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Von sozialen Ungleichheiten (oder sozialen Differenzen) wird in sozialwissenschaftlichen und politischen Zusammenhängen gesprochen, wenn sich in einem gesellschaftlichen Bezugsrahmen die soziale Situation verschiedener Gruppen strukturell unterscheidet. Eine exakte Definition liegt nicht vor.

Die soziale Situation von Menschen bzw. sozialen Gruppen lässt sich an verschiedenen Arten von Unterschieden bzw. Ungleichheiten1 festmachen:

Von strukturellen Unterschieden wird gesprochen, wenn diese Unterschiede überindividuell mit bestimmten Gruppenmerkmalen verknüpft sind: z.B. mit spezifischen Erwerbspositionen, mit der sozialen Herkunft oder mit geschlechtlichen oder ethnisch/kulturellen Markierungen. Während soziale Ungleichheiten im wissenschaftlichen Zusammenhang eher in einem beschreibenden und analytischen Sinne verstanden werden, geht es in politischen Zusammenhängen immer auch um die Bewertung von Ungleichheiten und um Strategien ihrer Beeinflussung.

Der räumliche Bezugsrahmen, in dem soziale Ungleichheiten analysiert und thematisiert wurden, ist typischerweise der Nationalstaat gewesen; es kann aber auch ein regionaler, europäischer oder weltweiter Bezugsrahmen sein. Auch die erheblichen Wohlstandsunterschiede zwischen Nationalstaaten und Weltregionen sind als soziale Ungleichheiten zu begreifen. Wenn man soziale Ungleichheiten jenseits des nationalstaatlichen Rahmens betrachtet, werden auch Fragen der Migration und der Handelsbeziehungen zu sozialen Fragen.

Der normative Bezugsrahmen von Diskursen um soziale Ungleichheiten hat sich in offenen und sozialstaatlich organisierten Gesellschaften nach und nach verschoben. Parsons (2000) hatte schon in den 1970er Jahren darauf hingewiesen, dass man es mit einem Nebeneinander von Gleichheits- und Ungleichheitsdynamiken zu tun habe. Indem es in den prosperierenden Ländern tendenziell gelungen ist, absolute Armut zurückzudrängen, Einkommensungleichheiten zu regulieren und das Bildungssystem sozial zu öffnen, werden aber auch neue Ungleichheiten erkennbar (vgl. Berger u.a. 1998 und 2004). So verweist Giddens (2001, S. 100) darauf, dass die Erfolge einer Politik der Chancengleichheit (z.B. im Bildungs- und Erwerbsystem) eben auch zu neuen Ungleichheiten führen. Mit der Frauenbewegung, der LGBTIQ-Bewegung oder den rassismuskritischen Bewegungen werden neben den klassischen sozioökonomischen Ungleichheiten auch Gewaltverhältnisse (z.B. Gewalt im öffentlichen und privaten Raum), Grade der sozialen Anerkennung bzw. Stigmatisierung und Prozesse der sozialen Schießung bzw. der Diskriminierung thematisiert. Rosanvallon macht deutlich, dass in einer ›Gesellschaft der Singularitäten‹ Vielfalt zum Maßstab der Gleichheit werde (2013, S. 309).

Ungleichheiten im Lichte verschiedener Forschungsansätze

Die verschiedenen im Kontext der Sozialstrukturanalyse verwendeten Forschungsansätze unterscheiden sich auch danach, welche Aspekte von sozialen Ungleichheiten sie in den Fokus rücken. Das folgende Tableau soll diese Zusammenhänge skizzieren.

 Soziale Ungleichheit als Unterschiede ..
 
Forschungsansätze
in der körperlichen Verfassung  in Rechten und Anerkennungen  in ökonomischen, kulturellen, sozialen Ressourcen
Sozioökonomische Ansätze, z.B.  Forschungen zu Klassen/ Schichten
Soziokulturelle Ansätze, z.B.  Forschungen zu Milieus/ Lebensstilen
Intersektionale Ansätze, z.B.Forschung zu sexistisch/ rassistisch motivierter GewaltGeschlechter- und rassismuskritische ForschungForschung zu gruppenspezifischen Benachteiligungen
Transnationale Ansätze, z.B.Human-Development Approach, Forschung zu (post)kolonialen GewaltverhältnissenForschung zu Migrationen und Grenzregimenglobal vergleichende Einkommens- und Vermögensforschung
Eigene Darstellung

Die sozioökonomische Ungleichheitsforschung, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg als Sozialstrukturanalyse etabliert hat, ging mit verschiedenen Engführungen einher:

Mit dem Bedeutungsgewinn von transnationalen, intersektionalen und rassismuskritischen Forschungsansätze seit den 1980er Jahren kommt es dann zu einem weitreichenden Umbruch im Blick auf soziale Ungleichheiten. Für die Herausbildung der Geschlechterforschung oder der rassismuskritischen Forschung spielten Gewaltverhältnisse im privaten wie im öffentlichen Raum oder die Versagung von Rechten und Anerkennungen eine zentrale Rolle. Daneben wurden dann aber auch Benachteiligungen und Ausschließungen im Bildungssystem, am Arbeitsmarkt oder bei der Entlohnung thematisiert und problematisiert.

Die Ausdifferenzierung von Perspektiven auf soziale Ungleichheit ging nicht selten auch mit einer Ausdifferenzierung von neuen Teilgebieten der soziologischen oder historischen Forschung (z.B. Geschlechter-, Migrations- oder rassismuskritische Forschung) einher; in den Kanon der klassischen sozioökonomischen Ungleichheitsforschung wurden diese Innovationen leider nur bedingt aufgenommen.

Anmerkungen

1) Die Drei-Gliederung orientiert sich an der von Göran Therborn (2013, S. 49) vorgeschlagenen Unterscheidung von Vital-, Existential- und Ressource-Inequalities.

2) Das hier skizzierte Kapitalkonzept geht auf Pierre Bourdieu (1983) zurück.

3) Diese Unterscheidung von Rechten geht auf Thomas H. Marshall (2000) zurück.

4) Das Konzept der Verwirklichungschancen geht auf Amartya Sen zurück. Verwirklichungschancen drücken sich in den substantiellen Freiheiten aus, die es einem Menschen »erlauben, ein mit Gründen erstrebtes Leben zu führen« (2000, S. 110). Vor diesem Hintergrund begreift Sen Armut nicht lediglich als einen Mangel an Einkommen, sondern auch als einen Mangel an fundamentalen Verwirklichungschancen.

5) Das Konzept der Capabilities geht auf Martha Nussbaum (2011, S. 33) zurück. Es umschreibt die Voraussetzungen, die erforderlich sind, damit Menschen Chancen wahrnehmen, handeln und ein würdevolles Leben führen können. Dazu gehören: Leben; körperliche Gesundheit, körperliche Unversehrtheit; Sinne, Vorstellungskraft und Denken; Gefühle; praktische Vernunft; Anerkennung und soziale Zugehörigkeit; Rücksicht auf andere Gattungen; Erholung und Spiel; Kontrolle über die politische und materielle Umwelt.

Literatur

Berger, Peter A./ Michael Vester (Hrsg.) 1998: Alte Ungleichheiten. Neue Spaltungen, Opladen: Leske und Budrich

Berger, Peter A./ Schmidt, Volker H. (Hrsg.) 2004: Welche Gleichheit, welche Ungleichheit? Grundlagen der Ungleichheitsforschung, Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften

Bourdieu, Pierre 1983: Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital, in: Kreckel, Reinhard (Hg.), Soziale Ungleichheiten, Göttingen, S. 183-198

Giddens, Anthony 2001: Die Frage der sozialen Ungleichheit, Frankfurt/M: Suhrkamp

Marshall, Thomas H. 2000: Staatsbürgerrechte und soziale Klassen, in: Jürgen Mackert/ Hans-Peter Müller (Hrsg.), Citizenship – Soziologie der Staatsbürgerschaft, Opladen: Westdt. Verl., S. 45-102

Nussbaum, Martha C. 2011: Creating Capabilities. The Human Development Approach. Harvard University Press

Parsons, Talcott 2000: Gleichheit und Ungleichheit in modernen Gesellschaften: Zur Bedeutung sozialer Schichtung, in: Jürgen Mackert/ Hans-Peter Müller (Hrsg.), Citizenship – Soziologie der Staatsbürgerschaft, Opladen: Westdt. Verl., S. 103-129

Rosanvallon, Pierre 2013: Die Gesellschaft der Gleichen, Hamburg: Hamburger Edition

Sen, Amartya 2000: Ökonomie für den Menschen. Wege zu Gerechtigkeit und Solidarität in der Marktwirtschaft, München, Wien: Carl Hanser

Therborn, Göran 2006: Meaning, Mechanisms, Patterns, and Forces, in: ders. (Hrsg), Inequalities of the World. New Theoretical. Frameworks, Multiple Empirical Approaches. London/, New York: Verso, S. 1-58

Therborn, Göran 2013: The Killing Fields of Inequality, Cambridge, UK: Polity Press