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Rechte

In einem sozialstrukturellen und praxeologischen Verständnis lassen sich Rechte als spezifische Strukturen verstehen. Diese sind sozial strukturiert und wirken sozial strukturierend. Man kann sie so als (sozial strukturierende) Regeln wie als (sozial strukturierte) Ressourcen begreifen.

Überblick:

Soziale Welt <> Recht

Die historisch gewachsenen Rechtsbestände wie die lebensgeschichtlichen Erfahrungen von ›Recht‹ und ›Unrecht‹ prägen die Sicht auf die soziale Welt. Bei Bourdieu (2019, S. 60) heißt es, dass Recht die soziale Welt macht, aber auch von dieser gemacht wird.

Die Entwicklung moderner Rechte ist eng mit der Entwicklung der National- und Sozialstaaten verbunden: »Die Konstruktion der Nation als rechtlich reguliertes Territorium und die Konstruktion des Staatsbürgers, der durch eine Gesamtheit von Rechten und Pflichten mit dem Staat (und den anderen Bürgern) verbunden ist, gehen Hand in Hand miteinander« (2014, S. 651).

Rechte als Regeln

Das besondere an den über das Recht gesetzten Regeln liegt darin, dass sie von Nationalstaaten, aber auch von supranationalen Einheiten (z.B. Europäische Union) gesetzt und mit Sanktions- und Zwangsmitteln garantiert werden (vgl. Lautmann 2024, S. 1041). So besitzen die Nationalstaaten das Gewaltmonopol.

Es gilt jedoch, die Heterogenität und Wandelbarkeit von Recht wie auch die gewissen Freiheiten des Umgangs mit Recht zu bedenken. Regeln ermöglichen soziales Handeln; sie begrenzen es aber auch (Giddens 1988, S. 227).

Rechte als Ressourcen

In sozialstruktureller Perspektive kann es aber auch sinnvoll sein, Rechte als Ressourcen oder als Kapitalien zu begreifen. Dabei geht es um die im Kontext von Nationalstaaten und Wohlfahrtsstaaten entstandenen zivilen (z.B. Redefreiheit, Glaubensfreiheit, Freiheit des Eigentums), politischen (z.B. Wahl- und Partizipationsrechte) und sozialen Rechte (z.B. Rechte auf Bildung, gesundheitliche Versorgung, soziale Sicherung oder Antidiskriminierungsrecht) – die Bedeutung dieser Rechte wird bei Marshall (2000) genauer erläutert. Zu Frankreich führt Bourdieu aus: »Der Welfare State ist ein Staat, der dem Bürger gibt, worauf er ein Recht hat, das heißt mehr als die Bürgerrechte, nämlich die Menschenrechte, das Recht auf Arbeit, das Recht auf Gesundheit, das Recht auf Sicherheit usw. Der Bürger ist also durch Rechte definiert, und diese juridische Definition ist von der Französischen Revolution inspiriert« (Bourdieu 2014, S. 609).

In transnationaler Perspektive wird dann aber auch die Staatsbürgerschaft zu einem Kapital, indem diese erst den Zugang zu den anderen an die Bürgerschaft gebundenen Rechte ermöglicht. Shachar (2009) spricht von einer Lotterie des Geburtsrechts, bei der die einen per Geburt mit einem Fundus an Rechten ausgestattet werden, während Menschen in anderen Ländern eher mit Rechtlosigkeit konfrontiert sind. Darüber wird dann auch deutlich, wie um die (legalen und illegalen) Zugänge zum Territorium und zur Staatsbürgerschaft prosperierender Länder ein weiter Raum abgestufter Rechte (Duldungsrechte, Aufenthaltsrechte, Arbeitsrechte, soziale Rechte etc.) entsteht.

Sozialstrukturell betrachtet sind dann jedoch auch die Chancen zu bedenken, um Rechte zu wissen, diese Rechte wahrzunehmen und einzufordern. Das verweist auf die sozial sehr unterschiedlichen Möglichkeiten der Information, der Rechtsberatung und der Vertretung vor Gerichten. Während die einen auf die Vertretung durch NGOs oder Gewerkschaften verwiesen sind, können andere auf professionelle Rechtsberatung durch Anwälte oder die weltweit agierenden Unternehmen der Steuer- und Rechtsberatung zurückgreifen.

Literatur

Bourdieu, Pierre 2014: Über Den Staat. Vorlesungen Am Collège de France 1989-1992, Berlin: Suhrkamp

Bourdieu, Pierre 2019 [1986]: Die Kraft des Rechts. Elemente einer Soziologie des juridischen Feldes, in: Andrea Kretschmann, (Hrsg.), Das Rechtsdenken Pierre Bourdieus, Weilerswist: Velbrück, S. 35-76

Dezalay, Yves/ Madsen, Mikael Rask 2012: The Force of Law and Lawyers. Pierre Bourdieu and the Reflexive Sociology of Law, in: Annual Review of Law and Social Science, 8, 1, S. 433–452

Giddens, Anthony 1988: Die Konstitution der Gesellschaft. Grundzüge einer Theorie der Strukturierung, Frankfurt, New York: Campus

Marshall, Thomas H. 2000: Staatsbürgerrechte und soziale Klassen, in: Jürgen Mackert/ Hans-Peter Müller (Hrsg.), Citizenship – Soziologie der Staatsbürgerschaft, Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 45-102

Shachar, Ayelet 2009: The Birthright Lottery. Citizenship and Global Inequality, Cambridge Mass.: Harvard University Press

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