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Mau u.a. 2023: Triggerpunkte

Das Buch von Stefan Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser befasst sich mit verschiedenen Typen von Ungleichheitskonflikten und verortet diese im sozialen und politischen Raum der deutschen Gesellschaft. Dabei geht es um das klassische Feld sozioökonomischer Konflikte und um die eher neueren Konfliktfelder der Migrationspolitik, der Identitätspolitik und der Umweltpolitik.

Überblick:

Struktur der Argumentation

In der Studie ›Triggerpunkte‹ befassen sich die drei Autoren mit der gesellschaftlichen Wahrnehmung von Ungleichheiten bzw. mit Ungleichheitskonflikten in Deutschland. Einen Ausgangspunkt bildet die medial allgegenwärtige Diagnose von kognitiven Spaltungs- bzw. Polarisierungsprozessen. Die Autoren unterscheiden ›dünne‹ von ›dicken‹ Polarisierungen; letztere stehen für eine Konstellation, in der divergierende Einstellung mit Unterschieden in sozialstrukturellen Merkmalen einhergehen.

Es werden vier Themenfelder – die Autoren sprechen von Arenen – von Ungleichheitskonflikten unterschieden, Konflikte um:

Für die Aufbereitung der Befunde der standardisierten Befragung wurden die Teilnehmenden auf der Basis ihres gegenwärtigen oder früheren Berufs in dem vereinfachten Klassenschema von Daniel Oesch verortet.

 Selbstständigeabhängig Beschäftigte
 unabhängige Arbeitslogiktechnische Arbeitslogikorganisationale Arbeitslogikinterpersonelle Arbeitslogik
höhere QualifikationArbeitgeber/ freie Berufe (3%) z.B. Notarin, Unternehmer, Zahnärztintechnische Experten (9%) z.B. Architekt, Ingenieurin, Programmierermittleres/ oberes Management (14%) z.B. Controller, CEO, Unternehmensberatersoziokulturelle Experten (14%) z.B. Lehrerin, Klinikärztin, Sozialarbeiter
niedrigere QualifikationKlein-Unternehmer (7%) z.B. Kioskbesitzer, Solo-SelbstständigeProduktionsarbeiter (25%) z.B. Industriemechanikerin, Tischler, Maurereinfache Bürokräfte (13%) z.B. Sekretärin, Sachbearbeiter, RezeptionistinDienstleistungsarbeiter (15%) z.B. Verkäufer, Altenpflegerin, Reinigungskraft
Die Angaben zur Qualifikation beziehen sich nur auf die abhängig Beschäftigten.
Quelle: Mau u.a. 2023, S. 67, Prozentwerte wurden aus dem Anhang ergänzt.
Konflikte in den Ungleichheitsarenen (Kap. 2-6)

In einer vorangestellten Zusammenschau wichtiger Befunde machen die Autoren deutlich,
»dass das häufig gezeichnete Bild einer gespaltenen Gesellschaft nicht zutrifft. Konflikte sind zwar nicht ›strukturlos‹, aber eben auch nicht durch ein klares Gegeneinander unterschiedlicher Sozialstrukturgruppen geprägt« (S. 25).
»dass in den 4 Arenen jeweils spezifische Rechtfertigungsregister aktiviert werden, die sich nicht auf ein einfaches Dafür oder Dagegen reduzieren lassen« (S. 26).

Bei der Analyse der Konflikte in den Ungleichheitsarenen werden drei Datenquellen genutzt. Trenddaten des Allbus und anderer Studien werden für die Rekonstruktion von Zeitverläufen eingesetzt. Die aktuelle Situation wird dann mit den eigenen Daten aus der standardisierten Befragung und mit Ergebnissen der Fokusgruppen analysiert.

Für die einzelnen Ungleichheitsarenen sieht das dann so aus:

Im Kontext dieser Website sind vor allem die Befunde zu den Oben-Unten-konflikten von Interesse. Die Autoren sprechen von einem »insgesamt paradoxe(n) Muster, bei dem eine ausgeprägte Ungleichheitskritik und ein generelles ›Unbehagen an Ungleichheit‹ durch eine relative Zufriedenheit mit der eigenen Lage, durch Meritokratieglauben, moralisierte Anspruchskonkurrenz und individuelle Investitionsstrategien konterkariert wird«. Mit Bezug auf eine These von Klaus Dörre sprechen sie von einer »demobilisierten Klassengesellschaft« (S. 111).

»In der demobilisierten Klassengesellschaft zeigen sich Indizien für die Verschiebung hin zu horizontalen Konkurrenzkämpfen, individualisierten Statusstrategien und moralischen Abgrenzungen nach unten. Während in der oberen Hälfte der Statusverteilung die Zunahme privatisierter Statussicherung als Trend hervortritt (…) werden vor allem in der unteren Hälfte vermeintlich legitime und illegitime Ansprüche verschiedener Lohnabhängigengruppen gegeneinander ausgespielt und durch ein Insistieren auf gleichen sozialen Pflichten aufgeladen. Große Ungleichheit und exzessiver Reichtum werden zwar abgelehnt, doch ebenso reizen als illegitim wahrgenommene Ansprüche Bedürftiger zum Widerspruch, so dass sich für den demokratischen Klassenkampf ein Patt ergibt« (S. 117).

Triggerpunkte (Kap. 7)

Ausgehend von den doch unerwartet schwach sozial strukturierten Befunden zu den einzelnen Arenen wenden sich die Autoren sogenannten Triggerpunkten zu. Es werden folgende Triggerpunkte ausgemacht: Ungleichbehandlungen, Normalitätsverstöße, Entgrenzungsbefürchtungen und Verhaltenszumutungen.

TypVerletzte ErwartungenBeispielthemen
UngleichbehandlungenEgalität›Sonderrechte‹ für Minderheiten, rassistische Diskriminierung, leistungslose Vermögen
Normalitäts­verstößeNormalität›Scharia‹, ›Ausländerkriminalität‹, dekadenter Lebensstil der Reichen, Transfrauen in Frauenumkleiden
EntgrenzungsbefürchtungenKontrolle›Grenzöffnungen‹, Quoten, Folgen des Klimawandels, Ansprüche an den Sozialstaat
Verhaltens­zumutungenAutonomie›Sprechverbote‹ und Sprachreformen, Veggie-Day, Tempolimit, überkommene Geschlechterrollen
Quelle: S. 276, vereinfachte Darstellung

Im Fazit dieses Kapitels heißt es: »An den Sollbruchstellen der öffentlichen Debatte, die wir Triggerpunkte nennen, werden zentrale Hintergrunderwartungen, normative Differenzen und unbewältigte Auseinandersetzungen offenbar. Das Aufblitzen von Konflikten an diesen Punkten erhellt dabei auch die Gesamtkontur des gesellschaftlichen Moralgerüsts (…). Alle erkennen Unrechtes und Normwidriges, (…) und arrangieren sich allzu oft mit einem Zustand eng umgrenzter Kontrolle. Doch sie reagieren allergisch, wenn sie das Gefühl haben, dass sie in ihrer Freiheit eingeschränkt werden« (S. 278).

Der soziale und politische Raum der Ungleichheitskonflikte (Kap. 8 und 10)

Nach der detaillierten Untersuchung der vier Ungleichheitsarenen werden in diesen beiden Kapiteln wichtige Befunde verdichtet und im sozialen und politischen Raum verortet. Dabei wird auch der Frage nachgegangen, ob die Positionierung in diesen Konflikten mit der Klassenzugehörigkeit der Interviewten in Zusammenhang stehen. »Die Meinungslandschaft ist von einer Klassenspezifik gekennzeichnet, aber nicht von einer Klassenpolarisierung. Damit ist gemeint, dass die Einstellungen in allen vier Arenen systematisch mit der Klassenlage zusammenhängen; keine der Arenen ist aber so verfasst, dass sich zwei Klassen als Antagonisten gegenüberstehen und gleichsam in entgegengesetzte Richtungen ziehen. Die Extreme der Klassen spannen sich zwischen einer ›eher‹ ungleichheitskritischen Position und einem unentschiedenen ›teils, teils‹ auf« (S. 290).

Die Befunde zu den einzelnen Arenen werden zu einem Indexwert verdichtet, der auf einer Skala von -2 bis +2 Grade der Konservativität bzw. Progressivität abbildet. Bei den Durchschnittswerten dieser Indices wird deutlich, dass sich in allen vier Arenen (fast) alle Oesch-Klassen im progressiven Bereich zwischen 0 und +1 bewegen. Die Positionierung der Klassen variiert zwischen den Arenen, es lassen sich aber in der älteren Arena (Oben-Unten-Konflikte) und in den drei neueren Arenen jeweils recht stabile Ordnungen erkennen.

Die folgende Grafik geht über die Durchschnittswerte hinaus und zeigt, wie sich die Positionierungen der Befragten in den verschiedenen Arenen verteilen.

Eigene Darstellung nach Abb. S. 295

Die Verteilungen lassen sich zum einen über die Lage der Maxima und zum anderen über ihre Streuung charakterisieren. Die Gruppe der Arbeitgeber weist bei den Oben-Unten- und den Heute-Morgen-Konflikten eine ausladende ›konservative‹ Flanke auf. Gruppen wie die technischen Experten (9%), die soziokulturellen Experten (14%) und das mittlere bzw. obere Management (14%) liegen in allen vier Konfliktfeldern im ›progressiven‹ Bereich. Die Positionierungen der Produktionsarbeiter (25%) reichen insbesondere bei den Innen-Außen- und den Heute-Morgen-Konflikten weit in den ›konservativen‹ Bereich.

Auch andere soziodemografische Merkmale bedingen eine lediglich moderate Differenzierung der durchschnittlichen Positionierungen in den Arenen. In der folgenden Grafik sind jeweils die beiden Gruppen mit den größten Unterschieden abgetragen.

Eigene Darstellung nach Abb. S. 298

In einigen Arenen wird der differenzierende Effekt der Bildungsabschlüsse (und darüber vermittelt auch der Berufsklassen) erkennbar. Die übrigen (durchschnittlichen) Unterschiede fallen aber doch erstaunlich gering aus.

Wenn die Autoren nun untersuchen, wie die Positionierungen in den verschiedenen Arenen zusammenhängen, tritt ein verblüffendes Ergebnis zu Tage.

Verglichene
Arenen
Gesamtbevölkerungmax. HauptschulabschlussFH-/ Hochschulabschluss
Oben vs. Innen*0,09-0,030,31
Oben vs. Wir0,14-0,030,39
Oben vs. Heute0,19 0,090,41
Wir vs. Heute0,44 0,270,57
Innen vs. Wir 0,46 0,320,62
Innen vs. Heute0,59 0,410,63
* Abgekürzt für: Oben-Unten-Arena vs. Innen-Außen-Arena
Korrelationskoeffizienten im Wertebereich von -1 bis +1
Eigene Darstellung nach Abb. S. 310

»Zwar changieren die Korrelationen insgesamt zwischen schwach bis mittelstark, aber die Unterschiede zwischen jenen mit Hauptschulabschluss als höchstem Bildungsgrad und den Hochschulabsolventinnen sind augenfällig. Bei Hauptschulabgängerinnen dominiert ideologisches Patchwork, die Einstellungen in den Arenen sind (wenn überhaupt) nur loser miteinander verknüpft. Die Muster sind uneindeutig und weniger konsistent (…). Deshalb greifen die gern genutzten Stereotypen der unteren Statusgruppen als Träger durchgängig traditionalistischer und chauvinistischer Haltungen nicht. Bei denjenigen mit akademischem Abschluss gibt es hingegen akzentuierte übergreifende Zusammenhänge, die ein an Parteiprofile angelehntes Gesamtbewusstsein erkennen lassen« (S. 312f).

Für eine zusammenfassende Analyse werden die 32 kontroversesten Items aus den vier Arenen als Datenbasis einer multiplen Korrespondenzanalyse genutzt. Daraus ergibt sich das folgende Bild des sozialen (S. 317) und politischen (S. 370) Raums der Ungleichheitskonflikte; neben den Oesch-Klassen wurden auch die Parteipräferenzen der Befragten abgetragen.

Eigene Darstellung nach Abb. S. 317 bzw. S. 370

»Eine erste und die bei Weitem gewichtigste Dimension des Konfliktraums lässt sich als Dimension des Universalismus-Partikularismus beschreiben (…). Diese Dimension (…) ist stark vom besonders polarisierten Themenkomplex der Migration geprägt. Besonders strittige Fragen sind die, ob es in Deutschland zu viele Migranten gibt, ob Einheimischen zu wenig Unterstützung zugutekommt, weil Migranten zu viel davon erhalten, ob es Obergrenzen beim Flüchtlingszuzug (…) geben sollte oder ob man sich wegen der Migranten als Fremder im eigenen Land fühlt. Doch auch einige Items der Heute-Morgen Arena spielen hier (…) eine Rolle: Insbesondere die Aussage, Deutschland habe schon viel zum Klimaschutz beigetragen, nun seien andere Länder dran, wird tendenziell ähnlich wie die zuvor genannten Migrationsitems beantwortet« (S. 316).

Die zweite Dimension des Konfliktraums kann man »als Staatsinterventions- oder Gerechtigkeitsdimension verstehen (…). Zentrale Themen, die diese Dimension bestimmen, sind eine Erhöhung der Erbschaftssteuer oder der Hartz-IV-Sätze und staatliche Interventionen in die Einkommensverteilung, aber auch die Frage, ob die, die mehr haben, auch mehr zum Klimaschutz beitragen sollten, sowie die, ob es Geschlechterquoten bei Stellenbesetzungen geben sollte« (316f).

Wenn man die Parteipräferenz einbezieht, wird deutlich, dass es vor allem zwei Parteien sind, die den Raum strukturieren: »In der (vertikal abgebildeten) ersten Dimension setzen sich sowohl Grüne als auch AfD-Wähler sehr stark vom Durchschnitt der Bevölkerung ab. Das heißt zum einen, dass es zwischen ihnen bei kontroversen Themen fast gar keine Überschneidungen gibt. (…). Die Mehrheit der Elektorate ist aber entweder mittig verortet, oder es finden sich (wie für die Linke beobachtet) innerhalb der Wählerschaften sehr unterschiedliche Einstellungen, die sich mit denen der Anhänger anderer Parteien überschneiden. Im Gros der Meinungslandschaft liegt keine scharfe ideologische Sortierung der Wählerschaften (…) vor« (S. 368).

Affekt und Struktur (Kap. 9)

Das Kapitel ›Affekt und Struktur‹ befasst sich mit politischen Gruppensympathien und -antipathien. Dabei werden Sympathiewerte für ausgewählte ›Sozialfiguren‹ (z.B. Langzeitarbeitslose, Feministinnen, SUV-Fahrer) erhoben und entlang von Einstellungs- und sozialstrukturellen Gruppen analysiert.

In einem zweiten Schritt wurden die Antworten auf die Fragen, ob man angesichts der aktuellen politischen Diskussionen oft wütend werde, und ob man angesichts des gesellschaftlichen Wandels noch den Anschluss behalte, analysiert. Der Anteil der ›Wütenden‹ korreliert stark mit sozialen (z.B. Einkommen) und politischen (Parteipräferenz) Faktoren sowie mit der erwähnten ›Veränderungserschöpfung‹.

Politisierung und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft (Kap. 11)

In dem abschließenden Kapitel werden zentrale Befunde zusammengefasst und mit den sozialstrukturellen Beobachtungen verknüpft. »Sozialstrukturell ist Deutschland auch heute noch eine mittelschichtsdominierte Gesellschaft, die stark über Erwerbsarbeit integriert ist und deren Sozialstaat zentrale Lebensrisiken recht umfassend kompensiert. Trotz wachsender Vermögenskonzentration am oberen und Prekarisierung am unteren Ende der Hierarchie, trotz drängender sozialer Fragen rund um die Themen Wohnen, Integration und Bildungsgerechtigkeit kann von einem Auseinanderbrechen derzeit nicht die Rede sein. Politisch wirken zudem das Verhältniswahlrecht, die Vielzahl von Koalitionsregierungen und die föderale Struktur einer starken Lagerbildung entgegen« (S. 383).

Trotz der aufgezeigten auch strukturell unterschiedenen Positionierungen in den verschiedenen Ungleichheitskonflikten wurde in der Untersuchung aber auch ein breiter Konsens erkennbar:

»Im Hinblick auf grundlegende Leitvorstellungen wie Wohlfahrt, Klimaschutz, Toleranz und gesteuerte Einwanderung lässt sich (…) ein weitreichender gesellschaftlicher Konsens ausmachen, gegenüber dem die entschiedeneren Haltungen an den Rändern in der Minderheit sind. Obwohl Migration beispielsweise das polarisierteste Thema ist, plädiert das Gros der Bevölkerung weder für offene Grenzen noch für Abschottung, sondern für gesteuerte Zuwanderung und ein ethisch gebotenes Maß an humanitärer Hilfe. Auch sieht diese Mehrheit Toleranz und Nichtdiskriminierung als wichtige Werte an; für eine Rückkehr zu traditionalistisch-rigiden Gesellschaftsformen können sich nur die wenigsten erwärmen – ebenso wenige aber auch für eine weitreichende identitätspolitische Hinterfragung ihres Alltags« (S. 381).

Bezüglich der Bedeutung von klassenspezifischen Einflüssen kommen die Autoren zu einem abwägenden Befund. »Class matters auch in postindustriellen Konflikten, so viel steht fest. Zugleich ist es für ein tieferes Verständnis wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass wir es hier mit relativen und graduellen Unterschieden zu tun haben, nicht mit einem fundamentalen Antagonismus. Die Beobachtung von Klassenunterschieden in Konflikteinstellungen weist auf den bedeutsamen Fakt hin, dass Weltbilder von sozialen Erfahrungen, Interessen und Identitäten geprägt werden. Sie läuft aber auf einen Reduktionismus hinaus, wenn man – von Wissenschaftlerinnen konstruierte – Klassen aufgrund dieser Unterschiede zu Protagonisten sozialer Konflikte erklärt (etwa indem man von einem neuen Klassenkonflikt zwischen Arbeitern und Akademikern spricht). Denn das bedeutet, Klassen mit mobilisierten politischen Lagern gleichzusetzen, die sie in der Realität der ›demobilisierten Klassengesellschaft‹ nicht sind« (S. 390).

Abschließend tragen die Autoren Überlegungen zur Befriedung der skizzierten Ungleichheitskonflikte zusammen.

Methoden der Untersuchung

Die Untersuchung geht auf die Analyse von Primär- und Sekundärdaten zurück:

Insbesondere die statistischen Analysen können überzeugen. Es wird vor allem mit deskriptiven und explorativen Verfahren gearbeitet und es gelingt sehr gut, die Analysen eng mit dem Gang der Argumentation zu verzahnen. Die qualitativen Analysen haben zumeist einen eher illustrierenden Charakter.

Kommentar

Die von Mau, Lux und Westheuser vorgelegte Studie ›Triggerpunkte‹ kann voll und ganz überzeugen. Es gelingt ihnen, trotz des aufgeheizten Kontextes eine klar strukturierte Argumentation zu entwickeln, die dann das Gerüst für eine überzeugende Analyse der Primär- und Sekundärdaten liefert. Die Autoren können klären, warum es trotz der zunächst einmal schwachen sozialstrukturellen Effekte in den vier Arenen dennoch zu solchen Aufladungen kommt. Es kann gezeigt werden, dass die Positionierungen in den vier Themenfeldern zwar erkennbar durch soziodemografische Faktoren beeinflusst sind, dass sie aber nicht im Sinne von Polarisierungen zu verstehen sind. Das favorisierte Label einer demobilisierten Klassengesellschaft ist nicht ganz neu; bereits in den 1990er Jahren wurde der von E. P. Thompson in einem anderen Kontext entwickelte Term einer ›Klassengesellschaft ohne Klassen‹ genau in diesem Sinne auch für die deutsche Gegenwartsgesellschaft verwendet.

Man sollte sich bei der Lektüre des stringent argumentierenden Buches jedoch stets bewusst machen, welcher ›Wirklichkeitsausschnitt‹ beleuchtet wird. Es geht um sogenannte Einstellungen oder um Statements, die in einer medialisierten Gesellschaft mehr oder weniger ›triggern‹. Es geht nicht um ›reale‹ Konflikte um die Höhe von Löhnen und Besteuerungen, um pushbacks oder Aufenthaltstitel, um Rassismus in Wort und Tat, um die Reduktion von Fußabdrücken und Prozesse der sozialökologischen Transformation. Es geht also um ›Heizungsgesetze‹ und nicht um Heizungsgesetze. Mit dieser Klarstellung wird auch deutlich, warum der Begriff der Arena (im Sinne eines gesellschaftlichen Kampffeldes) missverständlich ist. Das Buch leistet überaus wichtige Aufklärungsarbeit in einer von Feuilletonistinnen, Spin-Doktoren, Influencerinnen und Empörten strukturierten Welt; es geht weniger um eine Analyse der komplexen Akteurs- und Konfliktkonstellationen in sich transformierenden offenen Gesellschaften. Diese Anmerkung soll in keiner Weise die Leistungen der Autoren schmälern, sie soll nur deutlich machen, was noch zu tun ist.

Inhaltsübersicht

1. Einleitung

2. Arenen der Ungleichheitskonflikte
Welche Konflikte? / Welche Ungleichheit? / Versuch einer Typologisierung / Oben-Unten-Ungleichheiten / Innen-Außen-Ungleichheiten / Wir-Sie-Ungleichheiten / Heute-Morgen-Ungleichheiten / Analysewerkzeuge

3. Oben-Unten-Ungleichheiten
Märkte und Klassen / Ungleichheitskritik / Die Tücken der Meritokratie / Unverdienter Reichtum / Wohlfahrt als demokratischer Klassenkampf? / Nach unten treten: Moralisierte Anspruchskonkurrenz / Privatisierte Statussicherung / Demobilisierte Klassengesellschaft / Vom Kampf der Klassen zur Konkurrenz der Individuen

4. Innen-Außen-Ungleichheiten
Der Nationalstaat und seine Grenzen / Kampf um Grenzen / Bedingte Inklusionsbereitschaft / Steuerbarkeit und Legitimität / Verteidigung von Anspruchshierarchien / Kulturelle Codierung der Mitgliedschaftsgrenze / Gute Migranten – schlechte Migranten /

5. Wir-Sie-Ungleichheiten
Kämpfe um Anerkennung / Wertewandel und Liberalisierung / Erlaubnistoleranz / Respekttoleranz / Quoten und Sprachregelungen / Exklusive Inklusivität? / Öffentliche Umwertung oder stillschweigende Eingemeindung?

6. Heute-Morgen-Ungleichheiten
Climate changes nothing? / Zyklen des Umweltbewusstseins / Klimapolitische Spaltungslinien? / Der ökologische Fußabdruck von Klassen und Nationen / Ungleiche Betroffenheit oder kollektive Risiken? / Transformationslasten: Vom Ende der Welt zum Ende des Monats / Ökologische Distinktion / Angst vor welchem Wandel?

7. Triggerpunkte
Gesellschaft der Empörten? / Ungleichbehandlungen / Normalitätsverstöße / Entgrenzungsbefürchtungen / Verhaltenszumutungen / Eine Taxonomie gesellschaftspolitischer Trigger

8. Der soziale Raum der Ungleichheitskonflikte
Eine Repolitisierung der Sozialstruktur? / Klassenspezifik, nicht Klassenpolarisierung / Alte weiße Männer? / Verschachtelte Ungleichheitsarenen / Konfliktraum und soziale Landkarte

9. Affekt und Struktur
Soziale Sortierung und affektive Polarisierung / Gefühlsthermometer: Sympathie und Antipathie / Alte und neue Medien / Wut und Veränderungserschöpfung

10. Der politische Raum der Ungleichheitskonflikte
Verortung in der Parteienlandschaft / Affektpolitik / Polarisierungsunternehmer

11. Politisierung und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft
Nicht Kamel, sondern Dromedar / Politisierung ohne Polarisierung / Klassenunterschiede / Eine zerklüftete Konfliktlandschaft / Konfliktbefriedung?

Literatur

Dörre, Klaus 2019: Umkämpfte Globalisierung und Soziale Klassen, in: Candeias, Mario/ Thomas Goes/ Klaus Dörre (Hrsg.), Demobilisierte Klassengesellschaft und Potentiale verbindender Klassenpolitik, Berlin: Rosa-Luxemburg-Stiftung, S. 11-56

Dörre, Klaus 2020: In der Warteschlange. Arbeiter*innen und die radikale Rechte, Münster: Westfälisches Dampfboot

Kohli, Martin 1996: Klassengesellschaft ohne Klassen? Entstehung, Verlagerung und Auflösung von Klassenmilieus, Opladen: Leske und Budrich

Mau, Steffen/ Thomas Lux/ Linus Westheuser 2023: Triggerpunkte. Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft, Berlin: Suhrkamp

Oesch, Daniel 2006: Redrawing the Class Map. Stratification and Institutions in Britain, Germany, Sweden and Switzerland, Basingstoke: Palgrave Macmillan

Thompson, Edward P. 1980: Die englische Gesellschaft im 18. Jahrhundert. Klassenkampf ohne Klasse?, in: ders., Plebeische Kultur und moralische Ökonomie. Aufsätze zur englischen Sozialgeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts, Frankfurt am Main/ Wien u.a.: Ullstein, S. 247-289