Der Ansatz des einflussreichen amerikanischen Soziologen Talcott Parsons wird typischerweise der funktionalistischen Schichtungsforschung zugerechnet. Das ist nicht ganz falsch; es wird aber auch der Verschiedenartigkeit und der Entwicklung seiner Anläufe, sich systematisch mit Fragen der Sozialstruktur zu beschäftigen, nicht ganz gerecht.
Die funktionalistische Perspektive eröffnet die Möglichkeit, Sozialstrukturanalysen in einer anderen Weise zu rahmen und die Verknüpfung von sozialwissenschaftlichen und politischen Diskursen neu zu fassen. Der aus der Marxschen aber auch der Weberschen Tradition naheliegende Gleichklang von sozialwissenschaftlicher Analyse (Erklärung der Ursachen von sozialen Ungleichheiten) und politischer Debatte (Reduzierung oder gar Beseitigung sozialer Ungleichheit) wird irritiert, indem sozialen Ungleichheiten eine funktionale Bedeutung für den Bestand von Nationalgesellschaften oder allgemeiner für den Erhalt sozialer Systeme zugemessen wird. Bei Parsons ist diese Argumentation durchgängig zu finden; er bindet sie in seine allgemeine Theorie sozialer Systeme ein. Parallel versucht er aber auch immer wieder, adäquate Analysen der sich wandelnden US-amerikanischen Gesellschaft und ihrer Unterschiede gegenüber europäischen Industriegesellschaften zu liefern ― darauf konzentriert sich die folgende Skizze einiger wichtiger Beiträge Parsons.
- Eine Gesellschaft auf geschäftlicher Basis
- Spielarten des Klassensystems
- Zusammenspiel von Gleichheits- und Ungleichheitsmomenten
- ›Race‹ im Kontext sozialer Stratifizierung
- Parsons Beiträge zur Sozialstrukturanalyse
Eine Gesellschaft auf geschäftlicher Basis
In seinem 1940 erschienenen Beitrag definiert Parsons: »Unter sozialer Schichtung wird hier die differentielle Rangordnung verstanden, nach der die Individuen in einem gegebenen sozialen System eingestuft werden und die es bedingt, daß sie in bestimmten, sozial bedeutsamen Zusammenhängen als einander über- und untergeordnet behandelt werden« (1964a, S. 180). Er betont die Vielgestalt sozialer Differenzierungsmomente, wendet sich aber gegen den Vorschlag Sorokins (1927), neben vertikalen auch horizontale Ungleichheiten (z.B. nach Geschlecht oder Religion) zu berücksichtigen. Er schlägt demgegenüber vor, die »differentielle moralische Wertung der Individuen« (S. 181) als ein zentrales und verallgemeinerndes Moment der sozialen Sichtung zu begreifen. Als mögliche Grundlagen der differentiellen Wertung verweist er auf sechs Faktoren: Mitgliedschaft in Verwandtschaftsgruppen, persönliche Eigenschaften, Leistungen, Eigentum, Autorität und Macht. Entlang der Gewichtung dieser Faktoren unterscheidet er verschiedene Typen von Schichtungssystemen.
Für die zeitgenössische amerikanische Gesellschaft konstatiert er: »Grob gesehen ist die herrschende amerikanische Schichtungsskala durch zwei Grundelemente gekennzeichnet. Status ist bei uns weitgehend bestimmt auf Grund von Leistungen in einem Berufssystem, welches seinerseits in erster Linie auf den universalistischen Kriterien der Bewährung und des Könnens auf einem funktional bestimmten Gebiet aufbaut. Dieses den Berufsbereich beherrschende Muster setzt zumindest einen verhältnismäßig hohen Grad ›gleicher Möglichkeiten‹ voraus, und dies bedeutet wiederum, daß Status nicht in erster Linie durch Geburt oder Mitgliedschaft in einer Verwandtschaftsgruppe bestimmt sein kann« (S. 192). Gleichzeit findet sich eine »starke institutionelle Betonung der Verwandtschaftsverbände« (S. 193).
Die Gesellschaft als Ganze charakterisiert er über die hohe Bedeutung individueller Leistungen. »Denn wir haben, auf der Grundlage einer Ethik, die den individuellen Leistungserfolg als das primäre Schichtungskriterium betont, ein Wirtschaftssystem entwickelt, das in stärkerem Maße als alle anderen zuvor auf einer ›geschäftlichen‹ oder ›kapitalistischen‹ Basis beruht. Unsere Gesellschaft ist in beruflicher Hinsicht auf das höchste spezialisiert. (…) Es gibt also innerhalb des groben Rahmens, durch den Berufe und Leistungen direkt in eine differentielle Wertordnung etwa der folgenden Art eingeordnet werden: leitende Berufe, akademische Berufe, gelernte Arbeit, ungelernte Arbeit etc., eine Einkommenshierarchie, die im großen und ganzen der direkten Wertung entspricht« (S. 199).
Spielarten des Klassensystems
In einem 1949 veröffentlichten Beitrag kontrastiert Parsons die Marxsche Auffassung mit eigenen Konzepten, um die Grundzüge des industrialisierten Schichtungssystems und der darin entstehenden Konflikte zu analysieren. Während die Marxsche Analyse dazu tendiere, die sozioökonomische Struktur der Wirtschaft als Einheit zu begreifen, müsse ein an sozialen Systemen orientiertes Denken danach fragen, welche Rolle die kapitalistische Wirtschaft bzw. das Schichtungssystem in einem solchen sozialen System haben. »Im großen gesehen organisiert sich in der modernen westlichen Gesellschaft die bei weitem bedeutendste Struktur um die Arbeit, die die Menschen verrichten, sei es im Bereich der Wirtschaft, der Regierung und Verwaltung, oder anderer, privater, nicht gewinnorientierter Tätigkeiten, wie etwa der akademischen Berufe. Die außerordentlich weitgehende Arbeitsteilung, die eine ungeheure Spezialisierung derartiger Funktionen erlaubt, verlangt natürlich ein ebenso weitgehendes und differenziertes Tauschsystem, in dem die Produkte der Arbeit spezialisierter Gruppen (…) jenen verfügbar gemacht werden, die sie gebrauchen können« (S. 219).
Dabei misst er dem Berufssystem eine zentrale Bedeutung zu. »Wir haben also nur insofern ein Klassensystem, als die in unserer Berufsstruktur inhärenten Differenzierungen (…) sich in ein System von Schichten verzweigt haben, die durch z. T. vom Einkommen bedingte Differenzierungen im Familienleben, Lebensstandard und Lebensstil gekennzeichnet sind, unterschiedlichen Formen des sozialen Drucks ausgesetzt sind und der jüngeren Generation natürlich auch unterschiedliche Ausgangsmöglichkeiten bieten. Es steht außer Zweifel, daß ein Klassensystem in diesem Sinne überall bestanden hat, wo eine moderne Industriegesellschaft bestand. Doch sind die Variationen von einer Gesellschaft zur anderen beträchtlich, insbesondere was die europäischen Spielarten des Industriekapitalismus im Unterschied zu der amerikanischen Variante betrifft« (S. 213f).
Zusammenspiel von Gleichheits- und Ungleichheitsmomenten
In einem 1970 erschienenen Rückblick auf seine Arbeiten zum Schichtungssystem konstatiert Parsons, dass es in säkularer Perspektive zu einem Bedeutungsverlust von askriptiven Statuszuweisungen (z.B. nach Religion, Ethnizität, territorialer Verortung oder Klasse im alten Sinne) gekommen sei. Umgekehrt komme dem Berufssystem eine zentrale Rolle für die soziale Positionierung zu. Er verweist dann jedoch auf die noch immer bedeutende Rolle von Herkunfts- bzw. Verwandtschaftsstrukturen: »the kinship system retains an important residual status in favoring ascriptive continuities from generation to generation« (1970, S. 19). Im Zentrum seiner in den 1970er Jahren entwickelten Perspektive steht dann aber die Frage, wie in modernen, weniger von askriptiven Zuweisungen geprägten Gesellschaften eine Balance zwischen egalisierenden und stratifizierenden Momenten aussehen kann.
Er vertritt dabei die These, »that the institutionalization of stratification, or more precisely of relations of inequality of status, constitutes an essential aspect in the solution of the problem of order in social systems through the legitimation of essential inequalities; but the same holds, pari passu, for the institutionalization of patterns of equality« (1970, S. 19). Für eine genauere Analyse nutzt er die von Th. S. Marshall entwickelte Unterscheidung von verschiedenen staatsbürgerlichen Rechten: zivile Rechte (z.B. Freiheitsrechte), politische Rechte (z.B. Wahlrechte) und soziale Rechte (z.B. Rechte auf soziale Mindestsicherung). Parsons ergänzt diesen Katalog noch um Bildungsrechte (cultural rights). Jedes dieser Rechte liefert nun einen spezifischen Beitrag zu Statusgleichheit auf der einen und Statusungleichheit (Schichtung) auf der anderen Seite:
- So geht mit den zivilen Freiheitsrechten einerseits die persönliche Befreiung aus feudalen Abhängigkeitsverhältnissen und örtlichen Bindungen einher. Die Gewerbe- und die Vertragsfreiheit ist dann aber auch die Basis für die neuen Ungleichheitsverhältnisse, die sich zwischen abhängig Beschäftigten und Unternehmern ausbilden.
- Die politischen Freiheitsrechte ermöglichen (zunächst für Männer und Besitzende) das allgemeine Wahlrecht. Umgekehrt werden mit repräsentativen Formen der Demokratie wichtige Kompetenzen an Parlamente und die politische Administration delegiert. So spricht er von drei Machtungleichheiten: »bureaucratic hierarchy, but also professional control of functions requiring special competence and, finally, the inequalities of power inherent in the institution of elective office« (S. 28).
- Die sozialen Teilhaberechte ermöglichen zumindest einen Mindeststandard der sozialen Sicherung, der für alle gilt; umgekehrt blieben aber massive Einkommensunterschiede bestehen und es komme zu einer relativen Deprivation: »those groups which, for whatever reason, have incomes sufficiently below the normal level of ›average‹ families, are unable, in a variety of ways, to participate fully in normal activities and to utilize normal symbols of self-respect« (S. 29).
- Die kulturellen Teilhaberechte bringen auf der einen Seite ein allgemeines und in den elementaren Bereichen für jeden zugängliches Bildungsangebot sowie eine Öffnung des Zugangs zu höheren Bildungseinrichtungen – Parsons sprich von einer Bildungsrevolution; auf der anderen Seite steigen jedoch die Ansprüche an die Qualifizierung von Beschäftigten. Zudem gestalten sich Statusunterschiede in wachsendem Maße auch als kulturelle Differenz: »One major modern trend in this respect has been in the direction of increasing specificity of cultural bases of status, notable perhaps in the field of the intellectual disciplines and the professions. Cultural superiority as a component of the competence essential to an occupational role is quite different from the cultural ›refinement‹ of the aristocrat« (S. 31)
›Race‹ im Kontext sozialer Stratifizierung
Die Unterschichtung der amerikanischen Sozialstruktur durch African Americans spielt in Parsons Analysen der US-amerikanischen Gesellschaft lange Zeit keine Rolle. Das ändert sich in den 1960er Jahren, exemplarisch sei auf die Publikation ›Full Citizenship for the Negro American?‹ verwiesen. Hier rekonstruiert er angesichts seines theoretischen Interesses an der Bedeutung von Bürgerschaftsrechten für die soziale Schichtung und angesichts der ersten Erfolge der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung die spezifische Geschichte der African Americans und setzt diese mit späteren Prozessen der Migration in Beziehung. Er konstatiert, dass Migration in die USA zumeist mit Prozessen der Unterschichtung verknüpft war: »American society has been protected against the urgency of the class problem by the fact that for so long such a large proportion of its lowest socio-economic groups has been of recent immigrant status, especially in the crucially important cities (…). Upward mobility has greatly alleviated the potential class problems« (1965, S. 1036). Diese Konstellation verändere sich, indem African Americans (er spricht im diskriminierenden Jargon seiner Zeit von ›Negroes‹, im Titel immerhin von ›Negro Americans‹) nach und nach die vollen Staatsbürgerrechte erkämpfen und sich auch die exkludierenden Wahrnehmungen der damaligen Mehrheitsgesellschaft allmählich verändern. Man hat es demnach auch mit einer Unterschicht von African Americans zu tun; sie machen nach den von ihm angeführten Zahlen mehr als die Hälfte der untersten Einkommensgruppe aus.
Er fragt nun nicht nach den (unbestrittenen und gravierenden) individuellen Diskriminierungserfahrungen, sondern fokussiert seine Analyse auf strukturelle Diskriminierungen, die sich an ›Hautfarben‹ festmachen. »In this context skin color symbolizes inferiority in the sense that it is purported to justify placing Negroes as a category so radically at the bottom of the scale as to be only equivocally inside the system at all« (S. 1034). Er beschreibt verschiedene Phasen, in denen diese Diskriminierungen zum Gegenstand politischer Aufmerksamkeit und Intervention werden. Man befinde sich nach den Aktivitäten der Social Gospel Movement Ende des 19. Jahrhunderts und der New Deal-Politik in Folge der Weltwirtschaftskrise nun in einer dritten Phase. Neben elementaren Rechten und Unterstützungsleistungen rücken inzwischen weitere Bereiche in den Fokus: »health, education, and the nature of the urban community, focusing most acutely so far upon housing« (1037). Jenseits der Diskriminierungen im Bildungssystem und am Arbeitsmarkt gehe es um Diskriminierungen, die (auch als Folge der Jim Crow-Politik) mit den Siedlungsformen verbunden sind. »The central concern is the vicious circle of the factors in actual inferior capacity for valued performance, in which poverty, bad health, low educational standards, family disorganization, delinquency, and other anti-social phenomena are mutually reinforcing. This is where the structure of the urban community itself becomes a salient problem focus. The new concern centers on the residential community« (S. 1038).
Vor diesem Hintergrund macht Parsons dann deutlich, in welchem Maße eine ›full inclusion‹ von der Gewährung sozialer Rechte abhänge (vgl. auch Holmwood 2021, S. 214). Parsons spricht aber auch über die erheblichen Wiederstände gegen eine solche Politik: so verweist er – aus heutiger Perspektive durchaus weitsichtig – auf den weißen Süden der USA, auf den protestantischen Fundamentalismus und die politische Rechte; nicht umsonst hatte er den Titel seines Beitrags mit einem Fragezeichen versehen.
Parsons Beiträge zur Sozialstrukturanalyse
Hans-Peter Müller konstatiert einen Bias zwischen der von Parsons vorgelegten allgemeinen Theorie sozialer Systeme und seinen Theorien sozialer Ungleichheit. Er vermutet, dass »seine eigene funktionalistische Schichtungstheorie [ihn] wohl zeitlebens nicht restlos überzeugt« (2002, S. 497) habe. Dennoch lassen sich wichtige Impulse für die wissenschaftliche Sozialstrukturanalyse ausmachen.
- Das ist zunächst der einleitend skizzierte Perspektivwechsel, mit dem soziale Ungleichheiten eher als ein Normalfall komplexer und offener Gesellschaften begriffen werden, in denen askriptive Zuweisungen zu sozialen Positionen in den Hintergrund treten. Er begreift – damit steht er nicht allein – soziale Schichtungen als einen mehrdimensionalen Prozess und eröffnet damit den Weg für komplexe Erklärungen sozialer Ungleichheiten.
- Seine Analysen der US-amerikanischen Gesellschaft akzentuieren die Bedeutung ihrer sich in beruflichen Differenzierungen ausdrückenden wirtschaftlichen (›kapitalistischen‹) Verfasstheit. Er verweist aber umgekehrt stets auf die noch immer gravierenden Effekte der sozialen Herkunft bzw. des Verwandtschaftssystems. Mit seinen späten Analysen zur Bedeutung von ›race‹ bzw. ›color‹ für Prozesse der sozialen Schichtung spricht er bereits wichtige Zusammenhänge an, die später in den Debatten um Intersektionalität und Rassismus weitergeführt werden. Ähnliches gilt für seine Beobachtungen zur Bedeutung kultureller Praktiken für soziale Differenzierungsprozesse, die dann später in den Analysen Pierre Bourdieus eine wichtige Rolle spielen.
- Mit dem Verweis auf die historischen bzw. institutionellen Unterschiede zwischen europäischen Gesellschaften und der US-amerikanischen Konstellation liefert er, ohne das systematisch auszuarbeiten, immer wieder Anlässe, den Gültigkeitsbereich von Sozialstrukturanalysen zu hinterfragen und die Bedeutung von institutionellen bzw. historischen Unterschieden zu bedenken.
- Von großer Bedeutung ist schließlich die in den späteren Schriften erkennbar werdende Kontrastierung von Gleichheits- und Ungleichheitsdynamiken entlang der von Marshall vorgeschlagenen Unterscheidung verschiedener staatsbürgerlicher Rechte. Auch der Verweis auf die sozial integrativen Effekte der um diese Rechte ausgetragenen Konflikte ist ausgesprochen fruchtbar und z.B. an die Dahrendorfsche Konflikttheorie anschließbar.
Literatur
Holmwood, John 2021: The Problem of ›Race‹ in Talcott Parsons’s Account of the Citizenship Complex, in: A. Javier Treviño, Helmut Staubmann (Hrsg.) The Routledge International Handbook of Talcott Parsons Studies, London: Routledge, S. 206-217
Müller, Hans-Peter 2002: Die drei Welten der sozialen Ungleichheit: Belohnungen, Prestige und Citizenship. Ein Blick zurück auf Talcott Parsons und die funktionalistische Schichtungstheorie, in: Berliner Journal für Soziologie 12 (4), S. 485-503
Parsons, Talcott 1964a [1940]: Ansatz zu einer analytischen Theorie der sozialen Schichtung, in: Parsons, Talcott. Beiträge zur soziologischen Theorie (hrsg. von Dietrich Rüschemeyer), Neuwied: Luchterhand, S. 180-205
Parsons, Talcott 1964b [1949]: Soziale Klassen und Klassenkampf im Lichte der neueren soziologischen Theorie, in: Parsons, Talcott. Beiträge zur soziologischen Theorie (hrsg. von Dietrich Rüschemeyer), Neuwied: Luchterhand, S. 206-222
Parsons, Talcott 1965: Full Citizenship for the Negro American? A Sociological Problem, in: Daedalus, Vol. 94, No. 4, The Negro American (Fall, 1965), S. 1009-1054
Parsons, Talcott 1970, Equality and Inequality in Modern Society, or Social Stratification Revisited, in: Sociological Inquiry, 40, S. 13-72
Sorokin, Pitirim A. 1927: Social Mobility, New York: Harper & Row