
Sozialwissenschaftliche Erklärungen von Rechtspopulismus
Mit der wissenschaftlichen Analyse von rechten bzw. populistischen Phänomenen sind insbesondere seit den 1980er Jahren verschiedene sozialwissenschaftliche Disziplinen befasst. Im Folgenden soll zum einen eine Sichtung der dabei verfolgten Strategien erfolgen; zum anderen sollen wichtige Erklärungstypen aufgeführt werden.
Übersicht:
- Kulturen der Analyse und des Erklärens
- Repertoire von Erklärungen
- Sozioökonomische Erklärungen
- Soziokulturelle Erklärungen
- Sozialpsychologische Erklärungen
- Politische Erklärungen
- Modellierung von komplexen Erklärungen
- Modellierung des politischen Feldes
- Modellierungen der Wahlforschung
- Modellierung von (rechten) politischen Positionierungen
- Modellierung sozialer Gruppen
- Fazit – sozialwissenschaftliche Erklärungen
- Literatur
Kulturen der Analyse und des Erklärens
Die Sozialwissenschaften haben sich im 20. Jahrhundert disziplinär ausdifferenziert. Für die hier interessierenden Fragen sind vor allem die Beiträge der Politikwissenschaft, der Soziologie bzw. der Sozialpsychologie von Interesse. Im Rahmen der verschiedenen Disziplinen wurden je unterschiedliche Ausschnitte der sozialen Welt (z.B. ›soziale‹ oder ›politische‹ Phänomene) in den Blick genommen. Dabei haben sich unterschiedliche Begriffssysteme, Argumentationen und Theorien herausgebildet und es wurde mit unterschiedlichen Methoden gearbeitet. So sind spezifische Kulturen und Konventionen des wissenschaftlichen Erklärens entstanden. Die Logik des Durkheimschen Diktums, Soziales nur mit Sozialem zu erklären (Durkheim 1984, S. 193), hat sich auch in den benachbarten Disziplinen durchgesetzt. Innerhalb der einzelnen Disziplinen lassen sich dann aber auch verschiedene Schulen, Theorieansätze oder Generationen von Forschenden unterscheiden.
Dieser disziplinären Ausdifferenzierung der wissenschaftlichen Analysen der Sozialen Welt kann man kaum entkommen; sie hat sich in den Institutionen und Kulturen des wissenschaftlichen Feldes, in Infrastrukturen und schließlich in den Ausbildungs- und Karrierewegen der Forschenden festgesetzt. Stabilisierend sind dann aber auch die Erwartungen der (ihrerseits oft disziplinär ausgebildeten) Rezipient:innen an eine typische ›soziologische‹, ›psychologische‹, ›ökonomische‹, ›politikwissenschaftliche‹ oder ‹historische‹ Erklärung.
Die Frage, welchen Fokus man wählt, wie man die interessierenden Phänomene abgrenzt, welchen Wirklichkeitsstatus man ihnen zuweist, wie man sie benennt und mit welchen Methoden man sie untersucht, ist für die wissenschaftliche Analyse von entscheidender Bedeutung. Exemplarisch seien einige Varianten der Fokussierung bei der Analyse von rechten bzw. populistischen Phänomenen angeführt.
Eine politische Perspektive scheint bei der Analyse von rechten bzw. populistischen Phänomenen auf der Hand zu liegen. Dabei wurden jedoch ganz unterschiedliche Aspekte dieser Phänomene beleuchtet. So erfolgte eine Fokussierung auf
- Inhalte und Formen, wenn Diskurse, Themen, Programme oder Konfliktlinien untersucht werden
- Akteure, indem soziale Bewegungen, Parteien oder einzelne Führungsfiguren analysiert werden
- Wählende und zu Organisierende und deren Dispositionen, Einstellungen bzw. Motive
- Institutionen, wenn die latenten Probleme der Demokratie oder Veränderungen im Parteiensystem zum Gegenstand werden
- das Handeln von rechtspopulistischen Kräften in Parlamenten und Regierungen
- schließlich auf die historische Entwicklung rechter Organisationen bzw. des rechten Feldes.
In soziologischer bzw. sozialpsychologischer Sicht werden rechte bzw. populistische Phänomene in andere Zusammenhänge gestellt; es kommt zu einer Dezentrierung des Politischen. Populismus oder Rechtsextremismus werden so eher als Ausdruck, als ›Nebenprodukt‹ oder ›Begleiterscheinung‹ sozialen Wandels, eines veränderten Blicks auf die soziale Welt oder einer Verschiebung von Diskursen gelesen. Im Zentrum standen
- Prozesse des sozioökonomischen Wandels: Veränderungen des Kapitalismus, der Erwerbswelt (Arbeit und Beschäftigungsverhältnisse) und der Regulation oder die Frage nach Gewinner:innen und Verlierer:innen von Modernisierungsprozessen
- Prozesse des soziokulturellen Wandels: Veränderungen der Lebensweise, Prozesse der Vergesellschaftung und Individuierung, Veränderung von Klassen und sozialen Milieus
- Prozesse des Wandels von Subjekten, Dispositionen, Einstellungen und Werten.
Dabei haben sich je unterschiedliche methodische Zugänge herausgebildet. Auch diese legen wiederum spezifische Muster des Erklärens nahe, wenn z.B. eher qualitative oder eher quantitative Forschungsmethoden gewählt werden oder wenn eher auf zeitgenössische oder historische Zugänge fokussiert wird.
Alle Sozialwissenschaftler:innen, die sich mit der Systematisierung und Erklärung von rechten bzw. populistischen Phänomenen befasst haben, sind sich darin einig, dass man es mit komplexen politischen, sozialen und kulturellen Phänomenen zu tun hat. Diese Komplexität wird zum einen eher additiv angegangen, indem man das vorliegende Repertoire von Erklärungen sichtet und systematisiert. Zum anderen finden sich Ansätze, die verschiedene Elemente dieses Repertoires mit Hilfe von Modellen zu einer zusammenhängenden Argumentation verdichten.
Repertoire von Erklärungen
Systematisierende Darstellungen des Repertoires vorliegender Erklärungen finden sich in den nicht wenigen Handbüchern z.B. zur Populismus- bzw. Rechtsextremismusforschung, in einführenden und zusammenfassenden Darstellungen bzw. in Handreichungen für den politischen Diskurs. Das Problem dieser summarischen Darstellungen liegt darin,
- dass das zu erklärende Phänomen oft unscharf bleibt: geht es z.B. um Populismus, Rechtspopulismus oder Rechtsextremismus
- dass mit einem monolithischen und verdinglichenden Verständnis von vermeintlich klar abgrenzbaren Phänomenen (z.B. Rechtspopulismus) gearbeitet wird
- dass die zu erklärenden Aspekte des Phänomens unbestimmt sind: Geht es um die Wähler:innen, die Aktivisten von rechtspopulistischen Gruppen, um deren Wirken in Parlamenten oder Regierungen oder um Folgen für Demokratie und Gesellschaft?
- dass das rechte Feld eine lange Vorgeschichte hat und nicht klar abgrenzbar ist – Organisationen entstehen, wandeln sich und können auch verschwinden. Zudem funktioniert das politische Feld relational; d.h. andere politische Akteure reagieren, grenzen sich ab oder schließen Allianzen.
Trotz dieser Unschärfen ist eine Reihe von verursachenden Faktoren auszumachen, die in vielen Darstellungen benannt werden. Sie werden hier in eine Ordnung gebracht, die sich an den gängigen Etikettierungen orientiert. Dabei lassen sich die disziplinäre Strukturierung, verschiedene Erklärungsebenen (Makro-, Meso-, Mikroebene) und schließlich spezifische Argumentationsmuster (z.B. Krisen als Treiber) erkennen.1
Sozioökonomische Erklärungen
Sozioökonomische Argumentationen spielen bis heute bei der Erklärung der Zunahme von rechten und populistischen Phänomenen eine wichtige Rolle. Seit dem 19. Jahrhundert diente die Identifizierung von sozialen Problemlagen und Krisenkonstellationen dazu, um soziale Gruppen zu ›mobilisieren‹ und Reformen oder weiterreichende gesellschaftliche Umbrüche zu ›legitimieren‹. Typischerweise waren dies Problemanalysen, die Ungleichheiten in einer sozialstrukturellen Lesart thematisierten; die darüber entstehenden Bewegungen und Parteien und deren Programmatik wurden oft als ›links‹ gelabelt. Diese Konstellation hat auch in den parallel entstehenden Sozialwissenschaften ihre Spuren hinterlassen.
Die heutige Situation stellt sich in vielen Ländern des globalen Nordens anders dar. Im politischen Feld werden soziale Probleme, wie z.B. unzureichende Einkommen, Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit oder Gefühle der Unsicherheit, immer auch in einen eher rechten Deutungskontext eingefügt. Die Probleme werden nicht nur Oben-Unten-Ungleichheiten angelastet; sie werden auch in einer Innen-Außen-Dimension gelesen und mit Prozessen der Migration und Integration in Zusammenhang gebracht – im Vergleich mit der NS-Ideologie lassen sich Unterschiede, aber auch sehr viele Gemeinsamkeiten erkennen.
Konjunkturelle und längerfristige strukturelle Krisen gehörten seit der Etablierung des Kapitalismus zum gesellschaftlichen Alltag; daraus speisten sich schon immer Hoffnungen auf seinen baldigen ›Zusammenbruch‹. Werner Plumpe moniert, dass diese ›Unkenrufe‹ ins Leere gehen, weil sie dem ›kapitalistischen System‹ feste Strukturen unterstellen, die es so nicht gebe. »Entscheidend ist, dass der Kapitalismus als wirtschaftliche Verfahrensweise kein Zentrum hat, das ihn steuert (…). Diese Zentrumslosigkeit, das Fehlen eines (…) Herzens, ist das eigentliche Geheimnis, das auch der Wandlungs- und (…) der Überlebensfähigkeit des Kapitalismus zugrunde liegt. Krisen treffen nie den Kapitalismus als solchen, sondern einzelne Akteure, deren Ersetzen in dieser dezentralen Welt wirtschaftlichen Handelns zumeist einfach möglich ist, ja die Handlungschancen anderer unter Umständen noch verbessert und den Strukturwandel insgesamt vorantreibt. Entsprechend sind die regelmäßigen Wirtschaftskrisen letztlich Häutungen« (2019, S. 34).
Dennoch werden gravierende wirtschaftliche Krisen immer wieder als Erklärung politischer Umbrüche herangezogen. So wurde z.B. der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre eine zentrale Rolle beim Erstarken des Faschismus zugemessen (Mudde 2009, S. 205 f.). Die argumentative Logik dieser Krisenrhetoriken hat sich immer wieder verändert. Ging es in den 1970er Jahren zumeist um die Krisen des ›Spätkapitalismus‹, waren es zum Ende des 20. Jahrhunderts die Krisen des ›neoliberalen Kapitalismus‹ und später die Krisen des ›Finanzkapitalismus‹. Nach und nach gerieten auch ökologische Krisen in den Blick. Nicht selten wird dann auf die Kumulierung von ›Krisen‹ verwiesen. So sprechen Amlinger und Nachtwey salopp von einer Polykrise von Klimawandel, Krieg, Pandemie, Handelskrisen und Folgen digitaler Technologien (2025, S. 30).
Frankenberg und Heitmeyer (2022) unterscheiden Krisen verschiedener Reichweite, um die Treiber autoritärer Entwicklungen auszumachen. Als sektorale Krisen, die nur einzelne Teilsysteme betreffen, begreifen sie die Post-9/11 Ära, die Folgen der Hartz-Reformen, die Banken- und Finanzkrise 2008/2009 und schließlich die Flüchtlingsbewegungen 2015/2016 – die Liste würde heute noch etwas länger ausfallen. Von systemischen Krisen, die Gesellschaften als Ganze erfassen, sprechen sie angesichts des Klimawandels, der Corona-Pandemie oder des russischen Kriegs gegen die Ukraine. Diese Krisen lösen neben unmittelbaren Wirkungen auch individuelle und kollektive Ängste und Befürchtungen aus. Ängste begreifen sie als »gegenstandsgerichtete Warnungen vor tatsächlichen Gefahren«; davon unterscheiden sie »ungerichtete (neurotische) oder abstrakte Befürchtungen« (S. 52). Ängste schlagen in Befürchtungen um, wenn es im politischen Raum nicht gelingt, diese anzugehen und einzuhegen. »In dieser Situation mutieren selbst Realängste, die vor greifbaren, konkreten Gefahren warnen, zu frei flottierenden, allfälligen Befürchtungen, die jede Risikoeinschätzung verhindern und irrationale Rettungsbedürfnisse wecken. Diese werden von autoritären Bewegungen und Organisationen ausgebeutet, die sich darauf verlegen, zunächst die Ängste zu schüren (…), um ihre Anhänger dann mit wahnhaften Rettungsphantasien zu versorgen« (S. 53).
Klaus Dörre bringt die Entwicklung des Autoritarismus im 21. Jahrhundert mit einer »epochalen ökonomisch-ökologischen Zangenkrise in Zusammenhang«. Er geht davon aus, dass die systemischen Zwänge zu Marktexpansion und erweiterter Reproduktion immer auch komplexer Selbststabilisierungsmechanismen bedürfen; dazu gehören z.B. Kreditsysteme, Innovationssysteme oder Wohlfahrtsysteme, organisierte Arbeitsbeziehungen, soziale Reproduktionsleistungen oder geregelte Gesellschaft-Natur-Beziehungen. Nunmehr werden jedoch wichtige Stabilisierungsmechanismen durch die marktgetriebene Globalisierung selbst unterminiert. »Zangenkrise besagt, dass das wichtigste Mittel zur Pazifizierung interner Konflikte im Kapitalismus, die Generierung von Wirtschaftswachstum, unter Status-Quo-Bedingungen ökologisch zunehmend destruktiv und deshalb gesellschaftszerstörend wirkt« (2022, S. 216, Fn. 1). Diese Zangenkrise »überbietet den Modus Operandi großer Akkumulationskrisen. Sie signalisiert, dass die expansive Bewegung kapitalistischer Marktvergesellschaftung auf einem Planeten mit endlichen sozialen und natürlichen Ressourcen tendenziell an absolute Grenzen stößt« (S. 219 f.).
Um zu klären, wie eine solche Krise mit dem Erstarken der Rechten zusammenhängt, verweist Dörre auf ein Konzept von Karl Polanyi. Während sich Klassenbewegungen, typischerweise gegen eine identifizierbare gegnerische Klasse richten und auf mehr Gleichheit zielen, richten sich »Bewegungen Polanyi’schen Typs (…) bevorzugt gegen eine expansive Marktmacht, die den Angehörigen beherrschter Klassen als diffus und abstrakt erscheint. (…) die Kritik an ihr kann in unterschiedliche Richtungen politisiert werden. Möglich ist, dass marktkritische Bewegungen reaktiv-nationalistische oder gar faschistisch-terroristische Züge annehmen« (S. 236). Man habe es weiterhin mit Klassenkonflikten zu tun. Nur finde sich neben inklusiven Formen der Solidarität auch »eine Tendenz zu exklusiver Solidarität, die sich nicht allein gegenüber dem Kapital, dem Management oder den Vorgesetzten, sondern auch von prekär Beschäftigten, Migranten, Armen wie Arbeitslosen abgrenzt. Entsprechende Weltsichten bieten sich für eine Radikalisierung durch einen rechten Autoritarismus an, der klassenspezifische Oben-Unten- in ausschließende Innen-Außen-Konflikte umdefiniert. (…) Den Vorrang nationaler Einheit vorausgesetzt, kann eine kapitalismuskritische Rhetorik leicht ins Völkische transformiert werden« (S. 237).
Das wird durch Gefühle sozialer Abwertung weiter verstärkt. Dabei gehe es nicht nur um geringe Einkommen, sondern um »den gesamten Lebenszusammenhang – die strukturschwache Region; den Stadtteil, in den man nicht geht; hohe Mieten in der Stadt; bröckelnde soziale Infrastruktur und Mobilitätsbarrieren auf dem Lande«. Daher seien Gefühle sozialer Abwertung »in peripheren Regionen auch unter hoch qualifizierten Angestellten (…) verbreitet« (S. 238). Schließlich spielen auch Abstiegsängste, die Sorge den oft mühsam erreichten Lebensstandard nicht halten zu können, eine wichtige Rolle als Treiber autoritärer Entwicklungen.
Die sozioökonomischen Argumentationen sind typischerweise mehrstufig angelegt: zum einen konstatieren sie Krisen verschiedener Art; zum anderen verweisen sie auf die sozialen, kulturellen und politischen Folgen dieser Krisen und auf die Modi ihrer individuellen und kollektiven Verarbeitung. Viele Argumentationen leuchten auf den ersten Blick vielleicht ein; so lassen sich Krisen und darüber entstehende Ängste und Sorgen allerorten beobachten. Ob und wie diese jedoch mit dem Erfolgen im rechten Lager zusammenhängen, ist weitaus schwerer nachzuweisen. Auch die Frage, warum Menschen in ähnlichen Lagen recht unterschiedlich auf Krisen reagieren und diese politisch verarbeiten, bleibt offen.
Soziokulturelle Erklärungen
Unter dem soziokulturellen Label wird eine breite Palette von Ansätzen zusammengefasst, die Phänomene des Rechtspopulismus neben einer sozioökonomischen Perspektive auch als Ausdruck von ›kulturellen‹ Veränderungen begreifen, die ganz unterschiedlich kontextualisiert werden. Man spricht z.B. von Post- oder Nachmoderne, Wertewandel oder Desintegration und analysiert neue Konfliktlinien zwischen modernen und postmodernen Werten, zwischen Kosmopolitismus und Nativismus, zwischen den Werten von Autochthonen und Zugewanderten etc. Einige dieser Argumentationen werden im Folgenden vorgestellt.
Wertewandel
Norris und Inglehart (2018) bringen die jüngeren ökonomischen (Krisen und Transformationsprozesse) und sozialen (Geschlechterverhältnisse, Zuwanderung, Diversität) Umbrüche mit langfristig beobachtbaren Prozessen des Wertewandels in Zusammenhang. So hatte Inglehart in früheren Analysen einen in den 1970er Jahren einsetzenden Wandel von eher materiellen zu eher postmateriellen Wertorientierungen konstatiert. Als Indikatoren materieller Präferenzen fungierten das Interesse an ›Ruhe und Ordnung‹ bzw. an ›Inflationsbekämpfung‹; demgegenüber stehen die postmateriellen Interessen an ›Partizipation‹ und ›Selbstverwirklichung‹. Heute impliziert dies auch Themen wie Umweltschutz, Geschlechtergerechtigkeit, Kosmopolitismus, Demokratie und Menschenrechte etc. Dieser Wandel vollziehe sich eher in den jüngeren Generationen, setzte sich im Laufe der Zeit aber gesellschaftlich fort.
Die beiden Autor:innen stehen nun vor dem Problem, wie trotz dieses fundamentalen Trends die wachsende Bedeutung eines autoritären Populismus in jüngerer Zeit erklärt werden kann. Hier verweisen sie zum einen auf Veränderungen des politischen Angebots. Neben die eher an sozioökonomischen Konflikten orientierte Links-Rechts-Ordnung sei eine an soziokulturellen Konflikten (um Grenzkontrollen, Integration, Terrorismusbekämpfung, LGBTIQ-Rechte etc.) ausgerichtete Ordnung getreten. »The changing policy agenda stimulated a cultural backlash in which Authoritarian-Populist parties, leaders and movements channel active cultural resistance against the changes linked with these new issues. The grievances and resentment exploited by Authoritarian-Populists has helped legitimize xenophobic and misogynistic forces« (S. 51). Dieser Backlash sei zum einen schlicht als Gegenreaktion, als Sorge um Einflussverlust zu begreifen. Eine wichtige Rolle spielen dabei auch neue Medien. Zum anderen verweisen die Autor:innen auf demographische Effekte (Verteilung von Älteren und Jüngeren) sowie auf Effekte der Wahlbeteiligung und der Wahlsysteme.
Sozio-kulturelle und politisch-kulturelle Differenzierungen
Vertreter:innen dieses Ansatzes stehen für eine soziokulturelle Erweiterung der Analyse populistischer Phänomene und propagieren eine relationale bzw. performative Perspektive; sie beziehen sich verschiedentlich auf Konzepte Pierre Bourdieus. Ostiguy (2017) unterscheidet zwei Dimensionen:
- In einer soziokulturellen Dimension geht es um den Gegensatz zwischen kosmopolitischen und lokalistisch bodenständigen Orientierungen bzw. zwischen einem gepflegt distanzierten und einem ungehobelt direkten Politikstil.
- In einer politisch-kulturellen Dimension stehen sich prozedural formalistische und personenbezogene Formen der Führung und Entscheidungsfindung gegenüber. Damit ergibt sich eine politische Konstellation, in der ein politisch- und sozial-kulturelles oberes (hoch bewertetes) Lager einem unteren (abschätzig bewerteten) Lager antagonistisch gegenübersteht.
Nicht zufällig korrespondiert diese sozial- bzw. politisch-kulturelle Oben-Unten-Struktur mit der sozialen Lage der typischen Wählerschaft. Wenn man diese Einordnung nun mit der Rechts-Links-Ordnung zusammenführt, ergibt sich ein zweidimensionales politisches Feld.
Damit ist ein Perspektivwechsel verbunden. »Populism, in this perspective, stands for a repertoire of transgressive performances, in which the social norms and cultural precepts of ›standard‹, ›polite‹, procedural and institutional politics are overstepped (…). Transgressing the rules of ordinary politics, populists contrast institutional norms of propriety to the authentic alterity of the people, which the institutional powers that behave ceased to understand. In this way, populist leaders seek to display the promise of a more immediate embodiment of the people than is provided by existing representative democracy« (Westheuser/ Ostiguy 2024, S. 2).
Im Unterschied zu Ansätzen, die auf Inhalte und Ideologien des Populismus fokussieren, geht es hier um den populistischen Modus, Politik zu betreiben, um Fragen der Performanz. So wird Populismus begriffen: als ein politischer Stil, als eine Technik der Ansprache und Präsentation, als ein Modus der Beziehung zwischen Bürger:innen und Politiker:innen und als eine Form der politischen Repräsentation des ›wahren Volkes‹.
Man knüpft an vertraute Symboliken der Klassenpolitik an und modifiziert sie. »Populist aesthetics are thus deeply entangled in a symbolic class politics, although on a level that is distinct from both organized class interests and overt appeals to class (e.g. in the sense of addressing ‘the workers’). Populism can be understood as a type of symbolic group appeal to dominated class segments not constituted as a class in the political sense« (S. 14).
Populismus als Komplexitätsreduktion
Ralf Dahrendorf hatte 2003 in einem Beitrag konstatiert: »Populismus ist einfach, Demokratie ist komplex: das ist am Ende vielleicht das wichtigste Unterscheidungsmerkmal zwischen den beiden Formen des Bezuges auf das Volk« (2003, S. 159). Georg Vobruba ist diesem Gedanken weiter nachgegangen und bringt die zunehmende Komplexität von Gesellschaften mit den Vereinfachungen populistischer Deutungsangebote in einen Zusammenhang. Soziale Komplexität sei nicht allein an zunehmende Dichte (z.B. durch Prozesse der Verstädterung) und Reichweite (z.B. durch nationale und internationale Vernetzung) gebunden: »Komplex ist eine Gesellschaft erst dann, wenn sich eine Ebene ausdifferenziert, die gegenüber dem von Intentionen geleiteten Handeln relativ autonom ist und einer gewissen Eigenlogik folgt« (2020, S. 113). Die zentrale Frage sei nunmehr, wie die Interpretationskompetenz der Bevölkerung mit der wachsenden sozialen Komplexität Schritt halten könne.
Nicht zufällig entstehen die ersten populistischen Bewegungen im 19. Jahrhundert als die Modernisierungsprozesse in vielen Ländern erhebliche ökonomische und kulturelle Umbrüche mit sich brachten (S. 136). So gehören das Misstrauen gegenüber der Großstadt und die Stilisierung von (übersichtlichen) Gemeinschaften zu wiederkehrenden Figuren populistischer Rhetorik. Exemplarisch lassen sich die Vereinfachungsangebote an einigen Beispielen aufzeigen:
- Gesellschaftliche Phänomene, die typischerweise auf das Zusammenwirken verschiedener machtbewährter Akteure und nicht selten auf nicht-intendierte Handlungseffekte zurückgehen, werden abgrenzbaren Gruppen zugeschrieben, z.B. den ›Eliten‹, den ›Politiker:innen‹, den ›Zugewanderten‹ oder den ›Faulen‹.
- Das ›Volk‹ wird demgegenüber als eine gegebene und homogene Einheit modelliert. »Naturalisierende Vorstellungen vom ›Volk‹ treten in der Regel in der Form der Vorstellung einheitlicher Nationen auf. Auf die populistische Vorstellung des ›Volkes‹ lassen sich einige Merkmale populistischer Politik direkt zurückführen: Xenophobie, Globalisierungsskepsis, Freund-Feind-Denken. Zugleich wird ›das Volk‹ als eine Einheit, allerdings nicht als eine Einheit Gleicher, vorgestellt. Dem Volk werden gemeinsam geteilte grundlegende Werthaltungen, Einstellungen und Interessen zugeschrieben, die es möglich machen, es als einheitlichen Akteur aufzufassen« (S. 137). Gesellschaft wird so konfliktfrei gedacht.
- Gegenüber aufwändigen Aushandlungsprozessen, an denen verschiedene Akteure und Institutionen beteiligt sind, erscheint das Versprechen der ›direkten Demokratie‹ reizvoll. Die Berufung auf das Volk ist jedoch eine Fiktion. »Der Populist projiziert erst seine politischen Vorstellungen in die Fiktion ›Volk‹, um sich dann zur Legitimation seiner Politik auf dieses Volk zu berufen. In der Logik des Populismus sind die unterschiedlichen Interessen und Wünsche in der Gesellschaft eher eine Art Speisekarte, aus der man geeignete Anknüpfungspunkte für die eigene Politik wählt. (…) Insofern ist der Populismus (…) inhaltlich selektiv. Ihm liegen Antipluralismus, Einschränkung der Gewaltenteilung, Wissenschaftsskepsis, Antitransnationalismus« (S. 140) zu Grunde.
- Entgegen der komplexen nationalen wie transnationalen Einbindung von Politik wird eine umfassende Handlungsvollmacht imaginiert. »Daraus folgt, dass populistische Politik (…) einen weiteren Handlungsspielraum beansprucht, als er rechtlich und faktisch gegeben ist. Konsequenz davon ist die Tendenz, Politik über die demokratische Gewaltenteilung zu stellen. Ebenso zwingend ist, dass Beschränkungen des politischen Handlungsspielraums, von innen und von außen, bekämpft werden« (S. 141 f.).
Modernisierung, Desintegration, Anomie
Die Idee, Phänomene des Populismus ursächlich mit den Modernisierungsprozessen des 19. und 20. Jahrhunderts in Zusammenhang zu bringen, liegt auf der Hand. »Modernization theorists believed that commercialization, loss of community, booming inequalities, disorienting modernization, and relative deprivation led to the spread of populism. Durkheimian and mass society theory concepts such as anomie and atomization were central to explaining why lonely people were drawn to manipulative leaders« (Tuğal 2021, S. 329).
In den 1960er Jahren hatte Seymour Martin Lipset (1960) Prozesse der Demokratisierung und der Modernisierung in einen engen Zusammenhang gebracht. Scheuch und Klingemann (1967) waren davon ausgegangen, dass Rechtsextremismus als eine ›normale Pathologie‹ freiheitlicher Industriegesellschaften zu begreifen sei. Decker und Lewandowsky (2017) konstatieren: »Populistische Parteien und Bewegungen sind ein Phänomen gesellschaftlicher Modernisierungskrisen; sie treten auf, wenn infolge zu raschen Wandels oder zu großer Verwerfungen bestimmte Bevölkerungsgruppen Wert- und Orientierungsverluste erleiden. Diese Verluste gehen mit Statusangst, Zukunftsunsicherheit und politischen Entfremdungsgefühlen einher. (…) Handelt es sich bei den historischen Populismen um zeitversetzt auftretende Erscheinungen, so sind die aktuellen Modernisierungsprozesse dadurch charakterisiert, dass die Gesellschaften in ihrer ökonomischen, kulturellen und politischen Problembetroffenheit immer mehr zusammenrücken. Dies erklärt, warum die meisten der heutigen populistischen Parteien in Europa in etwa zeitgleich entstanden sind und sich in den jeweiligen Parteiensystemen dauerhaft etablieren konnten« (, S. 23) Heitmeyer (1997) hat die Zusammenhänge zwischen ›ethnisch kulturellen‹ Konflikten und Prozessen der Desintegration bzw. Anomie untersucht. »Die Modernisierung führt bekanntlich zu einer hochgradigen strukturellen Differenzierung, die Internationalisierung durch Zuwanderung zu neuen kulturellen Differenzen. Einerseits haben wir es mit den durch die Modernisierungsschübe ausgelösten Desintegrationsprozessen für Teile der Mehrheitsgesellschaft zu tun. Andererseits treten neue Integrationsprobleme für Migranten in dem Maße auf, wie die Desintegrationsprozesse für die Mehrheitsgesellschaft anwachsen« (S. 631). Er untersucht anomische Krisenphänomene auf der ökonomischen, kulturellen und sozialen Integrationsebene und konstatiert eine Strukturkrise, eine Regulationskrise und schließlich eine Kohäsionskrise.
In späteren Arbeiten nutzt Heitmeyer ein ähnliches Modell zur Analyse gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. »Der Begriff Menschenfeindlichkeit bezieht sich auf das Verhältnis zu spezifischen Gruppen und meint nicht ein interindividuelles Feindschaftsverhältnis. Das besondere Kennzeichen (…) ist seine Spannbreite. Diese ergibt sich aus den beobachtbaren Phänomenen selbst, denn nicht nur Personen fremder Herkunft erleben Feindseligkeit, sondern auch solche gleicher Herkunft, aber mit abweichend empfundenem oder de-klariertem Verhalten« (2002, S. 19). Für die empirische Erfassung wird das Konzept in sechs Teilelemente zerlegt: Rassismus, Fremdenfeindlichkeit (z.B. Konkurrenzängste, Etikettierung von Rückständigkeit), Antisemitismus, Heterophobie (gegenüber Homosexuellen, Behinderten oder Obdachlosen), Etabliertenvorrechte (der Alteingesessenen gegenüber den Zugezogenen) und schließlich Sexismus. An späterer Stelle kommt noch Islamophobie hinzu. Als erklärende Faktoren werden die sozialen (Makroebene) und individuellen (Mikroebene) Lebensbedingungen und das politische Umfeld herangezogen. Diese Kontextfaktoren werden dann in je verschiedener Weise biografisch erfahren und subjektiv verarbeitet. Dabei geht es um Erfahrungen der Desintegration, der relativen Deprivation und der Anomie, die mit verschiedenen Einstellungen (autoritäre oder instrumentalistisch flexible) zusammentreffen (vgl. S. 28 f.). An diesem Ansatz werden dann auch die engen Zusammenhänge von soziokulturellen und sozialpsychologischen Erklärungsmustern deutlich.
Auch die soziokulturellen Erklärungen sind vordergründig plausibel, spielen doch im rechten Spektrum vereinfachende, rassistische und misogyne Argumentationen und Metaphoriken eine wichtige Rolle. Auch hier stellt sich jedoch die Frage, warum diese keineswegs neuen Ressentiments vor allem in jüngerer Zeit an Bedeutung gewinnen. Einen wichtigen Hinweis liefert die von Aladin El Mafaalani (2018) vertretene These, dass sexistische und rassistische Positionierungen erst dann an Bedeutung gewinnen, wenn Frauen, Migrant:innen und andere nicht länger nur marginale oder subkulturelle Positionen einnehmen, sondern in die gesellschaftliche ›Mitte‹ vordringen.
Sozialpsychologische Erklärungen
Zu den klassischen Ansätzen einer sozialpsychologischen Erklärung zählen die Studien des Frankfurter Instituts für Sozialforschung bzw. ihrer Kooperationspartner:innen im amerikanischen Exil. Davon ausgehend hat sich das Feld weiter ausdifferenziert. Einige versuchen, die ›Frankfurter Konzepte‹ weiterzuentwickeln. Bei vielen anderen rückt die quantifizierende Einstellungsforschung in den Vordergrund, während Versuche einer theoretisch konzeptionellen Einordnung in den Hintergrund treten. In jüngerer Zeit gewinnt auch das Interesse für Emotionen an Bedeutung.
Autoritäre Dispositionen
Die Studien zum autoritären Charakter fokussierten auf das »potentiell faschistische Individuum« und untersuchten, wie antidemokratisches Denken zu Stande kommt, welche Kräfte dabei im Individuum wirken und welche Determinanten die gesellschaftliche Verbreitung dieses Denkens beeinflussen. Es gehe um die Frage, welche Faktoren es sind, die das eine Individuum empfänglicher für solche Ideologien machen als andere. Adorno und seine Koautor:innen2 begreifen Ideologien als ein »System von Meinungen, Attitüden und Wertvorstellungen – (…) eine Denkweise über Mensch und Gesellschaft« (1973, S. 2). Sie sprechen von einer »Gesamtideologie eines Individuums«, die gesellschaftlich geprägt sei: »Ideologien bestehen, unabhängig vom Einzelnen, und die Ideologien bestimmter Epochen sind ebenso Resultat historischer Prozesse wie des sozialen Zeitgeschehens« (S. 3). Von Interesse ist dann das Verhältnis von »Ideologie und Handlung« (S. 5); während bei den einen beides zusammenfalle, finden sich andere, die gleichsam eine antidemokratische Ideologie vertreten, sie aber nicht in die Tat umsetzen.
Ideologische Präferenzen seien charakterlich determiniert. Sie verstehen unter Charakter eine »mehr oder weniger beständige Organisation von Kräften im Individuum, die in den verschiedenen Situationen dessen Reaktionen (…) bestimmen. (…); der Charakter liegt hinter dem Verhalten und im Individuum. Die Kräfte im Charakter sind nicht Reaktionen, sondern Reaktionspotential; ob ein Potential offenen Ausdruck findet oder nicht, hängt nicht nur von der gegebenen Situation ab, sondern auch von Verhaltenspotentialen, die in Opposition zu jenem stehen. Gehemmte Charakterkräfte gehören tieferen Schichten an als jene, die sich unmittelbar und konsistent im Verhalten manifestieren« (S. 6). Die Charakterstruktur sei aber weder ›angeboren‹ noch ›rassisch bedingt‹. »Weit davon entfernt, etwas von Anfang an Gegebenes, Fixiertes zu sein, das auf seine Umwelt reagiert, entwickelt er sich unter dem Druck der Umweltbedingungen und kann niemals vom gesellschaftlichen Ganzen isoliert werden (…). Die Entfaltung des Charakters hängt entscheidend vom Verlauf der Erziehung des Kindes und von seiner häuslichen Umwelt ab, die zutiefst von ökonomischen und sozialen Faktoren geprägt sind« (S. 7).3
Die Charakterstruktur erscheine als etwas Dauerhaftes; demgegenüber müsse betont werden, »daß sie vor allem ein Potential, eher die Bereitschaft zu einem Verhalten als selbst ein Verhalten ist; obwohl sie aus Dispositionen zu bestimmten Verhaltensweisen besteht, wird das tatsächliche Verhalten stets von der objektiven Situation abhängen. Das Studium antidemokratischer Trends (…) erfordert das Verständnis des gesellschaftlichen Ganzen« (S. 9). Dabei spielen sozioökonomische Faktoren eine wichtige Rolle. Die Daten zeigen aber, dass Personen mit gleichem Status unterschiedlichen Ideologien anhängen können; hier kommen die Charakterstrukturen ins Spiel. Sie verweisen schließlich auch auf die Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen (Beruf, Freizeit oder Religion); die hier vorherrschenden Ideen machten die Individuen mehr oder weniger anfällig für antidemokratische Ideen (S. 12).
In einem Zwischenfazit heben die Autor:innen hervor, dass »die Charakterstruktur als eine der Determinanten von Ideologien zu betrachten« sei (S. 176). Eine wichtige Rolle spiele aber auch das »allgemeine() kulturelle() Klima und vor allem der ideologische Einfluß der Massenmedien auf die Bildung der öffentlichen Meinung. Wenn unser kulturelles Klima unter dem Druck der sozialen Kontrolle und technologischen Konzentration in einem bisher unbekannten Ausmaß standardisiert worden ist, müssen wir annehmen, daß die Denkgewohnheiten der Individuen neben der Dynamik ihrer eigenen Charakterstruktur auch diese Standardisierung widerspiegeln. Deren Produkt mögen die Charakterstrukturen in weit höherem Grad sein, als der naive Beobachter glauben könnte« (S. 176).
Rechtsextreme Einstellungen
In den ›Mitte-Studien‹ wird seit 2006 das rechtsextreme und demokratiegefährdende Einstellungspotential in Deutschland untersucht. Rechtsextremismus wird dabei als »ein Phänomenfeld bezeichnet, welches neben Parteien und mehr oder minder organisierten Gruppierungen auch Einstellungen, Überzeugungen, Ideologien und Politikvorstellungen umfasst« (Zick/ Mokros 2023, S. 53). Konzeptionell wird in der Studie zwischen einem rechtsextremen ›Rand‹ und einer ›Mitte der Gesellschaft‹ unterschieden. Im Kern steht die Frage nach dem Ausmaß rechtsextremer Einstellungen und deren Anschlussfähigkeit in der Mitte. Diese wird als ein Indikator begriffen; »(d)enn wenn Teile der Mitte rechtsextreme Einstellungen haben, ist dies eine erhebliche Gefährdung für die Stabilität der Demokratie« (ebd.).
Die Autor:innen beschreiben das Entstehen und den Fortbestand des Rechtsextremismus als eine ›Eskalationsspirale‹, bei der Krisenphänomene und Kontexteffekte eine zentrale Rolle spielen. Sie unterstellen eine Art Ansteckungseffekt. So könnten rechtsextreme und rechtspopulistische Akteure »Menschen aus der Mitte dazu mobilisieren, sich mehr oder minder und scheinbar harmlosen rechten Gruppierungen zu nähern und sich (….) in deren Sog ziehen zu lassen, etwa weil die gleichen Feindbilder und Überzeugungen der Ungleichwertigkeit geteilt werden« (S. 57 ff.). Am Anfang der Eskalationsspirale stehen gesellschaftliche Strukturentwicklungen (Prozesse der Modernisierung, Individualisierung oder Desintegration). Diese »können den Nährboden für rechtsextreme Ideologie, Ideen und Aktivitäten bereiten, welche wiederum in einer entsprechenden Eigen- und Gruppenlogik selbstwertdienlich und produktiv erscheinen mögen« (S. 60).
Mit Bezug auf die Konsensdefinition von Rechtsextremismus4 wird von sechs Subdimensionen ausgegangen: »Befürwortung einer rechtsgerichteten Diktatur, Nationalchauvinismus, Verharmlosung des Nationalsozialismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Sozialdarwinismus« (S. 62). Zu jeder Subdimension werden die Einstellungen zu drei Statements erfasst; die Ergebnisse werden in einer Summenskala zusammengeführt.
In der seit 2002 durchgeführten ›Leipziger Autoritarismus Studie‹ (vgl. Decker u.a. 2024) werden verschiedene theoretische Verweise gesetzt: Fromms Sozialpsychologie, Studien zum autoritären Charakter, Analysen des Kapitalismus und schließlich zeitgenössische Diagnosen einer Krisengesellschaft. Jenseits dieser Assoziation wird jedoch keine zusammenhängende Argumentation entwickelt. Dementsprechend wird auf vorliegende insbesondere sozioökonomische Erklärungsansätze verwiesen; die Autor:innen heben dann aber die Bedeutung der subjektiven Wahrnehmung (Gerechtigkeitsdefizite, Abgehängtsein) und sozialräumlicher Faktoren hervor. Summarisch heißt es: »Faktoren, die mit der Wahrnehmung von Gesellschaft und der eigenen Position in dieser eng verbunden sind, können sowohl auf individueller als auch auf Kreisebene die Disposition zu rechtsextremen Einstellungen beeinflussen. Dazu zählen insbesondere die subjektive Wahrnehmung der wirtschaftlichen Lage und die über Bildung vermittelte Verortung in der Gesellschaft, aber auch die sozialräumliche Erfahrungswelt« (S. 111).
Emotionen
In jüngeren Analysen zu Phänomenen des Rechtspopulismus wird Emotionen eine zentrale Bedeutung zugemessen. Amlinger und Nachtwey bringen dies mit der schwindenden Bindungskraft von Kollektiven zusammen; so nehme »die Identifikation mit Milieus, Berufsgruppen oder der Familie ab. Organisationen und kohärente Ideologien spielen in der Politik kaum noch eine Rolle. Stattdessen dominieren Emotionen« (2025, S. 92). Einerseits wird auf die Emotionen von potentiellen Wähler:innen verwiesen – in Deutschland war zeitweilig von ›Wutbürger:innen‹ gesprochen worden. Andererseits wird analysiert, wie rechte Gruppen diese Emotionen aufnehmen und befördern. Auch mit der häufig zu findenden These, dass Treiber des Rechtspopulismus weniger im tatsächlichen, sondern im befürchteten Statusverlust bestimmter sozialer Gruppen liegen, wird implizit auf die Rolle von Emotionen verwiesen. Wie jedoch sozialstrukturelle Veränderungen, Emotionen und spezifische politische Positionierungen zusammenhängen, bleibt häufig im Dunkeln.
An dem Ansatz von Samela und Scheve (2017) kann aufgezeigt werden, wie eine solche Verknüpfung konzipiert werden kann. Sie gehen davon aus, dass (individuelle) Emotionen als Vermittlungsinstanz zwischen sozioökonomischen bzw. -kulturellen Veränderungen auf der Makroebene (Globalisierung, Modernisierung und Deregulierung) und der Motivlage für die Favorisierung rechtspopulistischer Parteien auf der Mikroebene fungieren. Verglichen mit Ansätzen, die sich eher verallgemeinernd mit spezifischen Einstellungen und Stereotypen befassen, fokussieren die Autor:innen auf eine Reihe spezifischer Emotionen (z.B. Wut, Empörung, Verunsicherung, Machtlosigkeit, Abstiegsangst). Sie bestimmen dabei zwei zentrale Mechanismen der Vermittlung: Der eine Mechanismus zielt auf die Erklärung von Ressentiments. So würden die in postindustriellen Gesellschaften erfahrenen negativen Emotionen, wie z.B. Angst und Unsicherheit durch unterdrückte Scham in Wut, Ressentiments und Hass gegenüber wahrgenommenen ›Feinden‹ des Selbst (Geflüchtete, Arbeitslose, aber auch politische und kulturelle Eliten) umgewandelt. Eine wichtige Rolle spielen dabei Intergruppen-Emotionen, die sich aufwertend auf die ›Wir‹-Gruppe und abwertend auf Gruppen ›Anderer‹ beziehen.
Als zweiter Mechanismus fungiert die emotionale Aufladung von sozialen Identitäten. Man distanziere sich von Identitäten, die Scham und negative Emotionen hervorrufen. So können sich Beschäftigte in prekären beruflichen Positionen nicht länger auf die von der Wettbewerbsgesellschaft angebotenen Identitäten beziehen und favorisieren demgegenüber stabilere und exklusivere Identitäten: Nationalität, Ethnizität, Sprache, Religion oder traditionelle Weiblichkeiten und Männlichkeiten.
Die hier unter dem Label sozialpsychologische Erklärungen zusammengefassten Ansätze sind bei genauerer Betrachtung recht heterogen. Das war bereits in den Debatten zum ›autoritären Charakter‹ deutlich geworden. Fahrenberg und Steiner verweisen auf die grundsätzliche Frage, ob man Charakterstrukturen eher mit gesellschaftlich überindividuellen oder eher mit individuellen familiären Einflüssen in Zusammenhang bringen solle (2004, S. 132). Auch bei den im Kontext der Einstellungsforschung genutzten Items stellt sich die Frage, wie weit die für die empirische Erfassung von Rechtsextremismus genutzten Subdimensionen eher als Indikatoren oder eher als kausal wirkende Faktoren zu begreifen sind. Zudem ist unklar, ob die Zustimmung zu diesen Items eher im Sinne einer Ursache oder einer Folge rechtsextremer Positionierungen zu begreifen ist. Ähnliches gilt für die Mitgliedschaft bzw. Wählerschaft von rechten Gruppen; zugespitzt ist zu fragen, ob rassistische oder misogyne Haltungen eher als Ursache oder als Folge solcher Zugehörigkeiten zu verstehen sind.
Politische Erklärungen
Politische Erklärungen rechter Phänomene befassen sich zum einen mit den strukturellen Problemen von parlamentarischen Demokratien. Zum anderen analysieren sie jüngere Veränderungen des politischen Feldes.
Strukturelle Probleme der Demokratie
Phänomene wie z.B. der erstarkende Rechtspopulismus werden hier im Kontext systematischer Probleme von Demokratien und ihrer historischen Einbindung begriffen. Demokratie sei demnach nicht als ein Zustand, sondern als ein telisches Projekt zu verstehen. »Demokratie ist nicht das, was eine Mehrheit in diesem oder jenem Moment gerade will. Sie ist ein Projekt für mehr Mitwirkung und Integration, für Freiheit, Gleichheit und Solidarität in der Zukunft« (Calhoun/ Gaonkar/ Taylor 2024, S. 77). Dieses Projekt sei auf der einen Seite durch äußere Einflüsse bedroht: »massive wirtschaftliche Umwälzungen, geopolitische Verschiebungen, Destabilisierung nationaler Institutionen, Scheitern globaler Zusammenarbeit, heimtückische Manipulation von Medien und Informationssystemen, Verschärfung der Ungleichheit« (S. 32).
Auf der anderen Seite verweisen die Autoren auf die sozialen Grundlagen der Demokratie: »Die Demokratie zerfällt, wenn die Menschen das Gefühl haben, dass sie nicht in der Lage sind, sich und ihren Familien ein gutes Leben verschaffen zu können. Sie verfällt, wenn Gemeinschaften nicht in der Lage sind, ihre eigene Zukunft auf demokratische Weise zu gestalten, weil sie so sehr von den Entscheidungen ferner Mächte und den unpersönlichen Mechanismen kapitalistischer Märkte oder anderer groß angelegter Systeme bestimmt wird. Sie degeneriert, wenn einige Bürger versuchen, andere an den Rand zu drängen, indem sie nicht nur ihre Stimmen bei Wahlen blockieren, sondern auch ihren Zugang zu öffentlichen Einrichtungen und sogar zu öffentlichen Räumen einschränken. Die Demokratie verkommt, wenn die Bürger sich gegenseitig nicht mehr mit grundlegendem Respekt und Anerkennung behandeln und wenn sie sich weigern zu akzeptieren, dass sie wirklich zusammengehören« (S. 33).
Diese Entwicklungen werden jedoch nicht als Selbstläufer begriffen; entscheidend sei, wie Demokratien darauf reagieren. Die Autorinnen benennen drei Dimensionen des Zerfalls (S. 11):
- Schwindende Wirkmacht der Bürger: Dies machen sie z.B. an den vielfältigen politischen Einflussmöglichkeiten von Bessergestellten, an der rückläufigen Wahlbeteiligung, am Verlust von Institutionenvertrauen5, an der Zunahme außerparlamentarischer Aktionen, am Einfluss sozialer Medien und an der Intransparenz des politischen Systems fest. Die Zähmung des Klassenkampfes, die in vielen Ländern in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erreicht werden konnte, gelinge immer weniger. Die Gewinne an Rechten z.B. für Frauen und LGBTIQ-Gruppen könnten diese Verluste nicht aufwiegen (S. 56).
- Scheitern der Inklusion und Wellen der Ausgrenzung: Prozesse der Exklusion und ihrer Legitimierung haben sich modernisiert; so werden Migrant:innen aus bestimmten Regionen nunmehr als Sicherheitsrisiko wahrgenommen, sie gelten als homophob und antifeministisch; die Beschwörung einer ›Leitkultur‹ dränge andere ›Kulturen‹ an den Rand. In illiberalen Demokratien werden staatsbürgerliche Rechte eingeschränkt und auf das ›wahre Volk‹ begrenzt.
- Polarisierung und Majorisierung: Das Streben nach politischen Siegen auf Kosten einer gemeinsamen Zukunft und eine extreme Parteilichkeit bedingen Prozesse der politischen Polarisierung. Wenn die Mehrheit einmal erreicht ist, wird versucht, diese durch Prozesse der Illiberalisierung (Monopolisierung von Medien, Umbau von demokratischen Institutionen) auf Dauer zu stellen.
Pierre Rosanvallon spricht von einer theoretischen Unbestimmtheit der Demokratie (2020, S. 136). So seien zentrale Begriffe der ›Macht‹ und des ›Volkes‹ unbestimmt und offen für widersprüchliche Interpretationen. Er konstatiert, dass die »schwankende Bedeutung von Demokratie« ein »Teil ihres Wesens« (S. 137) sei. In diesem Sinne sei »das Erstarken der Populismen im 21. Jahrhundert (..) Teil dieser problematischen Geschichte« (S. 137). Er verweist auf vier strukturelle Aporien (etwa: unauflösbare Probleme):
- das unauffindbare Volk: Während das zivile Volk, das als Wahlvolk über Mehrheiten die politische Macht begründet, eher homogen gedacht werden kann, ist das soziale Volk, das sich zu Wort meldet, politisch engagiert und protestiert, weitaus vielfältiger. Prozesse der Individualisierung verstärken dies: »Die rechtliche Inthronisierung des Individuums führt dazu, jedes substanzielle Verständnis des Sozialen als überholt und unerträglich zurückzuweisen. Die demokratische Gesellschaft beinhaltet aus diesem Grund eine permanente Kritik an Institutionen, die den Menschen an eine Natur ketten und ihn damit von einer ihm äußerlichen Macht abhängig machen könnten« (S. 141).
- die Zweideutigkeiten der Repräsentativdemokratie: Einerseits fungiert das Repräsentativsystem als technischer Kunstgriff; andererseits bietet es aber auch Vorzüge. Sie kann als eine vierte Art von Regime (neben Monarchie, Aristokratie, und Demokratie) begriffen werden. Es ist eine Art ›Wahlaristokratie‹, die sich von einer unmittelbaren Demokratie deutlich unterscheidet: in der Auffassung von Wahl, im Verhältnis von Repräsentanten zu Repräsentierten, in der Epistemologie des Gemeinwohls und in der Natur der Repräsentativregierung. Repräsentativdemokratie und unmittelbare Demokratie sollten als Pole eines Spannungsverhältnisses verstanden werden. Diese Spannung äußert sich auch in der Sprache der Wahlkämpfe (eher Betonung des Möglichen) und der Sprache des Regierungshandelns (eher Sachzwänge).
- die Wandlungen der Unpersönlichkeit: Indem in Demokratien der Gemeinwille – und nicht eine herrschende Person – das Kommando hat, kommt es zu einer Entpersonalisierung von Macht und einer Entwertung der Exekutive. Das Gesetz »ist der schlechthin gerechte Herr, eine Ordnungsmacht, die die Menschen verpflichtet, ohne sie zu beherrschen; sie zwingt, ohne denen, die ihr gehorchen, Gewalt anzutun oder sie zu erniedrigen. Das demokratische Reich des Gesetzes ist somit das genaue Gegenteil dessen, was eine persönliche Macht definiert« (S. 146). Im 21. Jahrhundert sei demgegenüber ein Erstarken der Exekutive zu beobachten. Indem die Krise der Repräsentation ein Verlangen nach Verkörperung fördert, entsteht ein Spannungsverhältnis zum »historischen Imperativ der Unpersönlichkeit« (S. 148).
- die Definition des Gleichheitsregimes: Das demokratische Ideal zielt auf den Aufbau einer Gesellschaft der Gleichen und einer politischen Teilhabe aller. Das Problem ist jedoch die große Spannweite von Gleichheitskonzepten: von restriktiver Chancengleichheit zu erweiterten Gleichheitsverständnissen.
Im Zusammenhang dieser Unbestimmtheiten, die in der Geschichte von Demokratien immer wieder an den Tag traten, macht Rosanvallon schließlich drei Grenzfälle von Demokratien aus:
- Minimalistische Demokratien beschränken sich auf die Wahl von Führungskräften und die Durchsetzung des Rechtsstaats; sozialstaatliche Elemente und der Aufbau von Bürgergemeinschaften sind nicht vorgesehen. Diese Grenzform droht in eine Wahloligarchie umzukippen.
- Essentialistische Demokratien definieren sich über »das Vorhandensein einer mit der Herbeiführung des Guten betrauten Gesellschaftsmacht« (S. 19). »In einer solchen Gesellschaft würde das Volk ein geeintes und homogenes Ganzes bilden, dessen Unterscheidungen rein funktionaler Art wären. Die Bildung des Gemeinwillens würde also nicht aus der Arithmetik der Präferenzen und individuellen Meinungen hervorgehen, die sich im Wahlvorgang ausdrückt. Sie wäre vielmehr identisch mit dem Leben einer geeinten und kohärenten Gemeinschaft« (S. 154). Dieser Grenzform droht der Umschlag in totalitäre Formen der Herrschaft.
- In polarisierten Demokratien, zu denen auch populistische Regime gehören, wird die Repräsentation an Führungsfiguren delegiert. Die Ausübung der Souveränität erfolgt über Referenden; der demokratische Charakter von Institutionen wird über die Wahl von Verantwortlichen gesichert und das Volk ist unmittelbar mit der Staatsgewalt konfrontiert. Dieser in populistischen Konzepten zu findende »Doppelmechanismus von Vereinfachung und Radikalisierung« (S. 155) berge jedoch ein hohes Risiko, in eine ›Demokratur‹ abzugleiten.
Veränderungen des politischen Feldes
In vielen Ländern des globalen Nordens sind seit den 1990er Jahren weitreichende Veränderungen des politischen Feldes zu verzeichnen. Im politischen Westen kommt es – gegenüber der Phase nach dem Zweiten Weltkrieg – zu einer Rechtsverschiebung des politischen Diskurses und einem Bedeutungsgewinn nativistischer Orientierungen. Ähnliches lässt sich vor einem anderen Hintergrund auch in den Staaten des politischen Ostens verzeichnen. Wähler:innen mit rechtsextremen, autoritären, sexistischen oder rassistischen Einstellungsmustern, die vormals noch in Volksparteien oder in den Staatsparteien organisiert waren, sammeln sich in neu entstehenden rechten bzw. populistischen Parteien. Diese Reorganisation des politischen Feldes kann zum einen auf Veränderungen bei den vormaligen Parteien des Mainstreams zurückgeführt werden; zum anderen kann sie mit Organisationserfolgen im rechten Lager in Zusammenhang gebracht werden:
- In vielen westeuropäischen Staaten ist ein nachhaltiger Bedeutungsverlust der ›Volksparteien‹ zu verzeichnen, der mit einer Ausdifferenzierung des Parteiensystems einhergeht. Diese Entwicklung wird von Bedeutungsverlusten großer zivilgesellschaftlicher Organisationen – Gewerkschaften, Parteien, Kirchen – begleitet. Viele Staaten sind seit den 1980er Jahren mit komplexen Prozessen der Transnationalisierung (z.B. Finanzialisierung, Globalisierung von Produktion, Bedeutungsverlust der Nationalstaaten, komplexe Migrationsbewegungen) konfrontiert und müssen umgekehrt die sozialökologischen Umbauprozesse organisieren. Die Entwicklungen und Krisen der 2020er Jahre haben die Probleme weiter verstärkt. In diesem Kontext konstatiert Berman, dass die unzureichenden Potentiale politischer Akteure, diesen veränderten Anforderungen gerecht zu werden, einen nicht geringen Beitrag zum Erstarken des Rechts- und Linkspopulismus geliefert habe. Es komme zu einem »decline of responsiveness and effectiveness of political institutions, which has made many citizens willing to vote for politicians and parties with antiestablishment, anti-status quo messages« (2021, S. 78).
- Auf der anderen Seite habe sich das rechte Lager vielerorts ›zivilisiert‹ und nutzt die neuen Potentiale sozialer Medien. So sind ›attraktive‹ rechte Jugendbewegungen entstanden. Mudde (2019) spricht von einer vierten Welle der Entwicklung rechter Organisationen in den 2000er Jahren. Drei Krisen markieren den Übergang zu dieser Phase: die Terrorattacken des 11.9.2001, die Rezession nach der Weltfinanzkrise 2008 und die sogenannte Flüchtlingskrise des Jahres 2015. Während die extreme Rechte lange Zeit nur wenig ›salonfähig‹ war, werde sie nach und nach ›koalitionsfähig‹ und einige Programmatiken der Rechten werden auch von den Parteien des Mainstreams übernommen.
Zusammenfassend betrachtet wird ein Dilemma der politischen Erklärungen erkennbar, wenn die eher strukturell angelegten Argumentationen nur bedingt mit den oft dynamischen Entwicklungen im Lager der populistischen Rechten zusammenkommen; das gilt insbesondere für die Ausführungen zu den strukturellen Problemen von parlamentarischen Demokratien. Die Verweise auf die in vielen Ländern zu findende Restrukturierung des politischen Feldes stehen vor dem Problem, dass diese immer auch mit dem Bedeutungsgewinn populistischer Kräfte in Zusammenhang stehen und mithin nicht als unabhängiges Moment gedacht werden können.
Modellierung von komplexen Erklärungen
Im Folgenden geht es um Ansätze, die verschiedene Elemente des geschilderten Repertoires an Erklärungen mit Hilfe von Modellen zu einer zusammenhängenden Argumentation verdichten. Dabei werden Erklärungen aus verschiedenen Welten zusammengeführt; die disziplinäre Verortung bleibt jedoch erkennbar. Exemplarisch sollen einige dieser Modellierung dargestellt werden.
Modellierung des politischen Feldes
Cas Mudde legte 2007 ausgehend von den damals vorliegenden empirischen Analysen eine Zusammenschau des Diskussionsstandes vor, indem er die Entwicklung der politischen Rechten in Europa mit den Veränderungen der Angebots- und Nachfragestruktur im politischen Feld analysiert und den wechselseitigen Beziehungen zwischen der populistischen Rechten und den europäischen Demokratien nachgeht.
Nachfrageseite
Die Nachfrage nach rechten Politikangeboten erklärt Mudde auf der Makro-, Meso- und Mikroebene:
- Auf der Makroebene verweist er auf verschiedene Modernisierungsprozesse und Modernisierungsverlierer:innen sowie auf wiederkehrende ökonomische und politische Krisen in den europäischen Regionen. Als weiteres Erklärungsmoment wird oftmals ein ›ethnic backlash‹ ausgemacht, die empirischen Befunde seien jedoch widersprüchlich und könnten die Landesunterschiede kaum erklären. Auch die These eines autoritären Vermächtnisses weist er angesichts der erheblichen Länderunterschiede zurück.
- Auf der Meso-Ebene, nach seinem Verständnis z.B. Parteien, aber auch Schulen und Familien, lokalisiert er die Instanzen der Vermittlung zwischen sozialem Kontext und individuellem politischen Verhalten.
- Auf der Mikro-Ebene lassen sich Korrespondenzen zwischen der Entscheidung für rechtspopulistische Parteien und dem Vorhandensein populistischer und radikal rechter Einstellungen beobachten. Dieser Zusammenhang ist jedoch alles andere als perfekt; zudem sei unklar in welcher Richtung er kausal zu interpretieren sei. Jenseits der politischen Einstellungen verweist er auf die Bedeutung von ökonomischen, sozialen oder räumlichen Unsicherheitserfahrungen. Ein wesentliches Problem der empirischen Analyse solcher Zusammenhänge liege jedoch in der Heterogenität der Wählerschaft rechtspopulistischer Gruppen und in der Unklarheit der Motive (Protestwahl oder politische Unterstützung).
Der Zusammenhang zwischen diesen Ebenen sei bislang nur wenig theoretisch wie empirisch erschlossen worden. Es finden sich viele Ansätze, die potenzielle Wählerschaft des rechten Lagers zu bestimmen; Aussagen über die tatsächliche Wählerschaft und ihre Motive fallen erheblich schwerer.
Auf der Angebotsseite unterscheidet Mudde eine externe und eine interne Perspektive.
Angebotsseite – extern
Landesspezifisch bilden sich je unterschiedliche Opportunitätsstrukturen heraus. Das betrifft den institutionellen Kontext (die verschiedenen Wahlsysteme und die Praktiken der politischen Kooperation), den politischen Kontext (das politische Feld der jeweiligen Länder), den kulturellen Kontext (die Rolle von rechten Subkulturen oder von Intellektuellen) und schließlich die Rolle der verschiedenen Medien, die sowohl als ›Freund‹ wie als ›Feind‹ der Rechten fungieren können. In der Zusammenschau zeigt sich, dass diese politischen Opportunitätsstrukturen in verschiedenen Entwicklungsphasen rechter Gruppen ganz unterschiedlich wirken können; zudem zeigen sich angesichts der historischen Entwicklung erhebliche – aber vermutlich schwindende – West-Ost-Unterschiede zwischen den europäischen Ländern.
Angebotsseite – intern
Das umfasst die Angebote populistischer und radikal rechter Parteien, ihre ideologischen Bezüge, ihre Programme, den Charakter ihrer Führungsstrukturen (eher charismatisch oder eher pragmatisch), ihre internen Organisationsstrukturen (formelle und informelle Strukturen, interne Demokratie, Flügelbildung) und schließlich ihre internationale Vernetzung.
Politischer Impact
Für die Erfolge der Rechten sind die Wechselwirkungen mit dem jeweiligen demokratischen System des Landes bedeutsam. Das impliziert auf der einen Seite die allgemeinpolitischen (z.B. Rechtsruck), die parteipolitischen (z.B. Effekte der thematischen Kontamination) und schließlich die sozialen Wirkungen (z.B. Zunahme von rechter Gewalt und Rassismus) rechter Parteien. Auf der anderen Seite interessieren die Reaktionen des demokratischen Lagers auf die Rechte (Einbindung oder ›Brandmauer‹, mögliche moderierende Effekte).
Modellierungen der Wahlforschung
Während Forschungen zu Phänomenen des Rechtspopulismus und der radikalen Rechten wie oben gezeigt mit komplexen Modellen arbeiten müssen, können sich Untersuchungen zum Wahlverhalten weitaus mehr spezialisieren. Exemplarisch sei das Repertoire von Ansätzen zur Erklärung des Wahlverhaltens skizziert; die Strukturierung geht auf Karl-Rudolf Korte (2013, S. 105 ff.) zurück, der fünf verschiedene Ansätze unterscheidet.
Makrosoziologischer Ansatz
In makrosoziologischer Perspektive wird von längerfristig stabilen Allianzen zwischen bestimmten Bevölkerungsgruppen und Parteien ausgegangen; d.h. unterschiedliche Parteien vertreten die Interessen der jeweiligen betroffenen Bevölkerungsgruppen und werden von diesen gewählt. Dementsprechend haben sich über lange Zeit verschiedene politische Konfliktlinien (Cleavages) herausgebildet. In der klassischen Variante sind dies die Konflikte: Zentrum – Peripherie, Kirche – weltliche Macht, Land – Stadt sowie Kapital – Arbeit. Für die jüngere Zeit wird die Entwicklung neuer Cleavages (z.B. Materialismus – Postmaterialismus oder Kosmopolitismus – Nativismus) diskutiert. Korte schlägt eine Zusammenführung dieser Perspektiven vor: »So kann heute zwischen einem Gegensatz von Management und Arbeitnehmerschaft bzw. Marktliberalen und Sozialstaatsbefürwortern (alt: Kapital und Arbeit), konservativ und modern (alt: Kirche und Staat, Zentrum und Peripherie, ländlich-agrarisch und städtisch-handwerklich) sowie materialistisch und postmaterialistisch ausgegangen werden« (S. 107).
Mikrosoziologischer Ansatz
Der mikrosoziologische Ansatz geht auf Wahlanalysen in den USA der 1940er Jahre zurück. Dabei konnte gezeigt werden, dass die soziale Position bzw. die Zugehörigkeit zu verschiedenen Gruppen (berufliches, nachbarschaftliches oder religiöses Umfeld) die individuelle Wahlentscheidung erheblich beeinflussen. Das Modell »sieht das Individuum idealtypisch im Mittelpunkt konzentrischer, sich gegenseitig verstärkender sozialer Einflusskreise und veranschaulicht aus dieser Perspektive in besonderer Weise ein stabiles, über einen längeren Zeitraum hinweg konstantes Wahlverhalten. Kurzfristige Änderungen der Wahlentscheidung können auf diese Weise hingegen nur unzureichend erklärt werden« (S. 107).
Individualpsychologischer Ansatz
Auch der individualpsychologische Ansatz geht auf ein Konzept der US-Wahlforschung zurück, das Ann-Arbor- bzw. Michigan-Modell. Die individuelle Wahlentscheidung resultiert aus dem Zusammenspiel einer langfristig (im Rahmen der Sozialisation bzw. sozialer Netzwerke) ausgebildeten individuellen Parteiidentifikation, die als dominanter Faktor begriffen wird, mit eher kurzfristig wirkenden Faktoren, z.B. die Bewertung von Kandidierenden oder die Einstellungen zu aktuellen politischen Streitfragen (issues). Die kurzfristigen Faktoren können schließlich auch zu Wahlentscheidung entgegen der langfristig wirksamen Parteiidentifikation führen. »Das individualpsychologische Erklärungsmodell betont zum einen (…) die soziale Verankerung des politischen Meinungsbildungsprozesses, hier dargestellt als individuelle, durch familiäre und gesellschaftliche Sozialisierungsinstanzen herausgebildete Parteiidentifikation. Zum anderen werden (…) aber auch situative Momente der Wahlentscheidung berücksichtigt« (S. 109).
Ansatz der rationalen Wahl
Der Ansatz orientiert sich an der Rational Choice Theorie und entwirft das Bild von ›rationalen Wähler:innen‹, die sich an aktuellen politischen Streit- und Sachfragen orientieren. Sie treffen eine Wahlentscheidung für jene Parteien, von denen sie annehmen, dass diese am ehesten mit ihren individuellen Zielen korrespondieren. »Im rationalen Modell sind die erfragten Einstellungen zu aktuellen politischen Problemen für die Wahlerklärung von zentraler Bedeutung« (S. 110).
Modell des politischen Milieus
Der Ansatz geht auf ein in den 1980er Jahren vom SINUS-Institut entwickeltes Modell zurück, mit dem in der Wahlforschung versucht wurde, auf die rückläufige Erklärungsleistung klassischer sozioökonomischer Faktoren (Bildung, Einkommen und Beruf) zu reagieren. Im Unterschied zu einem soziologischen oder historischen Verständnis von Milieus spielen im SINUS-Modell vor allem fundamentale Wertorientierungen (zu Politik, Arbeit, Familie oder Konsum) und Lebensstile bzw. -strategien eine zentrale Rolle. Derzeit werden zehn soziale Milieus unterschieden; sie stehen mit der sozialen Lage, aber auch mit bestimmten (z.B. traditionalen, modernen oder postmodernen) Grundwerten und Lebensweisen in einem (nicht-deterministischen) Zusammenhang. Der Vorteil des Milieukonzepts liege darin, »dass es damit den politischen Parteien möglich ist, zielgruppengerechter zu agieren und auf diese Weise neue Wählerpotenziale zu erschließen« (S. 112).
In der Zusammenschau der Ansätze favorisiert Korte eine Integration, die das individuelle Wahlverhalten auf langfristig wirksame soziale Bindungen bzw. Gruppenmitgliedschaften und auf individualpsychologische Merkmale zurückführt (vgl. S. 115).
Modellierung von (rechten) politischen Positionierungen
Im Unterschied zu den Modellen der Wahlforschung geht es bei diesen Ansätzen darum, vor allem rechte politische Positionierungen zu analysieren.
Modell von Rippl und Seipel
Im Rahmen einer einführenden Darstellung zu Rechtspopulismus und Rechtsextremismus haben Rippl und Seipel (2022) ein Mehrebenenmodell vorgeschlagen. Es soll eine theoretische Erschließung von Phänomenen des Rechtspopulismus bzw. -extremismus, insbesondere von rechten Einstellungsmustern ermöglichen. Das Modell soll »die verschiedenen Ansätze analytisch (…) ordnen und hinsichtlich potenzieller Zusammenhänge (…) betrachten. Im Allgemeinen ist es daher zuallererst nötig einzuordnen, auf welcher Ebene der jeweilige Erklärungsansatz primär operiert« (S. 38). Die Autor:innen rekurrieren dabei auf ein im Kontext des methodologischen Individualismus verwandtes Mehrebenenmodell der Erklärung. Es knüpft an ein von James Coleman (1995, S. 10) entwickeltes Konzept an, bei dem davon ausgegangen wird, dass die ›eigentlich‹ interessierenden Zusammenhänge auf der gesellschaftlichen Makroebene nur über die Übersetzung in Handlungsmodelle auf der Mikroebene erklärbar seien. In der Grafik wird dieser Argumentationsgang an den drei Pfeilen (links, rechts, unten) erkennbar.
Um den auf der Makroebene interessierenden Zusammenhang zwischen spezifischen ›gesellschaftlichen Problemlagen‹ und einem ›gesellschaftlichen Rechtsruck‹ zu erklären, ist es erforderlich, diesen auf die Mikroebene zu übersetzen. Auf der Mikroebene erscheinen die gesellschaftlichen Problemlagen als individuelle Problemlagen (Pfeil links), z.B. als materielle Deprivation bzw. als Unzufriedenheit. Auf diese Probleme reagieren Individuen möglicherweise, indem sie rechte Einstellungen bzw. Verhaltensmuster ausbilden und sich darüber mobilisieren (Pfeil unten). Wenn nun viele Akteure auf der Mikroebene ähnlich agieren, kommt es in der Aggregation dieser Mikroentscheidungen auf der Makroebene zu einem ›gesellschaftlichen Rechtsruck‹. Die Autor:innen erweitern dann aber den von Coleman vorgeschlagenen Argumentationsgang, indem sie sich verändernde Gelegenheitsstrukturen bzw. Akteure auf der Mesoebene einführen, die den auf der Mikroebene beobachtbaren Mobilisierungsprozess unterstützen.
Die von Coleman vorgebrachte Skepsis gegenüber sozialwissenschaftlichen Erklärungen auf der Makroebene ist durchaus berechtigt. Es ist jedoch zu überlegen, auf welcher Ebene, die für die jeweiligen Forschungsfragen relevanten Handlungszusammenhänge anzusiedeln sind. So ist z.B. zu fragen, inwieweit eine Wahlentscheidung, die Organisation in einer rechten Gruppierung oder die Beteiligung an rechten Gewalttaten ausschließlich auf der individuellen Ebene anzusiedeln sind6; ergänzend könnten z.B. auch der soziale bzw. räumliche Nahbereich (soziale oder lokale/regionale Netzwerke bzw. Milieus) einbezogen werden.
Modell von Heitmeyer
Wilhelm Heitmeyer hat in verschiedenen Zusammenhängen Modelle entworfen, um gewalttätiges Verhalten oder gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit zu erklären. Im Folgenden wird ein Ansatz skizziert, der im Kontext der Forschung zu Rechtspopulismus und -extremismus der Analyse autoritärer Orientierungen dienen soll – Heitmeyer (2018) schlägt vor, von »autoritärem Nationalradikalismus« zu sprechen.
Ausgehend von der Frage nach den ›Treibern autoritärer Entwicklungen‹ hat Heitmeyer ein Analysemodell entwickelt, das eine ökonomische, eine soziale und eine politische Dimension unterscheidet. In der folgenden Grafik findet sich diese in der vertikalen Ordnung im oberen Teil wieder. In der horizontalen Ordnung werden Strukturentwicklungen und die damit zusammenhängenden Krisen, deren individuelle Verarbeitung und schließlich die politischen Folgen für autoritäre Entwicklungen beleuchtet.
Krisen zeichnen sich nach Heitmeyer dadurch aus:
- »dass die bisherigen politischen und sozialen Routinen zur Bewältigung von Ereignissen nicht mehr funktionieren (…),
- dass die Zustände vor diesem Ereignis nicht wiederherstellbar sind (…)
- dass in krisenhaften Situationen verschiedene Möglichkeiten der Bewältigung miteinander konkurrieren, die unter anderem anomische Verhaltensunsicherheiten erzeugen« (2022, S. 253 ff.).
Heitmeyer unterscheidet sektorale und systemische Krisen (s.o.), in denen die Routinen der politischen und gesellschaftlichen Bearbeitung »weitgehend außer Kraft« (S. 255) gesetzt sind. Die Frage ist dann jedoch, wie diese Krisen verarbeitet werden. »In Krisen drücken sich Kontrollverluste in verschiedenen Varianten aus. Dazu gehört, dass sich die Verhaltensmöglichkeiten zur Realitätskontrolle, also zur Lösung von Problemen massiv verengen. Dies gilt besonders in systemischen Krisen. Diese erzeugen Ängste durch Beeinträchtigungen oder den Verlust von sicherheitsverbürgender Alltagsstruktur, geringe Beeinflussungsmöglichkeiten äußerer Umstände, Gefühle des Ausgeliefertseins, Ohnmachtsgefühle, Einsamkeit und auch extreme Verhaltensweisen (…). Zu diesen Verhaltensweisen gehören auch Depressionen bis hin zur Gewalt gegen sich selbst; erhöhtes Aggressivitätsniveau und wahllose Aggressionsziele und Gewaltobjekte; Verluste von Orientierungskoordinaten (…); Normendiffusion (…) und versperrte Zukunftsperspektiven« (S. 256).
Die Krisen und die damit verbundenen Kontrollverluste bezeichnet Heitmeyer nun als Treiber autoritärer Entwicklungen. Es sei »eine kritische Masse entstanden (…), in der das zentrale Bedürfnis nach Realitätskontrolle nicht mehr im bisher gewohnten Maße realisiert werden kann. Die eingelebte und funktionale Normalität ist beschädigt oder gar zerstört. Das gilt in unterschiedlichem Ausmaße für Machthabende in den drei genannten Strukturbereichen (der Makro-Ebene), für Akteure in zentralen politischen und gesellschaftlichen Institutionen (der Meso-Ebene) und für Individuen in unterschiedlichen Lebenslagen und -verläufen (auf der Mikro-Ebene)« (S. 257). Vor dem Hintergrund der erfahrenen Kontrollverluste erscheint nicht wenigen eine autoritäre Wiederherstellung von Kontrolle attraktiv.
Autoritäre Entwicklungspfade zeichnen sich dabei in der ökonomischen (globaler und autoritärer Kapitalismus), in der sozialen (Desintegrationsprozesse, die von autoritären Kräften instrumentalisiert werden) und in der politischen (autoritäre Reaktionen in Politik und Staat) Dimension ab. Eine wichtige Schubkraft geht von »Qualitätsveränderungen« (S. 265) im rechten Lager aus: das betrifft eine Brutalisierung der Sprache, die Bedrohungen von Mandatsträgern und engagierten Bürger:innen, die Verbesserungen der Mobilisierungsfähigkeit und die Normalisierung von rassistischen Einstellungen. Es sei ein »weitreichender Strukturwandel von Öffentlichkeit« zu beobachten. So komme es zu einem »Wandel von einer inklusiven Öffentlichkeit (im Singular) zu exkludierenden Öffentlichkeiten (im Plural). Die allgegenwärtigen Formate der Kommunikation in den digitalen Netzen mit ihren kapitalistischen Geschäftsmodellen stellen jene Konstellationen bereit, die keine argumentativen Auseinandersetzungen um politische Lösungen nötig machen, sondern vorrangig einen ablehnungsorientierten, vielfach hasserfüllt, anonymen ›Aufschaukelungsmechanismus‹ zur Bestätigung und Verfestigung von Positionen« (S. 267).
Modellierung sozialer Gruppen
Die überwiegende Mehrheit der hier vorgestellten Erklärungsansätze rückt Phänomene der politischen Positionierung in der rechten oder populistischen Sphäre ins Zentrum der Analyse. Nur wenige Ansätze gehen einen anderen Weg und fokussieren auf Fragen der Sozialstruktur (Klassen oder soziale Milieus) und der sozialen Positionierung, um dann in einem zweiten Schritt zu klären, wie weit die mit dieser Positionierung verbundenen Arbeits- und Lebenserfahrungen und sozialen Vernetzungen mit rechten oder populistischen Positionierungen in Zusammenhang stehen.
So begreift Westheuser unter Bezug auf den sozialkulturellen Ansatz Ostiguy´s bzw. die Konzepte Bourdieus, Populismus im Kontext eines symbolischen Klassenkampfs: »›Populism‹ then appears as a fuzzily demarcated sub-genre of a more fundamental process: that of the political construction and mobilization of group categories redescribing positions in class relations, or symbolic class struggles« (2020, S. 271). Damit ist dann auch eine relationale Perspektive auf die im rechtspopulistischen Diskurs verwandten Gruppenkonstrukte verbunden. Diese ermöglicht es zu verstehen, wie die im populistischen Repertoire genutzten Metaphern auf einer rein intuitiven Ebene wirksam werden und wie Mechanismen der Distinktion diese Wirkungen befördern. Jenseits dieser eher konzeptionellen Überlegungen finden sich jedoch in jüngerer Zeit nur wenige Beispiele der empirischen Umsetzung einer solchen Klassen- oder Milieuperspektive. Exemplarisch sei verwiesen auf Buchmayr (2022) oder Jarnes u.a. (2019).
In einer in den 1990er Jahren entstandenen Studie von Michael Vester u.a. (2001) wird das Potential erkennbar, das eine Verschränkung einer sozialstrukturellen (soziale Milieus) und einer politischen Perspektive (politische Lager) birgt. Über eine Befragung wurde die Zuordnung zu den damaligen SINUS-Milieus ermittelt und es wurden verschiedene ›Politikstile‹ rekonstruiert. Das folgende Tableau zeigt in der Zeilenstruktur die Zurechnung zu sozialen Milieus (zu zwei Milieus zusammengefasst). In der Spaltenstruktur findet sich die Zurechnung zu sieben Typen von Politikstilen7.
Quelle: Vester (2017, S. 8)
Zusammengenommen machen die explizit rechtsextrem bzw. autoritär orientierten Gruppen bereits 1991 27 % der westdeutschen Bevölkerung aus; ein wichtiger Hinweis auf die lange Vorgeschichte rechter Orientierungen. Weitere Mobilisierungspotentiale für die Rechte finden sich in der Gruppe der Traditionell-Konservativen.
Die Befunde von Vester u.a. ermöglichen eine andere Sicht auf Phänomene des Rechtspopulismus. Zunächst wird deutlich, dass der politische Raum weitaus komplexer strukturiert ist, als es einfache Unterscheidungen (z.B. rechts-links, liberal-autoritär) nahelegen. So kristallisieren die Autor:innen über eine Faktorenanalyse zehn Dimensionen von gesellschaftspolitischen Einstellungen (Vester u.a. 2001, S. 433 ff.) heraus: Bei den beiden zentralen Faktoren geht es um Fragen der Migration und Integration sowie um eine immer auch national abgrenzend verstandene Leistungsideologie (Sozialdarwinismus); hinzu kommt ein chauvinistischer Faktor. Bei anderen Faktoren geht es um politische Zielsetzungen (Arbeitnehmerpolitik, Harmoniestreben/ Konfliktabwehr), um Fragen der politischen Teilhabe (Selbsttätigkeit) bzw. Delegation (an Sachverständige) und schließlich um Erfahrungen mit Politik (Enttäuschung, Desinteresse oder Distanz).
Einige der in der Tabelle dargestellten Politikstile weisen große Ähnlichkeiten zu politischen Positionierungen auf, die heute dem rechtspopulistischen Lager zugerechnet werden. Das zeigt sich auch in der Verteilung dieser Politikstile auf Sozialgruppen, Berufe und Branchen (S. 464 f. bzw. 467 f.). Der Unterschied liegt darin, dass diese zu Beginn der 1990er Jahre noch weitaus stärker in das klassische Parteienspektrum eingebunden waren. So votiert die Gruppe der Resigniert-Autoritätsgebundenen (ehem. Enttäuscht-Apathische) überdurchschnittlich für die SPD und die der Rebellisch-Autoritären (ehem. Enttäuscht-Aggressive) für die Republikaner bzw. die CDU/CSU.
Diese Befunde legen nahe, dass sich die politischen Einstellungen über einen langen Zeitraum nur wenig verändert haben8, dass aber ihre politische Repräsentation in Parteien mit der Herausbildung einer längerfristig operierenden rechtspopulistischen bzw. rechtsextremen Partei wie der AfD eine ganz andere geworden ist und dass dieses neue Framing in eine rechtsextremen Partei von den so Repräsentierten durchaus akzeptiert wird. Zugespitzt formuliert sind chauvinistische, rassistische und sexistische Positionierungen, aber auch enttäuscht-apathische oder enttäuscht-aggressive Haltungen gegenüber dem politischen Feld nichts Neues; sie werden jedoch, gebündelt in einer etablierten rechten Partei, zu einer großen Gefahr für Demokratie und Gesellschaft.
Fazit – sozialwissenschaftliche Erklärungen
Die sozialwissenschaftlichen Erklärungen von rechten oder rechtspopulistischen Phänomenen, die hier – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – vorgestellt wurden, erscheinen in ihrer Gesamtheit recht unübersichtlich. Das hängt zusammen mit:
- der Art von Fragestellungen: Die Frage nach ›rechten oder rechtspopulistischen Phänomenen‹ ist sehr allgemein gefasst und räumlich bzw. zeitlich nicht spezifiziert. Sie ist im wissenschaftlichen Sinne nicht zu beantworten. Erforderlich sind Eingrenzungen, indem man z.B. nach der jüngsten Entwicklung der Angebots- oder Nachfrageseite in einem bestimmten politischen Raum fragt.
- der Volatilität der Phänomene: Die interessierenden rechten oder rechtspopulistischen Phänomene hängen in parlamentarischen Demokratien in hohem Maße mit dem Wahlverhalten und mit der Performanz rechter Akteure bei der Mobilisierung aber auch in der parlamentarischen Arbeit zusammen. All diese Phänomene sind grundsätzlich volatil. Das, was summarisch als ›Wähler:innenverhalten‹ erscheint, geht letztlich auf die individuell getroffenen, mehr oder weniger ›informierten‹, ›reflektierten‹ oder ›interessengeleiteten‹ Entscheidungen einer Vielzahl von Wahlberechtigten zurück. Ähnliches gilt für die Performanz rechter Bewegungen und Parteien. Auch die Frage, was geschieht, wenn rechte Akteure in Parlamente gewählt oder Regierungsverantwortung übernehmen, lässt sich nur bedingt aus der Vorgeschichte oder der Programmatik von Parteien ableiten.
- der politischen und sozialen Eingebundenheit und der Relationalität der interessierenden Phänomene: Die vermeintlich zuspitzende Frage nach dem rechten Segment der Wählerschaft oder des Parteienspektrums ist letztlich eine Frage nach der politischen und sozialen Gesamtheit. Rechtspopulismus ist, wenn er sich verankert hat, ein Phänomen, das nur in der Gesamtheit des sozialen wie des politischen Raums zu begreifen ist. Das hängt mit der Relationalität des Sozialen wie des Politischen zusammen. So geht es im sozialen Raum um Fragen der relationalen Positionierung, um die Zurechnung und Abgrenzung von sozialen Gruppen. Im politischen Feld sind es die Kämpfe um Wählerstimmen oder um Macht und Einfluss, die dazu beitragen, dass politische Akteure aufeinander reagieren. D.h. sobald es rechten Akteuren gelingt, im politischen Raum Fuß zu fassen, verändert sich dieser Raum als Ganzes.
- der disziplinären Struktur der beteiligten Sozialwissenschaften: Rechte und rechtspopulistische Phänomene werden von Sozialwissenschaftler:innen verschiedener Disziplinen untersucht. Diese bringen ihre je eigenen Kulturen der thematischen Fokussierung, der Entwicklung, Begründung und Beantwortung von Forschungsfragen oder von Theorien und Methoden mit. Roepert merkt an, dass dabei immer auch Eigeninteressen und Konventionen zu beobachten sind: »In der sozialwissenschaftlichen Diskussion haben sich in den letzten Jahren Erklärungsansätze durchgesetzt, die im Rechtspopulismus vor allem einen Protest gegen gesamtgesellschaftliche Phänomene wie den Neoliberalismus, die Postdemokratie oder die kulturelle Hegemonie kosmopolitischer Mittelschichten sehen. Diese Analysen gehen oftmals jedoch weniger vom Rechtspopulismus und seinen Inhalten und Zielen aus, sondern von bereits etablierten soziologischen Zeitdiagnosen. Die Erklärung besteht dann darin, das neue Phänomen Rechtspopulismus in ein bestehendes Deutungsmuster einzufügen« (2022, S. 8). Die Kritik ist sicherlich berechtigt; nur kann man die sozialwissenschaftliche Forschung nicht ›neustarten‹. Es bleibt nichts anderes, als mit diesen Logiken konstruktiv umzugehen.
Die Vielgestalt der vorliegenden Erklärungen sollte nicht davon abhalten, auch nach den blinden Flecken dieser Analysen zu fragen. So stellt Roepert nach der Durchsicht ökonomischer, politischer und kultureller Erklärungen fest, »dass alle drei Ansätze ein zentrales Thema des Rechtspopulismus – nämlich die Ablehnung der Fremden (Migrant*innen, Minderheiten oder ›des Islam‹) – empirisch, vor allem aber theoretisch nur sehr oberflächlich behandeln« (2022, S. 85). Auch Fragen des Sexismus und der Misogynie werden oftmals nur am Rande thematisiert.
Wenn man, wie eingangs formuliert, Phänomene des Rechtspopulismus eher mit dem Normalbetrieb von demokratischen Marktgesellschaften in Zusammenhang bringt, können die hier vorgestellten Ansätze im Sinne eines Werkzeugkastens genutzt werden, um ausgehend von spezifischen Forschungsfragen bestimmte Phänomene des Rechtspopulismus (z.B. Motive von Wähler:innen und Aktivist:innen, Politikstile und Diskurse, Organisationsmuster etc.) zu analysieren. Pauschalierende Fragen (z.B.: Woher kommt Rechtspopulismus und was sollte man dagegen tun?), wie sie im alltäglichen oder im politischen Diskurs zu finden sind, lassen sich mit wissenschaftlichen Mitteln nicht beantworten.
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Anmerkungen
- Jannis Eicker (2021, S. 138 ff.) macht am Beispiel der deutschsprachigen Beiträge zur Rechtsextremismusforschung systematisch die Tücken der verschiedene Systematisierungsmöglichkeiten deutlich. Alle Ansätze, die Strukturierung nach Ebenen, nach Disziplinen oder nach zentralen Konzepten, weisen erhebliche Inkonsistenzen auf. So offenbaren sich Zuordnungsprobleme, begriffliche Unschärfen oder Probleme der Trennschärfe. Zudem verweist er darauf, dass nur selten die methodologischen Grundlagen reflektiert werden. So stehen unterschiedliche Theorietypen nebeneinander, Auswahlentscheidungen werden nicht begründet und es bleibt unklar, ob Ansätze in einem alternativen oder komplementären Verhältnis zueinander stehen. ↩︎
- Der einleitende Text geht neben Theodor W. Adorno auf Else Frenkel-Brunswik, Daniel J. Levinson und R. Nevitt Sanford zurück. Inzwischen wird davon ausgegangen, dass auch die Konzepte Erich Fromms eine wichtige Rolle spielten; diese werden jedoch (nach einem Zerwürfnis mit Adorno) kaum erwähnt (vgl. Fahrenberg/ Steiner 2004). ↩︎
- Wenn man den Begriff des Charakters durch den des Habitus ersetzt, wird deutlich, wie ähnlich die von Adorno und seinen Mitautor:innen entwickelten Überlegungen den Konzepten Bourdieus sind. Das betrifft auch die Fragen der Stabilität bzw. Variabilität des Charakters und die auf ihn wirkenden Einflussfaktoren. ↩︎
- Die 2001 von Verterter:innen der Rechtsextremismus-Forschung entwickelte ›Konsensdefinition‹ begreift Rechtsextremismus als ein mehrdimensionales »Einstellungsmuster, dessen verbindendes Kennzeichen Ungleichwertigkeitsvorstellungen darstellen. Diese äußern sich im politischen Bereich in der Affinität zu diktatorischen Regierungsformen, chauvinistischen Einstellungen und einer Verharmlosung bzw. Rechtfertigung des Nationalsozialismus. Im sozialen Bereich sind sie gekennzeichnet durch antisemitische, fremdenfeindliche und sozialdarwinistische Einstellungen« (Decker/ Kiess/ Brähler 2016, S. 29). ↩︎
- Vgl. dazu das Buch von Rosanvallon (2025), in dem er der Bedeutung von unsichtbaren Institutionen nachgeht. Er rechtnet dazu: Vertrauen, Autoriät und Legimation. Diese Elemente »lassen sich insofern als Institutionen einstufen, als sie Faktoren der Integration, Kooperation und Regulierung sind, die die soziale Welt strukturieren. Aber es sind unsichtbare Institutionen, denn sie sind weder durch Sta-
tuten definiert, noch durch autorisierte Instanzen gelenkt oder mit Ordnungsmechanismen versehen« (S. 10). ↩︎ - Eine Kritik an einer solchen in der Soziologie nicht seltenen Erweiterung (Erklärungen auch auf der Mesoebene) des Colemanschen Modells findet sich bei Esser (1993, S. 114). ↩︎
- Die Rechtsextremen (Rebellisch-Autoritäre) waren in der ursprünglichen Fassung als Enttäuscht-Aggressive, die der Resigniert-Autoritätsgebundenen als Enttäuscht-Apathische bezeichnet worden. ↩︎
- Das deckt sich auch mit der langfristigen Stabilität antisemitischer Einstellungen in Deutschland (vgl. Weischer 2022, S. 702, Fn. 12). ↩︎