Mehrstöckiges Haus mit Balkonen

Rechtspopulismus im Lichte von Sozialstrukturanalysen

Das Erstarken des ›Rechtspopulismus‹ wird oft mit strukturellen Veränderungen der Gegenwartsgesellschaften in Zusammenhang gebracht. So wird auf einer Makroebene auf gesellschaftliche Transformationsprozesse wie Neoliberalismus, Globalisierung etc. verwiesen; auf einer Mesoebene werden bestimmte Sozialgruppen als typische Wähler:innen von rechten Parteien ausgemacht; auf der Mikroebene werden spezifische (z.B. autoritäre oder rassistische) Einstellungen als Indikator für rechte Parteipräferenzen genutzt.

Im Folgenden wird geklärt, wie Sozialstrukturanalysen zu einem Verständnis von ›rechtspopulistischen Phänomenen‹ beitragen können. Die Frage lautet:
Wie weit können rechtspopulistische Phänomene mit sozialstrukturellen Veränderungen in Verbindung gebracht oder gar erklärt werden. Andersherum ist aber auch zu fragen:
Wie verändern sich Gesellschaften, wenn ›rechtspopulistische‹ Akteure und deren Themen zu einem respektablen und machtvollen politischen Faktor werden?
Die Doppelfrage verweist darauf, dass Sozialstruktur und Politik eng miteinander verschränkt sind. Sozialstrukturanalysen, die sich mit Verhältnissen sozioökonomischer Ungleichheit und ihrer Reproduktion befassen, haben es mit einem durch und durch politisch konstituierten ›Gegenstand‹ zu tun. Wissenschaftliche Sozialstrukturanalysen sind untrennbar mit der politischen Thematisierung von sozialen, geschlechtsspezifischen oder rassifizierten Ungleichheiten verknüpft.

Indem ich mich seit vielen Jahren immer wieder mit Rechtspopulismus beschäftigt habe, ist mir deutlich geworden, dass die politisch naheliegenden und berechtigten Fragen ›Woher kommt Rechtspopulismus und was sollte man dagegen tun?‹ mit den Mitteln der Wissenschaft nicht zu klären sind. Mehr noch:
Ich bin zu der Einsicht gekommen, dass die Fokussierung auf die großen (!) politischen und gesellschaftlichen Gefahren des Rechtspopulismus den analytischen Blick und die Zugänge zu einem Verständnis der Phänomene eher verengen. Demnach wird es hier nicht um ›letzte Erklärungen‹ und ›beste Rezepte‹ zu ihrer politischen und sozialen Domestizierung gehen. Es geht darum, das Phänomen des ›Rechtspopulismus‹ als etwas ›Normales‹ zu begreifen, das aus der ›Mitte der Gesellschaft‹ kommt. Das macht ihn politisch betrachtet umso gefährlicher; es eröffnet aber auch vielerlei Möglichkeiten, ihm entgegenzutreten.

Überblick

›Rechtspopulismus‹

Der alltagsweltlich, politisch und wissenschaftlich verwendete Begriff ›Rechtspopulismus‹ wird hier als ein Sammelbegriff für Phänomene genutzt, die sich im politischen Raum in Organisationen und Parteien, an der Wahlurne, in Parlamenten und Regierungen manifestieren. Die Anführungszeichen sollen daran erinnern, dass der Begriff als ein Label genutzt wird, das unterschiedliche Phänomene zusammenführt. Eine solche Bündelung und Zuspitzung kann in der politischen Auseinandersetzung sinnvoll sein; für ein politisches und mehr noch für ein sozialwissenschaftliches Verständnis dieser Phänomene erscheint es jedoch sinnvoller, diese Zusammenhänge immer wieder zu hinterfragen und das allgegenwärtige Konstrukt ›Rechtspopulismus‹ zu dekomponieren. Wähler:innen, Aktivist:innen, Kandidat:innen, Parlamentarier:innen, Mitarbeiter:innen, die auf das rechtspopulistische Pferd setzen, sind vielleicht ›Gleichgesinnte‹, sie haben aber auch ganz unterschiedliche Motive und die Entscheidung für eine rechte politische Positionierung ist in unterschiedlicher Weise mit ihren Lebens- und Arbeitsverläufen verwoben – oder auch nicht.

Rechtspopulismus als Normalität

Auf dieser Website werden populistische Versuchungen, Gefahren und Katastrophen als ein systematisches und beständiges Problem demokratischer und kapitalistischer Gesellschaften begriffen. Damit sind Argumentationen, die ›Rechtspopulismus‹ eher als ein exzeptionelles und eingrenzbares Phänomen begreifen, zu überdenken. So z.B. Argumentationen,
die ihn als Ausdruck spezifischer (Finanzmarktkrise) oder systemischer (sinkende Profitraten) Krisen des Kapitalismus verstehen,
die ihn als Ausdruck struktureller Probleme liberaler Demokratien begreifen,
oder die ihn mit Polykrisen und mit diverser bzw. komplexer werdenden Gesellschaften in Zusammenhang bringen.

Die Diagnose der (traurigen) Normalität von ›Rechtspopulismus‹ (bzw. Populismus) schließt keineswegs aus, dass die Phänomene Konjunkturen unterliegen und sich rechtspopulistische Formen und Inhalte immer wieder verändern; aber sie werden kaum verschwinden. Pierre Rosanvallon (2020) nimmt die bereits 1997 getroffene Einschätzung Ralf Dahrendorfs vom ›autoritären Jahrhundert‹ auf und bezeichnet das 21. Jahrhundert als ›Jahrhundert des Populismus‹.

Mit der Anerkennung der Normalität verändern sich auch die Fragestellungen. Anstelle der klassischen Fragen, wie kann man Populismus erklären, treten Fragen, die sich eher für die Funktionsweise von Populismus interessieren und untersuchen, wie dieser sich in Gesellschaften einnistet und in verschiedener Weise (nicht nur an der Wahlurne) wirksam wird. Zudem kann untersucht werden, wie es über durchaus längere Phasen gelungen ist, den Einfluss von Populismus zurückzudrängen.

Rechtspopulismus als Querschnittsproblem

Die Fokussierung auf den Normalbetrieb von Populismus impliziert, diesen als ein ›Querschnittsproblem‹ zu begreifen; d.h. es geht nicht um eingrenzbare ›Problemlagen‹ oder ›Problemgruppen‹, wie es im politischen Alltagsdiskurs erscheint. Er kommt aus der ›Mitte‹, aus dem ›Alltagsgeschäft‹ der Gesellschaft. ›Rechtspopulismus‹ steht mit weitreichenden Prozessen des ökonomischen, politischen, kulturellen und sozialen Wandels in Zusammenhang. Die einen stehen eher auf der Gewinnerseite oder verfügen über hinreichende Ressourcen, den Wandel zu meistern; andere finden sich eher auf der Verliererseite bzw. es mangelt an den erforderlichen Ressourcen. Man kann nun sozialstrukturell betrachtet diese Entwicklung nicht den einen (den Verlierer:innen) anlasten, während die anderen außen vor bleiben – dennoch sind politisch betrachtet alle für ihre Wahlentscheidungen und ihre Likes (und deren oft weitreichenden Folgen) verantwortlich.

Für den politischen Umgang mit ›Rechtspopulismus‹ heißt das, Gesellschaften auf allen Ebenen (im Querschnitt) gegenüber rechtspopulistischen Versuchungen resilienter zu machen. Es geht nicht nur um die Resilienz an der Wahlurne, es geht genauso um resiliente Interessenverbände, Unternehmen und Verwaltungen, die Resilienz öffentlicher Einrichtungen und schließlich die Resilienz von Verfassungen. Der Beitrag sozialwissenschaftlicher Analysen kann darin liegen, diese Querschnittsprobleme zu verstehen, die Stärkung solcher Resilienzen kann nur im politischen Raum erfolgen.

Rechtspopulismus als politische Komposition

›Rechtspopulismus‹ wird in diesem Beitrag als eine politische Komposition betrachtet, bei der ganz unterschiedliche Phänomene – Bewegungen, Parteien und Regierungen, Mitglieder und Wähler:innen, Organisationen und Infrastrukturen, schließlich Programme, Denkmuster und Einstellungen – im Zusammenhang betrachtet werden. Diese Bündelung von Phänomenen birgt Vor- und Nachteile.

Solche Kompositionen, die Akteure, Infrastrukturen und Programme in eins setzen, sind in der Logik des politischen Feldes sicherlich sinnvoll. Man spricht von ›Rechtspopulismus‹ und markiert dabei zugleich deren Wähler:innen, Organisationen, Politikstile und Themen. Die Begrifflichkeiten ›rechts‹ und ›Populismus‹ entstammen ja auch der politischen Sphäre. Die Bündelung verweist auf Zusammenhänge; so trägt z.B. jeder Like und jede Wählerstimme dazu bei, rechtspopulistische Organisationen zu unterstützen, ihre Regierungsbeteiligung wahrscheinlicher zu machen und den politischen Diskurs zu verschieben. Das Problem einer solchen Formel (rechtspopulistische Wähler:innen wählen rechtspopulistische Parteien, die dann rechtspopulistische Politik machen) liegt darin, Phänomene des ›Rechtspopulismus‹ zu homogenisieren und zu isolieren und die komplexen Wechselwirkungen, die aus ihrer gesellschaftlichen Einbettung erwachsen, zu unterschätzen.

Auch für politikwissenschaftliche Analysen kann es sinnvoll sein, ›Rechtspopulismus‹ als ein zusammenhängendes Phänomen zu begreifen und in historischen, ökonomischen, politischen und sozialen Zusammenhängen zu analysieren. Das ermöglicht Systematisierungen, Typologisierungen, räumliche und zeitliche Vergleiche etc. Es kann aber auch dekomponiert werden, um z.B. die Organisation und Entwicklung von rechten Parteien oder ihre Mitgliederstrukturen zu analysieren.

Auch für eine soziologische bzw. sozialstrukturelle Analyse bietet sowohl die Komposition wie die Dekomposition von ›Rechtspopulismus‹ wesentliche Erkenntnisgewinne; die Gewichtung ist jedoch eine andere. Im Zentrum steht hier die Frage, wie diese Phänomene, die im politischen Sinne zusammenhängend als ›Rechtspopulismus‹ bezeichnet werden, sozial sehr spezifisch eingebettet sind. Es stellt sich aber auch die gegenläufige Frage, wie die Veränderungen im politischen Feld auf das soziale Gefüge von Gesellschaften zurückwirken.

Wege der Dekomposition

Eine Dekomposition rechtspopulistischer Phänomene kann in verschiedenen Schritten erfolgen:

  • über eine Reflexion von Begrifflichkeiten: wenn Phänomene als ›Rechtspopulismus‹ benannt werden, wird damit eine politische Perspektive auf das zu untersuchende gesetzt. So gerät aber die ganze Spannweite ökonomischer und sozialer Problemlagen, die sich auch im Wahlverhalten ausdrücken können, aus dem Blick.
  • über die Unterscheidung verschiedener Bestandteile des Phänomens: so geht es z.B.
    um Wähler:innen und Aktivist:innen, um deren Einstellungen und Motive;
    um Organisationen und Infrastrukturen bzw. das umgebende politische Feld,
    um medial vermittelte Diskurse und Öffentlichkeiten,
    oder um Themen, Denkstile und Programme.
  • Auch wenn jedes dieser Bestandteile einen Beitrag zum Ganzen liefert, sind sie doch in unterschiedlichen Kontexten (ein Markt der Identifizierungen, das politische Feld eines Nationalstaats oder eine restrukturierte Medien- und Aufmerksamkeitsökonomie) verortet und folgen unterschiedlichen Handlungslogiken.
  • über die Analyse der sozialstrukturellen Heterogenität der Akteure und der sozialstruktureIlen Referenzen der verhandelten Themen. So wird bei den Wählenden und den Aktivisten deutlich, dass man es mit einem Ensemble von sozialen Positionen, von Motiven und von sozialen wie biografischen Einbettungen zu tun hat. Auch das medial verhandelte und programmatisch fixierte Themenspektrum sollte eher als ein (nicht immer leicht zu ergründendes) Ensemble begriffen werden, denn als konsistentes politisches Programm im klassischen Sinne.
  • über die Analyse der nationalräumlichen und zeitlichen Variabilität rechtspopulistischer Phänomene. Die nationalräumliche Variabilität macht deutlich, dass man es neben vielen Gemeinsamkeiten, z.B. bei Themen, Denkstilen und Organisationsformen auch mit erheblichen Unterschieden zu tun hat, die mit der Verfasstheit der Nationalstaaten, ihrer Prosperität, ihrer Sozialstruktur etc. zusammenhängen. Schließlich geht es auch um die jeweilige Geschichte des politischen Feldes. Fragen nach der zeitlichen Variabilität sind aber auch auf der Meso- und Mikroebene zu stellen: man denke an die lange Geschichte rechter Organisationen, die immer auch wieder von der politischen Landkarte verschwinden; auch biographisch betrachtet muss genau bestimmt werden, wie stabil rechte Einstellungsmuster, Identifikationen, Wahl- und Organisationspraktiken sind.

Was bringen nun solche Dekompositionen? Sie ermöglichen einen Zugang zu sozial eingebetteten Praktiken und Deutungsmustern, ohne diese vorab politisch zu etikettieren. Sie erweitern den Blick: ›Rechtspopulismus‹ findet nicht nur an der Wahlurne statt, sondern auch in lokalen bzw. regionalen Öffentlichkeiten, in Medien, in wichtigen gesellschaftlichen Institutionen etc. Sie erklären in meinen Augen auch, warum viele Erklärungen nicht zufrieden stellen.

Ko-evolutionärer Wandel – Alles hängt mit allem zusammen

Vieles spricht dafür, dass man es mit Prozessen eines ko-evolutionären Wandels zu tun hat. Gravierende ökonomische, politische und soziale Veränderungen vollziehen sich nebeneinander und stehen in Wechselwirkungen; man kann sie nicht auf jeweils einen Wirkfaktor zurückführen. D.h. man kann den Wandel nicht allein ökonomisch (z.B. Entwicklung des neoliberalen, globalen und digitalisierten Kapitalismus), nicht allein politisch (z.B. Geschichte der Rechten) oder sozialpsychologisch (z.B. Wokeness-Kritik, ›Einfachdenken‹ (Vobruba), ›Zerstörungslust‹ (Amlinger/ Nachtwey) oder Misstrauensgemeinschaften (El-Mafaalani)) erklären.

Wir sind mit weit ausgreifenden Prozessen des gesellschaftlichen Wandels konfrontiert: das betrifft die Ökonomie, wenn z.B. die Prozesse der Produktion und der hier geleisteten Arbeit technologisch und organisational immer wieder revolutioniert werden; es betrifft im Politischen die weitreichenden Veränderungen der Weltpolitik und der äußeren wie inneren Sicherheit oder das Schwinden vollwertiger Demokratien; es betrifft kulturelle Umbrüche, die mit Globalisierung und Migration und mit Prozessen der Liberalisierung zusammenhängen; es sind schließlich soziale Umbrüche, wenn Prozesse der Emanzipation und der erfolgreichen Integration Gesellschaften vielfältiger werden lassen; all dies ist schließlich in neuer Weise hautnah wie medial erfahrbar. Von diesen Veränderungen sind ›alle‹ betroffen, aber die Grade der Betroffenheit (z.B. von den Veränderungen der Arbeit) und die für deren Bewältigung erforderlichen (kognitiven wie ökonomisch kulturellen) Ressourcen variieren erheblich. Schließlich reagieren die einen auf die Reaktionen der verschiedenen anderen.

Die interessierenden Veränderungen im politischen Raum (z.B. ›Rechtspopulismus‹) hängen sicherlich mit diesen sozioökonomischen, soziokulturellen und sozialstrukturellen Umbrüchen zusammen; sie sind aber eher ein ›Nebeneffekt‹ dieser Transformationen. Für demokratisch verfasste Gesellschaften oder für vulnerable Gruppen können solche ›Nebeneffekte‹ aber fatale Folgen haben.

Thesen zum Verständnis von Rechtspopulismus

1. Rechtspopulismus entspringt dem ›Normalbetrieb‹ demokratisch verfasster Marktgesellschaften.

Soziologisch betrachtet kommt er aus der ›Mitte der Gesellschaft‹. D.h. es sind nicht einzelne Problemgruppen oder Problemlagen, die im Kontext gesellschaftlicher Transformationsprozesse rechte Positionierungen befördern. Es geht immer auch um die politische Positionierung anderer sozialer Gruppen, mithin um verschiedene Typen von Gewinner:innen, von Bystanders und von Verlierer:innen.

Politisch betrachtet gehört er zu den Normalitäten einer parlamentarischen Demokratie. Das hängt mit systemischen Problemen der politischen Repräsentation zusammen. Es ist aber auch den Logiken eines politischen Feldes geschuldet, in dem Angebot und Nachfrage an ›rechten Politiken‹ immer auch mit dem Agieren aller übrigen Akteure in Zusammenhang stehen.

Kommunikativ betrachtet wirkt ›Rechtspopulismus‹ ansteckend. Die Erreger sind allgegenwärtig, die Verbreitungswege haben sich ausdifferenziert und es hängt von den Resilienzen der Bürger:innen, Zivilgesellschaften und Institutionen ab, wie weit es gelingt, rechtspopulistische Landnahmen zu begrenzen oder zurückzudrängen.

Kognitiv betrachtet bietet der ›Rechtspopulismus‹ Vereinfachungsangebote. Die Nachfrage nach solchen Vereinfachungen ist auch in ausdifferenzierten Gesellschaften mit einem hohen formalen Bildungsstand allgegenwärtig. Nicht wenigen erscheinen die Gegenwartsgesellschaften unübersichtlich.

Historisch betrachtet sind rechtspopulistische Einstellungen und Positionierungen nichts Neues. Mal sind sie in bestehende politische Formationen (z.B. Volksparteien, aber auch zivilgesellschaftliche Organisationen) eingebunden; mal organisieren sie sich in mehr oder weniger stabilen eigenständigen Formationen (z.B. rechte Bewegungen und Parteien).

2. ›Rechtspopulismus‹ ist als ein (alles andere als harmloses!) Nebenprodukt von wiederkehrenden sozioökonomischen und politischen Transformationsprozessen zu  begreifen, die die Gesellschaften des globalen Nordens verändern.

Das sind derzeit Umbrüche auf der Makroebene, die sich in veränderten Hegemonialstrukturen oder in Veränderungen der globalen Arbeitsteilung wie der nationalstaatlichen Ordnung ausdrücken; es sind aber auch Veränderungen in den damit verbundenen Fortschrittsgeschichten.
Es geht um Umbrüche auf der Mesoebene, wenn sich die Strukturen des politischen Feldes und der Zivilgesellschaft, aber auch die medial vermittelten Öffentlichkeiten verändern.
Es sind schließlich Umbrüche auf der Mikroebene, wenn (durchschnittliche) Zuwächse an Wohlstand und Bildung, aber auch die digitale Hyperkonnektivität (Brubaker 2023) ein mehr an Individualität und Diversität ermöglichen und Modi der Sozialisation wie der Selbstverständigung verändern.

Individuen bzw. soziale Gruppen (mit unterschiedlichen ökonomischen, kulturellen und sozialen Kapitalien), aber auch Institutionen reagieren auf diese Transformationen, indem sie sich reorientieren, ihre Arbeits- und Lebensweise verändern und sich politisch positionieren. Dazu gehören dann auch rechtspopulistische Positionierungen.

3. Die Erforschung von ›Rechtspopulismus‹ sollte sich nicht auf das Geschehen an Wahlurnen bzw. in Parlamenten und Regierungen oder die Erforschung von Einstellungen und Dispositionen beschränken. Zugleich geht es darum, wie mit ›rechtspopulistischen‹ Versuchungen in sozialen und regionalen Milieus, in zivilgesellschaftlichen Institutionen wie Kirchen und Gewerkschaften und schließlich in Betrieben und Verwaltungen umgegangen wird.

Die hier favorisierte sozialstrukturelle Perspektive soll dazu beitragen, diese Einbettungen in den Blick zu nehmen. Sie soll es in einem kritisch konstruktiven Sinne ermöglichen, die perspektivische Vielfalt vorliegender Ansätze zum Verständnis und zur Erklärung von Rechtspopulismus zu ordnen, Zusammenhänge zwischen den Ansätzen herzustellen, aber auch ihr Erklärungspotential kritisch zu reflektieren.

Überblick über die Beiträge auf dieser Website

In den Beiträgen auf dieser Website wird zum einen entwickelt, wie man sich dem Phänomen ›Rechtspopulismus‹ wissenschaftlich nähern kann (1) und wie politische und soziale Strukturen zusammenhängen (2).
Zum anderen werden im Sinne einer kritischen Bestandsaufnahme die verschiedenen Wege der historischen (3) bzw. sozialwissenschaftlichen (4) Analyse und Erklärung von Rechtspopulismus aufgezeigt.

  • (1) Probleme der Analyse von Rechtspopulismus: In diesem Beitrag wird aufgezeigt, um welche politischen Praktiken es geht, wie diese abgegrenzt und benannt werden können und welche Perspektiven in der Rechtspopulismusforschung zu finden sind.
  • (2) Soziale und politische Strukturen: Der Beitrag widmet sich verallgemeinernd der Frage, wie sich soziale und politische Strukturen historisch entwickelt haben und wie sie heute auf der Makro-, Meso- und Mikroebene in Zusammenhang stehen.
  • (3) Rechtspopulismus im Kontext säkularer Spaltungslinien: Hier geht es darum, wie sich zentrale soziale Konfliktlinien (Cleavages) über einen langen Zeitraum herausgebildet und politisch abgebildet haben und wie sich die Situation im 21. Jahrhundert darstellt.
  • (4) Ansätze der sozialwissenschaftlichen Erklärung von Rechtspopulismus: Hier wird aufgezeigt, wie Rechtspopulismus in Lichte verschiedener Sozialwissenschaften je unterschiedlich gefasst wird und welche Erklärungen dabei favorisiert werden.

Neben diesen zusammenhängenden thematischen Seiten werden Fragen des Rechtspopulismus auf dieser Website auch in anderen Beiträgen behandelt:

Eigene Forschungsergebnisse

Literaturbesprechungen

Literatur

Amlinger, Carolin/ Nachtwey, Oliver 2025: Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus, Berlin: Suhrkamp

Brubaker, Rogers 2023: Hyperconnectivity and its discontents, Cambridge, Hoboken NJ: Polity Press

Dahrendorf, Ralf 1997: An der Schwelle zum autoritären Jahrhundert. Die Globalisierung und ihre sozialen Folgen werden zur nächsten Herausforderung einer Politik der Freiheit, in: Die Zeit, Nr. 47/1997

El-Mafaalani, Aladin 2025: Misstrauensgemeinschaften. Zur Anziehungskraft von Populismus und Verschwörungsideologien, Köln: Kiepenheuer & Witsch

Rosanvallon, Pierre 2020: Das Jahrhundert des Populismus. Geschichte, Theorie, Kritik, Hamburg: Hamburger Edition

Vobruba, Georg 2020: Einfachdenken in der komplexen Gesellschaft. Das Volk, die repräsentative Demokratie und der Populismus, in: Martin Endreß/ Sylke Nissen/ Georg Vobruba, Aktualität der Demokratie. Strukturprobleme und Perspektiven, Weinheim/ Basel: Beltz Juventa