
Klassenmodell nach Oesch
Das Klassenmodell nach Daniel Oesch setzt sich von dem EGP-Modell Goldthorpes ab, da dies doch stark durch die Strukturen der klassischen Industriegesellschaft und ihre männlich dominierte Arbeitswelt geprägt sei; mithin könne das Modell die jüngeren Veränderungen, die mit der Transformation der Industriearbeit und mit der steigenden Beschäftigung von Frauen einhergingen, nicht angemessen abbilden.
Überblick:
- Klassenkonzept
- Vereinfachtes Modell
- Komplexes Modell
- Kommentar
- Literatur
- Skripte
Klassenkonzept
Das von Oesch entwickelte Modell klassifiziert Berufe (ISCO-Codes) entlang von zwei Dimensionen.
Zum einen werden verschiedene Logiken (worklogics) der abhängigen und selbstständigen Arbeit unterschieden. Bei den abhängigen Arbeiten ist dies eine technische, eine organisationale und eine interpersonale bzw. Dienstleistungslogik.
Zum anderen wird innerhalb der Logiken der abhängigen Arbeit dann nach den erforderlichen Qualifikationen unterschieden; bei der selbständigen Arbeitslogik erfolgt die Unterscheidung nach der Größe des Unternehmens.
So entsteht ein Modell mit 16 Klassen.
| Administrative Arbeitslogik | Interpersonelle Arbeitslogik | Technische Arbeitslogik | Selbstständige Arbeitslogik | ||
| Professionell Tätige | Oberes Management z.B. Planer, Wirtschaftsprüferinnen, Werbefachkräfte | Soziokulturelle Expert:innen z.B. Sekundar- und Tertiärlehrende, Ärztinnen | Technische Experten z.B. Ingenieure, Systemadministration, Softwareentwickl. | Freie Berufe z.B. Anwälte, Niederg. Ärzte, Unternehmensberater | Unterneh- mer:innen z.B. Geschäftsführer, Landwirte, Produktionsleiter |
| Semi-profes- sionell Tätige | Unteres Management z.B. Verwaltungsfachkräfte, Kaufmännische Fachkräfte, Einkäufer | Soziokulturelle Semi-Professionen z.B. Sozialarbeitende, Grundschullehrende, Akad. Erziehende | Technische Semi-Professionen z.B. Ingenieurtechn., Maschinenbautechn., Medizintechn.. | Kleingewerbe mit Beschäftigten z.B.Inhaberinnen von Kleinstunternehmen, Immobilienmaklerinnen, Landwirte | |
| Qualifizierte Tätige | Qualifizierte Bürokräfte z.B. Bürokräfte, Sekretariatsfachkräfte, Lagerwirtschaft | Qualifizierte Dienstleistende z.B. Pflegekräfte, Verkäufer, Kinderbetreuerinnen | Facharbeiter:Innen z.B. Elektro-mechanikerinnen, Bauelektriker, Maschineneinrichter | Kleingewerbe ohne Beschäftigte z.B..Soloselbstständige, Künstlerinnen, Fitnesstrainer, Landwirte | |
| Routine Tätige | Routine Bürokräfte z.B. Call-Center-Mitar., Paketzustell., Kassierer | Routine Dienstleistende z.B. Kellner, Reinigungspersonal, Wachschutz | Routine Arbeiter:innen z.B. Anlagenbed. Fracht- Arbeiter, Regalbefüller | ||
Vereinfachtes Modell
In der folgenden Tabelle sind die sich verändernden Beschäftigtenanteile in den einzelnen Klassen verzeichnet; der erste Prozentwert steht für das Jahr 1990/91, der zweite für 2007/08. Deutlich erkennbar ist der weiter anhaltende Rückgang der weniger qualifizierten Arbeit im industriellen Sektor und die deutlichen Zuwächse bei den höher qualifizierten Arbeiten im interpersonalen bzw. im Dienstleistungsbereich und bei der organisationalen Arbeit.
| Interpersonal service logic | Technical work logic | Organizational work logic | Independent work logic |
| Socio-cultural (semi-) professionals: Medical doctors, Teachers, Social workers | Technical (semi-) professionals: Engineers, Architects, Technicians | (Associate) managers: Administrators, Consultants, Accountants | Liberal professionals and large employers: Entrepreneurs, Lawyers, Dentists |
| 10% → 14% | 10% → 10% | 13% → 18% | 1% → 3% |
| Service workers: Assistant nurses, Waiters, Shop assistants | Production workers: Mechanics, Carpenters, Assemblers | Office clerks: Secretaries, Receptionists, Mail clerks | Small business owners: Shop owners, Independent artisans, Farmers |
| 10% → 11% | 36% → 23% | 13% → 13% | 6% → 7% |
- In der Rubrik der technischen Arbeitslogik finden sich viele Berufe, die aus der nunmehr stark technisierten industriellen Arbeit hervorgegangen sind. Es wird deutlich erkennbar, dass die dramatischen Einbrüche im Bereich der technischen Arbeitslogik ausschließlich auf den weniger qualifizierten Bereich zurückgehen.
- Die organisationale Arbeitslogik hat mit den größer werdenden Betriebs- und Verwaltungseinheiten an Bedeutung gewonnen; auch die jüngsten Entwicklungen des Outsourcings (z.B. Ausgründung von Unternehmensteilen) bzw. Offshorings (europäisierte und globalisierte Produktionszusammenhänge) oder die stärkere Finanzialisierung gehen mit einem Anwachsen der organisationalen Arbeit einher.
- Schließlich nehmen auch die Berufe, die der interpersonalen Logik folgen, zu; das hängt mit dem Bedeutungsgewinn von Erziehungs-, Ausbildungs- und Pflegeberufen und allgemein dem Ausbau des Sozialstaats zusammen. Es sind aber auch einfache Dienstberufe, in denen interpersonale Leistungen erbracht werden.
- Im Kontext der selbständigen Arbeitslogik (Selbstständige und Freiberuflich Tätige) zeigen sich leichte Zuwächse sowohl in den kleineren wie den größeren Betrieben.
Die besonderen Potentiale des Oesch-Modells zeigen sich auch darin, dass damit die nach wie vor zu findenden eher männlich und eher weiblich dominierten Tätigkeitsfelder gut abgebildet werden können.
Hier ein aktuelles Beispiel zum Einsatz des Oesch-Modells.
Komplexes Modell
In der folgende Tabelle lassen sich die längerfristigen Transformationen der Industriegesellschaft in Deutschland recht gut ablesen.
Entwicklung der Qualifikationsgruppen
Der Beschäftigtenanteil der Professionellen (die 1. Zeile im jeweiligen worklogic-Block) stieg von 13,6% im Zeitfenster 1990 auf 19,2% im Zeitfenster 2020 an.
Auch bei den Semi-Professionellen (jeweils die 2. Zeile) findet sich ein deutlicher Anstieg von 20,1% auf 27,6%.
Bei den qualifizierten Beschäftigten (jeweils die 3. Zeile) kommt es zu einem deutlichen Einbruch; ihr Anteil geht von 46,3% auf 33,8% zurück.
Die Beschäftigten in Routine-Berufen (jeweils die 4. Zeile) können demgegenüber wahren; er geht nur von 20,0% auf 19,5% zurück.
| ~1990 | ~2000 | ~2010 | ~2020 | |
| Independent work logic | ||||
| Large employers | 0,6% | 0,4% | 0,7% | 0,8% |
| Self-employed professionals | 1,3% | 2,3% | 2,8% | 2,9% |
| Small business o. with empl. (bis 1999 inkl. ohne Besch.) | 5,2% | 5,6% | 2,5% | 2,0% |
| Small business o. without empl. (bis 1999 nur Mithelf.) | 3,4% | 2,3% | 4,6% | 3,7% |
| Technical work logic | ||||
| Technical experts | 3,4% | 4,3% | 4,4% | 5,7% |
| Technicians | 5,4% | 4,5% | 4,7% | 5,4% |
| Skilled manual | 20,3% | 17,5% | 15,0% | 11,1% |
| Low-skilled manual | 9,9% | 7,7% | 7,1% | 6,1% |
| Organizational work logic | ||||
| Higher-grade managers and administrators | 5,8% | 7,6% | 7,4% | 6,8% |
| Lower-grade managers and administrators | 9,5% | 10,9% | 11,2% | 9,3% |
| Skilled clerks | 13,0% | 11,6% | 10,1% | 11,4% |
| Unskilled clerks | 0,9% | 0,8% | 1,2% | 0,8% |
| Interpersonal service logic | ||||
| Socio-cultural professionals | 3,8% | 3,9% | 4,4% | 5,9% |
| Socio-cultural semi-professionals | 3,9% | 5,8% | 7,2% | 9,9% |
| Skilled service | 7,8% | 8,9% | 9,7% | 9,4% |
| Low-skilled service | 5,9% | 5,8% | 6,9% | 8,9% |
Eigene Berechnungen auf Basis der Daten des SOEP V39, zur Aufbereitung s. Skripte
Entwicklung der Arbeitslogiken
Auch innerhalb der Arbeitslogiken werden deutliche Verschiebungen erkennbar. Der Anteil der Erwerbstätigen die der selbstständigen Arbeitslogik zugerechnet werden bliebt relativ stabil; er liegt bei 10,4% im Zeitfenster 1990; 2020 sind es 9,4%.
Deutliche Rückgänge gibt es bei den Berufen der technischen Arbeitslogik; sie gehen von 39,0% auf 28,3% zurück. Hierin spiegelt sich der Umbruch in der klassischen Industriearbeit.
Relativ stabil bleibt der Anteil der administrativen Arbeitslogik; er lag 1990 bei 29,2%; im Zeitfenster 2020 sind es 28,3%.
Deutliche Zuwächse finden sich bei der interpersonalen Arbeitslogik; ihr Anteil steigt von 21,4% auf 34,1%. Hierin spiegelt sich der Bedeutungszuwachs von Erziehungs- und Bildungs-, sowie von Gesundheits- und Pflegeberufen.
Kommentar
Verglichen mit anderen berufs- bzw. erwerbsbezogenen Sozialstrukturmodellen kann die von Oesch vorgeschlagene Klassifikation grundlegende Veränderungen in den transformierten und sozialstaatlich regulierten Industriegesellschaften des späten 20. und des 21. Jahrhunderts recht gut darstellen.
Wie alle anderen ausschließlich an der Erwerbsarbeit orientierten Konzepte bleiben die zunehmend bedeutsamen Lebensphasen vor (Sozialisation, Schule, Ausbildung), während (z.B. längere Phase der Familienarbeit oder der Arbeitslosigkeit) und nach (verschiedene Formen des gesicherten oder weniger gesicherten Ruhestands) der Erwerbsphase außer Acht. Auch die in manchen Ländern hohen Teilzeitquoten können mit diesem Modell nicht angemessen erfasst werden; sie führen sogar zu einer gewissen Verzerrung der Anteilswerte der Gruppen, da nicht die Arbeitsvolumina, sondern nur die Beschäftigtenzahlen zugrunde gelegt werden.
Literatur
Holst, Hajo/ Agnes Fessler/ Steffen Niehoff 2022: Covid-19, Ungleichheit und (Erwerbs-)Arbeit. Zur Relevanz sozialer Klasse in der Pandemie, in: Zeitschrift für Soziologie; 51(1), S. 41-65
Oesch, Daniel 2006: Redrawing the Class Map. Stratification and Institutions in Britain, Germany, Sweden and Switzerland, Basingstoke: Palgrave Macmillan.
Oesch, Daniel 2013: Occupational Change in Europe. How Technology and Education Transform the Job Structure, Oxford: Oxford University Press
Skripte zur Generierung von Oesch-Klassen
Auf der Website von Daniel Oesch finden sich Skripte, um die Oesch-Klassen aus verschiedenen Berufsklassifikationen bzw. Datensätzen zu generieren.