
Arbeit und Sozialstruktur
Sozialstrukturen hängen eng mit der gesellschaftlichen Teilung von Arbeit zusammen. Nicht zufällig werden heutige Gesellschaften als Arbeitsgesellschaften bezeichnet. Daher liefert die Analyse von Arbeits- und Beschäftigungsverhältnissen einen Zugang zum Verständnis von Sozialstrukturen.
- Ein erweitertes Verständnis von Arbeit
- Arbeit und Sozialstrukturen
- Literatur
- weiterlesen …
Ein erweitertes Verständnis von Arbeit
Arbeit sollte dabei in einem erweiterten und vernetzten Sinne begriffen werden.
- Jenseits der Erwerbsarbeit geht es um unbezahlte (und bezahlte) Arbeit in der Reproduktionssphäre: z.B. Erziehungsarbeit, Sorgearbeit oder Netzwerkarbeit.
- Neben der legalen, regulierten und freien Arbeit finden sich in Ländern des globalen Nordens auch ganz andere Sphären von Arbeit: Scheinselbständigkeit, Werkvertragsarbeit, offene und subtile Formen der Zwangsarbeit
- Es interessiert die soziale Verknüpfung dieser Arbeiten, wenn häufig männliche ›Vollerwerbsarbeit‹ mit ›Teilzeitarbeit‹ von Frauen verbunden wird.
- Bedeutsam sind auch die transnationalen Verknüpfungen von Arbeit, wenn die gut geschützte Montagearbeit in einem Automobilwerk im globalen Norden mit kaum regulierter Arbeit entlang der Zuliefererkette verbunden ist oder wenn die Vollerwerbstätigkeit von Frauen den Einsatz von wenig geschützten Arbeitskräften (für Reinigung, Erziehung, Pflege) aus dem In- und Ausland erfordert.
Arbeit und Sozialstrukturen
Der Zusammenhang zwischen Sozialstrukturen und Arbeit bzw. Arbeitsteilung kann aus verschiedenen Perspektiven analysiert werden:
- sozioökonomische Perspektive: Die Teilung von selbstständiger und abhängiger Arbeit ist als ein konstitutives Element kapitalistischer Produktion zu begreifen. Auch die hierarchische Teilung von Arbeit in einem Betrieb oder einer Verwaltung geht mit Unterschieden in der Qualifikation, in den Einkommen, in der sozialen Sicherung, in der Beschäftigungssicherheit, wie auch im sozialen Ansehen einher; hier werden Sozialstrukturen sichtbar und erfahrbar. Dementsprechend wurden die sozioökonomischen Differenzierungen der Arbeit in Klassenmodellen verschiedener Art aufgenommen.
- intersektionale Perspektive: Wenn man in intersektionaler Perspektive untersucht, wie Arbeit (im weiteren Sinne) zwischen verschiedenen Personengruppen (z.B. Männer und Frauen, Autochthone und Migrant:innen, Vollbürger:innen, Bürger:innen mit eingeschränkten Rechten und Rechtlose, Menschen mit und ohne Behinderung) geteilt wird, wird deutlich, wie Prozesse der Veranderung (othering) mit Prozessen der sozialen Schichtung (nicht deterministisch) zusammenhängen. Indem auf diese Veranderungen bei der Teilung von Arbeit und ihrer Legitimierung zurückgegriffen wird, materialisieren sich diese. So werden z.B. aus geschlechtlich gelabelten Menschen Männer und Frauen mit ganz typischen Arbeits- und Lebenswegen bzw. -erfahrungen.
- sozialpolitische Perspektive: In dem die Alterssicherung in Deutschland für viele eng mit der Erwerbsbiografie verbunden ist, spiegeln sich in den sozialen Ungleichheiten im Alter die im Arbeitsleben kumulierten Unterschiede: bei der Einkommenshöhe, beim Arbeitsvolumen, der Dauer und Stetigkeit einer Erwerbsbiografie etc.
- soziokulturelle Perspektive: Mit den Teilungen von Arbeit bilden sich auch ganz spezifische Arbeitskulturen, -normen und -ethiken heraus. Auf der Makroebene untersuchte Max Weber (1920) die Bedeutung der ›protestantischen Ethik‹ für die Herausbildung des Kapitalismus; Edward P. Thompson (1987) analysierte die ›moralische Ökonomie‹ in der entstehenden Arbeiterklasse. Auf der Mesoebene lassen sich Ethiken bestimmter Milieus, Berufs- oder Beschäftigtengruppen ausmachen. Auf der Mikroebene sind spezifische Sozialordnungen (Kotthoff/ Reindl 2019) auszumachen, die sich in Betrieben herausbilden.
- transnationale Perspektive: die Positionierung von Arbeitskräften aber auch von Ländern im Kontext globaler Lieferketten geht immer auch mit sozialen Positionierungen einher. So betrachtet hat man es nicht nur mit nationalen, sondern auch mit transnationalen Sozialräumen zu tun, die sich nach dem Einkommensniveau, dem Grad der Regulierung und Sicherung von Arbeit, nach Gesundheit und Lebenserwartung gravierend unterscheiden.
- soziobiografische Perspektive: Im Lebensverlauf wird erkennbar, wie Menschen – ausgestattet mit den (ökonomischen, kulturellen und sozialen) Kapitalien ihrer Elterngeneration – Qualifizierungs- und Erwerbswege einschlagen, die dann vor allem über kumulative Effekte in differente soziale Lagen führen. Dabei geht es neben der Kumulation von Einkommen (oder Schulden) um die Kumulation von (physischen oder psychischen) Belastungen und schließlich um die Kumulation von Anerkennungs- bzw. Diskriminierungserfahrungen. Arbeit fungiert so als eine wichtige Sozialisationsinstanz und trägt zur Habitusgenese bei.
- sozialhistorische Perspektive: Die Entwicklung verschiedener Formen und Phasen der kapitalistischen Produktion und der darin geleisteten Arbeit, die damit verbundenen Transformationen der häuslichen Arbeitsteilung wie der weltgesellschaftlichen Arbeitsteilung haben Sozialstrukturen und die Mechanismen ihrer Reproduktion national wie global verändert.
Im Lichte dieser Brückenschläge zwischen Arbeitsteilung und Sozialstruktur ist der Argumentation Voswinkels zuzustimmen, der deutlich macht, dass die Analyse von Arbeit und die Analyse von Gesellschaft eng verknüpft sind. Er konstatiert, »dass die Arbeitssoziologie zum einen eine hochprofessionelle Bindestrichsoziologie ist, dass sie aber stets in ihrem Zusammenhang mit der Gesellschaft und damit auch der Gesellschaftstheorie verstanden werden muss, weil gerade Arbeit von der spezifischen Form der Gesellschaft geprägt und zugleich für die Entwicklung der Gesellschaft von zentraler Bedeutung ist« (2021 S. 4).
Dennoch ist ein einfacher Schluss von der Positionierung innerhalb der Arbeitswelt (soziale Positionen) auf die sozialstrukturelle Verortung (soziale Lagen) nicht so einfach möglich, wie es einige klassentheoretische Ansätze suggerieren. Das liegt daran,
- dass sich soziale Lagen über Kumulierungsprozesse im Lebensverlauf einstellen. Bad jobs sind für die einen ein ›Dauerzustand‹, dem man nur kurzfristig entkommen kann; für andere sind sie ein ›Zuverdienst‹ oder eine ›Zwischenstation‹ in Prozessen des sozialen Aufstiegs; für dritte sind sie (z.B. vor dem Hintergrund ihrer Migrationsgeschichte) lukrativ, weil sie einen Einstieg in den Arbeitsmarkt ermöglichen.
- dass soziale Lagen immer auch in einer Generationenperspektive zu begreifen sind. D.h. Menschen starten biographisch betrachtet nicht an einem Nullpunkt; vielmehr beginnt ihr Sozialisations-, Qualifikations- und Berufsweg in ganz unterschiedlichen Elternhäusern, sozialen Umfeldern und nationalen Kontexten.
- dass Menschen nicht selten verschiedene (bezahlte und unbezahlte) Arbeitstätigkeiten kombinieren.
- dass die soziale Positionierung in der Arbeitswelt durch den Zugang zu sozialstaatlichen Rechten und Leistungen gesichert und verbessert werden kann (oder auch nicht)
- dass Menschen schließlich in ganz unterschiedlicher Weise mit den Positionierungen innerhalb und außerhalb der Arbeitswelt umgehen und sich in ihren Arbeits- und Lebensverhältnissen einrichten.
Literatur
Kotthoff, Hermann/ Josef Reindl 2019: Die soziale Welt kleiner Betriebe. Wirtschaften, Arbeiten und Leben im mittelständischen Industriebetrieb, Wiesbaden: Springer VS
Thompson, Edward P. 1987: Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse (Bd. 1), Frankfurt: Suhrkamp
Voswinkel, Stephan 2021: Arbeitssoziologie und Gesellschaftstheorie. Perspektiven der Arbeitssoziologie 2, in: Institut für Sozialforschung Frankfurt, Working Paper #14
Weber, Max 1920: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, in: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. I, Tübingen: Mohr Siebeck, S. 17-206