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Mefebue 2022: Handbuch Intersektionalitätsforschung

Das Handbuch informiert über den Stand der Intersektionalitätsforschung im deutschsprachigen Raum.

Überblick:

Das Konzept der Intersektionalität zielt auf eine zusammenhängende Analyse von Diskriminierungen bzw. Ungleichheitsverhältnissen. In einer klassischen Variante geht es um Ungleichheiten, die mit den Kategorien race, class und gender zusammenhängen. Das Konzept ist im Kontext des Schwarzen Feminismus in den USA Ende der 1980er Jahre entstanden. Die Juristin Kimberlé Creenshaw hatte es genutzt, um zu verdeutlichen, dass sich die Diskriminierungserfahrungen Schwarzer Frauen nur durch die Überschneidung von verschiedenen Ungleichheitsmomenten verstehen lassen; eine bloß additive Perspektive sei unzureichend. Dieser Ansatz hat in den folgenden Jahren eine ganz erstaunliche Karriere gemacht, in verschiedenen Sprachräumen, in sozialen Bewegungen, im politischen Raum und vor allem in verschiedenen Sozialwissenschaften. Das hing auch damit zusammen, dass er recht offen gefasst ist. Es findet sich eine Vielzahl von Feldern, in denen intersektionale Konzepte verwendet werden:

Thematische Struktur

Das Handbuch Intersektionalitätsforschung verfolgt die Absicht, quer zu diesen verschiedenen Feldern die Vielfalt von Lesarten des Konzepts aufzuzeigen. Die Herausgeber:innen des Handbuchs machen vier Fragestellungen aus, die in den Debatten um Intersektionalität eine besondere Rolle spielen:

Die Beiträge des Handbuchs werden über verschiedene Oberthemen in eine Ordnung gebracht. Zunächst geht es um theoretische Überlegungen und methodische Fragen. Daran schließen sich Oberthemen an, die sich am ehesten entlang einer disziplinären Ordnung begreifen lassen. So geht es um

Das Handbuch ist somit durch die Unterscheidung von verschiedenen wissenschaftlichen und politischen Feldern strukturiert; nur mittelbar durch die Unterscheidung von gesellschaftlichen Praxisfeldern. Die folgende Besprechung einzelner Beiträge konzentriert sich exemplarisch auf jene, die sich mit den typischen Fragestellungen der sozialstrukturellen Forschung verknüpfen lassen.

Ausgewählte Beiträge

Soziale Ungleichheit und Intersektionalität (Annette von Alemann)

Die Autorin betont zunächst die ausgeprägten Gemeinsamkeiten von Ungleichheits- und Intersektionalitätsforschung, verweist dann aber auf Differenzen. Während die Ungleichheitsforschung eher auf materielle Unterschiede abhebe, fokussiere die Intersektionalitätsforschung stärker auf Machtbeziehungen und Diskriminierungen. Auch die Forschenden unterscheiden sich; die eine ist eher ein Metier von »weißen Männern des europäischen Bürgertums« (S. 23), die andere geht auf die Geschlechterforschung (und, so wäre zu ergänzen, auf soziale Bewegungen) zurück. Die anfänglich klar erkennbaren Unterschiede haben sich jedoch etwas abgeschwächt. Insbesondere die quantitativen Analysen der Ungleichheitsforschung legen aber ein eher kategoriales, wenig gebrochenes Verständnis z.B. von geschlechtlichen oder ethnisierenden Merkmalen nahe. Auf dieser Basis diskutiert Alemann Möglichkeiten einer intersektionalen Ungleichheitsanalyse. Die Stärke der Ungleichheitsforschung sieht sie in der Gewinnung repräsentativer Befunde, Prozesse der Ungleichheitsgenese ließen sich eher mit qualitativen Methoden rekonstruieren. Sie sieht drei typische Ansätze für eine Verknüpfung beider Konzepte:

Abschließend verweist Alemann auf die großen Unterschiede in den methodischen Präferenzen: auf der einen Seite häufig multivariate statistische Analysen mit komplexen Datensätzen, auf der anderen Fallstudien, die einem praxeologischen Ansatz verpflichtet sind. Auch bedürfen einige zentrale Kategorien, wie z.B. Macht, Diskriminierung oder Ungleichheit, und die Abgrenzung der intersektionalen Dimensionen der weiteren Klärung.

Komplexe Verhältnisse. Postkolonialität und Intersektionalität (Yvonne Franke)

Einleitend konstatiert Franke, dass der »Austausch von postkolonial-feministischer Theorie und intersektionaler Debatte im deutschsprachigen Raum« (S. 65) bislang eher verhalten sei. Das hänge auch damit zusammen, dass beide Ansätze um einen Set von Annahmen gruppiert seien, die dann je eigene Forschungsperspektiven begründeten. Exemplarisch verweist sie auf die beiden zeitgleich entstandenen Gründungsdokumente: das »Combahee River Collective Statement« und Edward Saids Publikation »Orientalism« (S. 66). Sie rekonstruiert im Weiteren die vor diesem Hintergrund sich entwickelnde »postkolonial-feministische Theorieproduktion«. Diese entwickelte sich zum einen aus eher akademischen Zusammenhängen und zum anderen aus der politischen bzw. aktivistischen Kritik seit der UN-Weltfrauendekade in den 1980er Jahren. Unstrittig sind die nachhaltigen Folgewirkungen kolonialer Herrschaft und ihre Verwobenheit mit geschlechtlichen Differenzierungen in den kolonialisierten wie in den kolonisierenden Ländern.

»Orientalismus und später allgemeiner othering – als permanenter Prozess sich gegenseitig konstituierender Subordination und Domination und der Herstellung von westlicher Überlegenheit durch Differenzierung – wurde zu einer Grundbewegung des postkolonial-feministischen Denkens« (S. 77). In diesem Sinne wird es erforderlich, die intersektionale um eine transnationale bzw. postkoloniale Perspektive zu erweitern. Zum zweiten erfordert die Reflexion der Positionierung der Sprechenden eine Hinterfragung des westlich-liberalen Anspruchs, angesichts der Globalität des Patriachats »für die subalterne Frau ebenso mitsprechen und denken zu können« (S. 78). Schließlich impliziert eine postkolonial-feministische Theorie eine herrschaftskritische Perspektive.

Der Ansatz impliziert ein »methodologisches border thinking« (S. 71), das hegemoniale und universalistische Ansprüche der Wissensproduktion bzw. die verwendeten Forschungsmethoden und -konstellationen in Frage stellt und die Diversität des Wissens anerkennt. Mögliche Alternativen können, wenn überhaupt, nur auf einem methodisch praktischen Weg entwickelt werden. Schließlich gelte es, auch »feministische Solidarität« (S. 73) neu zu denken und zu erproben.

Die Autorin macht verschiedene Wellen der postkolonial feministischen Debatte aus. Die derzeitige dritte Welle sei zum einen durch wissenschaftliche Fortschritte in der »empirischen Anwendung der theoretischen Konzepte und durch »öffentliche Debatten um Restitution von musealen Objekten« geprägt. Umgekehrt werden aber auch »erstaunliche Beharrungskräfte« deutlich, »in den über die sozial- und geisteswissenschaftlichen hinausreichenden akademischen Feldern, die intersektionale wie postkoloniale Ansätze gleichermaßen betreffen« (S. 75).

Intersektionale Ungleichheiten in Arbeit und Beruf (Ilse Lenz)

Ilse Lenz fragt nach dem Potential intersektionaler Analysen für die Analyse von Arbeit, Arbeitsmärkten, Organisationen und Berufen in einer globalen Perspektive. Sie fokussiert dabei auf Ungleichheiten von Klasse, Geschlecht, Sexualität, Ethnizität und Migration. Sie macht deutlich, dass mit dem Konzept der Intersektionalität – oder dem der Humandifferenzen (Stefan Hirschauer) – stets auch der Hinweis auf die Wandlungsfähigkeit dieser Differenzfiguren verbunden war. So verweist sie auf Rogers Brubakers Vorschlag, den aus der Geschlechter- und Begehrensforschung stammenden Ansatz »mit Trans zu denken« auch auf andere vermeintlich »biologisch« oder »kulturell« abgesicherte Kategorien zu beziehen. Zudem verweist sie auf die unzureichende Verknüpfung dieser Ungleichheitskategorien mit den Veränderungen von Nationalstaaten, Kapitalismus und Neopatriarchalimus (S. 274).

Innerhalb der Debatten um Intersektionalität unterscheidet sie positionale (die Ableitung von Ungleichheiten aus den kategorialen Positionierungen), diskursive (Rekonstruktion von symbolischen Repräsentationen und Naturalisierungen) und strukturelle (Verknüpfung mit der Analyse von Patriarchat, Rassismus, Kapitalismus und Imperialismus) Ansätze. Sie favorisiert ihrerseits eine Perspektive der »prozessualen Intersektionalität«, die fragt, »wie intersektionale Ungleichheitsverhältnisse sich durch strukturellen, institutionellen oder kulturellen Wandel verändern: Sie können rekonfiguriert, differenziert oder auch tendenziell abgebaut werden« (S. 276). Sie sieht das Potential intersektionaler Analysen für eine im weiteren Sinne verstandene Arbeitssoziologie,

Mit eher empirischen Blick verweist sie dann auf Analysen zur beruflichen bzw. zur Arbeitsmarktsegregation sowie auf Analysen zu widerständigen Praktiken und Arbeitskämpfen.

In der Zusammenschau zeigt sie wesentliche Veränderungen von intersektionalen Konstellationen auf. »Die leitenden Ungleichheitskategorien verlieren ihren vorigen naturalisierenden und dualistischen Charakter; sie werden tendenziell in sich differenziert, sozial verhandelbar und insofern reflexiv. Das gilt für Klasse, ›Rasse‹/ Migration, Geschlecht und Sexualität und daraus ergibt sich die methodische Forderung, ihre Veränderungen und Differenzierungen auch in ihren Wechselwirkungen wahrzunehmen« (S. 284).

Transnationale Intersektionalität (Julia Gruhlich)

Am Anfang steht auch in diesem Beitrag die Einschätzung, dass die Debatten um Transnationalität und Intersektionalität bislang insbesondere im deutschsprachigen Rahmen eher nebeneinander verlaufen sind. Die in dem Beitrag verfolgte Frage, »wie globale Prozesse und transnationale Räume marginalisierte und privilegierte Identitäten hervorbringen und unterschiedliche Formen sozialer Ungleichheit sowie des Widerstands (re)produzieren« (S. 400) wurde von Wissenschaftler:innen mit ganz unterschiedlichen disziplinären Zuordnungen verfolgt; es sind Ethnolog:innen, kritische Migrationsforscher:innen, Vertreter:innen der Postkolonialismus- und der Critical-Race-Forschung und schließlich Forschende aus Sozialgeographie und Raumsoziologie.

Zunächst schildert die Autorin die Genese der transnationalen Theorie- und Forschungsperspektive. Ein wichtiger Ausgangspunkt sind die Migrationsstudien amerikanischer Ethnolog:innen (vgl. Glick-Schiller et al.), die sich ganz anders als die klassische Migrationsforschung für transnationale Praktiken ›vor‹ und ›nach‹ der Migration interessiert haben. Neben und quer zu nationalstaatlich abgegrenzten entstehen so transnationale Räume. Unterdessen hat sich der Horizont der Forschung erweitert; so interessieren transnationale Praktiken in Kultur, Bildung und Wissenschaft, in der politischen Regulierung, in Organisationen und Unternehmen, in internationalen Arbeitsmärkten, in Städten, in der organisierten Kriminalität wie in der Sicherheitspolitik. Der Fokus des Beitrags liegt dann aber in der transnationalen Migrationsforschung.

Die Transnationalisierungsforschung begreift Migrant:innen, anders als die klassische Migrationsforschung, die diese als Spielball von push- und pull-Faktoren bzw. von Integrations- und Assimilationserfordernissen wahrgenommen hatte, und die eher makrostrukturelle Globalisierungsforschung als Akteur:innen ihres Arbeitens und Lebens. Es ist die Perspektive einer »Transnationalisierung von unten« – ein Begriff von Steffen Mau.

Jenseits des kritisierten methodologischen Nationalismus müssen somit »Analyseinstrumente und Begriffe wie Geschlecht, Klasse, Familie, Kultur, Herrschaft, Politik usw. auf ihre nationalstaatlichen Grundannahmen« überprüft werden.

Vor diesem Hintergrund wird der Raum zu einer »unentbehrliche(n) Kategorie transnationaler Intersektionalitätsforschung« (S. 403). So ist Raum im Sinne von »räumlichem Kapital«, »Beweglichkeit« oder »Netzwerkkapital« (S. 404) als eine weitere Kapitalform zu begreifen, die den Möglichkeitsraum der Akteure erweitert oder einengt. Dementsprechend wird vorgeschlagen, Raum auch in der Intersektionalitätsforschung zu berücksichtigen. Anstelle der kritisierten Fokussierungen auf soziale Gruppen (Gruppismus) solle sich die Analyse auf »soziale Orte und Zeiten zu fokussieren, die sich zum einen mit anderen Bereichen überkreuzen (Meso- und Makroebene) und innerhalb derer (Mikroebene) zum anderen einander überschneidende soziale Kategorien (re)produziert werden« (S. 407). Im Mittelpunkt solle die »transnationale Konnexivität und Relativität sozialer Positionen« (ebd.) stehen.

Kommentare

Das Handbuch Intersektionalitätsforschung gibt einen sehr guten Überblick über den Forschungsstand zu Fragen der Intersektionalität. Die Herausgeber_innen beanspruchen im Vorwort, »das weite Feld dessen zu skizzieren, was in dieser Forschung unter Intersektionalität verstanden wird, was die Eckpunkte eines geteilten Verständnisses sind und hinsichtlich welcher Aspekte sich eine Bandbreite unterschiedlicher, sich ergänzender wie widersprüchlicher Deutungen und Annahmen finden lässt« (S. 6). Das ist gelungen. Demgegenüber bleiben die Angebote einer Zusammenführung der darüber gewonnenen Erkenntnisse bescheiden. So verzichten die Herausgeber:innen auf eine explizite Definition von Intersektionalität. Das mag dem Stand der Debatten und den großen Unterschieden zwischen den verschiedenen Feldern der Verwendung geschuldet sein; es lässt die Lesenden aber auch ein wenig ratlos zurück.

Für die Sozialstrukturanalyse bieten die hier besprochenen Beiträge einen recht guten Einblick in die Schwierigkeiten der Vermittlung zwischen den Ansätzen der ›klassischen‹ Sozialstrukturanalyse und den neueren Konzepten der Intersektionalität, der Transnationalität, der Kapitalismusforschung, des Postkolonialismus bzw. der kritischen Migrationsforschung. Das liegt auch an dem unglücklichen Zusammenspiel zwischen dem noch immer virulenten und wenig reflektierten Gruppismus in der Sozialstrukturanalyse mit den vorherrschenden Konzepten der (komplexen) statistischen Analyse. Sowohl die von Alemann vorgeschlagenen Verknüpfungsmöglichkeiten (über die Rekonstruktion von sozialen Mechanismen oder die Analyse von Ungleichheitsregimen) als auch die von Lenz favorisierten Konzepte (›mit Trans denken‹ oder der Vorschlag einer prozessualen Intersektionalität) sind mit dem vorherrschenden methodischen Repertoire kaum einzulösen. Das in den Analysen Bourdieus erreichte Niveau der Verknüpfung von elaborierter Analyse und theoretischer Reflexion ist seitdem unerreicht geblieben, obwohl doch mit den Netzwerk- und Verlaufsdaten der Haushaltspanels ein Datenmaterial für prozessuale Analysen und reflektierte Typologisierungen vorliegt, von dem man in den 1970er Jahren nur träumen konnte.

Aus der Perspektive der Sozialstrukturanalyse fällt auf, dass die eher um Disziplinen organisierte Struktur des Handbuchs einige für das Verständnis von Sozialstrukturen wichtige Felder unberücksichtigt lässt. Das ist vor allem der Bereich der privaten Haushalte, der in meinen Augen einer der zentralen Orte ist, an dem die Logiken der intersektional organisierten Arbeitsteilung wirkmächtig bzw.  reproduziert werden und an dem nach wie vor erhebliche Beharrungskräfte erkennbar sind. Auch der Bereich der schulischen und beruflichen Ausbildung und die daran anschließenden Erwerbskarrieren in verschiedenen Arbeitsmarkt- und Beschäftigungssegmenten kommen zu kurz.

Inhaltsübersicht

Teil I: Einleitung

Teil II: Theoretische Verhältnisbestimmungen

Teil III: Methodische und methodologische Überlegungen

Teil IV: Wissenschaft, Technik und Medien

Teil V: Arbeit und Organisation

Teil VI: Bildung, Soziale Arbeit und pädagogische Praxis

Teil VII: Recht, Staat und Transnationalität

Teil VIII: Soziale Bewegung und Aktivismus

Teil IX: Körper, Sexualitäten und Lebensweisen

Literatur

Brubaker, Rogers 2023: Trans. Gender und Race in einer Zeit unsicherer Identitäten, Zürich: Edition Frey

Lenz, Ilse 2020: Globaler flexibilisierter Kapitalismus und prozessuale Intersektionalität. Die Veränderungen nach Geschlecht und Migration in den Berufsrängen in Deutschland, in: Österreichische Zeitschrift für Soziologie 45 (4): S. 403–425

Mefebue, Astrid Biele/ Andrea Bührmann/ Sabine Grenz (Hrsg.) 2022: Handbuch Intersektionalitätsforschung, Wiesbaden: Springer VS