutzen-Entscheidungen, mehr als individuelle und bewusste Entscheidungen.

Das Konzept der Inkorporierung führt das Habitusmodell weiter, indem es den Körper als eine sozial bedeutsame Größe einführt. Arbeits- und Lebenserfahrungen bilden sich nicht nur im Geist ab, sie werden auch in die Körper eingezeichnet, z.B. über physische und psychische Leiden oder über Haltungen. Die Körper spielen auch eine wichtige Rolle für Selbst- und Fremdbestimmungen, indem der eigene Körper und der anderer je unterschiedlich interpretiert werden. Die im Kontext des Othering vorgenommenen Etikettierungen stützen sich nicht selten auf vermeintlich unveränderliche körperliche Merkmale.

Die Konzepte Bourdieus ermöglichen einen neuen Blick auf soziale Strukturen; es sind neben materiellen Strukturen eben auch inkoporierte Strukturen. Zudem verweist Bourdieu auf die Bedeutung von Bildern und Symbolen; man denke an die typischen Bilder von Reichen und Armen, von Migrant_innen, von Menschen in ›orientalischen‹ oder ›afrikanischen‹ Ländern. Das Zusammenspiel von sozioökonomischen Positionierungen und (habituell geprägten) kulturellen Praktiken bzw. Lebensstilen wird in Bourdieus Modell des sozialen Raums deutlich, den er als einen sich überlagernden Raum der sozialen Positionen und der Lebensstile zeichnet.

Intersektionale Ansätze

Intersektionale Ansätze fragen nach dem Zusammenwirken verschiedener Ungleichheiten. Von besonderem Interessen sind dabei die Überschneidungen (Intersektionen), wenn z.B. Geschlecht im Kontext unterschiedlicher sozialer Lagen einen je unterschiedlichen Einfluss auf soziale Positionierungen hat. Vor diesem Hintergrund werden ›Geschlechtergruppen‹ oder ›ethnisch-kulturell abgegrenzte Gruppen‹ unterschieden und es wird analysiert, wie verschiedenen Formen der Veranderung, des Othering, mit der sozioökonomischen Positionierung zusammenhängen. So wurde z.B. im angloamerikanischen Kontext nach den Verhältnissen von class, gender und ›race‹ gefragt.

Die intersektionale Perspektive verweist zum einen auf die Praktiken der gesellschaftlichen Konstruktion und Manifestierung von Anderen; zum zweiten geht es darum, wie solche Veranderungen gesellschaftlich genutzt werden, z.B. in Prozessen der Arbeitsteilung oder bei der Regulierung von Migration; zum dritten geht es um das Zusammenwirken, die Intersektion, verschiedener Veranderungen. Indem verschieden etikettierte Arbeiten verschiedenen Personengruppen zugewiesen werden, kommt es zu einer Naturalisierung von sozialen Ungleichheiten, d.h. sozioökonomische Ungleichheiten erscheinen als natürliche Ungleichheiten, wenn z.B. die so konstruierten Frauen eher die vermeintlich weiblichen Arbeiten im Beruf oder im Haushalt ausüben, wenn in einer Gesellschaft abgewertete Personengruppen eher die schlechten Jobs ausüben oder wenn sich die mediale Aufmerksamkeit für Flüchtende entlang der (wahrgenommenen) Hautfarbe unterscheidet. Bei diesen Intersektionen geht es dann immer auch darum, wie verschiedene Kategorisierungen zusammenwirken, wie sich z.B. in einer Region der Arbeitsmarkt für Schwarze und weiße Frauen gestaltet.

Konstruktion und Verwendung von Veranderungen

Im Kontext der wissenschaftlichen Sozialstrukturanalyse befassen sich intersektionale Ansätze mit der Frage, wie soziale Ungleichheiten mit der Veranderung von Personengruppen in Zusammenhang stehen. Wichtige Erkenntnisse werden aus der Analyse von Arbeitsteilungen (im weiteren Sinne) und sozialen Schließungsprozessen gewonnen.

Dabei wird auf die Erkenntnisse und Konzepte verschiedener Forschungszweige zurückgegriffen,  so z.B. auf die Geschlechterforschung, die rassismuskritische Forschung oder die Forschungen zum Thema Klassismus. Die mit dem Begriff der Intersektion verbundene Frage des Zusammenwirkens von Ungleichheitsfaktoren wird dabei keineswegs vernachlässigt; sie wird aber gegenüber der Analyse der spezifischen Wirkungsweise von gender, race und class (und weiteren Faktoren) ein wenig zurückgestellt. Das hängt auch damit zusammen, dass sich solche Intersektionen stets nur fallspezifisch (in einem bestimmten örtlichen bzw. zeitlichen Kontext) untersuchen lassen.

Die verschiedenen Teilbereiche intersektionaler Analysen hängen darüber zusammen, dass sich gemeinsame Logiken der Veranderung von Personengruppen rekonstruieren lassen. So sind diese Veranderungen

Diese Veranderungen werden zum einen darüber wirkmächtig, dass sie sich in Bildern und Symbolen und schließlich in der Selbst- und Fremdwahrnehmung der Veranderten festsetzen und über Generationen weitergegeben werden können. Dabei sind die spezifischen Ausprägungen variabel; die Grundmuster der Differenzierung,  z.B. nach geschlechtlichen Markern bleiben jedoch erstaunlich stabil.

Die Wirkmächtigkeit dieser Veranderungen geht zum anderen darauf zurück, dass sie in Prozessen der Arbeitsteilung und der sozialen Schließung eingesetzt werden und dass die Veranderungen dabei wie bereits erwähnt als Legitimierung (im Sinne einer Naturalisierung oder Kulturalisierung) dieser Teilungen und Schließungen fungieren: so werden die weiblichen Arbeiten von den ›verweiblichten‹ Personen übernommen und die ›wilden‹ und ›unzivilisierten‹ Menschen leben in den wilden, noch unerschlossenen Teilen eines Kontinents und harren der Zivilisierung. In letzter Instanz sind es dann die kumulierten (materiellen bzw. kognitiven) Effekte dieser Veranderungen, die zu ihrer relativen Verstetigung beitragen.

Umgekehrt waren diese Veranderungen von Beginn an Gegenstand gesellschaftlicher Auseinandersetzungen. Es entstanden soziale Bewegungen, die sich gegen Sexismus und Rassismus wandten und für gleiche Rechte und ihre Umsetzung kämpften; es gab aber stets auch beharrende Kräfte und Gegenbewegungen.

Gegenwärtige Situation

Ein Blick in verschiedene Nationalgesellschaften der Gegenwart ergibt ein widersprüchliches Bild. In nicht wenigen Gesellschaften ist es gelungen, Rassismus und Sexismus nicht nur juristisch, sondern auch sozial zu ächten. Das ist ein großer Erfolg von sozialen Bewegungen und aufklärenden Diskursen. Die Situation wird aber dadurch nicht unbedingt einfacher, weil zum einen die rassistischen und sexistischen Glaubenssysteme nicht verschwunden sind und zum anderen auch die kumulativen Effekte dieser Veranderungen fortbestehen. Genauere Analysen der Praktiken der Arbeitsteilung und sozialen Schließung zeigen oft, dass die Fortschritte, die in medialen, politischen und wissenschaftlichen Diskursen beobachtbar sind, nicht unbedingt mit einer grundsätzlichen Veränderung der verandernden Praktiken einhergehen. Nicht zuletzt zeigt ein Blick in andere Nationalgesellschaften, dass all diese Entwicklungen auch anders verlaufen können und keinesfalls unumkehrbar sind.

Veranderungen und Ungleichheiten

Zum einen lassen sich direkte Effekte von Veranderungen auf soziale Ungleichheiten ausmachen, indem die mit den Veranderungen verbundenen Diskriminierungen auf die soziale Anerkennung einer Gruppe bzw. auf ihre zivilen, politischen und sozialen Rechte Einfluss haben.

Zum anderen wirken Veranderungen über ihre Verwendung im Kontext von Prozessen der Arbeitsteilung und der sozialen Schließung. Hier zeigt sich dann aber auch, dass die Zusammenhänge von Veranderungen und Ungleichheiten variieren. Das hängt auf der einen Seite mit den unterschiedlichen Typen der Veranderung zusammen und zum anderen mit den jeweiligen zeitlichen und nationalen Kontexten.

Unterschiedliche Typen der Veranderung

Idealtypisch betrachtet gehen rassistische Veranderungen zum einen mit Teilungen der Arbeit zusammen, so z.B. mit Arbeitssystemen der Sklaverei oder anderen Formen der unfreien Arbeit oder mit der Beschäftigung in den wenig attraktiven Segmenten eines nationalen Arbeitsmarkts. Indem nicht selten ganze Haushalte in diese Arbeitsverhältnisse eingebunden sind, indem damit nicht selten segregierende Wohnverhältnisse und Bildungssysteme verbunden sind und indem manche Marker rassistischer Veranderungen vererbt werden, sind die Wahrscheinlichkeiten einer auch materiellen Verstetigung von Ungleichheiten hoch. Anders sieht es aus, wenn sich für nachfolgende Generationen Möglichkeiten des sozialen Aufstiegs eröffnen.

Zum anderen gehen rassistische Veranderungen mit der nationalstaatlichen Organisation von Territorien (Grenzziehungen) und Kontrolle von Mobilität (Migration) zusammen. Darüber sind sie durch die Geburt (birthright-lottery) bzw. beschränkte Möglichkeiten der Migration an Nationalstaaten mit ganz unterschiedlichen Infrastrukturen,  Sicherheiten und Wohlstandsniveaus gebunden.

Auch Veranderungen, die sich an geschlechtlichen Unterscheidungen festmachen, wirken über vorherrschende ,Regeln‘ der Arbeitsteilung, indem Frauen höhere Anteile an nicht entlohnten (häusliche Arbeit) oder (aus verschiedenen Gründen) schlechter entlohnten (Erwerbsarbeit) Arbeiten aufweisen. Daraus erwachsen dann kumulative Benachteiligungen materieller Art, die sich oft auch auf die Alterssicherung auswirken; sie zeichnen sich aber auch in der Selbstwahrnehmung wie in der gesellschaftlichen Anerkennung ab. Im Rahmen heterosexueller Haushalte können die unmittelbaren materiellen Benachteiligungen zeitweilig ausgeglichen werden, die übrigen Risiken bleiben aber bestehen. Die Risiken der generationsübergreifenden Fortschreibung dieser Benachteiligungen sind geringer als bei rassistischen Veranderungen, weil das Geschlecht nicht vererbt wird, alle anderen Kapitalien aber sehr wohl.

Zeitliche und nationale Kontexte

Die Art und Weise, wie sich rassistische und sexistische Veranderungen auf soziale Ungleichheiten auswirken, hängt wesentlich vom Wohlstandsniveau, von Infrastrukturen, von Regulierungen und von sozialstaatlichen Leistungen der verschiedenen Nationalstaaten ab. Eine wichtige Rolle spielen auch die in vergangenen Auseinandersetzungen entstandenen Organisationen (z.B. Gewerkschaften, Interessenverbände) und Institutionen (z.B. Antidiskriminierungsstellen). Idealerweise könnten so auch bei Fortbestand der verandernden Glaubenssysteme zumindest die materiellen Folgen abgemildert werden.

Transnationale Ansätze

Transnationale Ansätze der Sozialstrukturanalyse zeichnen sich dadurch aus, dass sie die lange Zeit vorherrschende Fokussierung auf den nationalstaatlich abgegrenzten Rahmen überwinden. So geraten die Nationalstaaten als Akteure im Ungleichheitsgeschehen in den Blick. Sie agieren im internationalen Kontext und versuchen mit verschiedensten Mitteln, die Positionierung ihrer Unternehmen und ihrer Staatsbürger_innen zu verbessern; sie agieren aber auch im nationalen Binnenraum, indem sie ein Grenzregime etablieren und vielfältige Möglichkeiten des Zugangs zur Staatsbürgerschaft, zum Bildungssystem oder zu Arbeitsmärkten erschließen oder verhindern. Transnational betrachtet ist die Gruppe der so abgegrenzten Staatsbürger_innen als soziale Gruppe in einem Weltsozialraum begriffen. Es geht in transnationalen Analysen aber auch um Migrationsprozesse und die damit verbundenen transnationalen Lebensweisen.

Während im nationalstaatlichen Horizont soziale Gruppen wie z.B. Klassen als zentrale Einheiten sozialer Ungleichheit fungieren, sind es im transnationalen Rahmen zunächst die Bürger_innen der Nationalstaaten. D.h. die Frage, wer in welchem Land geboren wird und wem es gelingt, die staatsbürgerlichen Rechte eines Nationalstaats zu erwerben, wird zur zentralen Frage transnationaler Ungleichheiten. Während im nationalstaatlichen Horizont (zumindest in Rechtsstaaten) die Frage der Rechte für viele eine nachgeordnete Rolle spielte, wird sie im transnationalen Rahmen zu einer zentralen Frage: es geht um Rechte des Grenzübertritts, der Migration, des Aufenthalts, der Arbeit, der sozialen Sicherung.

Die transnationalen Perspektive eröffnet einen anderen Blick auf Prozesse der Migration. So lassen sich diese auch als Prozesse der sozialen Mobilität begreifen. Das kann ein sozialer Aufstieg sein, wenn es Migrierenden gelingt, am Arbeitsmarkt erfolgreich zu sein; das kann aber auch ein sozialer Abstieg sein, wenn z.B. Qualifikationen nicht anerkannt werden. Nicht selten steht beides nebeneinander, wenn eine Verbesserung der rechtlichen Situation mit einer Verschlechterung der ökonomischen Situation einhergeht.

Schließlich eröffnet sich auch ein anderer Blick auf transnationale Lebensweisen und Verflechtungen, wenn Menschen zeitweilig in mehreren Nationalstaaten leben, wenn familiäre und verwandtschaftliche Beziehungen über Landesgrenzen aufrechterhalten werden, wenn Unterstützungsleistungen an Angehörige gezahlt oder erhaltene Unterstützungen erstattet werden müssen.

Ansätze der Sozialgeschichte

In sozialhistorischer Perspektive werden die längerfristigen Veränderungen von Sozialstrukturen analysiert und es wird versucht, verschiedene Epochen sozialer Entwicklung gegeneinander abzugrenzen. Zudem interessiert die Verzahnung von Sozialgeschichte, Wirtschaftsgeschichte und politischer Geschichte.

Für das Verständnis von Sozialstrukturen ist eine sozialhistorische Perspektive unerlässlich, weil nur so die Genese von Strukturen in den Blick gerät: das gilt für die nationalstaatlichen Strukturen, die für soziale Ungleichheiten eine große Rolle spielen, es gilt für das Gefüge beruflicher Positionen, für die Entwicklung von differenzierende Institutionen (z.B. Bildungssysteme oder Arbeitsmärkte), aber auch für die Entwicklung von Geschlechterrollen und -stereotypen oder von rassistischen Ordnungsmustern.

Da Sozialstrukturanalyse und Wirtschafts- bzw. Sozialgeschichte verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen zugerechnet werden, entstehen an der Nahtstelle oft Übersetzungsprobleme. Es gibt jedoch auch einen Fundus gemeinsamer Konzepte, so hatte z.B. Hans-Ulrich Wehler für seine ›Deutsche Gesellschaftsgeschichte‹ auf die Klassenkonzepte Webers oder auf Modernisierungstheorien zurückgegriffen; auch Kapitalismuskonzepte konnten oft als Brücke fungieren. Während in der Geschichtswissenschaft häufig versucht wird, verschiedene Epochen gegeneinander abzugrenzen und zusammenhängend zu beschreiben, ist die (historisch orientierte) Soziologie bzw. Sozialstrukturanalyse oft weitaus mehr an Kontinuitäten oder Prozessen der langen Dauer interessiert. D.h. das was in der politischen oder wirtschaftlichen Geschichte als Bruchlinie (ein politischer Umsturz, ein Krieg oder eine tiefgreifende Krise) bedeutsam ist, stellt sich in sozialstruktureller Perspektive oft eher als ein Kontinuum dar. Soziale Positionen mögen davon betroffen sein, soziale Lagen verändern sich aber oft weitaus langsamer.

Ansätze der Biographie- und die Lebensverlaufsforschung

Die Biographie- und die Lebensverlaufsforschung wird typischerweise nicht der Sozialstrukturanalyse zugerechnet; sie erbringt aber über das Interesse an biographischen und generationalen Verläufen wichtige Beiträge zur Analyse der Stabilität und des nur langsamen Wandels von Sozialstrukturen.

Die Verlaufsperspektive bringt wichtige Erkenntnisse für das Verständnis von Sozialstrukturen; während sich viele empirische Studien zur Sozialstruktur nur auf Querschnittsinformationen und oft nur auf Daten zur Erwerbstätigkeit stützen, geraten in der biographischen Perspektive alle Lebensphasen in den Blick: die frühe Sozialisation, Schule und Ausbildung, Erwerbs- und Familienphasen, schließlich der Ruhestand. All diese Phasen spielen eine je eigene Rolle für soziale Differenzierungsprozesse. In der Sozialisation werden wichtige habituelle Grundlagen geschaffen und positionale Erfahrungen zwischen den Generationen weitergegeben. Die Ausbildung in einem geschichteten Bildungssystem ist in heutigen Gesellschaften zu einer wesentlichen Selektionsinstanz geworden, deren Zertifikate den weiteren Arbeits- und Lebensweg bestimmen. In der Erwerbsphase gilt es, die erworbenen Abschlüsse, in berufliche Positionen zu konvertieren; dabei entscheidet sich entlang der Geschlechterlinie, in welchen Mischungsverhätnissen Erwerbs- und Familienarbeit geteilt wird und dementsprechend geschlechtsspezifische Erfahrungen gemacht werden. Die Ruhestandsphase fungiert dann gewissermaßen als Spiegel der vorangegangenen Phasen, sowohl im materiellen Sinne (über die erworbenen Versorgungsansprüche) wie im sozialen Sinne (über die Summe der erworbenen Erfahrungen von Autonomie und Abhängigkeit oder von Erfolg und Misserfolg).

Anmerkung: Gesellschaftliche Machtverhältnisse

In verschiedenen Ansätzen der Sozialstrukturanalyse wird versucht, auch Aussagen über gesellschaftliche Machtverhältnisse zu treffen. Dabei werden ganz unterschiedliche Machtkonzepte genutzt; betrachtet man sie jedoch im Zusammenhang, entsteht ein Bild der Vielgestalt (machtvoller) sozialer Strukturierungen, die ihre relative Stabilität begreifen lässt.

  • In der sozioökonomischen Perspektive geraten die Machtverhältnisse in den Blick, die sich entlang der Produktionsverhältnisse ausgebildet haben. Die Macht von Kapitaleignern bzw. Finanziers, über Art, Ort und Organisation der gesellschaftlichen Produktion oder über anderweitige Verwertungsformen von Kapital zu entscheiden. Es geht aber auch um die Machtverhältnisse innerhalb der Hierarchie von Unternehmen und Verwaltungen oder zwischen stabil und regulär Beschäftigten und prekären oder rechtlosen Beschäftigten.
  • In transnationaler Perspektive werden die (ökonomischen, politischen und militärischen) Machtverhältnisse zwischen den Nationalstaaten erkennbar. Es wird aber auch deutlich, welche Macht prosperierende Nationalstaaten ausüben können, wenn sie über Grenzen, Migrationen und die Rechte von Migrierenden entscheiden.
  • In intersektionaler Perspektive wird deutlich, wie sozioökonomische Machtunterschiede mit den Machtbeziehungen zwischen Geschlechtern, zwischen Autochthonen und Zugewanderten, zwischen Weißen und rassistisch Diskriminierten oder zwischen Etablierten und Außenseitern zusammenhängen.
  • In der sozialgeschichtlichen Perspektive wird ersichtlich, welche Macht von den sich herausbildenden differenzierenden (und sich nur langsam wandelnden) Institutionen ausgeht. Das sind die Institutionen der Ausbildung (z.B. ein fein abgestuftes System der schulischen und beruflichen Bildung, das in unterschiedliche soziale Positionen führt), der Produktion (z.B. hierarchisch organisierte Betriebe und segmentierte Arbeitsmärkte), der Familie (z.B. die erstaunlich stabilen Muster der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung) oder der Migrationsregime (z.B. die Externalisierung von Arbeitsmarktrisiken und die Zuweisung der weniger attraktiven Arbeitsmarktsegmente an Zugewanderte).
  • In soziokultureller Perspektive wird deutlich, dass Machtverhältnisse auch mit der Auf- und Abwertung von kulturellen Praktiken (z.B. der Hochkultur auf der einen und der Populärkultur oder dem Trash auf der anderen Seite) oder von Lebensstilen (die Gebildeten und eher transnational Agierenden auf der einen und die Bildungsfernen und eher nationalistisch Gesonnen auf der anderen Seite) und mit Benennungsmacht (symbolischer Macht) zusammenhängen.
Anmerkung: Modellcharakter der Ansätze

Die hier skizzierten Ansätze sollten als Modelle begriffen werden; sie liefern je für sich wichtige Erkenntnisse für die wissenschaftliche Sozialstrukturanalyse. Es gibt keine richtigen und falschen Modelle; allenfalls kann gefragt werden, ob ein Modell mehr oder weniger gut geeignet ist, die Spezifika einer nationalen oder transnationalen Sozialstruktur zu analysieren. Auch die Frage ›Gibt es heute noch Klassen?‹ ist im wissenschaftlichen Raum nicht unbedingt sinnvoll. Man kann untersuchen, wie ausgeprägt die Reproduktion von Bildungsungleichheiten ist, wie sich soziale Mobilität entwickelt oder wie soziale Differenzen oder die eigene Lage wahrgenommen und benannt werden. Ein Resümee kann dann aber nur im politischen Raum diskutiert oder im Feuilleton formuliert werden. Es hat niemals Klassen ›gegeben‹, es war auch im 19. Jahrhundert immer ein politisches Konzept. Die Organisationen der Arbeiterbewegung haben versucht, entlang der Klassenlinie zu organisieren, ihre Theoretiker:innen haben Prozesse der Bewusstwerdung beschworen. Im politischen Raum wurde um Prozesse der Proletarisierung und um das Schicksal des Mittelstandes gestritten. Auch die Frage, ob man denn nun die ständische Gesellschaft oder später die Klassengesellschaft hinter sich gelassen habe, war stets eine politische Frage. Das schließt nicht aus, den Klassenbegriff für sozialwissenschaftliche Analysen zu benutzen; das bedarf jedoch einer sorgfältigen Begründung.

Viele der hier skizzierten theoretischen Ansätze arbeiten mit einer zweigleisigen Argumentation. Einerseits werden soziale Gruppen benannt, die sich systematisch unterscheiden lassen. Andererseits werden Mechanismen und Praxisfelder benannt, über die sich solche Gruppen herausbilden und reproduzieren. In den Analysen von Karl Marx werden soziale Klassen beschrieben und es wird eine Polarisierung von Klassenlagen prognostiziert; zugleich werden über die Analyse der gesellschaftlichen Produktionsprozesse wesentliche Faktoren benannt – die unterschiedliche Stellung im Produktionsprozess, Verhältnisse der Ausbeutung etc. – die eine solche Polarisierung erwarten lassen. Bei Max Weber oder Pierre Bourdieu geht es neben der ökonomischen Perspektive auch um Unterschiede in kulturellen Kapitalien, in Fragen der Lebensführung oder des Lebensstils. So werden dann verschiedene Soziale Milieus oder Stände beschrieben. Die differenzierenden Mechanismen werden bei Bourdieu als Kämpfe im sozialen Raum beschrieben, wenn soziale Gruppen versuchen, sich von anderen abzugrenzen, wenn sich Differenzen der materiellen Lage auch in Differenzen des Habitus ausdrücken und soziale Ungleichheiten inkorporiert werden. In der Geschlechterforschung werden die Arbeits- und Lebenspraktiken von verschiedene Geschlechtern analysiert und es geht um jene Faktoren, die geschlechtsspezifische Unterschiede hervorbringen und reproduzieren.

Argumentationstypen** in der Sozialstrukturanalyse

Quer zu den oben charakterisierten Ansätzen der Sozialstrukturanalyse lassen sich auch die dabei vorherrschenden Argumentationstypen unterschieden. So finden sich eher systemische in hohem Grade verallgemeinernde makrosoziale Argumentationen. Daneben stehen eher gruppenorientierte Argumentationen, in denen soziale Großgruppen oft als mächtige bzw. weniger mächtige Akteure oder Einheiten begriffen werden. Als Kontrapunkt finden sich Ansätze, die sich als dezidiert mikrosozial begreifen und sich am methodologischen Individualismus orientieren. Ein vierter Typ von Ansätzen verfolgt eine Argumentation, die versucht Mechanismen der sozialen bzw. sozialstrukturellen Differenzierung zu benennen.

Gruppenorientierte Argumentationen

In diesen Argumentationen wird von gesellschaftlichen Großgruppen ausgegangen, denen oftmals ein Akteursstatus zugemessen wird. Das waren z.B. Klassen oder Geschlechter, aber auch national, ethnisch-kulturell oder religiös konstruierte Gruppen. Diese im politischen Raum typischen verallgemeinernden und identifizierenden Großgruppenkonstrukte sind nicht selten (unreflektiert) in sozialwissenschaftliche Analysen eingegangen; sie wurden als ein gesellschaftliches Faktum, eine Essenz begriffen (vgl. dazu Brubaker 2007). Solche gruppenorientierten Argumentationen können auch in wissenschaftlichen Analysen sinnvoll sein; man muss jedoch genau reflektieren und ausweisen, ob man solche Aggregate eher als beschreibende Einheiten begreift, z.B. um Beobachtungen zu verdichten oder ob es Hinweise darauf gibt, dass diese Gruppen auch als soziale Gruppen zu begreifen sind, die z.B. auf ähnliche Lebensumstände oder die koordinierte Vertretung von Interessen zurückgehen.

Systemische Argumentationen

Im Kontext systemischer Argumentationen werden Sozialstrukturen gewissermaßen aus einem konstatierten System bzw. damit verknüpften Gesetzmäßigkeiten abgeleitet. Das gilt z.B. für Argumentationen, die ausgehend von verschiedenen Stadien des Kapitalismus auf die jeweilige Verfasstheit von Sozialstrukturen schließen. Ähnliches gilt aber auch für Modernisierungstheorien; so werden ­›moderne‹ Sozialstrukturen nicht selten in Abgrenzung von ›traditionalen‹ Strukturen begriffen (Berger 1988, S. 227). Noch expliziter wird dies in Theorien der funktionalen Differenzierung formuliert, wenn z.B. Niklas Luhmann, eine (evolutionäre) Entwicklung von stratifikatorisch (nach Klassen und Schichten) zu funktional differenzierten Gesellschaften postuliert. Diese Argumentationen haben nicht selten den Charakter von Geschichtsphilosophien, indem sie wie auch immer begründete (Evolution, Modernisierung, fundamentale Krisen) Entwicklungsgesetze nahelegen (vgl. Knöbl 2022, S. 168ff).

Methodologisch-individualistische Argumentationen

Methodologisch-individualistische Argumentationen wenden sich explizit gegen die im Kontext gruppenorientierter Argumentationen zu findenden Bezüge auf handelnde Kollektive wie Klassen, Geschlechter oder rassistische Konstrukte, aber auch Nationen. Sie rekonstruieren Phänomene auf der gesellschaftlichen Makroebene über die Analyse der Handlungssituation von Akteuren auf der Mikroebene, die (im Kontext ihres Lebensverlaufs) angesichts spezifischer Ressourcen und Restriktionen lebensgeschichtliche Entscheidungen treffen. Die beobachteten Makrophänomene, resultieren dann als Aggregat aus den Ähnlichkeiten bzw. Unterschieden dieser Entscheidungen (vgl. Erlinghagen/ Hank 2013).

Mechanismische Argumentationen

Die Analyse von sozialen Mechanismen zielt zwischen makro- und mikrosoziologischen Erklärungen sozialer Ungleichheiten auf eine mittlere Analyseebene. Mechanismen sind als »generative Prozesse« zu begreifen, »die unter bestimmten Ausgangsbedingungen bestimmte Ergebnisse hervorbringen. (…) Insofern Mechanismen unter den gleichen Bedingungen zuverlässig die gleichen Ergebnisse hervorbringen, sind sie regelhaft. Der Grad ihrer Verallgemeinerbarkeit oder gar universalen Geltung über diese Regelhaftigkeit unter bestimmten Kontextbedingungen hinaus ist hingegen offen« (Diewald/ Faist 2011, S. 100). Innerhalb der mechanismischen Ansätze gibt es dann noch einmal feine Unterschiede zwischen solchen, die eher individualistisch argumentieren (z.B. Hedström/ Swedberg) und solchen, die stärker die Bedeutung von Institutionen einbeziehen (z.B. Charles Tilly oder Göran Therborn). Therborn erweitert zudem den Horizont möglicher Erklärungen sozialer Ungleichheiten, indem er ungleichheitsgenerierende und ungleichheitsreduzierende Mechanismen gegenübergestellt.

Schließlich ist auf theoretische Konzepte zu verweisen, die Beiträge zur Identifizierung von Ungleichheitsmechanismen erbringen, ohne sich unmittelbar auf das Konzept (und die Begrifflichkeit) sozialer Mechanismen zu beziehen. Das gilt z.B. für Konzepte aus dem praxeologischen Programm, wenn Bourdieu nach den strukturierenden Faktoren fragt, die bestimmte Ungleichheitsstrukturen hervorbringen, wenn in der intersektionalen Forschung Prozesse des doing gender, doing difference bzw. doing inequality analysiert werden oder wenn Stefan Hirschauer Prozesse des doing/ undoing difference untersucht.

Perspektiven einer praxeologischen Protheorie sozialer Differenzierung

Die verschiedenen theoretischen Ansätze stehen oft wenig verbunden nebeneinander. Das ist der disziplinären Struktur der verschiedenen Sozialwissenschaften aber auch den Konkurrenzverhältnissen im Wissenschaftsbetrieb geschuldet. Im Kontext einer Protheorie sozialer Differenzierung wurde versucht, einen konzeptuellen Rahmen zu entwickeln, der es ermöglichen soll, die Potentiale der hier vorgestellten Ansätze in eine zusammenhängende Argumentation (zum Verständnis von Sozialstrukturen) zu bringen. Dabei geht es nicht um eine neue Supertheorie, sondern um den Versuch, das Beste aus verschiedenen Theoriewelten zusammen zu denken.

Anmerkungen

* Forschungsrichtungen zeichnen sich darüber aus, dass sie die Analyse von Sozialstrukturen in einer bestimmten Perspektive angehen, indem sie z.B. nach sozioökonomischen, nach soziokulturellen oder nach intersektionalen Ungleichheiten fragen. Sie hängen mit den unterschiedlichen Teildisziplinen der Sozialwissenschaften und den dort engagierten scientific communities zusammen.

** Die Unterscheidung von Argumentationstypen verweist auf Unterschiede z.B. in der Begründungsebene (z.B. Mikro-, Meso- Makroebene) oder Unterschiede im theoretischen Verständnis von sozialwissenschaftlichen Argumentationen (z.B. system-, instititutionen- oder akteursorientiert).

Literatur

Behrmann, Laura/ Falk Eckert/ Andreas Gefken/ Peter A. Berger 2018: ›Doing Inequality‹. Prozesse sozialer Ungleichheit im Blick qualitativer Sozialforschung, Wiesbaden: Springer VS

Berger, Johannes 1988: Modernitätsbegriffe und Modernitätskritik in der Soziologie, in: Soziale Welt, 1988, 39. Jg., H. 2, S. 224-236

Brubaker, Rogers 2007: Ethnizität ohne Gruppen. Hamburg: Hamburger Edition

Diewald, Martin/ Thomas Faist 2011: Von Heterogenitäten zu Ungleichheiten. Soziale Mechanismen als Erklärungsansatz der Genese sozialer Ungleichheiten, in: Berliner Journal für Soziologie 21 (1), S. 91-114

Erlinghagen, Marcel/ Karsten Hank 2013: Neue Sozialstrukturanalyse. Ein Kompass für Studienanfänger, München: Wilhelm Fink

Hedström, Peter/ Richard Swedberg: 1996 Social Mechanisms, in: Acta Sociologica, Vol. 39, Issue 3, S. 257-341

Hirschauer, Stefan/ Tobias Boll 2017: Un/doing Differences. Zur Theorie und Empirie eines Forschungsprogramms, in: ders. (Hrsg.), Un/doing Differences. Die Praktiken der Humandifferenzierung, Weilerswist: Velbrück, S. 7-26

Knöbl, Wolfgang 2022: Die Soziologie vor der Geschichte. Zur Kritik der Sozialtheorie, Berlin: Suhrkamp

Therborn, Göran (Hrsg.) 2006: Inequalities of the World. New Theoretical. Frameworks, Multiple Empirical Approaches. London/ New York: Verso

Tilly, Charles 2001: Mechanisms in Political Processes, in: Annual Review of Political Science, 4, S. 21–41

West, Candace/ Sarah Fenstermaker 1995: Doing Difference, in: Gender & Society, Vol. 9, No. 1, S. 8-37