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Rechtspopulismus im Kontext säkularer Spaltungslinien

Cleavage-Theorien befassen sich in historischer Perspektive mit langwährenden politischen Spaltungslinien, die sich mit Variationen in ganz unterschiedlichen Gesellschaften finden lassen. Besonders einflussreich war die von Lipset und Rokkan (1967) entwickelte Cleavage-Theorie. Sie schließt an die Grundmuster der amerikanischen Wahlforschung und ihre Postulate zum Zusammenhang von politischen und sozialen Strukturen an. Neu ist eine ausgeprägt historische Perspektive.

Klassische Cleavage-Theorie

Lipset und Rokkan arbeiten an einer vergleichenden Soziologie des Parteienwesens; sie interessiert die historische Genese und die Stabilisierung von Parteiensystemen. Von zentraler Bedeutung sind dabei jene Konfliktlinien (cleavages), die über lange Zeiträume sozial und politisch strukturierend wirkten.

Definition

Da Lipset und Rokkan auf eine Definition von Cleavage verzichteten, finden sich in Darstellungen zu dem Ansatz leicht variierende Bestimmungen.

Pappi fasst das Konzept wie folgt: »Unter einem ›Cleavage‹ sei verstanden ein dauerhafter politischer Konflikt, der in der Sozialstruktur verankert ist und im Parteiensystem seinen Ausdruck gefunden hat« (1977, S. 195). Darüber entstehen Bündnisse zwischen Parteieliten und spezifischen sozialen Gruppen.

Dabei haben Parteien zum einen eine expressive Funktion: »they help to crystallize and make explicit the conflicting interests, the latent strains and contrasts in the existing social structure«. Zum anderen kommt ihnen eine instrumentale bzw. repräsentative Funktion zu: »they force subjects and citizens to ally themselves across structural cleavage lines and to set up priorities among their commitments to established or prospective roles in the system« (Lipset/ Rokkan 1967, S. 5).

Genese von Cleavages

In ihren historischen Analysen rekonstruieren die Autoren die Herausbildung verschiedener Konfliktlinien und verweisen auf kritische Entwicklungsphasen. Neben der Reformation sind dies zum einen die bürgerlichen Revolutionen in den verschiedenen Nationalstaaten und zum anderen die Industrielle Revolution.

CleavagesKritische PhaseThemenfelder
Zentrum vs. PeripherieReformation vs. Gegenreformation:
16.–17. Jahrhundert
Nationale vs. supranationale Religion; nationale Sprache vs. Latein
Staat vs. KircheNationale Revolution:
ab 1789
Säkulare vs. kirchlich-religiöse Kontrolle über das Bildungssystem
Land vs. StadtIndustrielle Revolution:
19. Jahrhundert
Zölle auf Agrarprodukte; Kontrolle vs. Freiheit der industriellen Gewerbebetriebe
Kapital vs. ArbeitRussische Revolution:
ab 1917
Integration in das nationale politische System vs. Engagement in der internationalen revolutionären Bewegung
Eigene Darstellung nach Lipset/ Rokkan (1967, S. 47)
  • Das Cleavage Zentrum vs. Peripherie entspannt sich um Konflikte im Prozess der Nationenbildung: während wichtige Eliten eher an Prozessen der Vereinheitlichung interessiert sind, organisieren sich die partikularistischen Interessen z.B. um die (katholische) Kirche oder um sprachliche und ethnische Minderheiten.
  • Das Cleavage Staat vs. Kirche entwickelt sich später mit der Konstituierung von Nationalstaaten und dem Aufbau von staatlichen Verwaltungen und Infrastrukturen. Dabei spielt z.B. die Frage, wer Bildungseinrichtungen betreibt und welche sozialen Gruppen damit adressiert werden (allgemeine Schulpflicht), eine wichtige Rolle.
  • Das Cleavage Stadt vs. Land hatte bereits mit der Gründung von Städten seit dem 12. Jahrhundert erste Konturen erhalten. Mit dem Aufbau von großen Industriebetrieben und öffentlichen Verwaltungen zumeist in verstädterten Räumen, vertiefen sich die Stadt-Land-Unterschiede weiter.
  • Schließlich bringt der Ausbau von kapitalistisch organisierten Industriebetrieben auch einen neuen Konflikttyp, das Cleavage Kapital vs. Arbeit hervor. Dabei spielt auch die Ausweitung des Wahlrechts (insbesondere nach dem 1. Weltkrieg) eine wichtige Rolle.

Diese Konflikte bringen nicht immer neue Interessenorganisationen und Parteien hervor; mitunter beziehen sich diese auch auf mehrere Cleavages. Lipset und Rokkan ordnen die Konflikte entlang der Parsonsschen Unterscheidung von vier funktionalen Subsystemen (vgl. S. 14, Abb. 3): adaptation (economy), goal attainment (polity), integration (culture) und latent pattern maintenance (locality, household). In einem späteren Aufsatz stellt Rokkan dies so dar:

Die W-K-Achse bezeichnet Rokkan als funktionale, die Z-P-Achse als territoriale Dimension. So lassen sich entlang der W-K-Achse eher wirtschaftliche und eher kulturelle Konfliktlinien unterscheiden.

Seit den 1920er Jahren habe sich – so die Einschätzung von Lipset und Rokkan im Jahr 1967 – die Konfliktkonstellationen nicht wesentlich verändert. Dementsprechend finden sich in den Nachkriegsdemokratien mit wenigen Ausnahmen ähnliche Konstellationen wie in den 1920er Jahren (vgl. S. 50). Sie verweisen jedoch darauf, dass die »Revolte der Jungen« (S. 54) in den 1960er Jahren neue Konfliktpotentiale berge, die auch zu Veränderungen der politischen Landschaft führen könnten.

Schwächen des Ansatzes

Es lassen sich zwei gravierende Probleme des Cleavage-Ansatzes ausmachen: seine theoretische Bindung an die Parsonsche Theorie und seine Prägung durch den räumlichen bzw. zeitgenössischen Kontext: der globale Norden der 1960er Jahre.

Theoretische Rahmung des Cleavage-Ansatzes

Die Einbindung in das funktionale Modell Parsons verleiht dem Ansatz eine gewisse Eleganz, indem es gelingt, empirisch beobachtbare Konfliktlinien mit den postulierten funktionalen Teilsystemen in Beziehung zu setzen. Die Differenzierung von eher ökonomischen bzw. eher kulturellen Konflikten ist jedoch kaum durchzuhalten. Die Konflikte zwischen Kapital und Arbeit, aber auch die zwischen Kirche und Staat haben sowohl eine ökonomisch materielle wie eine kulturelle Seite. Indem ökonomische Konflikte sozial erfahrbar und politisch ausgetragen werden, erwachsen um diese Konflikte Institutionen und Erfahrungswelten, mithin Kulturen. Neben die ökonomischen Konflikte (um Arbeits- und Lebensbedingungen) treten politische Konflikte (um Machtverhältnisse) und soziale Konflikte (um Anerkennungsverhältnisse). Genau diese Melange von ökonomischen, politischen und sozialen Momenten macht ja den weitreichenden Charakter dieser Cleavages aus. Auch die Stadt-Land- bzw. die Zentrum-Peripheriekonflikte gestalten sich als ökonomische Konflikte (zwischen Branchen bzw. Produktionsweisen), politische Konflikte (um die Verteilung von Macht und Ressourcen) sowie als soziale Konflikte (wiederum um Anerkennungsverhältnisse).

Verzichtet man auf die Verknüpfung mit der Parsonsschen Theorie, erwachsen eine Reihe von durchaus fruchtbaren und weiterführenden Forschungsfragen. Zum einen ist zu fragen, welche Momente diesen Konfliktlinien ihre relative Stabilität verleihen. Das verweist auf die sozioökonomischen Positionen, die sich entlang der Spaltungslinie herausbilden; es verweist aber auch auf die Organisationen und Institutionen, die um diese Konflikte und ihre Einhegung entstehen. Es geht schließlich um die diskursiven und symbolischen Repertoires sowie um soziale Milieus, Lebenswelten und Habitus, in die sich diese Konflikte ökonomisch, politisch und sozial einschreiben. Zum anderen stellt sich die Frage nach den Mechanismen und Wegen der Übersetzung zwischen sozialen und politischen Strukturen.

Blinde Flecken des Cleavage-Ansatzes

Der Ansatz von Lipset und Rokkan argumentiert zwar historisch, er ist jedoch von der Parteienlandschaft zu seinem Entstehungszeitpunkt und -ort geprägt. Mastropaolo macht dies z.B. an der unzureichenden Berücksichtigung rechter bzw. postfaschistischer Parteien fest, denen in den 1960er Jahren selten eine Zukunft zugesprochen wurde. »The authors took into account the parties that were active in the second half of the 1960s: i.e. liberal, conservative, confessional, socialist, and communist parties. There were also some smaller formations, such as regional parties. Now, the map only detected the cleavages underlying these parties and ignored cleavages that had not given rise to any party, or that had given rise to parties that had not been successful, or had failed, or that Lipset and Rokkan viewed as marginal, such as the post-fascist parties present in some places« (2023, S. 94).

Neben der unzureichenden Berücksichtigung der politischen Rechten lassen sich aber auch andere blinde Flecken ausmachen, so verweist Mastropaolo darauf, dass insbesondere in der nordamerikanischen Gesellschaft die Fragen von Rassismus eine wichtige Rolle für deren politische wie die sozioökonomische Verfasstheit spielen. So fungiert dann der amerikanische Bürgerkrieg als kritische Phase (critical juncture) der Herausbildung eines solchen Cleavages. Erweitert man die Perspektive auf den historischen Kontext von Sklaverei und Kolonialismus eröffnet sich ein erweiterter (transnationaler bzw. globaler) Horizont für die Analyse von Cleavages, die aber immer auch einen Widerhall in den jeweiligen nationalen politischen Räumen hatten.

Auch die Ausblendung von Geschlechterverhältnissen und sexistischen Strukturen lässt sich den blinden Flecken der Zeit bzw. dem exkludierenden Blick weißer Männer zurechnen. So hätte doch ein Gender-Cleavage (vgl. Sass/ Kuhnle 2023) als ein Prototyp der Korrespondenz von sozioökonomischen Strukturen der Arbeitsteilung, ihrer wechselnden Legitimierung und dem Ausschluss von Frauen aus dem politischen Feld (Verbote der Organisation, Versagung des Wahlrechts) fungieren können.

Schließlich sei noch auf Konflikte um das Verhältnis von Markt und Staat (vgl. Bornschier 2007, Zollinger 2024) sowie auf die Konflikte um die Regulierung des Kapitalismus und die daraus entstehenden Varianten des Kapitalismus bzw. der wohlfahrtsstaatlichen Regulierung (vgl. Huber/ Ragin/ Stephens 1993) verwiesen. Auch hier hat man es mit Spaltungslinien zu tun, die sich sowohl in den sozioökonomischen Positionierungen, in ihren organisationalen und politischen Repräsentationen, aber auch in einer langen Geschichte von Diskursen und Metaphoriken abzeichnet.

Cleavage-Theorien im 21. Jahrhundert

Wenngleich in der Wahlforschung nicht selten das ›Ende der politisierten Sozialstruktur‹ postuliert wurde (vgl. Brettschneider u.a. 2002), bleibt das Cleavage-Konzept weiterhin bedeutsam.

In jüngerer Zeit finden sich verschiedene Ansätze, die versuchen, dass von Lipset und Rokkan in den 1960er Jahren entwickelte Konzept zu erweitern bzw. an neuere sozioökonomische und politische Entwicklungen anzupassen, indem weitere Cleavages eingeführt werden. Besondere Bedeutung hat dabei das Universalismus-Partikularismus Cleavage. Darüber hinaus finden sich aber auch Beiträge, die für ein Gender-Cleavage oder ein Reactionary-Cleavage plädieren.

Bei der Überarbeitung und Erneuerung des Cleavage-Konzeptes werden im 21. Jahrhundert verschiedene aber durchaus kompatible Ansätze verfolgt. Die folgende Darstellung folgt insbesondere Bornschier u.a. (2024), Westheuser (2021) und Westheuser/Zollinger (2025). Die Autor:innen halten an dem Postulat einer engen Beziehung zwischen sozialen und politischen Strukturen fest. Gegenüber dem klassischen Ansatz werden jedoch eine Reihe von konzeptionellen Veränderungen vorgenommen:

  • An die Stelle der Analyse einzelner Parteien und ihrer Wählerschaften tritt die Analyse von ideologischen Blocks. Damit muss dann jedoch die Frage, wie Personengruppen an diese Blocks gebunden werden, anders beantwortet werden als bei der Analyse von Parteianhängerschaften, die über Mitgliedschaften, Netzwerke, Programmatiken oder auch über charismatische Persönlichkeiten eingebunden wurden.
  • Als ein zentrales ›Bindemittel‹ zwischen sozialstruktureller Positionierung und politischer Struktur werden Gruppenidentitäten begriffen, die sich über sozialstrukturell spezifische Arbeits- und Lebenserfahrungen, aber auch über politisch vermittelte Appellationen und Klassifizierungen herausbilden. Diese Identitäten werden im Sinne der Selbstzurechnung (z.B. ›wir‹ ›bodenständige‹ oder ›hartarbeitende Leute‹) wie der Abgrenzung (z.B. gegenüber ›Sozialleistungsemfänger:innen‹ oder ›Kosmopoliten‹) genutzt.
  • Der Bezug auf Parsons Konzepte wird nicht weiterverfolgt; demgegenüber wird, wenn es um die Analyse von Gruppen und Gruppenidentitäten geht, auf soziologische (z.B. Thompson oder Bourdieu) und sozialpsychologische (z.B. Tajfel) Konzepte rekurriert.

Universalismus-Partikularismus Cleavage

Die klassischen Cleavages – insbesondere das im 20. Jahrhundert bedeutsame class-Cleavage – werden um ein neues Cleavage erweitert; hier liegen verschiedene Entwürfe vor. Die Autor:innen schlagen vor, zusammenfassend von einer Spaltungslinie zwischen Universalismus und Partikularismus zu sprechen – die Begriffe werden bereits bei Lipset und Rokkan (1967, S. 7) erwähnt. Diese habe sich in verschiedenen Wellen herausgebildet (vgl. Westheuser 2021, S. 18 f.). Zunächst stand die Spaltung Autoritarismus (natürliche/kulturelle Rangordnungen von sozialen Gruppen) und Libertarismus (Gleichheit, Toleranz) im Vordergrund. Später gewannen im Kontext der Problematisierung von Migrationsbewegungen Konflikte um die Durchlässigkeit oder Schließung von Grenzen bzw. um Fragen der Integration oder Ausgrenzung an Bedeutung. In jüngerer Zeit kamen Konflikte um den Zugang zu und die Rechtfertigung von sozialstaatlichen Leistungen hinzu. In politischer Perspektive werden diese Konfliktlinien über die Herausbildung von GAL- (Green/Alternative/Libertarian) bzw. TAN (Traditional/Authoritarian/Nationalism)-Parteien (vgl. Hooghe u.a. 2002, S. 966) markiert.

Bei der Vermittlung zwischen Sozialstrukturen und politischen Strukturen spielt die Zurechnung bzw. Abgrenzung zu sozialen Gruppen bzw. deren kollektiven Identitäten eine zentrale Rolle.

Bornschier u.a. (2024, S. 7) aber auch Westheuser u.a. (2025) erinnern hier an die Marxsche Unterscheidung von ›Klasse an sich‹ und ›Klasse für sich‹ bzw. an die Bourdieusche Perspektive, bei der Klassen zugleich als sozioökonomische und als soziokulturelle Formationen, als Gruppen mit spezifischen Zugehörigkeitsgefühlen, begriffen werden. Westheuser (2021) verweist darüber hinaus auch auf das Konzept der moralischen Ökonomie von E.P. Thompson1.

Die als Vermittlungsinstanz fungierenden Gruppenidentitäten sind auf der einen Seite sozialstrukturell bedingt. Westheuser und Zollinger (2025) begreifen dies als einen bottom-up-Prozess, bei dem sich soziale Gruppen in alltäglichen Prozessen der Grenzziehung und der sozialen Schließung herausbilden.
»Categories like those of being ›respectable‹, ›hard-working‹ or ›ordinary‹ are not only logically defined by their ›dishonest‹, ›lazy‹, or ›aloof‹ opposites, but also derive their meaning from a social demarcation against others associated with these categories (…). Boundary-making describes an important way in which latent structural inequalities become salient in everyday life through an idiom of demarcation, identification, and categorization that defines groups both by what they are and by what they are not. This process rests on a bedrock of objective material relations, but the set of categories by which practices of boundary-making structure networks – the symbolic code of closure – is empirically heterogeneous and cannot simply be read off structural positions« (S. 115).
Bourdieu hatte verdeutlicht, dass diese Kategorisierungs- und Klassifizierungsarbeiten fortwährend stattfinden, »in jedem Augenblick der Alltagsexistenz, wann immer die sozialen Akteure untereinander um den Sinn der sozialen Welt, ihre Stellung in ihr und um ihre gesellschaftliche Identität ringen – vermittels der unterschiedlichen Weisen, positive oder negative Urteile zu fällen, Lob und Tadel, Segen und Fluch zu verteilen durch Belobigung, Glückwunsch, Kompliment oder aber Beleidigung, Beschimpfung, Kritik, Anklage, Verleumdung, usw.« (1985, S. 19).

Auf der anderen Seite knüpfen politische Akteure an diese Gruppenkonstrukte an, indem sie in top-down Prozessen Gruppen klassifizieren und versuchen, legitime Sichtweisen durchzusetzen. »Die soziale Welt ist (…) Produkt (…) kognitiver und politischer, symbolischer Kämpfe um Erkenntnis und Anerkennung, in denen jeder nicht nur (…) um ein vorteilhaftes Bild seiner selbst streitet, sondern auch auf die Macht abzielt, die für sein eigenes soziales Sein (das individuelle oder das kollektive …) wie für die Akkumulation eines symbolischen Kapitals der Anerkennung günstigsten Konstruktionsprinzipien der sozialen Wirklichkeit als die legitimen durchzusetzen. Diese Kämpfe spielen sich gleichzeitig im täglichen Leben und innerhalb der Felder der Kulturproduktion ab« (Bourdieu 2001, S. 241).

Wenn bei der Begründung des neuen Cleavage auf die vermittelnde Rolle kollektiver Identitäten verwiesen wird, so liefert das einen nicht unwichtigen Beitrag zum Verständnis der politischen Reorganisationsprozesse; das sollte jedoch den Blick auf andere mit den Cleavages verknüpften Wirkungszusammenhänge nicht verstellen.

Zudem gilt es zu berücksichtigen, dass diese verschiedenen Sphären der gesellschaftlichen Produktion (bezahlte Arbeit im ersten, zweiten und dritten Sektor bzw. verschiedene Formen der unbezahlten Arbeit in Haushalt und Zivilgesellschaft) und die verschiedenen Qualifikationsgruppen in ganz unterschiedlichem Maß von der Reorganisation betrieblicher Arbeit (z.B. Outsourcing, Plattformarbeit, KI-Einsatz), von Prozessen der Globalisierung (z.B. offshoring, global sourcing) oder von der Öffnung von Arbeitsmärkten (für EU-Bürger:innen oder für Migrierende aus dem globalen Süden) betroffen sind.

Gender Cleavage

Sass und Kuhnle (2023) können aufzeigen, dass ein Gender Cleavage für die Wohlfahrtstaatsforschung und die Analyse zeitgenössischer politischer Konflikte unerlässlich ist. Sie rekonstruieren, welche Rolle das Gender-Cleavage in der sozialstrukturellen, kulturell-ideologischen und in der politisch-organisationalen Dimension hatte:

  • SozialstruktureIl betrachtet hat sich seit dem 19. Jahrhundert die Positionierung von Frauen eher verschlechtert; der Staatsbürger mit vollen politischen (z.B. Organisationsfreiheit und Wahlrecht), kulturellen (z.B. Zugang zum Bildungssystem) und ökonomischen (z.B. Erwerbs- oder Besitzrechte) Rechten war ein männlicher Bürger. Mit der Industrialisierung setzt sich ein Muster der Arbeitsteilung durch, das den patriarchal und nicht selten gewaltsam organisierten Haushalt aus Erwerbszusammenhängen löst, Frauenrechte beschneidet und die haushaltliche Arbeit den Frauen zuweist. Auch die sozialstaatlichen Sicherungssysteme orientierten sich eher an den Lebensverläufen und -risiken von Erwerbstätigen. Diese Exklusionen und Diskriminierungen wurden von verschiedenen Wellen der Frauenbewegung thematisiert und es setzte ein langer Kampf um Rechte und Anerkennung ein.
  • Die Exklusionen, die Abwertung von Frauen und schließlich die vorherrschenden Gewaltverhältnisse wurden im Laufe der letzten Jahrhunderte in immer wieder neuer Weise kulturell-ideologisch oder ›wissenschaftlich‹ gerechtfertigt, indem z.B. auf die Gott- oder Naturgegebenheit der Teilungen, auf gegebene Eigenschaften von Männern und Frauen oder auf beiderseitige Vorteile verwiesen wurde. »In addition, reproductive rights, violence against women, prostitution, and pornography, which have occupied women activists since the beginning of women’s mobilization, continue to be at the heart of massive ideological conflicts« (2023, S. 196).
  • Am Beispiel Norwegens zeigen die Autorinnen schließlich auf, wie das Gender-Cleavage, in den Organisationen der Frauenbewegung, innerhalb von Parteien bzw. Gewerkschaften und in Interessenverbänden ihren Ausdruck fand. Nicht selten kam es auch zu einer Differenzierung in sozialdemokratische, liberale und konservative Strömungen. In anderen europäischen Ländern findet sich auch eine Differenzierung entlang des Arbeit-Kapital- bzw. des Staat-Kirche-Cleavages. »Opponents of the women’s movement have often been conservatives or Christian democrats, but could historically also be found among liberals, social democrats, or union activists, illustrating the crosscutting nature of the gender cleavage. Importantly, the gender cleavage has never consisted simply of an opposition of men against women. Even though women’s movements of different times and places have been made up mostly of women, they have always had the support of some men. At the same time, women have been included in organizations that oppose women’s rights« (S. 198). Auch in jüngster Zeit ist die Formierung explizit antifeministischer Bündnisse und Organisationen zu beobachten.

Die Autorinnen konstatieren schließlich: »Today, the women’s movements’ most obstinate opponents belong to the far right, for whom the struggle against so-called gender ideology has become a cornerstone of political orientation (…). Arguably, as women are trying to complete their ›incomplete revolution‹ (…), the gender cleavage is only becoming more salient« (2023, S. 204).

Modernity-Reactionary-Cleavage

Mastropaolo (2023, S. 94) hatte herausgestrichen, dass Lipset und Rokkan in ihren klassischen Arbeiten Organisationen der radikalen Rechten bzw. postfaschistische Parteien und Organisationen als ein eher marginales und länderspezifisches Problem begriffen hatten. Er resümiert: »They do not even mention the far right. Lipset in other works classifies fascism as a form of extreme protest that is typical of the middle class« (S. 102). Seit den 1980er Jahren erstarken rechte Bewegungen und Parteien in vielen europäischen Ländern; in politischen wie in wissenschaftlichen Diskursen wird summarisch häufig von ›Rechtspopulismus‹ gesprochen.

Mastropaolo geht davon aus, dass das Modernity-Reactionary-Cleavage als ein altes, aber auch neuen Phänomen zu begreifen sei, das von Lipset und Rokkan schlicht übersehen wurde. Es erschien nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst wenig attraktiv, hat aber nach und nach an Bedeutung gewonnen. Das Cleavage gehe letztlich auf die Französiche Revolution zurück: »the cleavage between the representatives of modernity and those who remain nostalgic for the Ancien Régime, spanning ultraconservatives, reactionaries, and fascists. The current populist parties are the heirs to this second tradition« (S. 99).

Eine systematische Elaboration dieses Cleavages ist jedoch nicht ganz einfach. Zwar lassen sich in europäischen Ländern aber auch in den Amerikas seit dem ›Trauma der Aufklärung‹ immer wieder Bewegungen und Parteien ausmachen, die im Sinne der Reaktion agieren, und es findet sich ein ›Pantheon‹ von reaktionären Denker:innen. Es stellen sich aber auch vielerlei Probleme der Abgrenzung, z.B. zwischen reaktionären und konservativen Organisationen und Positionierungen oder zwischen ›Rechtspopulismus‹ und Faschismus. Reaktionäre Organisationen passen sich beständig dem sich verändernden Zeitgeist und den variierenden politischen Rahmenbedingungen an.

In den letzten Jahrzehnten habe sich in den zumeist demokratisch verfassten europäischen und amerikanischen Ländern im Feld der politischen Repräsentation ein unerwartetes Gelegenheitsfenster für konservative und reaktionäre ›Unternehmer:innen‹ geöffnet: »the new condition of women, same- sex families, and other rapid shifts in societal customs and norms. For many voters, on the right, but also on the left, regardless of their educational background, and whether losers or winners, it is not easy to adapt. Nor is it easy to adapt to migration, multiculturalism, globalization, and terrorism. The new populist right has made anxiety and fear into the mainspring of its electoral supply: for thirty years, it has devoted itself to replacing class conflict with racial conflict« (2023, S. 107). Die ökonomische Rezession im Kontext der jüngsten Weltfinanzkrise bzw. der Eurokrise gefährdet zudem die sozioökonomische Positionierung bis hinein in die mittleren Klassen. Den Parteien der Rechten bzw. des rechten Populismus gelingt es sehr gut, dieses Gelegenheitsfenster zu nutzen. »But while reactionary sentiment is varied, populist parties, via their tactical choices and communication strategies, have skilfully manipulated and confounded different orientations to serve their electoral goals. This is one of the factors underpinning their current success« (S. 107).

Zusammenführung der älteren und neueren Konzepte

In den jüngeren Beiträgen zu Cleavages im 21. Jahrhundert wird der Horizont nicht selten auf das Zusammenspiel des Arbeit-Kapital-Cleavages mit dem in den letzten Jahrzehnten entstanden Universalismus-Partikularismus-Cleavage verengt. Damit wird jedoch die im Cleavage-Konzept zentrale Orientierung auf (soziale und politische) Prozesse der langen Dauer sträflich vernachlässigt. Pappi hatte Cleavages als dauerhafte politische Konfliktlinien bezeichnet, die auf sozialstrukturelle Entwicklungen zurückgehen. D.h. die auf der politischen Ebene identifizierten Spaltungen hängen auch mit sozioökonomischen bzw. soziokulturellen Positionierungen und ihrer Geschichte zusammen. Sozialstrukturell betrachtet, lassen sich die Spuren der klassischen Cleavages auch im 21. Jahrhundert noch auffinden. So sind über die Zentrum-Peripherie- bzw. die Stadt-Land-Konflikte innerhalb von Nationalstaaten bzw. quer zu Nationalstaaten unterschiedliche (städtische/ ländliche, zentrale/periphere) Wirtschafts-, Politik- und Sozialräume entstanden. Die Transformationen der (westlichen und östlichen) Industriegesellschaften bzw. die postsozialistischen Transformationsprozesse in den Ländern des östlichen Europas haben diese Strukturen weiter verkompliziert.

Damit sind auch ganz unterschiedliche Typen von Wohlfahrtsstaaten entstanden (vgl. Schmid 1995 und Manow 2007). Das impliziert unterschiedliche sozialpolitische Erwartungshaltungen und Gerechtigkeitsvorstellung. Sozialstrukturell spielen vor allem die recht unterschiedlichen Grade der Dekommodifierung von Arbeitssegmenten eine wichtige Rolle. So finden sich z.B. in Deutschland, das dem konservativen Modell zugerechnet wird, recht unterschiedliche Segmente von Branchen bzw. Arbeitsplätzen, die sich über den Grad der Exponierung gegenüber Marktlogiken erheblich unterscheiden: Der erste Sektor umfasst den bei Bund, Ländern und Gemeinden angesiedelten Öffentlichen Dienst. Zum zweiten Sektor werden die mehr oder weniger regulierten Teile der freien Wirtschaft gerechnet. Der dritte Sektor (inzwischen wird zumeist von Non-Profit-Sektor gesprochen) umfasst schließlich die privaten Organisationen ohne Erwerbscharakter (z.B. Wohlfahrtsverbände, Kirchen, aber auch Parteien und Verbände), die vor allem in der Gesundheits-, Pflege- und Sozialwirtschaft bzw. in der Zivilgesellschaft tätig sind. Wenn man dies mit dem liberalen Wohlfahrtsstaatmodell z.B. in den USA vergleicht wird deutlich, dass sich in beiden Ländern gewisse Grundmuster des Arbeit-Kapital-Cleavages finden, dass sich die spezifischen Konfliktlinien z.B. in den industriellen Beziehungen aber erheblich unterscheiden.

Fazit – Potentiale von Cleavage-Theorien

Ein großer Vorteil der Cleavage-Theorie liegt in der sozialhistorischen Perspektive. So kann überzeugend gezeigt werden, dass bestimmte Grundkonflikte der gesellschaftlichen Entwicklung lange Zeit überdauern konnten und dass sich ähnliche Konfliktstrukturen in vielen nationalstaatlichen Kontexten wiederfinden. Das gilt für Stadt-Land Konflikte, für Konflikte zwischen religiösen Gemeinschaften und Nationalstaaten bzw. zwischen Zentrum und Peripherie. Später tritt auch der Konflikt zwischen Kapital und Arbeit hinzu. Diese Konfliktlinien treten mal deutlicher, mal weniger deutlich zu Tage. Sie können auch zeitweilig (oder dauerhaft) in den Hintergrund treten; oft sind sie aber auch reaktivierbar, weil sie in Institutionen, Symbolwelten, im kollektiven Gedächtnis oder in Habitusmustern fortleben. Zu den Vorteilen des Ansatzes zählt auch seine relative ›Sparsamkeit‹; es werden bestimmte Grundmuster beschrieben, deren Ausprägungen dann raumspezifisch und zeitspezifisch variieren; dabei bilden sich Entwicklungspfade heraus.

Ein Blick in die Geschichte sozialer Bewegungen verweist aber auf eine Schwachstelle des Cleavage-Ansatzes, der auf die Konstituierung und Geschichte von Parteien oder ideologischen Blöcken fokussierte. Damit wurden wie erwähnt die sozioökonomischen und politischen Spaltungslinien entlang von Rassismus-Antirassismus und Sexismus-Antisexismus ausgeblendet. Konzeptionell werden diese Spaltungen zwar im Universalismus-Partikularismus Cleavage aufgenommen, die langen Entwicklungslinien dieser Cleavages (ihre Verfestigung in sozioökonomischen Positionierungen, Organisationen und das große Repertoire an Symboliken und Diskursen zur Legitimierung dieser Spaltungslinien) werden jedoch für ein Verständnis der Grenzen zwischen GAL- und TAN-Parteien kaum genutzt.

Für die Einordnung von Rechtspopulismus leisten die klassischen Konzepte einen wichtigen Beitrag, indem sich z.B. die langwirkenden Teilungslinien wie Stadt und Land bzw. Zentrum und Peripherie (mit Einschränkungen: Kirche und Staat) auch in rechtspopulistischen Programmen und Positionierungen wiederfinden. Die vorgeschlagenen Erweiterungen eröffnen zusätzliche Möglichkeiten, um die jüngere Entwicklung des Rechtspopulismus und seine politischen Positionierungen im Lichte länger wirkender Spaltungslinien (z.B. des Modernity-Reactionary- oder des Gender-Cleavages) zu begreifen.

Literatur

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Anmerkungen

  1. Edward P. Thompson (1987)hat das Konzept der ›moral economy‹ genutzt, um die Bedeutung von Gerechtigkeitsvorstellungen und moralischen Grundannahmen für die Herausbildung von Gruppenidentitäten in der entstehenden Arbeiterschaft im 18. und 19. Jahrhundert zu umreißen. ↩︎

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