Amlinger u. Nachtwey 2025: Zerstörungslust

Das 2025 erschienene Buch ›Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus‹ von Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey liefert zum einen eine Zeitdiagnose, indem es vor allem mit Blick auf die Entwicklung in den USA vorschlägt, von einem demokratischen Faschismus zu sprechen.
Zum anderen erweitert es den Blick auf Phänomene des Rechtspopulismus bzw. -autoritarismus, indem die destruktiven Elemente dieser politischen Positionierungen herausgearbeitet werden.
Die  Autor:innen fokussieren dabei auf die jüngeren Entwicklungen in den USA und in Deutschland. Sie knüpfen an eine Publikation aus dem Jahre 2023 an, die sich mit den Corona-Protesten und der Querdenker-Szene befasst hatte.

Gang der Argumentation

Einleitung

In einer Passage des ›Project 2025‹1, wird konstatiert, dass ›Amerika‹ nur aufblühen könne, wenn die Institutionen der liberalen Demokratie ›verbrannt‹ werden. »Diese Zerstörungslust ist keineswegs nur nihilistisch, sie ist schöpferisch und will aus alten Steinen ein neues Gebäude zusammensetzen, das ewig währt. Sie macht den Kern des demokratischen Faschismus aus« (Amlinger/ Nachtwey 2025, S. 8).

Im Sinne einer Zeitdiagnose wird die gegenwärtige Situation als »ein rechtsdriftender Zyklus« beschrieben, »in dem Nationalkonservative, Liberal-Autoritäre und Anarchokapitalisten zusammenfinden« (S. 9). Das besondere sei jedoch, dass man es in verschiedenen Ländern mit demokratisch gewählten Autokrat:innen zu tun hat. Der von ihnen betriebene Umbau der liberalen Demokratie sei von einer Zerstörungswut getrieben; diese Destruktivität fungiere als ein »Beschleunigungsstreifen auf einer Autobahn der Radikalisierung« (S. 10).

Demokratischer Faschismus

In Abgrenzung zu anderen Etikettierungen schlagen die Autoren vor, von einem ›demokratischen Faschismus‹ zu sprechen. Dieser »ist im Gegensatz zum historischen Faschismus, der die Demokratie offen bekämpfte, in der Demokratie verankert und versteht sich als ihr Erneuerer. Gleichzeitig untergräbt er ihre Grundlagen. Treibende Kraft ist die Zerstörungslust. Mit seiner lustvollen Grausamkeit sowie dem frivolen Spiel mit der Gewalt geht der demokratische Faschismus über den Rechtspopulismus hinaus« (S. 12).

Das Buch macht es sich zur Aufgabe, nach Gründen für die Zustimmung zu solchen neofaschistischen Projekten zu suchen. Die  Autor:innen verweisen auf eine Polykrise, die weite Kreise verunsichere und sich in emotionale Strukturen einbrenne, indem sie ein Gefühl eines ›blockierten Lebens‹ vermittele. Angesichts des rückläufigen Wachstums würden Verteilungskonflikte nicht länger um die Verteilung des Zuwachses, sondern um die des Bestehenden geführt und hätten somit den Charakter von Nullsummenspielen, in denen die einen gewinnen und andere verlieren.

Zerstörungslust

Zum Verständnis der Destruktivität sollen die Konzepte der Kritischen Theorie aufgearbeitet und erweitert werden. Sie »betrachtete autoritäre Einstellungen als verwurzelt in stabilen Sozialcharakteren; wir glauben aber, dass Gefühlsstrukturen historisch im Fluss sind« (S. 18). Wesentliche Rahmenbedingungen haben sich verändert. »Die spätmoderne Gesellschaft ist (…) deutlich stärker reguliert, verrechtlicht und normativ eingebettet. Es wurden zahlreiche Sperrklinken gegen Diskriminierung, Unterdrückung, Gewalt und männliche Vorherrschaft eingebaut, gleichzeitig stieg die Abhängigkeit von der Wissenschaft, dem Rechts-, Bildungs- und Gesundheitssystem sowie vom Arbeitsmarkt. In der Industriegesellschaft dominierte ein außengeleiteter Sozialcharakter, der sich an Organisationen an- und in das Wirtschaftssystem einpasste. Das spätmoderne Individuum gerät jedoch in Konflikt mit Institutionen, die es als freiheitsbeschränkend empfindet. Genau dagegen wendet sich die vitalistische Rebellion der Destruktivität« (S. 18).

Der demokratische Faschismus sei ein weniger organisierter und zentralisierter Faschismus, eher ein »Netzwerk von Netzwerken, eine lose Allianz der Destruktion« (S. 20). Diese seien aber über den Wunsch nach Härte (S. 20) und über das Bedürfnis, im Raum der Ideen Chaos zu stiften (S. 21), verknüpft. Das mache die emotionale Attraktivität des demokratischen wie des klassischen Faschismus aus.

Für die empirische Analyse greifen die Autoren zum einen auf eine standardisierte Befragung zum ›Bedürfnis nach Chaos‹ zurück. Zum anderen führen sie problemzentrierte Interviews durch. Ihren Forschungsansatz beschreiben die Autoren als soziologisch bzw. historisch-materialistisch sowie als sozialpsychologisch bzw. affekttheoretisch.

Sie fragen: »Wie lässt sich erklären, dass viele Menschen – wenn auch nicht die Mehrheit – autoritäre und destruktive Einstellungen entwickelt haben, obwohl sie keine autoritäre Grunddisposition haben, obwohl sie als Kinder viel weniger streng erzogen wurden, obwohl Männer nicht mehr zum Militärdienst müssen, beide Geschlechter mit anderen Rollenvorstellungen in Berührung kamen und in zunehmend liberalen Gesellschaften aufgewachsen sind?« (S. 25 f.).

1. Nach dem Fortschritt

Das Kapitel zielt auf eine Zeitdiagnose der Gegenwartsgesellschaft. Amlinger und Nachtwey konstatieren eine »Polykrise aus Klimawandel, Kriegen, Pandemien, Inflation, weltwirtschaftlichen Verwerfungen und den von digitalen Technologien ausgehenden Veränderungen« (S. 13). Es sei zu einem Ende des wirtschaftlichen Wachstums gekommen; parallel seien aber auch Fortschritts- und Aufstiegshoffnungen erlahmt. Es herrschen Ohnmachtsgefühle vor und die Vergangenheit werde verklärt. Die von Talcott Parsons favorisierten Integrationsinstanzen (Recht, Wirtschaft und Familie) verlieren allesamt ihre Integrationsfunktion.

Mit Blick auf verschiedene Stadien der Moderne (organisierte Moderne, Spätmoderne) sprechen sie von einer Nachmoderne bzw. einer regressiven Moderne (vgl. Nachtwey 2016); diese zeichne sich durch einen Rückgang der Produktivität (Amlinger/ Nachtwey 2025, S. 42), eine Diskreditierung des Wachstums (angesichts des Klimawandels) und den Verlust des Zukunftsglaubens aus.

  • Mit Bezug auf Polanyi und Lipset diagnostizieren sie, dass die sozialen Grundlagen der Demokratie erodieren, indem Märkte zunehmend entbettet werden und die Grundlagen des keynesianischen Wohlfahrtsstaats schwinden. Die Effektivität und Legitimität des politischen Systems nehme ab (S. 47).
  • Der Neoliberalismus impliziere neue Ungleichheiten, wenn öffentliche Dienste privatisiert und Infrastrukturen vernachlässigt werden. Prozesse der Finanzialisierung befördern einen Asset-Manager-Kapitalismus. Schließlich tragen auch die wachsenden Erbschaften zu einer Vergrößerung von Ungleichheiten bei.
  • Während die organisierte Moderne mit einem Aufstiegsversprechen verbunden war, werden nun Abstiege und Abstiegsängste zur Klassenrealität. Das gelte vor allem für die USA, lasse sich aber auch in Deutschland aufzeigen. Die Pathologien der Nachmoderne zeigten sich aber auch an den sozialen Unterschieden in der Lebenserwartung und beim Gesundheitszustand (S. 62 f.).
  • Es kommt zu einem Strukturwandel der Herrschaft, indem »soziokulturelle Experten sowie Semi- und administrative Professionen« an Bedeutung gewinnen. Dazu gehören z.B. Gutachter:innen, Angestellte in Verwaltung, Controlling und Personalwesen oder Lehrkräfte, Ärzt:innen und Journalist:innen oder Erzieher:innen und Sozialarbeiter:innen. »Was Menschen in diesen Berufen (…) auszeichnet: Ihre Rolle und ihre Kompetenzen werden durch den Staat zertifiziert und sie verfügen über ein hohes Maß an symbolischer wie auch sozialer Macht über ihre Klient:innen (…). Die Berufe in der Dienstleistungsmittelklasse sind (…) in der Ausübung ihrer Tätigkeiten relativ autonom. Häufig üben sie Gewährleistungstätigkeiten für die Reproduktion der Sozialstruktur aus« (S. 66).
    Mit Bezug auf Foucaults Konzept der Gouvernementalität konstatieren die Autoren: »Der Auf- und Ausbau des Sozialstaates erhöhte die soziale Freiheit der Bürger:innen massiv. Sie waren besser gegen die Risiken des Marktes geschützt, konnten autonomer und kooperativer interagieren. Mit der ausgebauten sozialen Sicherung gingen aber auch Kontrolle, Konformismus und eine umfassende Sozialstaatsbürokratie einher« (S. 75). Sie sprechen von einem Paradox: »Die Regierung der Freiheit (…) erschafft gerade in Form des progressiven Neoliberalismus ein Gefühl der verallgemeinerten Unfreiheit. Aber, und dies ist von zentraler Bedeutung, auch dem Neoliberalismus gelang es nicht den Staat zurückzubauen« (S.77 f.).
  • Schließlich konstatieren die Autoren eine »liberal-demokratische Regression« (S. 78) und attestieren der liberalen Demokratie eine tiefe Vertrauenskrise. »Es herrscht große Entfremdung gegenüber ihren institutionellen Arrangements, aber auch gegenüber dem praktischen Vollzug von Politik. Die Vertrauens- ist dabei nicht zuletzt Ausdruck einer Funktionskrise, erweist die liberale Demokratie sich doch zunehmend als unfähig, für umfassenden Fortschritt zu sorgen. Stattdessen bringt sie Stagnation, eine hoch drehende Politik der Bewahrung des Status quo« (S. 78). Mit der nach der Finanzkrise 2007/2008 einsetzenden Bankenrettung wurde die Sparpolitik auf Dauer gestellt. Sozialdemokratische Parteien wendeten sich von keynesianischen Konzepten ab. In Europa wie in den USA begann – so die Autor:innen – das Erstarken der radikalen Rechten (S. 85).

2. Blockierte Leben

Die Autor:innen konstatieren eine wachsende Bedeutung von Gefühlen. »Heute (…) nimmt die Identifikation mit Milieus, Berufsgruppen oder der Familie ab. Organisationen und kohärente Ideologien spielen in der Politik kaum noch eine Rolle. Stattdessen dominieren Emotionen« (S. 92).

Parallel komme es zu einer Entfremdung des Selbst von der Welt. Die Freiheitszuwächse, die sich mit der Liberalisierung und dem Ausbau der Wohlfahrtsstaaten einstellen, gehen mit zunehmender Isolierung einher. Fromm hatte auf eine paradoxe Grundstruktur verwiesen: »Statt sich frei entfalten zu können (…), fühlten sich Individuen durch äußere Zwänge und Hindernisse fundamental blockiert. Das Bedürfnis, seine Wünsche zu verwirklichen, schlage in sein Gegenteil um: den Wunsch, die Welt zu zerstören, die einem die Luft zum Atmen nimmt« (S. 16).

Amlinger und Nachtwey zeichnen ein recht düsteres Szenario: »Heute verändern sich die Dinge in der subjektiven Wahrnehmung derart rasant, dass viele Menschen sich nicht länger als Teil der Welt um sie herum begreifen. Weltentfremdung wird zu einem dominanten Wahrnehmungsmodus, Gesellschaften des Aufbruchs und der Öffnung haben sich in Gesellschaften der Stagnation und Schließung verwandelt. Die Nachmoderne wurde um ihre Zukunft kupiert, doch die Individuen halten an ihren alten Gefühlsstrukturen fest, am Glauben an die allmähliche Verbesserung ihres Lebens« (S. 99).

Leistungsethos

Sowohl die US-amerikanische wie die deutsche Gesellschaft begreifen sich als Leistungsgesellschaften; die Unterschiede sind jedoch erheblich. »In den USA strukturiert der amerikanische Traum bis heute den Gefühlshaushalt der Bevölkerung und deren Wahrnehmung der Welt. Während in europäischen Gesellschaften stärker der Wohlfahrtsstaat als Garant des Aufstiegs gilt, der über soziale Sicherungssysteme Mobilität unterfüttern soll, definiert sich der amerikanische Traum vor allem über individuelle Leistung. Rastlosigkeit (…) wird zum Maßstab der Selbstbewertung« (S. 103).

Dieses Leistungsethos schlägt sich dann aber auch in der Bewertung von Ungleichheiten und von weniger Erfolgreichen nieder. »Gerade das Insistieren auf angeblicher Chancengleichheit und Leistungsgerechtigkeit geht problemlos mit einer Zunahme der Ungleichheit einher. Wer an den eigenen Aufstieg glaubt, lehnt Umverteilung ab, selbst wenn er (…) von einer entsprechenden Politik profitieren würde« (S. 111).

Fragen der Autonomie

Die Corona-Pandemie, die durch den Ukraine-Überfall ausgelösten Krisen und schließlich die erforderlichen sozio-ökologischen Transformationsprozesse haben immer auch staatliches Handeln erfordert, das private Autonomie (mitunter schmerzlich) eingeschränkt hat. Dies wird in den Interviews sehr deutlich. Amlinger und Nachtwey unterscheiden hier zwei Formen der Autonomie. »Während sich Selbstbestimmung auf Entscheidungs- und Bewegungsfreiheit im Alltag bezieht, ist Selbstentfaltung auf die Realisierung von Potenzialen über den Lebensverlauf ausgerichtet. Die Frage lauter hier nicht ›Bin ich frei in meinem Tun?‹, sondern: ›Kann ich eigentlich ich selbst sein?‹« (S. 125).

Blockierte Leben

Krisen werden in zunehmendem (auch hautnah) Maße erfahrbar. »Es sind die unerwarteten, sich kumulierenden Einbrüche in den Alltag, die die Zerbrechlichkeit des Lebens vor Augen führen. Überschwemmungen, Dürreperioden, eine globale Pandemie, ein Angriffskrieg in Europa, marode Infrastruktur und nicht zuletzt: politische Instabilität. Das Zeitgefühl der Nachmoderne speist sich aus der Kumulation von Einbrüchen in sicher geglaubte Zonen – es kommt nun anders, als man glaubt. (…) Angesichts dieser multiplen Bedrohungen vollzieht sich die Nachmoderne vor einem Horizont der allgegenwärtigen Schließung. Gewachsene Bedrohungen verursachen ein fast unmerkliches, doch stetes Beben, das schließlich in gesellschaftliche Gefühle der Verunsicherung und Vulnerabilität mündet« (S. 131).

Amlinger und Nachtwey sprechen hier von einem Gefühl des blockierten Lebens. Die in der Moderne dominante Erfahrung des steten Zuwachses stößt an Schranken.

»Die Erfahrungswelt des blockierten Lebens speist sich (…) aus drei Quellen: aus der Verschlechterung von Lebenschancen durch soziale Ungleichheiten und seltenere Aufstiege, aus dem Abbau gesellschaftlicher Schranken, die zuvor Privilegien absicherten, und aus der Empfindung, die Politik errichte Hindernisse und befördere so einen unfairen Wettbewerb« (S. 137). In Kontext dieser Blockade komme es zu neuen Verteilungskonflikten: an die Stelle der Frage, wie der wachsende Wohlstand zu verteilen sei, tritt die Frage nach der Verteilung des begrenzten oder schrumpfenden Reichtums. Fortschritt ist im Sinne eines Nullsummenspiels nur noch auf Kosten anderer möglich.

3. Destruktivität

Regressive Rebellion

In diesem Kapitel werden zunächst vorliegende Erklärungsmuster für die wachsende antiliberale Rebellion diskutiert. So seien die klassischen Spaltungslinien (cleavages), die das politische Feld lange strukturierten, im Kontext sozialer Fortschritte aufgeweicht. Insbesondere in den USA ist eine zunehmende affektive Polarisierung zu beobachten. Als Treiber werden wachsende soziale Ungleichheiten, eine Zunahme von Migration, der Anstieg der Wohnkosten, der Zerfall von Infrastrukturen und schließlich Abstiegsängste bzw. Deprivationserfahrungen angeführt. Oft werden diese eher ökonomischen Konflikte auch im kulturellen Feld (z.B. als wokeness-Kritik) ausgetragen.

Amlinger und Nachtwey begreifen die Ressentiment-Revolte immer auch im Sinne eines regressiven Klassenethos; dabei kommt es allerdings zu klassenübergreifenden Koalitionen: »Konservativen und rechten Eliten sowie Angehörigen der oberen Mittelklasse geht es um die Verteidigung von Traditionen und hierarchischen Ordnungsvorstellungen; Teile der unteren Mittel- sowie der stagnierenden oder real abgestiegenen Arbeiterklasse werden von materiellen Sorgen umgetrieben und rufen daher nach sozialer Gerechtigkeit und ethnonationalistischer Abschottung« (S. 171). In allen vorliegenden Erklärungsansätzen werde jedoch ein wesentliches Motiv übersehen, das »Bedürfnis nach Zerstörung« (ebd.).

Dunkles Begehren im Kapitalismus

Bereits in Adornos Ausführungen zur autoritären Persönlichkeit findet sich das Konzept der Destruktivität in Grundzügen. Er macht deutlich, dass die Diskrepanz zwischen Lebenserwartungen und Alltagsrealität den Impuls förderten, die Demokratie zu zerstören: »Anstatt zu versuchen, dieser Form den ihr angemessenen Inhalt zu geben, möchten sie sie zerstören und die direkte Herrschaft derjenigen herbeiführen, die sie ohnehin für die Mächtigen halten« (Adorno 1999, S. 221).

Fromm entwickelt das Konzept weiter und spricht von einem spezifischen Sozialcharakter. »In diesem Gesellschafts- oder Sozialcharakter verbinden sich individuelle Gefühle und Mentalitäten mit ökonomischen Strukturen, Machtverhältnissen und kulturellen Normen. Der Sozialcharakter entspringt für Fromm bis zu einem gewissen Grad physisch-psychischen Bedürfnissen, ist aber grundlegend dynamisch und insofern aus historischen wie gegenwärtigen Elementen zusammengesetzt« (Amlinger/ Nachtwey 2023, S. 174 f.).

Lust an der Zerstörung

Die von den Autor:innen organisierte standardisierte Befragung von ca. 2600 Personen greift auf ein Online-Panel zurück; die Repräsentativität sei allerdings »stark eingeschränkt« (S. 195). Für die Konstruktion des Fragebogens wird der in den Politikwissenschaften konzipierte need-for-chaos-Ansatz genutzt und modifiziert. Die Antworten auf die drei Items2 werden zu einem Destruktivitätswert verdichtet.

60% der Befragten weisen keinerlei destruktive Neigungen aus; bei weiteren 28% sind diese eher niedrig. Es finden sich aber auch 12,5% der Befragten mit mittleren und hohen Werten.

Grade der Destruktivität – Eigene Darstellung nach Angaben auf S. 430

In den Antworten wird eine klar gegliederte Altersstruktur erkennbar. In der jüngsten Altersgruppe sind es mehr als 20% der Befragten, die einen mittleren oder hohen Destruktivitätswert erreichen.

Anteil mittlere/hohe Destruktivität nach Altersgruppen – Eigene Darstellung nach Angaben auf S. 431

Bei den Anhänger:innen verschiedener Parteien lassen sich deutliche Unterschiede in der Ausprägung destruktiver Haltungen erkennen. Bei den AfD-Orientierten sind es mehr als 28%.

Anteil mittlere/hohe Destruktivität nach Parteineigung – Eigene Darstellung nach Angaben auf S. 199

In einer Regressionsanalyse wird deutlich, dass neben den hier ausgewiesenen Faktoren, das Geschlecht, die Rechts-Links-Selbstverortung, eine Befürwortung der Corona-Proteste sowie soziale Auf- und Abstiege auf den Grad destruktiver Haltungen Einfluss haben.

Eine Analyse des Zusammenhangs mit verschiedenen Einstellungsskalen zeigt, dass mittlere und hohe Destruktivitätswerte mit hohen Werten auf den folgenden Skalen (nach Ausprägung des Zusammenhangs geordnet) einhergehen: Klimaskepsis, Befürwortung der Coronaproteste, Anti-Gender-Positionen, autoritäre Aggression, Antisemitismus, Rechtsextremismus, autoritärer Konventionalismus, autoritäre Unterwürfigkeit und Leistungsdenken (S. 200).

Typen der Destruktivität

Zudem wurden 41 problemzentrierte Interviews durchgeführt. Das Sample bestand aus AfD-Unterstützer:innen bzw. aus Personen, die sich durch einen hohen Grad von destruktiven Einstellungen auszeichnen.

Die Analysen der Interviews werden zu einer Typologie verdichtet.

  • die Erneuerer machen ca. 50% des Samples aus: »sie wollen liberale Institutionen erschüttern, um traditionelle Hierarchien wiederaufzubauen« (S. 19)
  • die Zerstörer bilden weitere 25% des Samples: »sie glauben nicht an Erneuerung und sehen die Zerstörung des Systems als Selbstzweck« (S. 19)
  • die Libertär-Autoritären stellen ca. 25% des Samples: »sie streben aus ideologischen Gründen nach der Abschaffung des regulierenden Staates und wollen ihn durch autoritäre Alternativen ersetzen« (S. 19 f.).

Auszüge aus den qualitativen Interviews werden darüber hinaus im ganzen Buch zum Zweck der Illustration und Vertiefung genutzt.

4. Demokratischer Faschismus

Im vierten Kapitel wird entlang verschiedener Konzepte diskutiert, wie sich die Ergebnisse der Studie verorten lassen. Die Autor:innen schlagen »das Konzept des demokratischen Faschismus vor und nehmen neufaschistische Projekte sowie ein breites Spektrum politischer Akteure und Bewegungen in den Blick. (…) Die faschistische Bewegung der Gegenwart versteht sich (…) als Erneuerin der Demokratie, um sie schließlich auszuhebeln. Der destruktive Impuls des neuen Faschismus richtet sich (…) gegen das Liberale in der liberalen Demokratie« (S. 258).

Die sozialen Gruppen, die sich hinter diesem Projekt versammeln, sind recht heterogen: »Tech-Milliardäre aus dem Silicon Valley und MAGA-Mützen tragende Arbeiter aus dem Mittleren Westen; eine in gleichgeschlechtlicher Partnerschaft in der Schweiz lebende Unternehmensberaterin und der heimatliebende Ostdeutsche, der gegen den ›woken Wahnsinn‹ protestiert; Christ:innen, die einen Präsidenten als Erlöser betrachten, der sich aus Religion nichts macht (…); großbürgerliche Journalist:innen mit dem Habitus des englischen Landadels und profane Neonazis; Autoritäre, die sich einen starken Staat wünschen, und Libertäre, die ihn abschaffen wollen« (S. 259). Diese Fraktionen eint »das destruktive Aufbegehren gegen die liberale Demokratie und der Wunsch, soziale Hierarchien zu restaurieren. Wenn es so etwas wie einen gemeinsamen Nenner gibt, dann, dass sie antiegalitär, antikosmopolitisch und exkludierend sind« (S. 260).

Mehrfach verweisen Amlinger und Nachtwey darauf, dass der demokratische Faschismus auf verschiedene Quellen zurückgehe, »die sich zu einem großen Strom vereinigen. Vom Abstieg bedrohte und radikalisierte Mittelklassen, Arbeiter, deren Lebensbedingungen seit Jahrzehnten stagnieren und die die Hoffnung auf Besserung aufgegeben haben. Das Nullsummendenken hat vor allem bei jenen Gruppen explosive Gefühle erzeugt, die zuvor an die Versprechen der Moderne, an Aufstieg und Leistung geglaubt haben. Einige haben eine regelrechte Zerstörungslust entwickelt. (…) Sie alle eint das Begehren, die liberale Demokratie zu zerstören, auch wenn die Motive jeweils andere sind (…). Dabei ist der demokratische Faschismus selbst inklusiv, weil er so viele disparate Gruppen in ihrem Wunsch nach Destruktion zusammenbringt. Er kann eine klassenübergreifende Koalition stiften, weil er von der Bivalenz lebt. Er bekennt sich zur Demokratie, während er deren Fundamente untergräbt. (…) Ideale  wie Freiheit oder Gleichheit werden zwar aufgerufen, sind aber in ihrer Bedeutung subversiv verschoben: Die Ideale exkludieren fremde Leben und integrieren nur die eigenen« (S. 306 f.).

Der demokratische Faschismus wirkt über »affektive Atmosphären, in denen etwas mitschwingt, das nicht ausgesprochen werden muss. Die eigene Widersprüchlichkeit wird nicht aufgelöst, sondern kultiviert. Denn die bivalente Logik adressiert weniger die Vernunft als vielmehr Gefühlsstrukturen, in denen destruktive Fantasien ihren Platz finden, ohne vollständig benannt werden zu müssen. Ganz unterschiedliche Individuen spüren eine diffuse Resonanz, der unausgesprochene Doppelsinn erzeugt Zugehörigkeit, ohne dass man sich festlegen muss. Die Befreiung durch Zerstörung wird nicht rational gerechtfertigt, sondern affektiv aufgeladen, sie wird als Erlösung und Lustgewinn erlebt« (S. 307).

Schluss: Ein neuer Antifaschismus

Abschließend verweisen die Autor:innen auf die Hilflosigkeit des Liberalismus, der die Ungleichheit nicht in den Griff bekomme, dem Faschismus mit moralischer Überlegenheit begegne und die sozialpsychologische Struktur des Autoritarismus ignoriere. Demgegenüber favorisieren sie einen postliberalen Antifaschismus. Man müsse den faschistischen Mythen »die Vision einer Gesellschaft gegenüberstellen, die das Leben bejaht und Lust auf Teilhabe macht« (S. 317).

Es gelte, den entfesselten Märkten etwas entgegenzusetzen. Daher »sollte ein postliberaler Antifaschismus für das Gegenteil kämpfen: eine demokratisch eingebettete und zum Teil geplante Ökonomie und eine Gesellschaft, die sich ehrlich mit den Herausforderungen auseinandersetzt, vor denen wir heute stehen: Ungleichheit und einem verbreiteten Gefühl mangelnder Teilhabe, nachlassendem Wachstum und den ökologischen Grenzen des fossilen Kapitalismus. Das Nullsummendenken ist nicht zuletzt deshalb so explosiv, weil sich konservative und rechte Milieus zunehmend gegen andere, vor allem Migrant:innen, abschotten und den eigenen Wohlstand retten wollen« (S. 320).

Kommentar

Amlinger und Nachtwey möchten erklären, wie sich in Deutschland und den USA ein rechtsdriftender politischer Zyklus hat herausbilden können, in dem sich eine Allianz sehr unterschiedlicher Gruppen zusammenfindet und liberale Institutionen attackiert. Die Argumentation stützt sich auf eigene und andere empirische Studien und verarbeitet eine sehr große Zahl von analytischen Beiträgen und Konzepten.
Die argumentative Einbindung dieses Materials ist nicht unplausibel, oft wünscht man sich aber eine soziale Differenzierung der unterstellten Wirkungszusammenhänge. Die Autor:innen versuchen dabei, drei recht unterschiedliche Erklärungswelten miteinander zu verbinden.

Von zentraler Bedeutung sind i.w.S. politökonomische Erklärungen. Im Zentrum stehen jene ökonomischen, politischen und sozialen Umbrüche, die mit der globalen Finanzkrise einsetzen. Sie sprechen von einer nachmodernen Gesellschaft, in der Wachstums- und Aufstiegshoffnungen zerstoben sind und sich die Verteilungskonflikte als Nullsummenspiele gestalten. Es komme zu einem weitreichenden Wandel gesellschaftlicher Mentalitäten. Das erstarkende rechte Projekt wird als Reaktion auf die Folgen der jüngsten Liberalisierungen gelesen.
Indem gesellschaftliche Entwicklung als eine Stadienfolge begriffen wird, werden jedoch Phänomene der Ungleichzeitigkeiten systematisch vernachlässigt. Sozialhistorische Erklärungen spielen kaum eine Rolle. So gerät die lange Vorgeschichte der untersuchten Phänomene – z.B. auch in der DDR – aus dem Blick. Der gewählte Nullpunkt der Argumentation erscheint willkürlich gesetzt. Indem unhinterfragt mit Klassenkonstrukten operiert wird, werden die komplexen Ausdifferenzierungen der Nationalgesellschaften gering geschätzt. Auch die sich wandelnden Geschlechterverhältnisse spielen nur eine marginale Rolle. Sowohl für die deutsche und vor allem für die amerikanische Gesellschaft ist es unverantwortlich, die Entwicklung von Migration, Segregation und Rassismus bzw. von transnationalen Arbeits- und Lebenspraktiken auszublenden.

Eine zweite Erklärungslinie orientiert sich an Foucaults Konzept der Gouvernementalisierung und verweist auf die Paradoxien einer nachmodernen Gesellschaft, in der Momente der Liberalisierung und Momente der Regulierung untrennbar verschränkt sind. Für die 2020er Jahre sprechen die Autor:innen schließlich von einer Polykrise, die immer auch in der alltäglichen Lebenswelt – sie verweisen auf blockierte Lebensmöglichkeiten – erfahrbar ist.
Es wirkt befremdlich, wenn das rechte Projekt an vielen Stellen als Ausdruck ›realer Probleme‹ begriffen wird – der im politischen Feld allgegenwärtige Verweis auf die ›besorgten Bürger‹ lässt grüßen. In ähnlicher Weise werden auch ›die Probleme der Migration‹, die ›Bevormundung durch verschiedene Expertengruppen‹ oder die Rede von  der ›schwindenden Handlungsfähigkeit des Staates‹ unhinterfragt in die wissenschaftliche Argumentation übernommen.

Eine dritte Erklärungswelt wird eröffnet, indem Amlinger und Nachtwey in Anknüpfung an Adorno und Fromm danach fragen, wie die sozioökonomisch und politisch vermittelten Blockierungen des Lebens (individuell bzw. kollektiv) verarbeitet werden. Hier streichen sie die Bedeutung destruktiver Positionierungen heraus. Diese äußern sich z.B. indem Härte gegenüber Migrant:innen bzw. den Bezieher:innen von Sozialleistungen eingefordert wird, oder indem die Zerstörung liberaler Institutionen ersehnt wird. Dieser Ansatz ist fruchtbar und innovativ, vor allem wenn er über die individuelle Perspektive hinausgedacht wird und zur Analyse ›affektiver Atmosphären‹ genutzt wird.
Auch hier gilt es jedoch eingehender zu prüfen, wie weit man es mit einem neuen Phänomen zu tun hat. Die Ausführungen von Adorno und Fromm, aber auch empirische Studien stützen diese Zweifel3.

In der Zusammenschau hat man es trotz vieler inspirierender Versatzstücke mit einem krude anmutenden Materialismus zu tun, in dem sozioökonomische und soziopolitische Veränderungen recht unvermittelt auf isoliert konzipierte Individuen einwirken – gewissermaßen ein sozialpsychologisch vermittelter Ökonomismus. Das impliziert, dass viele intermediäre Faktoren (z.B. die Entwicklung rechter Organisationen und Infrastrukturen oder die Veränderungen des politisch-medialen Feldes) unberücksichtigt bleiben.

Anmerkungen

  1. Gemeint ist das von der Heritage Foundation herausgegebene Papier (April 2023) zum Presidential Transition Project, das wichtige Schritte nach der Übernahme der Präsidentschaft 2025 umreißt. ↩︎
  2. Folgende Fragen wurden gestellt: »1. Wenn man gute Gründe hat, ist auch gewalttätiges Verhalten gerechtfertigt. 2. Ich denke, diese Gesellschaft sollte in Schutt und Asche gelegt werden. 3. Wenn ich an unsere politischen und sozialen Institutionen denke, kann ich nicht anders, als zu denken: ›Sollen sie doch einfach alle untergehen‹« (S. 195). Die Befragten wurden gebeten, sich auf einer Sechser-Skala zu positionieren. ↩︎
  3. Auf Basis einer 1991 in Westdeutschland durchgeführten Befragung zu Politik- und Gesellungsstilen, skizzieren Vester u.a. verschiedene Typen gesellschaftspolitischer Grundeinstellungen. Neben fünf anderen Gruppen stechen hier die Enttäuscht-Apathischen (13,4% der Befragten) und die Enttäuscht-Aggressiven (13,8%)  heraus. »Das Gesellschaftsbild der Enttäuscht-Aggressiven ist durch die von ihnen empfundene Lage kleiner Leute und von starken Verunsicherungen durch die Modernisierung der Gesellschaft geprägt. Gleichwohl befürworten sie eine sozialdarwinistisch interpretierte Leistungsgesellschaft. Persönliche Enttäuschungen und soziale Befürchtungen münden in ausgeprägte Ressentiments« (2001, S. 467). ↩︎

Inhaltsübersicht

Einleitung

  • Demokratie und Destruktivität
  • Demokratischer Faschismus
  • Neue Allianzen der Zerstörungslust

1. Nach dem Fortschritt

  • Auf dem Weg in die Nachmoderne
  • Die sozialen Grundlagen der Demokratie
  • Neoliberalismus und neue Ungleichheiten
  • Abstieg als Klassenrealität
  • Strukturwandel der Herrschaft
  • Liberal-demokratische Regression

2. Blockierte Leben

  • Politik der Gefühle
  • Die Entfremdung des Selbst von der Welt
  • Zerstörung durch Integration: Leistung
  • Fallstricke der Freiheit: Autonomie
  • Das blockierte Leben

3. Destruktivität

  • Die Schadenfreude des Antiliberalismus
  • Regressive Rebellion
  • Das dunkle Begehren im Kapitalismus
  • Die Lust an der Zerstörung
  • Typen der Destruktivität
  • Phänomenologie der Destruktivität

4. Demokratischer Faschismus

  • Die Bivalenz des Faschismus
  • Faschismus im Präsens
  • Libertärer Autoritarismus
  • Das Begehren nach Gewalt und Grausamkeit
  • Im digitalen Maschinenraum des Faschismus
  • Männer ohne Front, Frauen in der Kampfzone

Schluss: Ein neuer Antifaschismus

  • Die Hilflosigkeit des Liberalismus
  • Postliberaler Antifaschismus

Literatur

Adorno, Theodor W. 1999 [1950]: Studien zum autoritären Charakter, Frankfurt am Main: Suhrkamp

Amlinger, Carolin/ Nachtwey, Oliver 2023: Gekränkte Freiheit. Aspekte des libertären Autoritarismus, Berlin: Suhrkamp

Amlinger, Carolin/ Nachtwey, Oliver 2025: Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus, Berlin: Suhrkamp

Nachtwey, Oliver 2016: Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne, Berlin: Suhrkamp

Vester, Michael /von Oertzen, Peter / Hermann, Thomas / Müller, Dagmar 2001: Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel. Zwischen Integration und Ausgrenzung, Frankfurt am Main: Suhrkamp