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Honneth 2023: Der arbeitende Souverän

Mit seinem Buch nimmt der Sozialphilosoph Axel Honneth ein Thema auf, das er schon seit den 1990er Jahren verfolgt hat, die Bedeutung der Arbeit für Verhältnisse der gesellschaftlichen Anerkennung und Partizipation (Honneth 1992). In seiner neuesten Publikation wird der Frage nachgegangen, wie die jüngsten Veränderungen in der gesellschaftlichen Arbeit und in den Beschäftigungsverhältnissen sich auf Prozesse der demokratischen Partizipation auswirken. Dahinter steckt die These, »dass eine politische Demokratie auf die Ergänzung durch gute und faire Arbeitsverhältnisse angewiesen ist« (2023, S. 71).

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Thematische Struktur

Zur Untersuchung des Zusammenhangs von demokratischer Entwicklung und gesellschaftlicher Arbeitsteilung analysiert Honneth zum einen die Veränderungen der gesellschaftlichen Diskurse um die Arbeit und zum anderen die Entwicklung der Arbeit und der Beschäftigungsverhältnisse seit dem 18. bzw. 19. Jahrhundert. Im Kontext der Aufklärung veränderte sich sowohl das Bild von Gesellschaft und gesellschaftlicher Ordnung wie auch die Bedeutung, die der Arbeit zugewiesen wurde. »Hand in Hand mit der sich allmählich entfaltenden Idee der demokratischen Souveränität des Volkes war somit die bis heute leitende Vorstellung entstanden, die Gesellschaft stelle einen Kooperationszusammenhang dar, in dem jeder dazu angehalten ist, durch seine Arbeit so weit wie möglich zur Subsistenz aller anderen beizutragen und sich dadurch seiner Mitgliedschaft im politischen Verbund als würdig zu erweisen« (S. 16).

Arbeit in demokratischen Gesellschaften

Im ersten Teil seiner Studie geht Honneth den zeitgenössischen Kritiken an jenen völlig neuen Formen gesellschaftlicher Arbeit nach, die sich im 19. Jahrhundert herausbilden. Er unterscheidet drei Denkströmungen der Kritik: die Kritik an der Entfremdung, die Kritik an der unzureichenden Autonomie der Arbeitenden und die Kritik an den mangelnden Möglichkeiten der Partizipation und der Mitbestimmung. Diese Kritiken finden sich in den Schriften ganz unterschiedlicher Autoren, so z.B. bei Karl Marx, Adam Smith, Emile Durkheim oder George Douglas Howard Cole, die sich als Zeitgenossen mit den fundamentalen sozioökonomischen Veränderungen befassten. In demokratietheoretischen Abhandlungen wird die „Ergänzungsbedürftigkeit der politischen Demokratie durch ihr förderliche Arbeitsbedingungen« (S. 81) allenfalls implizit thematisiert, so z.B. bei John Rawls und Jürgen Habermas. Am Ende des ersten Teils kondensiert Honneth fünf Faktoren heraus, die seitens der Arbeitswelt einer politischen Partizipation vorausgesetzt sind: (1) eine hinreichende wirtschaftliche Unabhängigkeit, (2) verfügbare Zeit für die politische Information und Beteiligung, (3) ein »gewisses Maß an Selbstachtung und Selbstwertgefühl« (S. 98), (4) eine Einübung in demokratische Abläufe und (5) ein gewisses Maß an »intellektueller Dichte« (S. 105) der Arbeit.
In einem ersten Exkurs plädiert Honneth für ein erweitertes Verständnis gesellschaftlicher Arbeit, in das neben der Erwerbsarbeit, auf die sich viele zeitgenössische Autor_innen beschränkten, auch die haushaltliche und zivilgesellschaftliche Arbeit einzubeziehen seien.

Die Wirklichkeit der gesellschaftlichen Arbeit

Im zweiten Teil rekonstruiert Honneth exemplarisch die Veränderungen gesellschaftlicher Arbeit zwischen dem 19. und 21. Jahrhundert. Er unterscheidet drei Phasen und konzentriert sich auf die landwirtschaftliche, die häusliche, die handwerkliche und schließlich die industrielle Arbeit. Am Ende dieses »skizzenhaften Überblicks« versucht er, fünf Entwicklungstrends herauszukristallisieren: (1) eine zunehmende Isolierung der Arbeitenden, (2) eine zunehmende Dezentralisierung der Arbeitsstätten verbunden mit einer Sequenzialisierung von Erwerbsbiografien, (3) eine wachsende Entstofflichung und Entkörperlichung von Arbeit, (4) eine weitere Kommodifizierung der haushaltlichen und öffentlichen Arbeit und schließlich (5) eine weitere Entsicherung und Prekarisierung gesellschaftlicher Arbeit. Er verweist abschließend darauf, dass sich entgegen dem von ihm beschriebenen Trend auch positive Entwicklungen finden lassen, so vor allem Maßnahmen der Antidiskriminierung und der Flexibilisierung von Arbeitszeit.
In einem zweiten Exkurs wird das Konzept der Arbeitsteilung weiter aufgeschlüsselt, indem er verdeutlicht, dass Arbeits- und Berufsteilungen weniger Sachzwängen folgen, sondern »Resultat von politisch-sozialen Entscheidungen« (S. 284) sind.

Der Kampf um die gesellschaftliche Arbeit

Im dritten Teil gibt Honneth schließlich einen politischen Ausblick auf künftige Auseinandersetzungen um gesellschaftliche Arbeit. Er grenzt sich zunächst von Ansätzen ab, die eine »Revitalisierung demokratischen Engagements jenseits der Erwerbsarbeit« (S. 294) suchen, z.B. über ein bedingungsloses Grundeinkommen, da er Erwerbsarbeit als einen zentralen Ort der Vergesellschaftung begreift, »der nahezu alle Gesellschaftsmitglieder nötigt, Kontakte jenseits ihres Herkunftsmilieus zu unterhalten und selbst bei stärksten Meinungsverschiedenheiten nach gemeinsamen Lösungen zu suchen« (S. 300); so fungiere Arbeit als sozialer »Schmelztiegel«. Zudem diagnostiziert er eine wachsende Individualisierung von Arbeitskämpfen.
Vor diesem Hintergrund entwickelt er schließlich einige Grundzüge einer demokratischen Politik der Arbeit. Zum einen diskutiert er demokratische Alternativen jenseits des Arbeitsmarktes, insbesondere genossenschaftliche und selbstverwaltete Arbeit, aber auch staatlich unterstützte Sozialdienste. Zum anderen geht es um Alternativen innerhalb des Arbeitsmarktes. Hier verweist Honneth auf Möglichkeiten einer demokratischen Arbeitspolitik, indem er ausgehend von einer Rekonstruktion des Normalarbeitsverhältnisses überlegt, wie die im ersten Teil entwickelten fünf (ökonomischen, zeitlichen, psychischen, sozialen und mentalen) Partizipationsvoraussetzungen arbeitspolitisch umgesetzt werden können. Als leitende These formuliert er: »Je geringer die Befähigungen und Ressourcen sind, die ein Arbeitsplatz in einer oder mehreren dieser Dimensionen ermöglicht oder bereitstellt, desto schwerer dürfte es der oder dem an ihm Beschäftigten fallen, sich in dieser Weise an den öffentlichen Deliberationen zu beteiligen, wie es in dem normativen Versprechen der demokratischen Beteiligung in Aussicht gestellt wird« (S. 349).

Zu den diskutierten Arbeitspolitiken gehören (1) auskömmliche Mindestlöhne und Mindestsicherungen und Mitgestaltungsmöglichkeiten bei den Arbeitsverträgen; (2) Arbeitszeiten und Abgrenzungen der Arbeitszeit, die es ermöglichen, das Arbeitsvermögen in der arbeitsfreien Zeit zu regenerieren; (3) bzw. (5) die selbstverständliche Anerkennung der geleisteten Arbeit, die die Leistungen der Einzelnen wie die der Beschäftigtengruppe einschließt und auch die haushaltliche Arbeit berücksichtigt; (4) erweiterte aber auch erneuerte (z.B. direkte und arbeitsplatznahe) Möglichkeiten der Mitbestimmung. Am Ende steht der Appell, beide Strategien ergänzend zu begreifen. »Die Bestrebungen, demokratische Alternativen zum Arbeitsmarkt zu schaffen, müssten sich ein Quäntchen jener realistischen Ernüchterung zu eigen machen, die ihnen nicht selten vollkommen abgeht, und die Bemühungen zu Reformen innerhalb des Arbeitsmarktes bräuchten ein wenig von jenem utopischen Überschwang an dem es wiederum ihnen viel zu häufig mangelt« (S. 386)

Kommentare

Die Studie Honneths erweitert die Debatten um die Verfasstheit gegenwärtiger Demokratien grundsätzlich. Die angeführten Überlegungen zu den arbeitsweltlichen Voraussetzungen politischer Partizipation sind im Ganzen überzeugend. Das gilt auch für die Erwägungen zu einer Weiterentwicklung von Arbeitspolitiken. Insbesondere die Ausführungen zur Bedeutung von Arbeit und Arbeitserfahrungen für Prozesse der Vergesellschaftung werden in den jüngeren Diskursen nur allzugern vergessen.
Vor dem Hintergrund einer solchen uneingeschränkten Zustimmung sind die folgenden Überlegungen einerseits im Sinne eines ›ja, aber‹ und zum anderen im Sinne ›wünschenswerter Erweiterungen‹ der Argumentation zu begreifen.

Inhaltsübersicht

I. Normativer Auftakt: Die Arbeit in demokratischen Gesellschaften

1. Drei Quellen der Kritik
2. Eine verschüttete Tradition
3. Demokratie und faire Arbeitsteilung

Exkurs I: Zum Begriff der gesellschaftlichen Arbeit

II. Historisches Zwischenspiel: Die Wirklichkeit der gesellschaftlichen Arbeit

4. Ein Schlaglicht auf das 19. Jahrhundert
5.Von 1900 bis an die Schwelle zur Gegenwart
6. Die kapitalistische Arbeitswelt der Gegenwart

Exkurs II: Zum Begriff der gesellschaftlichen Arbeitsteilung

III. Politischer Ausblick: Der Kampf um die gesellschaftliche Arbeit

7. Politiken der Arbeit
8. Alternativen jenseits des Arbeitsmarktes
9. Perspektiven innerhalb des Arbeitsmarktes

Literatur

Axel Honneth 2023: Der arbeitende Souverän. Eine normative Theorie der Arbeit, Berlin: Suhrkamp

Axel Honneth 1992: Kampf um Anerkennung. Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte, Frankfurt am Main: Suhrkamp