
Sozioökonomische und politische Positionierungen
Sozioökonomische und politische Positionierungen stehen in engen aber nicht deterministischen Zusammenhängen. Eine Analyse dieser Koppelungen kann einen Beitrag zum Verständnis von Rechtspopulismus liefern.
Übersicht:
- Exkurs: Das Soziale wird politisch
- Verknüpfung von sozioökonomischen und politischen Positionierungen
- Sozioökonomische und politische Positionierungen auf der Makroebene
- Sozioökonomische und politische Positionierungen – Mesoebene
- Bildung und Arbeit
- Zivilgesellschaft
- Soziale, migrantische und regionale Milieus
- Sozioökonomische und politische Positionierungen auf der Mikroebene
- Rechtspopulismus verändert Sozialstrukturen
- Fazit – Sozioökonomische und politische Positionierungen
- Literatur
Angesichts des Aufstiegs und der Allgegenwart rechter, rechtspopulistischer oder autoritär nationalistischer Positionierungen im politischen Raum drängt sich die Frage auf, ob und wie diese Phänomene mit den sozialstrukturellen Veränderungen der letzten Jahrzehnte zusammenhängen. So wurde untersucht, wie weit diese mit Unterschieden in der sozialen Positionierung (ökonomisches und kulturelles Kapital), mit Transformationserfahrungen (im Kontext der Globalisierung, aber auch der sozioökonomischen Umbrüche in den neuen Bundesländern), mit fehlender sozialer Mobilität oder mit Abstiegsängsten in Verbindung stehen. Dabei muss sich die mit Querschnittsdaten arbeitende statistische Wahlforschung zumeist auf einfache Zusammenhangsanalysen von aktueller sozioökonomischer Positionierung und Wahlverhalten auf der Mikroebene beschränken.
In diesem Beitrag soll der Blick weiter gefasst werden, indem es allgemeiner um die Frage geht, wie sich Zusammenhänge zwischen sozialen und politischen Strukturen gestalten. Das kann auf verschiedenen Ebenen untersucht werden; so z.B. wenn sich Interessenverbände, die bestimmte Sozialgruppen vertreten, stets auch politisch positionieren oder wenn soziale Milieus häufig auch spezifische politische Positionierungen nahelegen. Mit der Erweiterung der Perspektive wird deutlich, dass politische Positionierungen (und damit auch rechtspopulistische Positionierungen) nicht nur an der Wahlurne stattfinden; sie werden auch in zivilgesellschaftlichen Organisationen oder in sozialen bzw. regionalen Milieus verhandelt. Zudem wird aufgezeigt, wie ›Rechtspopulismus‹ seinerseits auch Sozialstrukturen und Anerkennungsverhältnisse verändert.
Vorab wird in einem Exkurs verdeutlicht, wie sich soziale und politische Positionierungen entwickelt haben und wie sie wissenschaftlich analysiert wurden.
Exkurs: Das Soziale wird politisch
Im Alltagsverständnis, im politischen Raum aber auch in der wissenschaftlichen Welt hat sich die Unterscheidung von ›politischen‹, ›ökonomischen‹ und ›sozialen‹ Phänomene fest etabliert. Die Geschichte dieser Differenzierung geht letztlich auf die bürgerlichen Revolutionen zurück, in denen Fragen der politischen, ökonomischen und sozialen Ordnung neu verhandelt wurden. Die lange Entwicklung von Ständestaaten zu Nationalstaaten, die Geschichte begrenzter Wahlrechte (gebunden an Besitz, Geschlecht oder Hautpigmente), die Entwicklung von interessen- bzw. weltanschaulich gebundenen Parteien zu ›Volksparteien‹ oder die wiederkehrenden Sorgen um die politische Einbindung der Arbeiterschaft (›die soziale Frage‹) verweisen auf die enge Verknüpfung sozialer und politischer Positionierungen, die sich im Rahmen der Koevolution von Kapitalismen und Nationalstaaten (verschiedenen Typs) beobachten lässt.1
Sozialgeschichtlich wird erkennbar, wie eng das Hervortreten einer sozialen Gruppe mit ihrer politischen Thematisierung in Zusammenhang steht. Das zeigt sich in den bürgerlichen Revolutionen z.B. in den USA, in Frankreich, aber auch in Haiti. Soziale Ungleichheiten, die bislang als ›natürlich‹, als ›gottgegeben‹ erschienen, werden politisch thematisiert und es werden politisch soziale Umwälzungen angestrebt. Das wird auch im 19. Jahrhundert deutlich, als die ›Arbeiterschaft‹ als soziale Gruppe auf den Plan tritt: das Bürgertum fürchtet politische Unruhen oder gar eine Revolte (fear of the masses); für andere wird die Arbeiterklasse zu einem politischen Hoffnungsträger. Analog lässt sich das auch für geschlechtlich oder ethnisch konstruierte Gruppen aufzeigen. Die lange Geschichte geschlechtsbedingter Ungleichheiten wird erst über den politischen Kampf um Rechte (Wahlrechte, Zugang zu Bildung und Arbeit) zu einer Geschichte der Ungleichheit von Männern und Frauen. Soziale und politische Markierungen hängen so überaus eng zusammen; die Rede von ›Sozialstrukturen‹ kann nicht von der Frage ihrer politischen Thematisierung abgelöst werden.
Auch in den sozialwissenschaftlichen Diskursen zeigt sich die enge Verknüpfung von sozialen und politischen Perspektiven, wenn Karl Marx neben seiner sozioökonomischen Analyse der Produktionsverhältnisse Fragen der Erfahrung und der politischen Bewusstwerdung in den Mittelpunkt rückte. Auch Max Weber interessierte sich für das Zusammenspiel von Klassen, Ständen und Parteien, um Phänomene der Machtverteilung zu untersuchen2. Der enge Zusammenhang von sozialen, politischen und weltanschaulichen Positionierungen wird auch an den sozialmoralischen Milieus der Weimarer Republik (vgl. Weichlein 1996) deutlich: Lepsius unterscheidet ein katholisches, ein feudal-agrarisches und ein gouvernemental-bürgerliches (evangelisches) und schließlich ein sozialistisches Sozialmilieu (1993, S. 47 f.). Er sieht die politisch-soziale Gesellschaftsordnung jener Zeit geprägt durch das »Aufeinanderprallen der ungleichmäßig und schubweise fortschreitenden Demokratisierungs- und Industrialisierungsprozesse. Während die (…) Industrialisierung traditionelle Solidaritätsbeziehungen auflöst, die Eigendynamik von Gesellschaftssegmenten freisetzt und Ungleichheiten in der Lebenslage der Bevölkerung verschärft, führt die Demokratisierung der Gesellschaft zur moralischen Neubegründung und institutionellen Durchsetzung des Gleichheitsanspruches aller Gesellschaftsmitglieder« (1993, S. 25 f.).
Noch Mitte des 20. Jahrhunderts gingen die sich formierenden und professionalisierenden Sozialwissenschaften davon aus, dass sozioökonomische und politische Phänomene in überaus engem Zusammenhang stehen. So konstatierten Paul Lazarsfeld u.a. (1944): »a person thinks, politically, as he is, socially. Social characteristics determine political preference« (S. 27). Zudem wird das Wahlverhalten nicht als individuelle Entscheidung, sondern im Gruppenkontext begriffen: »People who work or live or play together are likely to vote for the same candidates« (S. 137).
Nach dem Zweiten Weltkrieg werden die Zusammenhänge von sozialen und politischen Strukturen unübersichtlicher, indem sich Parteien als Volksparteien und Gewerkschaften als Einheitsgewerkschaften formieren bzw. indem die steigende Prosperität und die soziale Mobilität soziale Grenzen aufweicht.
Mit der Professionalisierung und Akademisierung der Sozialwissenschaften gehen schließlich auch die Soziologie, die Politikwissenschaft und die Ökonomie eigene disziplinäre Wege (Mikl-Horke 1999) und arbeiten mit unterschiedlichen theoretischen und methodischen Ansätzen. Die hier verfolgten Fragen werden nunmehr in getrennten Feldern untersucht. Entsprechend ihrem ›Markenkern‹ interessieren sich Soziolog:innen für die Analyse von Sozialstrukturen und begreifen politische Positionierungen, wenn überhaupt als einen Nebeneffekt sozioökonomischer Verortungen. In den Politikwissenschaften findet sich die umgekehrte Perspektive z.B. in Cleavage-Theorien, wenn die Entstehung und Struktur von Parteien und Parteiensystem in Abhängigkeit von langfristig wirksamen sozialstrukturellen Spaltungslinien analysiert werden.
Verknüpfung von sozioökonomischen und politischen Positionierungen
Die Geschichte der Thematisierung von sozialen Problemen und Konflikten war immer auch mit der Erwartung von ›Kopplungen‹ verbunden, wenn z.B. Marx angesichts der sozialen Verelendung eine politische Mobilisierung der Arbeiterschaft prognostizierte oder wenn in Modernisierungstheorien die Entwicklung von freien Marktwirtschaften mit Prozessen der Demokratisierung verknüpft wird. Diese Beispiele zeigen, dass man es mit verschiedenen Mechanismen und Ebenen zu tun hat, auf denen es zu Koppelungen zwischen sozioökonomischen und politischen Positionierungen kommen kann.
So finden Verknüpfungen von sozialen und politischen Positionierungen nicht nur auf der Mikroebene (z.B. an der ›Wahlurne‹) statt; es geht auch um die Positionierung von Interessenorganisationen und weltanschaulichen Gruppen auf der Mesoebene und schließlich um die politische Verfasstheit der Nationalstaaten, ihre wohlfahrtstaatlichen Institutionen und ihre Positionierung (z.B. in internationalen Bündnissystemen) auf der Makroebene.
Sozioökonomische und politische Positionierungen auf der Makroebene
Über die Ko-evolution von Kapitalismen und Nationalstaaten sind im globalen Norden sehr unterschiedliche sozioökonomische und politische Ordnungen entstanden. Dabei geht es sowohl um die Binnenordnungen dieser (unterschiedlich prosperierenden) Nationalstaaten, aber auch um die Einbindung der Nationalstaaten in internationale Ordnungen (z.B. Blöcke, militärisch-politische oder wirtschaftliche Bündnissysteme etc.).
Mit den Reorganisationsprozessen nach dem Zweiten Weltkrieg und mit der Dekolonisierung wurde der Nationalstaat zum dominanten Modell. Es bildete sich eine Welt von Nationalstaaten heraus, die sich in Blöcken organisierte. Sowohl auf der supranationalen wie auf der binnennationalen Ebene werden spezifische politisch–soziale Projekte erkennbar.
In der supranationalen Perspektive ging es um Fortschrittsmodelle, in denen politische Ordnungen (von liberalen Demokratien bis zu autoritär geführten ›Volksdemokratien‹) mit wirtschaftlichen (von marktliberalen zu mehr oder weniger geplanten und zentralisierten Wirtschaften) und sozialen Ordnungen (›klassenlose Gesellschaften‹, sozialdifferenzierte ›Leistungsgesellschaften‹ aber auch Apartheidgesellschaften) verknüpft waren. Diese Entwicklung wurde durch internationale Organisationen begleitet, die diese Struktur politisch-militärisch (z.B. NATO und Warschauer Pakt), ökonomisch (z.B. Währungsfonds/ Weltbank, OECD, Comecon), und politisch-sozial (z.B. UNO- und Menschenrechts-Organisationen) gestalteten.
In der binnennationalen Perspektive geht es um die Frage, wie die Nationalstaaten Institutionen, Infrastrukturen und Sozialsysteme gestalten, wie darüber wirtschaftliche Prosperität und auskömmliche Arbeits- und Lebensbedingungen entstehen. Diese Entwicklungen wurden in Modernisierungstheorien3, Regulationstheorien oder Sozialstaatstypologien4 systematisch analysiert.
Mit den Umbrüchen in den 1990er Jahren bilden sich neue Konstellationen heraus, indem neue bzw. veränderte Modelle der supranationalen wie der binnennationalen Ordnung entstehen. Die Blockstruktur tritt in den Hintergrund. Supranational entstehen neue Bündnisse wie die EU und andere Regionalbündnisse; die Militärbündnisse reorganisieren sich. Die Techniken der Machtausübung verändern sich, wenn im Kontext von Globalisierungsprozessen z.B. der Zugang zu Handelssystemen, Technologien, oder Finanzinfrastrukturen entscheidend wird oder wenn neue Techniken die manifeste (z.B. digitalisierte, vernetze bzw. autonome Waffensysteme) und die hybride Kriegführung (z.B. Cyberangriffe, Desinformation, Destabilisierung) fundamental verändern.
Binnennational lassen sich je unterschiedliche Kombinationen von mehr oder weniger liberalisierten Kapitalismen mit mehr oder weniger demokratischen aber auch mit autoritären politischen Ordnungen beobachten. Bedeutsam sind auch die technologischen und infrastrukturellen Veränderungen, die eine hochgradige globale Verflechtung ermöglichen, aber auch in das Gegenteil umschlagen können.
Auch in dieser Phase lassen sich spezifische politisch-soziale Ordnungsprojekte unterscheiden. Die verschiedenen Sozialstaatsmodelle verschwinden zwar nicht, aber sie geraten unter einen Vermarktlichungs- bzw. Individualisierungsdruck. Prozesse der Globalisierung ermöglichen in vielen Ländern den Zugang zu ›erschwinglichen‹ Produkten (z.B. Lebensmittel und Textilien) und Dienstleistungen (z.B. Mobilität und Kommunikation) versprechen den ›kleinen Wohlstand‹ auch unter wenig gesicherten Rahmenbedingungen. Die EU zielt auf den Abbau regionaler Disparitäten und es kristallisiert sich das Modell einer Marktbürgerschaft heraus, das auf die Freizügigkeit, Nicht-Diskriminierung (Münch 2008, S. 142) und die Beschäftigungsfähigkeit (employability) von Arbeitskräften setzt, deren soziale Sicherung aber den Nationalstaaten bzw. letztlich den privaten Haushalten obliegt.
Sozioökonomische und politische Positionierungen – Mesoebene
Auf der Meso-Ebene erfolgt eine Vermittlung sozioökonomischer und politischer Positionierungen, z.B. in der Bildungs- und Arbeitswelt, in zivilgesellschaftlichen Räumen und schließlich im Kontext von sozialen, aber auch regionalen Milieus. Diese Mesoebene spielt eine zentrale Rolle bei der Frage, ob es rechten Parteien gelingt, Menschen zu mobilisieren und Mehrheiten zu gewinnen. Der (bereits erwähnte) von Lazarsfeld konstatierte Zusammenhang (»People who work or live or play together are likely to vote for the same candidates«) hat sich heute vermutlich abgeschwächt; er ist aber weiterhin zu finden. ›Soziale Medien‹ haben die Art und Weise, wie sich ›Gleichgesinnte‹ finden und organisieren, fundamental verändert; die Bedeutung der Arbeitswelt, der Zivilgesellschaft und der Milieus ist aber keineswegs verschwunden. Das soll im Folgenden illustriert werden.
Bildung und Arbeit
Die sozioökonomische Positionierung hängt in hohem Maße mit Ausbildung und Beruf zusammen. Die Ausbildungs- und Erwerbswege von Männern und Frauen sind durch zentrale gesellschaftliche Institutionen geprägt. Zunächst Institutionen der Sozialisation und der schulischen bzw. beruflichen Ausbildung, daran anschließend mehr oder weniger kontinuierliche und erfolgreiche Erwerbswege, die über selbstständige oder abhängige Arbeit geprägt sind. Die Bildungs- und Arbeitswelten haben immer auch sozialisierende und politisierende Effekte – um diese abzuschätzen werden im Folgenden Daten des WSI-Erwerbspersonenpanels 2025 zum Anteil von AfD-Wählenden (an allen befragten Erwerbspersonen) genutzt (vgl. Hövermann 2025).
Die Einrichtungen der frühkindlichen, schulischen und beruflichen Bildung sind immer auch soziale und politische Orte. Sie sind sozial prägend, z.B. über die materielle und personelle Ausstattung (oder über die Lage) von Bildungseinrichtungen oder über die soziale Zusammensetzung der Lehrkräfte, der Ausgebildeten und der Eltern. Die Spuren dieser Prägungen durch die Ausbildung bzw. die daran anschließenden Arbeitswege sind erheblich. So variiert der Anteil der AfD-Wählenden nach Bildungsabschluss zwischen 11 % (Abitur/ FH-Reife) und 34 % (Hauptschulabschluss).
Über die verschiedenen Bildungswege entscheidet sich dann auch, in welchen Segmenten des Arbeitsmarktes bzw. in welchen Branchen die Jugendlichen und jungen Erwachsenen später tätig sind. Dabei bietet die Arbeitswelt »einen Raum der Integration individueller Lebensentwürfe, indem die Möglichkeit geschaffen wird, den eigenen sozialen Status in der Arbeitswelt erfahrbar zu machen, über ein System der sozialen Sicherung zu verfügen und das Leben entlang von Einkommen und sozioökonomische[m] Status zu vermessen. Insbesondere dem Betrieb fällt eine zentrale Rolle als integrativer Ort zu, denn im betrieblichen Kontext werden persönliche, gesellschaftliche und politische Themen durch die Belegschaften und ihre Vertreter*innen verhandelt. In der Konsequenz erwächst ein spezifisches Sozialisationsmilieu« (Schroeder 2021, S. 75).
Der Anteil der AfD-Wählenden unter den Erwerbstätigen weist je nach Branche erhebliche Unterschiede auf, die immer auch durch den Bildungsabschluss beeinflusst werden. So sind die Beschäftigten an ihren Arbeitsplätzen mit sehr unterschiedlichen politischen ›Normalitäten‹ konfrontiert (vgl. Hövermann 2025, S. 18 f.). Während der Anteil der AfD-Wählenden im Bereich Erziehung und Unterricht bei nur 8 % liegt; sind es in Verkehr und Logistik immerhin 30 %.5. Eher niedrige Werte (12-15 %) finden sich auch im Bereich Medien, Information, Kommunikation, Kunst, im Gastgewerbe und in der öffentlichen Verwaltung. Mittlere Werte (20-21 %) werden bei Finanz- und Versicherungsdienstleistungen, im Gesundheits- und Sozialwesen, im produzierenden und verarbeitenden Gewerbe und bei sonstigen Dienstleistungen erreicht. Höhere Werte (25-26 %) finden sich im Handel und im Kfz- und Baugewerbe.
Noch ausgeprägter fallen die Unterschiede nach dem Sozialversichertenstatus aus. So sind es bei Verbeamteten nur 8 %, bei Arbeiter:innen immerhin 36 %. Dazwischen liegen Angestellte (18 %), Freiberufliche (19 %) und Selbstständige (24 %).
Auch die Positionierung in der betrieblichen Hierarchie spielt eine wichtige Rolle für die politische Verortung. Bei Arbeitgeber:innen, freien Berufen, im oberen und mittleren Management, in den soziokulturellen (Semi-)Professionen und bei technischen (Semi-)Expert:innen sind es nur 14-16 %. Im mittleren Bereich (20-23 %) liegen Bürokräfte, Kleingewerbetreibende und Solo-Selbstständige. Höhere Werte weisen Dienstleistende (27 %) und Produktionsarbeiter:innen (37 %) auf.
Sauer und Detje diagnostizieren seit der sogenannten ›Flüchtlingskrise‹ 2015 einen »Klimawandel« in den Betrieben: »Migration ist zwar nicht die Ursache, wirkt jedoch als Katalysator für verstärkten Alltagsrassismus und Ressentiments. Was an rechter Orientierung bei manchen schon länger vorhanden war, wird seitdem offener gezeigt und ausgesprochen. (…). Migranten, Flüchtlinge, Asylsuchende werden zum einen (…) als Spiegel der eigenen sozialen Verwundbarkeit (…) wahrgenommen, zum anderen aber auch als jene Gruppe, über die sich die eigene soziale Lage noch erhebt (…). Hieran schließt sich eine folgenreiche, für den Rechtspopulismus charakteristische Verkehrung an. Neben, teilweise auch anstelle der Verortung der sozialen Auseinandersetzungen auf einer vertikalen Konfliktachse zwischen ›Oben‹ und ›Unten‹ – klassenanalytisch zwischen Kapital und Lohnarbeit – schiebt sich eine horizontale Ebene: ›Wir‹ gegen ›die anderen‹, auf der ein sozial gleichsam entleertes ›Wir‹ national und ethnisch neu aufgeladen werden kann« (2019, S. 161).
Über den je spezifischen Arbeitsplatz sind die Erwerbstätigen in verschiedene institutionelle Kontexte eingebunden: in Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen oder in Branchen- und Berufsverbände. Diese Organisationen fungieren zum einen im Sinne einer Interessenvertretung. Zum anderen bieten diese aber auch spezifische Ethiken und Deutungssysteme an. Schroeder (2021, S. 74) zeigt am Beispiel von Gewerkschaften auf, wie diese drei recht unterschiedliche Funktionen wahrnehmen: sie organisieren die kollektive Interessenorganisation; sie sind arbeitsmarktpolitischer Akteur und sie sind ein politischer Verband.
So spielen Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften eine wichtige Rolle bei der Regulierung und Konfliktlösung im Bereich der industriellen Beziehungen. Sie sind als Vertretungen von ›Kapital‹ und ›Arbeit‹ sozioökonomisch positioniert und sie stehen zugleich für ein unterschiedliches Spektrum an politischen Positionierungen, wenn sie z.B. mehr oder weniger explizite ›Wahlempfehlungen‹ geben. Beide Seiten sind aber auch mit recht ähnlichen Problemen konfrontiert, wenn Mitglieder (in zunehmenden Maße) aus diesen Interessenorganisationen austreten, wenn Konkurrenzorganisationen (z.B. weltanschauliche Gewerkschaften oder Spartengewerkschaften) entstehen, wenn die Aushandlung industrieller Konflikte sich stärker auf die betriebliche Ebene verlagert oder wenn sich Mitglieder entgegen der Verbandslinie rechtspopulistisch positionieren.
Zivilgesellschaft
Zivilgesellschaftliche Organisationen, wie Gewerkschaften, Kirchen, Wohlfahrtsverbände, Sportverbände oder die organisierte Kultur, lassen sich als Instanzen begreifen, die als Verfechter eines historisch entstandenen gesellschaftlichen Basiskonsenses fungieren (vgl. Schroeder 2021, S. 156 f.). Sie stehen für die Anerkennung der ökonomischen, politischen und ideologischen Grundlagen gesellschaftlicher Entwicklung, für Strukturen der politischen Willensbildung und Entscheidungsfindung und für einen »gemeinsamen Werte- und Normenkanon, der als Korridor staatlichen und gesellschaftlichen Handelns verstanden wird« (S. 157); darüber wird eine stabile politisch-gesellschaftliche Ordnung gestärkt. Die Zivilgesellschaft kann nach den Autor:innen, »als Gesamtheit aller gesellschaftlichen Aktivitäten jenseits von Markt und Staat« verstanden werden. Sie folge dabei allerdings »nicht ausschließlich dem normativen Ideal der gemeinwohlorientierten, demokratiefördernden Selbstorganisation (…), sondern weist auch Praktiken der Spaltung und Exklusion – also eine ›schmutzige Seite‹ – auf. Schroeder u.a. skizzieren die institutionelle Basis und die normative Orientierung dieser Organisationen wie folgt.
| Institutionelles Arrangement | Normative Basis | Politisches Mandat | |
| Gewerkschaften | korporatistische Arbeitsbeziehungen, Monopolanspruch | Gute Arbeit für alle | Historisch verankertes Engagement gegen Rechts |
| Kirchen | Kirchenkorporatismus | universelle Nächstenliebe | Engagement für partnerschaftliche, multikulturelle Gesellschaft |
| Wohlfahrtsverbände | Wohlfahrtskorporatismus | universelle Sozialanwaltschaft | Engagement für Schwache und Migranten |
| organisierter Sport | Sportkorporatismus | Engagement für Multikulturalis-mus, Fairness und Toleranz | Motor für Integration, Kampf gegen Rechts und Rassismus |
| organisierte Kultur | Kulturkorporatismus (staatliche Kulturförderung) | Kosmopolitische Multikulturalität, Offenheit, Toleranz | kulturelle Vielfalt (Meinungs- und Kunstfreiheit) |
Zugleich stehen zivilgesellschaftliche Organisationen auf Grund ihrer stabilisierenden Funktionen im Fokus rechtspopulistischer Aktivitäten. »Bestehende Konfliktlinien innerhalb der zivilgesellschaftlichen Arenen werden von Rechts aufgegriffen. (…) Dabei setzen sie – der populistischen Logik des ›Unten gegen Oben‹ folgend – an den Gelegenheitsstrukturen spezifischer, korporatistisch strukturierter institutioneller Arrangements in den Subsystemen an, um die etablierten Akteure als Teil des Establishments zu diffamieren. Die Interventionen folgen einem Muster von Delegitimierungs- und Skandalisierungsversuchen« (S. 162).
Gegenüber den rechten Anfechtungen stehen die zivilgesellschaftlichen Organisationen in einem Dilemma, sind sie doch immer auch mit rechten Mitgliedern konfrontiert. Die Reaktionen wechseln daher immer wieder »zwischen Abgrenzen und Auseinandersetzen. Dabei kommt der Mitgliederlogik eine wichtige Rolle zu, womit auf der inhaltlichen Ebene das Risiko einer stillschweigenden Zustimmung oder Normalisierung gegeben ist. Sollte diese Perspektive dominieren, könnte die Rolle der organisierten Zivilgesellschaft als Anwalt des demokratischen Basiskonsenses strukturell geschwächt werden und der ›schmutzigen Seite‹ (…) der Zivilgesellschaft eine veränderte politische Bedeutung zukommen« (S. 163).
Die Daten des Erwerbspersonenpanels machen z.B. das Dilemma der Gewerkschaften deutlich. Danach unterscheidet sich der Anteil der AfD-Wählenden zwischen Mitgliedern und Nicht-Mitgliedern in keiner Weise; auch in der Gruppe der Betriebs- bzw. Personalräte liegt der Anteil mit 18 % nur wenig unterhalb des Durchschnitts von 20 % (Hövermann 2025, S. 18).
Soziale, migrantische und regionale Milieus
Über Milieus stellt sich ein Zusammenhang zwischen sozialen Lagen und Lebensweisen bzw. Mentalitäten und politischen Orientierungen her. »Objektive Lebensbedingungen determinieren Mentalitäten nicht, geben aber den Rahmen vor, innerhalb dessen die soziale Welt interpretiert werden kann. Milieukulturen können deshalb als eine Art Filter verstanden werden, durch den die eigenen Lebensbedingungen wahrgenommen werden« (Buchmayr 2023, S. 426). Im Folgenden werden solche Milieus in sozialer (Einkommens- und Bildungsklassen), migrantischer und regionaler Perspektive betrachtet.
Soziale Milieus
Florian Buchmayr analysiert die Wahlerfolge rechtspopulistischer Parteien aus der Perspektive sozialer Milieus. Mit Hilfe von Cluster- und Regressionsanalysen verschiedener Befragungsdaten (ALLBUS, ergänzend European Social Survey und European Value Study) kann er zwei einschlägige Cluster ausmachen: das eine Cluster weist in den vier untersuchten Einstellungsdimensionen (Migration, individuelle Freiheitsrechte, Umverteilung und Leistungsethos) rechte Einstellungen auf; in dieser Gruppe finden sich überproportional Befragte aus höheren Bildungs- und Einkommensschichten aus Westdeutschland (S. 439); ca. 65 % geben an, keine Parteiidentifikation6 bzw. eine AfD-Parteiidentifikation zu haben (Anhang, Abb. 18). Das andere Cluster zeichnet sich durch eine Kombination von eher rechten Positionierungen gegenüber Migration und eher linken gegenüber der Frage der Umverteilung aus; hier finden sich überdurchschnittlich Befragte aus unteren Bildungs- und Einkommensschichten sowie aus Ostdeutschland (S. 441). In diesem Cluster geben über 80 % an, eine andere7, keine bzw. eine AfD-Parteiidentifikation zu haben.
»Die AfD-Sympathisantinnen innerhalb der Arbeiter- wie der Mittelklasse konstituieren eigene Milieus, insofern sie die soziale Welt anders interpretieren als andere Angehörige der Arbeiter- und Mittelklasse. In beiden Fällen sind es (…) kulturell konservative Mentalitäten und Orientierungen, durch die sie sich von anderen Arbeiter- und Mittelklassemilieus unterscheiden. Gleichzeitig unterscheiden sich die AfD-freundlichen Milieus innerhalb der Arbeiter- und Mittelklasse auch untereinander in ihren Motiven, mit der AfD zu sympathisieren. So wird im AfD-affinen Milieu der Arbeiterklasse ökonomische Gleichheit befürwortet, die man aber auf einen ethno-nationalen Kontext begrenzt. Darüber hinaus kritisieren Angehörige dieses Milieus (…) eine symbolische Entwertung ihrer Arbeiterklassenexistenz (…). Der AfD-freundliche Teil der Mittelklasse weist hingegen ein konsequent rechtes Weltbild auf. Er verlangt die Einhaltung von Hierarchien und Traditionen in allen Lebensbereichen und sieht in der AfD eine Kämpferin für die Aufrechterhaltung des Status quo« (S. 442).
Migrantische Milieus
Dominik Hirndorf (2025) hat für die Konrad-Adenauer-Stiftung eine Studie zum potenziellen Wahlverhalten wichtiger Migrationsgruppen ausgewertet. Es wurden sowohl Wahlberechtigte wie Nicht-Wahlberechtigte befragt; Letztere wurden nach ihrer hypothetischen Wahlabsicht gefragt. Der Anteil der Befragten, die eine Parteipräferenz angaben, liegt bei den Deutschen ohne Migrationshintergrund bei 78 %; bei den Russlandstämmigen, Polenstämmigen, Spätaussiedlern bzw. Türkeistämmigen sind es nur zwischen 50 und 65 %. Beim Anteil der potenziellen AfD-Wähler:innen zeigen sich große Unterschiede. Während die Türkeistämmigen eher unterdurchschnittliche AfD-Anteile aufweisen, unterscheiden sich die der Russlandstämmigen kaum von den Deutschen ohne Migrationshintergrund; bei den sich überschneidenden Gruppen der Polenstämmigen bzw. der (Spät)aussiedler:innen liegt der Anteil über 30 %.
| AfD-Präferenz | niedriger Bildungsabschluss | Schwierigkeiten mit HH-Einkommen* | |
| Deutsche o. Mh. | 13 % | 27 % | 8 % |
| Russlandstämmige | 14 % | 36 % | 20 % |
| Polenstämmige | 33 % | 37 % | 15 % |
| Spätaussiedler** | 31 % | 44 % | 20 % |
| Türkeistämmige | 8 % | 62 % | 27 % |
** Die Gruppe kann sich mit der Gruppe der polnisch- bzw. russisch-stämmigen überschneiden. Sie umfasst sowohl Aussiedler:innen wie Spätaussiedler:innen.
Eigene Zusammenstellung nach Angaben in Hirndorf (2025)
Bei der Interpretation dieser Werte muss jedoch eine ethnisierend kulturalistische Lesart vermieden werden. Der deskriptiv angelegten Studie ist nicht zu entnehmen, in welchem Maße die beobachtbaren Unterschiede zwischen den Gruppen mit sozialen Unterschieden zusammenhängen, die hier durch den Bildungsabschluss bzw. die wahrgenommene Einkommenslage nur sehr grob bestimmt werden können.
Regionale Milieus
Bereits eine deskriptive Analyse der AfD-Bundestagswahlergebnisse 2025 nach Bundesländern gibt wichtige Hinweise auf die erheblichen regionalen Unterschiede im Wahlverhalten, die sich dann auch im Sinne unterschiedlicher regionaler Milieus lesen lassen.
So liegen die AfD-Anteile bei den Zweitstimmen in den Stadtstaaten zwischen 11 und 15 %, in den westlichen Flächenstaaten variiert der Anteil zwischen 16 und 22 %; in den östlichen Flächenländern sind es schließlich zwischen 33 und 39 %. Eine feinere Aufschlüsselung in der Stadt-Land-Perspektive kann auf Basis von Befragungsdaten aus dem Jahr 2024 vorgenommen werden. Hier liegen die (in Befragungen typischerweise unterdurchschnittlich erfassten) AfD-Wahlabsichten im ländlichen Land bei 20 %, im verdichteten Land sind es 13 %. In Städten werden demgegenüber nur 9 % und in Großstädten nur 10 % erreicht (Hirndorf, 2024, S. 10).
Detailliertere regionale Analysen finden sich in anderen Beiträgen auf dieser Website:
Sozioökonomische und politische Positionierungen auf der Mikroebene
Auf der Mikroebene geht es schließlich um die Frage, wie weit die individuellen Positionierungen im sozialen Raum mit politischen Positionierungen zusammenhängen. Zunächst ist zu konstatieren, dass Positionierungen im politischen Feld und sozialstrukturelle Positionierungen recht unterschiedlichen Logiken folgen.
Sozialstrukturelle Positionierungen bilden sich oft über Generationen heraus und sind im Lebensverlauf nur begrenzt veränderbar, da sowohl Kapitalien wie die damit verbundenen Habitus auf die eine oder andere Weise vererbt werden. Auch innerhalb des Lebensverlaufs spielen kumulative Effekte eine zentrale Rolle. Politische Positionierungen sind demgegenüber grundsätzlich flüchtiger und in geringerem Maße sozial eingebunden. Am deutlichsten ist das bei der Bekundung von Wahlpräferenzen gegenüber einem Institut der Meinungsforschung oder an der Wahlurne. Es ist ein ›Kreuz‹ bei einer Partei, das für die Wählenden folgenlos bleibt. Wenn sich Menschen zivilgesellschaftlich für eine Partei oder eine politische Organisation engagieren, ist das sowohl biografisch wie sozial verbindlicher; sie werden mehr oder weniger erkennbar. Umgekehrt klagen politische Organisationen aber auch darüber, dass ein solches Engagement nicht länger ›von der Wiege bis zur Bahre‹ und ›mit Haut und Haaren‹ erfolgt. Wenn dieses Engagement jedoch formell oder informell den Charakter eines ›Hauptberufs‹ annimmt, wachsen diese Verbindlichkeiten weiter an.
Die Vermittlung zwischen sozioökonomischen und politischen Positionierungen erfolgt auf der Individualebene, indem man sich im psychoanalytischen (z.B. autoritärer Charakter) oder sozialpsychologischen (z.B. Sozialcharakter) Sinne für (eher stabile) Persönlichkeitsstrukturen interessiert oder indem man das Handeln von Individuen als wertgeleitet oder interessengeleitet begreift.
In der Wahlforschung wurden bis in die 1980er Jahre mit wenigen sozialen Faktoren (Beruf, Einkommen und Bildung) sowie Konfession und Alter Parteipräferenzen zuverlässig prognostiziert. Auch in Bourdieus Darstellungen zum Sozialraum (Bourdieu 1998, S. 19) wird eine Recht-Links-Grenze skizziert. Die Zusammenhänge von sozialer Lage und Parteipräferenz haben sich bis heute deutlich abgeschwächt, sind aber keineswegs verschwunden.
Mit den Daten der Deutschen Lebensverlaufsstudie konnten Becker und Mays (2003) erstmals untersuchen, wie Effekte der sozialen Herkunft und der politischen Sozialisation auf die Identifikation mit Parteien und das Wahlverhalten einwirken. Im weiteren Sozialisationsprozess lassen sich den Autor:innen folgend Prägungen in der frühen Kindheit und Jugend, in der jungen Erwachsenenphase, aber auch im weiteren Lebenslauf vermuten. Die Mechanismen der Sozialisation können eher latenter Natur sein, durch die Weitergabe von Wertvorstellungen oder Weltsichten (z.B. religiöse Vorstellungen); sie können aber auch manifester Natur sein, über Gespräche, Medien oder die Weitergabe politischer Erfahrungen. Schließlich können sich Alterseffekte (über Veränderungen im Lebensverlauf), Periodeneffekte (über bedeutende zeitgeschichtliche Erfahrungen) oder Kohorteneffekte (über gemeinsame Erfahrungen einzelner Generationen) einstellen. Grundsätzlich lassen sich mit Ausnahme der eher schwachen Periodeneffekte all diese Faktoren aufweisen. Die Autor:innen konstatieren: »Die Einflüsse der sozialen Herkunft entsprechen den hinlänglich bekannten Zusammenhängen von Klassenstruktur und Wahlentscheidung. Diese Herkunftseffekte für das Wahlverhalten bleiben auch dann bestehen, wenn die elterliche Parteiidentifikation berücksichtigt wird. Diese Befunde unterstützen daher sowohl den sozialstrukturellen Ansatz des Wahlverhaltens (…), wonach auch der soziale Kontext in der Kindheits- und Jugendphase das Wahlverhalten beeinflusst, als auch das sozialpsychologische Modell der Parteiidentifikation (…), wonach die sozioökonomischen Ressourcen die politische(n) Denk- und Handlungsweisen mitbestimmen« (S. 37).
Ob sich diese zu Beginn des 21. Jahrhunderts aus retrospektiven Befragungen gewonnenen Befunde so fortschreiben lassen, ist zu hinterfragen,
Summarisch betrachtet lassen sich mithin deutliche Effekte der sozialstrukturellen Positionierung auf die politische Positionierung aufzeigen; die Mechanismen der Weitergabe sind jedoch nicht ganz einfach zu bestimmen. Es zeigt sich, dass politische Positionierungen alles andere als zufällig sind und sich nur bedingt als ad-hoc getroffene, an Angebot und Nachfrage orientierte Entscheidungen von atomisierten Wählenden modellieren lassen. Sie sind in verschiedener Weise sozial, generational und biografisch eingebunden, ohne dass sich diese Einbindungen immer trennscharf unterscheiden und statistisch ›prüfen‹ lassen.
Ein weiteres Problem stellt sich mit den Veränderungen der Kommunikation und der darüber entstehenden Interaktionen und Öffentlichkeiten. Brubaker (2023, S. 6) spricht von einem Zeitalter der Hyperkonnektivität. Digitale Hyperkonnektivität sei als ein Umfeld oder eine Ökologie der Kommunikation zu verstehen. Es ist ein Geflecht aus Menschen, Maschinen, Protokollen, Praktiken und Daten. Es ist ein nur wenig reguliertes soziotechnisches Gefüge, das Kommunikationsnetzwerke, rechnergestützte Verfahren, materielle Artefakte, soziale Praktiken, verinnerlichte Gewohnheiten und Organisationen umfasst und indem wirtschaftliche Anreize eine zentrale Rolle spielen. Eine technologisch deterministische Perspektive müsse vermieden werden: »The social transformations set in motion by digital hyperconnectivity are not preordained by the nature of networked digital technologies themselves; they emerge rather from the ways in which these technologies and the practices that grow up around them are culturally understood, socially organized, legally regulated, and politically contested« (S. 6 f.).
Für die hier verfolgten Fragen bedeute das, dass sich die Art und Weise, wie man politisch relevantes Wissen (regimes of knowing) erlangt und verarbeitet (regimes of feeling) verändert. Die digitale Hyperkonnektivität trage dazu bei, dass die ohnehin geschwächte Autorität von klassischen Instanzen der Wissensproduktion und -verbreitung zu politischen Themen weiter unterminiert werde (S. 135); sie befördere aber auch die Produktion und Zirkulation von Empörung und trage so zu einer affektiven Polarisierung (S. 140) bei.
Rechtspopulismus verändert Sozialstrukturen
Erste sozialstrukturelle Veränderungen lassen sich bereits dann beobachten, wenn es rechten Organisationen (noch) nicht gelungen ist, nennenswerte Wahlerfolge, eine Regierungsbeteiligung oder gar eine Regierungsverantwortung zu erlangen. So verändern sich
- Politik und Zivilgesellschaft, indem die anderen Akteure auf die Organisationen der Rechten und die von ihnen gesetzten Themen reagieren. Nicht selten lässt sich beobachten, dass die Entwicklung eigener Themen und Entwicklungsperspektiven hinter die Auseinandersetzung mit rechtspopulistischen Akteuren und ihren Themen zurücktritt.
- öffentliche Räume, indem in ländlichen Gebieten oder Stadtquartieren durch gewaltbereite rechte Gruppen Angsträume entstehen oder indem zivilgesellschaftliche Räume und Öffentlichkeiten durch die Provokationen rechtspopulistischer Akteure verändert werden.
- Anerkennungsverhältnisse, wenn z.B. die Thematisierung und Problematisierung von Migration und Migrierenden durch rechtspopulistische (aber auch andere) Akteure Zugehörigkeitsgefühle sowie Arbeits- und Lebensperspektiven in Frage stellen. Das betrifft auch Migrationspolitiken und deren administrative Umsetzung, wenn Migrierende unrechtmäßig an Grenzen zurückgewiesen werden, wenn für Abschiebungen rechtliche Rahmenbedingungen ›erweitert‹ oder verletzt werden.
In ähnlicher Weise verschieben sich Anerkennungsverhältnisse, wenn Gleichstellungs- und Antidiskriminierungspolitiken in Frage gestellt oder Frauen und queere Personen attackiert werden. - politisch-mediale Diskurse, so z.B. die Art und Weise, wie soziale Ungleichheiten thematisiert und attribuiert werden. So werden z.B. soziale Konflikte nicht nur entlang einer Oben-Unten-, sondern auch entlang einer Wir-Die-Achse gedeutet.
Mit Regierungsbeteiligungen und der Übernahme von Regierungsverantwortung durch rechtspopulistische Akteure kommt es zu direkten Eingriffen in Sozialstrukturen, wenn auf der einen Seite durch Deregulierungen neue Gewinnmöglichkeiten (z.B. für fossile Wirtschafstzweige) eröffnet werden und auf der anderen Seite umverteilende Politiken unterbunden, Schutzrechte eingeschränkt, sozialstaatliche Institutionen geschwächt, Unterstützungsleistungen reduziert und gewaltsam und rechtswidrig Abschiebungen vollzogen werden. Viele Veränderungen vollziehen sich aber auch mittelbar, wenn z.B. Unternehmen oder Institutionen auf die veränderten Machtverhältnisse reagieren, sich anpassen bzw. die neuen Politiken mehr oder weniger unterstützen.
Fazit – Sozioökonomische und politische Positionierungen
Die hier vorgetragenen Überlegungen sollen die eingangs vertretene These, dass das Phänomen ›Rechtspopulismus‹ aus der ›Mitte der Gesellschaft‹ stamme, plausibilisieren. Oft werden zur Erklärung rechter Phänomene spezifische soziale Entwicklungen (z.B. Globalisierung, Migration, soziale Ungleichheit oder Diversität) herausgeschält und mit spezifischen politischen Entwicklungen (Anwachsen des Rechtspopulismus) ursächlich in Zusammenhang gebracht. Demgegenüber wurde hier dafür plädiert, dass sozialstrukturelle Veränderungen und Veränderungen des politischen Raumes im Ganzen betrachtet werden müssen.
Der Boom ›rechtspopulistischer‹ Phänomene erscheint dann eher als ein ›Nebenprodukt‹ unterschiedlicher Entwicklungen; eine solche Einordnung soll diese Phänomene in keiner Weise verharmlosen. Auf der Makroebene sind dies Entwicklungen, die sich in veränderten Hegemonialstrukturen, aber auch in einer Veränderung von Fortschrittsgeschichten ausdrücken. Auf der Mesoebene verändern sich die Gestalt der politischen Repräsentation, die medialen Öffentlichkeiten und die Instanzen der Zivilgesellschaft; schließlich sind es dann aber Milieus verschiedener Art, über die sich Zusammenhänge zwischen sozioökonomischen und politischen Positionierungen herausbilden. Auf der Mikroebene lässt sich schließlich beobachten, wie politische Orientierungen mit sozialen Positionierungen und Laufbahnen zusammenhängen.
Dabei sind die Zusammenhänge zwischen sozioökonomischen und politischen Positionierungen keineswegs deterministischer Natur, wie es ein vereinfachendes Modell interessengeleiteten politischen Handelns vielleicht vermuten ließe. Es finden sich eher losere aber durchaus erkennbare soziale Prägungen der politischen Positionierung.
Zudem ist deutlich geworden, dass allein die Verschiebungen im politischen Feld und das Auftreten einer organisierten Rechten sozialstrukturelle Änderungen hervorbringen, indem Normalitäten verschoben und Anerkennungsverhältnisse gefährdet werden.
Der erweiterte Blick auf die Zusammenhänge von sozialen und politischen Strukturen bringt alles andere als jene ›klaren Antworten‹, wie sie in politischen und medialen Diskursen favorisiert werden. Er bringt aber einen wissenschaftlichen Erkenntniszuwachs, der schließlich auch politisch genutzt werden kann, z.B. um ›konservative‹ wie ›linke‹ Einfacherklärungen à la ›die ungeregelte Migration‹, ›wokeness‹ oder der ›entfesselte Kapitalismus‹ zurückzudrängen. Die Analyse politisch sozialer Verschränkungen auf der Makro-, Meso- und Mikroebene, lenkt den Blick auf eine Vielzahl von politischen Handlungsfeldern, die mit dem Erstarken rechtspopulistischer Phänomene in Zusammenhang stehen. Zugleich wird aber auch eine Vielzahl von Optionen deutlich, Rechtspopulismus einzugrenzen, indem man ihn in sozialen und regionalen Milieus, in Interessenverbänden und zivilgesellschaftlichen Organisationen und in Betrieben und Verwaltungen thematisiert. Darüber wird dann auch erkennbar, dass politische und zivilgesellschaftliche Akteure, öffentlich-rechtliche Medien aber auch Institutionen in den letzten Jahren durchaus dazugelernt haben.
Literatur
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Anmerkungen
- Typischerweise werden Sozialstrukturen eher auf den nationalstaatlichen Rahmen bezogen; hier interessieren gleichermaßen ›Weltsozialstrukturen‹, die sich – vereinfacht – über militärisch-politische, ökonomische und soziale Machtdifferentiale zwischen den Nationalstaaten einstellen. ↩︎
- Bei beiden finden sich aber auch jene für die Zeit typischen Exklusionen, wenn z.B. das ›Lumpenproletariat‹ oder die ›slawischen Landarbeiter‹ kaum Beachtung finden. ↩︎
- Im Kontext von Modernisierungstheorien wurde davon ausgegangen, dass diese Entwicklung dem Zusammenspiel verschiedener Prozesse geschuldet ist. Wehler (1975, S. 16 f.) skizziert sechs solcher Subprozesse: wirtschaftliches Wachstum, strukturelle Differenzierung, Wertewandel, räumliche und soziale Mobilität, Partizipation, Institutionalisierung von Konflikten. Thomas Kern fasst die damit umrissenen Zusammenhänge von sozioökonomischer und politischer Entwicklung pointiert zusammen: »In den Sozialwissenschaften herrscht heute weitgehend Einigkeit darüber, dass die Demokratie ein Produkt der Moderne ist: Sobald eine Gesellschaft sich auf den Modernisierungspfad begibt, besonders in Sachen Ökonomie, gilt der demokratische Übergang über kurz oder lang als unausweichlich. Je mehr die gesellschaftliche Komplexität zunimmt, desto höher sind die Anforderungen an die Steuerungskapazitäten des Staates. Aus diesem Grund werden autoritäre Entwicklungsdiktaturen langfristig durch liberale Demokratien ersetzt« (2007, S. 30). ↩︎
- Sozialstaatstypologien unterscheiden verschieden konzipierte Sozialstaaten, die sich immer politisch einordnen lassen. So z.B. in der klassischen Typologie von Esping-Andersen, der die darüber entstehenden sozio-ökonomischen Ordnungen stets auch mit einer politischen Ordnung (liberal, sozialdemokratisch, konservativ) verknüpft. ↩︎
- Die branchenspezifischen Informationen entstammen der Erhebungswelle 2024. ↩︎
- Vieles spricht dafür, auch die Gruppe derer zu betrachten, die sich mit keiner Partei identifizieren können. Zum einen können sich in dieser Gruppe AfD-Wählende befinden, die aus Gründen der sozialen Erwünschtheit dies nicht preisgeben. Zum anderen finden sich in dieser Gruppe auch jene Partei-Verdrossenen, die als potentielle Wähler:innen rechter Parteien begriffen werden können. ↩︎
- Andere Partei als: CDU/CSU, SPD, FDP, Die Linke, Die Grünen. ↩︎