
Klassenmodell nach Reckwitz
Das von Andreas Reckwitz in verschiedenen Publikationen (insbesondere 2017 und 2019) entwickelte Klassenmodell soll die Klassenstruktur der spätmodernen Gesellschaft abbilden.
Im Unterschied zu vielen in den letzten Jahrzehnten entwickelten Modellen geht die empirische Fundierung nicht auf die Analyse von Mikrodaten zurück; vielmehr wird auf vorliegende Aggregatdaten und in besonderem Maße auf die Studien des SINUS-Instituts zurückgegriffen. Mau diagnostiziert, es sei ein »empirisch informiertes und gefüttertes, aber zugleich idealtypisches Modell, was dann zu einer starken ›Reinheit‹ der Klassenbildung führt« (2021, S. 171).
Überblick:
- Darstellung des Modells
- Klassenkonzept
- Vier-Klassen-Modell
- Ausdifferenzierung des Modells
- Spaltung der Mittelklasse und Aufstieg des Rechtspopulismus
- Soziologische Debatten um das Modell
- Kommentar
- Lernprozesse der wissenschaftlichen Sozialstrukturanalyse
- Eine gesellschaftstheoretisch gegründete Sozialstrukturanalyse
- Techniken der Kulturalisierung und Soziologisierung
- Literatur
- Anmerkungen
Darstellung des Modells
In der industriellen Moderne hatte sich eine nivellierte Mittelstandsgesellschaft herausbilden können; exemplarisch verweist Reckwitz hier auf das von Dahrendorf vorgelegte Modell1. In den 1970er Jahren setzen Transformationsprozesse ein, die sich in den 1990er Jahren beschleunigen.
Diese werden durch die ›Postindustrialisierung‹ der Ökonomie, die Bildungsexpansion und schließlich den Wertewandel vorangetrieben. Im Kontext der Postindustrialisierung verschieben sich die Branchenstrukturen; einerseits kommt es zu einem deutlichen Zuwachs von Wissensarbeit, zugleich entsteht aber auch ein großes Segment einfacher Dienstleistungen, sodass Reckwitz von einem polarisierten Postindustrialismus spricht.
Klassenkonzept
Eine Klasse bestimmt Reckwitz über drei Merkmale:
- Als Gruppe von Individuen teile sie »eine gemeinsame Lebensführung samt den entsprechenden Lebensmaximen, Alltagsvorstellungen und Praktiken« (2019, S. 68). Zu diesen Praktiken rechnet er explizit auch die berufliche Tätigkeit.
- Diese Gruppe verfüge über ähnliche Ressourcen, insbesondere ökonomische und kulturelle Kapitalien im Sinne Bourdieus.
- Schließlich ständen die Klassen in einem sozialstrukturellen und kulturellen System. Hierbei gehe es um die »im weitesten Sinne politische Dimension der Klassen, in der Fragen von Macht, Herrschaft und Hegemonie verhandelt werden. Bestimmte Klassen steigen langfristig auf, andere steigen ab. Die Klassen unterscheiden sich in Status, Prestige, Befriedigungsmöglichkeiten und Einfluss voneinander. Man behandelt sich gegenseitig mit Wertschätzung, Indifferenz oder Ressentiment« (S. 69). Es gehe somit immer auch um das symbolische Kapital verschiedener Gruppen.
Vier-Klassen-Modell
Reckwitz skizziert die Sozialstruktur der spätmodernen Gesellschaft, indem er vier Klassen unterscheidet: eine Oberklasse, eine neue und eine alte Mittelklasse2 und schließlich eine neue Unterklasse, die auch als prekäre Klasse bezeichnet wird.

Die horizontale Lagerung der Klassen soll – in Anlehnung an Bourdieu – indizieren, wie sich ökonomische und kulturelle Kapitalien in den Klassen verteilen.
- Oberklasse: Die Oberklasse distanziert sich von den übrigen Klassen durch ihr Vermögen und damit das Potential ›über den Dingen‹ zu schweben. Er bezieht sich hier auf das z.B. in den Analysen von Piketty herausgehobene obere 1 % der Vermögensbesitzenden. Diese Gruppe zeichne sich vor allem durch den qualitativen Abstand im ökonomischen Kapital aus. Im Unterschied zu einer älteren Oberklasse von Rentiers, sei die neue Oberklasse dadurch charakterisiert, dass sie oftmals weiterhin arbeitet.
»Sie sitzt in den Vorstandsetagen oder Aufsichtsräten von Spitzenunternehmen ebenso wie im obersten Stratum der Bereiche Recht oder Finance; zur neuen Oberklasse gehören auch die öffentlichkeitswirksamen Stars der Medien, des Films, des Sports, der Kunst und der Architektur sowie die Spitzenverdiener in den führenden Firmen der Digitalökonomie. Das Vermögen mag teilweise ererbt sein, ist hier jedoch größtenteils das Ergebnis der geschickten Vermehrung des exorbitant hohen Arbeitseinkommens« (S. 108). In kultureller Perspektive finden sich in der neuen Oberklasse ähnliche Orientierungen wie in der neuen Mittelklasse. - Neue Mittelklasse: »Die neue Mittelklasse ist die kulturell, ökonomisch und politisch einflussreichste Gruppe der spätmodernen Gesellschaft. Sie ist die Klasse der Hochqualifizierten, (..) die in der Regel über einen Hochschulabschluss verfügen und in der Wissensökonomie im weitesten Sinne beschäftigt sind« (90). Beim ökonomischen Kapital zeigen sich durchaus größere Unterschiede. Das hohe kulturelle Kapital strahle auf die gesamte Lebensform aus: »vom Erziehungsstil über das Gesundheitsverhalten und die Freizeitaktivitäten bis zum politischen Kosmopolitismus« (S. 91).
Die Gleichberechtigung der Geschlechter sei in dieser Gruppe besonders ausgeprägt. Die Gruppe konzentriert sich in den urbanen Ballungszentren und müsse dementsprechend mobil sein. Kulturell betrachtet stehe die erfolgreiche Selbstentfaltung im Zentrum: »Die zentrale Lebensmaxime lautet hier, individuelle Wünsche und Begabungen zu entfalten, ein Leben zu führen, das man als befriedigend, sinnvoll und reichhaltig empfindet. Zugleich soll es sich um ein erfolgreiches Leben handeln, das mit hohem sozialen Status und sozialer Anerkennung einhergeht« (S. 92). - Alte Mittelklasse: Diese »umfasst vor allem Personen in mittleren beruflichen Positionen mit mittleren Bildungsabschlüssen: Facharbeiter, Angestellte mit Berufsausbildung, die klassische Büro- und Dienstleistungstätigkeiten ausüben, Beamtinnen im mittleren Dienst, selbständige Handwerker. Meist hat man keine Hochschule besucht, vielmehr oft einen Highschool-Abschluss, ein berufsspezialisierendes Baccalauréat, ein Fachabitur oder eine berufliche Lehre nach einem Haupt- oder Realschulabschluss« (S. 97 f.).
Im Unterschied zur Lebensweise der neuen Mittelklasse, spielen materielle Werte weiterhin eine zentrale Rolle. »Ein Wertehorizont der Selbstdisziplin, der Ordnung und der nicht nur räumlichen, sondern auch sozialen Verwurzelung bildet den kulturellen Rahmen dieser Lebensführung. Das Individuum verlangt von sich und anderen Disziplin: Geordnete Verhältnisse – im eigenen Leben, in der Erziehung, am Wohnort, in der Gesellschaft – erscheinen als unverzichtbare Bedingungen und Wert. Dem eigenen Selbstverständnis zufolge setzt dies enge soziale Bindungen und Verpflichtungen voraus, und zwar häufig an jene und gegenüber jenen, für die man sich nur bedingt aktiv wählend entschieden hat: an die Familie (…) sowie an den Ort und die Region, in die man in der Regel hineingeboren wurde (inklusive Nachbarn, Arbeitskollegen, Schulfreunde etc.) und denen man meist treu geblieben ist« (S. 98 f.). - Neue Unterklasse: Dies Klasse wird als ein Segment charakterisiert, dass seit den 1980er Jahren nach und nach aus der nivellierten Mittelstandsgesellschaft herausgefallen ist. Reckwitz rechnet dieser Gruppe zum einen das neue Dienstleistungsproletariat (die service class) zu; zum anderen sind es Gruppen, die außerhalb des Arbeitsmarktes von privaten und öffentlichen Unterstützungsleistungen leben.
Man versuche, sich noch an den Werten der alten Mittelklasse (Selbstdisziplin und Ordnung) zu orientieren; oft reiche es aber auch nur zum »Sichdurchschlagen« angesichts der »immer wieder neuen Schwierigkeiten des Lebens (…), die leicht eine existenzielle Wucht entfalten können (etwa Krankheit, Scheidung, Arbeitslosigkeit, Überschuldung, Wohnungsprobleme, Schwierigkeiten in der Schule)« (S. 104). Die materielle Deprivation wird durch die erfahrene gesellschaftliche Abwertung verstärkt; das betrifft z.B. deren Ernährungsweise, Gesundheitsvorstellungen oder Geschlechterverhältnisse. Dabei reagiere man sehr unterschiedlich auf die erfahrene Abwertung. »Politische Indifferenz und soziale Isolation sind ein Weg, die Hoffnung des Einzelnen auf den singulären Aufstieg qua Talent (…) ein anderer. Eine weitere Möglichkeit ist der Rückzug in lokale Gemeinschaften, in ›Parallelgesellschaften‹ einheimischer oder migrantischer Provenienz, die ihre kollektive Identität pflegen« (S. 106).
Während die Größe der Oberklasse mit einem Prozent angesetzt wird; geht Reckwitz für die übrigen Gruppen etwa von einer Dreiteilung aus. Er macht dies vor allem an der Verteilung von Bildungsabschlüssen und von SINUS-Milieus (s.u.) fest.
Möglichkeiten der Ausdifferenzierung des Modells
Zur Verfeinerung des vorgelegten Klassenmodells verweist Reckwitz auf weitere Differenzierungsmöglichkeiten, indem binäre Unterscheidungen nach Geschlecht (Männer und Frauen), Migration (Migrant:innen und Einheimische) oder Region (Stadt und Land) einbezogen werden.
In diesem Sinne können dann auch die Klassenstrukturen durch feinere Milieustrukturen erweitert werden. Reckwitz begreift dabei Klassen und soziale Milieus als unterschiedliche Abstraktionsebenen; dementsprechend lassen sich die differenzierteren Milieustrukturen im Sinne von Klassenstrukturen verallgemeinern. Er illustriert dies mit Hilfe der Milieulandkarte des SINUS-Instituts.

Spaltung der Mittelklasse und Aufstieg des Rechtspopulismus
Während in anderen Sozialstrukturmodellen die Fragen des Produktionsmittelbesitzes, die Entgegenstellung von selbstständiger und abhängiger Arbeit oder die Wirksamkeit von Distinktionslinien eine zentrale Rolle spielen, kommt Reckwitz zu einem recht überraschenden Ergebnis: »Sowohl der Unterschied zwischen Mittel- und Unterklasse als auch (…) jener zwischen neuer und alter Mittelklasse stellt sich (…) als ein kultureller dar«. Während die Soziologie seit langem für die Probleme der Unterschicht (und der Oberschicht) sensibilisiert sei, fehlen insbesondere Analysen der Mittelschicht. »Man sollte das undifferenzierte Reden von ›der Mittelschicht‹ aufgeben und stattdessen die Spaltung der Mittelklasse in die beiden genannten Segmente beziehungsweise neuen Klassen zur Kenntnis nehmen« (2019, S. 89 f.).
Er nutzt diese Analysen dann auch um dem in vielen Gesellschaften beobachtbaren Anstieg des Rechtspopulismus zu erklären. Ein wenig zugespitzt geht Reckwitz davon aus, dass der »Rechtspopulismus (…) die gekränkten Teile der alten Mittelklasse (und prekären Klasse)« (S. 129) vertrete. In der Begründung untersucht er, wie sich der Aufstieg der neuen Mittelklasse politisch auf die beiden anderen Klassen auswirke.
»Die schrumpfende alte Mittelklasse blieb zunächst den Konservativen und Sozialdemokraten treu, obwohl sich beide Blöcke zunehmend von den ›kommunitarischen‹ Werten und Interessen der traditionellen Mittelklasse entfernt haben und diese in der Binnenstruktur der Parteien eine immer kleinere Rolle spielt. Jene Teile dieser Klasse, die sich entwertet und entfremdet sehen, bilden insbesondere nach 2010 die Trägergruppe der rechtspopulistischen Parteien wie der AfD in Deutschland und der Rassemblement National in Frankreich, welche sich als aggressiver Antipode zum liberalen Kosmopolitismus profilieren. Die neue prekäre Klasse schließlich ist in großen Teilen politisch indifferent. Ansonsten tendiert sie mittlerweile ebenso zu den Rechtspopulisten oder zu einer neosozialistischen Linken« (S. 128).
Soziologische Debatten um das Modell
Zu Beginn der 2020er Jahre kommt es zu einer intensiveren Debatte um das von Reckwitz vorgelegte Klassenmodell.
Kumkar und Schimank (2021) heben hervor, dass Reckwitz unter »theorieästhetischen Gesichtspunkten« ein »beeindruckendes Kunststück« vorgelegt habe. Sie untersuchen dann aber genauer,
- ob sich die vorgeschlagene Quantifizierung der drei Hauptklassen bestätigen lässt,
- ob sich die behaupteten Einkommensunterschiede zwischen alter und neuer Mittelklasse nachweisen lassen
- und ob die Übersetzung des Klassen- in das Milieumodell plausibel ist.
Dabei versuchen sie, Bezüge zwischen dem Reckwitz-Modell und ihren eigenen Forschungsergebnissen herzustellen.
Vor diesem Hintergrund geht es dann um die Frage, ob der von Reckwitz postulierte Bruch seit den 1970er Jahren und die daraus abgeleitete Konfrontation von alten und neuen Mittelschichten haltbar ist. Zeitlich betrachtet plädieren sie eher für Kontinuitätslinien als Brüche. Der Konfrontationsthese setzen sie entgegen, »dass es keine schroffen Grenzen zwischen den beiden von Reckwitz unterschiedenen Klassen gibt, sondern fließende Übergänge, die Differenzen und mögliche darin angelegte Konflikte moderieren« (S. 26).
Man solle angesichts der Vielzahl von Mängeln das vorgelegte Modell keineswegs ad acta legen. Wenn sich jedoch die konfrontative Gegenüberstellung von alter und neuer Mittelklasse »in den von uns kritisierten Punkten nicht halten lässt, fällt seine Interpretation des Rechtspopulismus in sich zusammen« (S. 28).
Sachweh (2021) macht auf die grundsätzlichen Probleme der Konstruktion von Sozialgruppen entlang mehrerer Dimensionen (Berufe, Einkommen, Bildung, Wertorientierungen) aufmerksam und verweist auf jene Ansätze, die sich vor diesem Hintergrund auf ein an Berufsgruppen orientiertes Klassenkonzept zurückgezogen haben, so z.B. das Oesch-Modell.
Zum zweiten kritisiert er die Verwendung des SINUS-Modells, dass der kommerziellen Markt- und Meinungsforschung entstamme und dessen methodische Verfahren nur sehr bedingt offengelegt werden.
Schließlich moniert er, dass die Generationen-Perspektive bzw. die Überlagerung von Klassen- und Generationenkonflikten zu wenig als erklärende Faktoren berücksichtigt werden.
Nachtwey (2021) zeigt eine Reihe von Widersprüchlichkeiten und offene Fragen auf: Zum einen verweist er auf die unzureichende Einbeziehung von prekären Akademiker:innen. Zum zweiten moniert er den Klassenbegriff, der sich sehr stark auf Werte, Mentalitäten und Lebensstile stütze. Dabei drohen »die Aspekte der Ökonomie, der Macht und insbesondere der immanenten Struktur von Positionen und Lebenschancen in Klassengesellschaften zu Nebenaspekten zu werden – während sie bei Bourdieu im Zentrum der Erklärung von kulturellen Distinktionskämpfen standen« (2021, S. 175).
Zum dritten zieht er die postulierten Passungen von Sozialstruktur, Kultur und Politik in Frage. So sei »die starke These einer grundsätzlich polarisierten Gesellschaft trotz aller berechtigten Suggestivkraft mit Vorsicht zu betrachten. (…) Es gibt eben keine Eins-zu-eins-Abbildung von kulturellen Milieus in politische Lager« (S. 176). Mit Verweis auf eigene Forschung zeigt er, »dass die Formierung politischer Konfliktgruppen auf widersprüchlichen Klassenlagen beruhte und Kosmopolitismus und Autoritarismus sich dabei kreuzten« (S. 178).
Mau (2021) kritisiert insbesondere, »dass die gesellschaftspolitische Lagerbildung möglicherweise zu eng mit einem überpointierten Klassenkonzept verschränkt wird. Das ist nur vordergründig eine Frage der Empirie und bezieht sich vor allem auf konzeptionelle Vorentscheidungen« (2021, S. 165). »Da bei Andreas Reckwitz der ›Phänotyp der Singularisierung‹ entlang der kulturellen Ausdrucksformen der neuen Mittelschicht beschrieben wird, tauchen andere Singularisierungsansprüche beziehungsweise deren Manifestationen nicht mehr systematisch auf« (S. 166). Er verweist hier z.B. auf spezifische Formen der Singularität in der DDR.
Zum zweiten sei das Dualmodell der beiden Mittelklassen zu hinterfragen, weil »Reckwitz (…) die sozialstrukturelle und die kulturelle Lagerung zusammenfließen lässt«. »Diese Konzeption einer ›Kulturstruktur‹ verbaut die Möglichkeit, zwischen der »strukturellen Lagerung« und der »kulturell-mentalen Lagerung« systematisch zu differenzieren« (S. 168).
Zum dritten geht es um die Bezüge zwischen kulturellen und politischen Konfliktlinien. Mau konstatiert zuspitzend: »In Reckwitz’ Analyse erscheint es fast so, als würden soziale Klassen und gesellschaftspolitische Lager miteinander verschmelzen« (S. 169).
Burzan (2021) hebt hervor, dass Reckwitz soziale Ungleichheiten konsequent soziologisch in den Blick nehme; so gehe es »nicht prioritär um ökonomische Einkommensgruppen, sondern um Gruppierungen mit kulturellen Gemeinsamkeiten sowie grundsätzlich um deren Relationen zueinander« (S. 157).
Desweiteren formuliert sie eine Reihe von Fragen an das Modell: So stelle sich bei der Klassenkonstruktion die Frage, inwieweit hier eher die materiellen Ressourcen oder die kulturellen Praktiken konstitutiv seien. Weiterhin wird gefragt, warum die Oberschicht nur am Rande in die Analyse einbezogen werde. Zudem hinterfragt sie die Stimmigkeit der vorgelegten Konzeption: »Wie viele Ausnahmen, Unschärfen, Subdifferenzierungen und raum-zeitlich immer wieder wechselnde empirische Hinweise verträgt das Konzept, ohne dass man sich mittels solcher ›Hintertüren‹ theoretisch immunisiert und ohne dass die Abstraktion zum Holzschnitt wird?« (S. 159).
Zwar verweise Reckwitz systematisch auf die Bedeutung einer relationalen Perspektive. »Andererseits jedoch werden machtrelevante Aspekte solcher Relationen und Dynamiken überraschend wenig thematisiert« (S. 159). Auch die These von der Hegemonie der neuen Mittelklasse werde nicht hinreichend ausgeführt. Mit Bezug auf eigene Forschungen zu Mittelschichtsfamilien macht sie deutlich, dass man zwar Abgrenzungsnarrative aber keine konfrontativen Rhetoriken gefunden habe.
Angesichts der auch von Kumkar und Schimank problematisierten These des Bruchs plädiert Burzan dafür, »bei der Nachzeichnung der Entwicklungen sozialer Ungleichheiten und dazugehöriger kultureller Muster zugleich auch die Entwicklung des soziologischen Diskurses um soziale Ungleichheiten mitzudenken. Dieser unterliegt Moden und stellt sich zudem in der Retrospektive teilweise anders dar als zum Zeitpunkt der jeweiligen Analysen« (S. 161).
Hartmann (2021) kritisiert vor allem die nur marginale Berücksichtigung der Oberklasse. Er macht deutlich, dass die Oberklasse als ein wichtiger politischer Faktor zu begreifen ist (S. 305 f.). Mit Verweis auf eigene und andere Studien zur Oberklasse kann er aufzeigen, dass bei Reckwitz deren Größe (S. 299) und globale Orientierung (ebd.) eher überschätzt wird. Umgekehrt seien die Unterschiede gegenüber den Mittelklassen weitaus ausgeprägter; das betrifft neben Einkommen und Vermögen vor allem kulturelle Interessen und Aktivitäten (S. 302).
An Hand eigener Untersuchungen kann er zeigen, dass in dieser Gruppe ein hohes Maß an sozialer Schließung vorliegt: »Die Rekrutierungsmechanismen und -merkmale erweisen sich als erheblich stabiler als vielfach angenommen. Das gilt vor allem für die soziale Rekrutierung. Über den gesamten Zeitraum von einem halben Jahrhundert stammten durchweg mehr als vier Fünftel der Spitzenmanager der 100 größten Unternehmen (…) aus gehoben bürgerlichen oder großbürgerlichen Familien. Soziale Aufsteiger bleiben eine Ausnahme« (S. 303). Die bei Reckwitz zu findende Annahme, dass die neue Oberklasse der neuen Mittelklasse kulturell ähnele, weist er zurück.
Hartmann konstatiert, dass aus der Ignorierung der Oberklasse weitreichende Konsequenzen erwachsen. Reckwitz übersehe »jene Spaltungslinie, die nach wie vor die Bevölkerungsteile am oberen Ende durchziehen dürfte, die er als Mittelklassen definiert« (S. 304). Das führe dann aber auch dazu, dass der vermeintliche Konflikt zwischen alter und neuer Mittelklasse an Bedeutung verliere.
Kommentar
Ich möchte über die oben skizzierten Einwände hinaus noch ein recht grundsätzliches Problem des von Reckwitz vorgestellten Ansatzes deutlich machen; das bedarf allerdings einer längeren Vorbemerkung zur Entwicklung der wissenschaftlichen Sozialstrukturanalyse.
Lernprozesse der wissenschaftlichen Sozialstrukturanalyse
Im Rahmen der wissenschaftlichen Sozialstrukturanalyse sind seit dem Ende des 19. Jahrhunderts neben der Vorlage von Modellen und Analysen immer auch Auseinandersetzungen um die Konzeption von Sozialstrukturanalysen geführt worden. Vereinfachend beschränke ich mich auf die seit den 1980er Jahren geführten Debatten.3 Dabei sind (meines Erachtens) große theoretische, aber auch methodische Fortschritte gemacht worden. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit sei auf einige Schwerpunkte verwiesen:
- So ging es um die theoretische Rahmung bzw. um den Gegenstandsbereich von Sozialstrukturanalysen, wenn um Theorien des Kapitalismus, der Industrialisierung, der Modernisierung oder der funktionalen Differenzierung gerungen wurde. Es ging um die Verschränkung von Sozialstrukturanalysen mit intersektionalen Analysen oder mit Analysen zu Migrationen und transnationalen Lebensweisen, um die Bedeutung von regionalen, nationalen, europäischen oder globalen Ungleichheiten. Immer wieder wurde um die Frage gestritten, wie sozialstrukturelle Positionierungen zu erfassen seien, über berufliche Positionen, über ökonomische, kulturelle und soziale Kapitalien oder über die Bedeutung von zivilen, politischen und sozialen Rechten und Verwirklichungschancen. Schließlich interessierte auch die Frage, wie die Analyse von Sozialstrukturen mit der Analyse von Machtstrukturen, Interessen oder politischen Positionierungen verknüpft werden kann.
- Es wurden Debatten um Begrifflichkeiten, Methoden und Methodologien geführt: so z.B. um die Modellierung bzw. Konstruktion von sozialen Großgruppen (Klassen, Schichten, soziale Milieus, soziale Lagen), um Prozesse der Fluidisierung und Erosion (Individualisierung, Singularisierung) von Sozialstrukturen oder um die Verzeitlichung von Sozialstrukturen (soziale Mobilität) und die Analyse von Lebensverläufen. Immer wieder ging es auch um die disziplinäre Abgrenzung von Sozialstrukturanalysen (gegenüber ökonomischen und politischen Analysen oder der Sozialgeschichte).
- Ein dritter Schwerpunkt von Debatten kreiste um den Wandel von Sozialstrukturen (z.B. über sich wandelnde Produktionsweisen und Technologien, über den Wandel von Wertvorstellungen oder von Geschlechterverhältnissen) bzw. die Reproduktion von Sozialstrukturen (z.B. über den Habitus, über Institutionen, über Strategien der Veranderung wie Sexismus und Rassismus oder über ungleichheitsgenerierende soziale Mechanismen).
Parallel finden sich vielerlei empirische Analysen und Vorschläge der Modellierung, die immer wieder kritisiert, modifiziert, verworfen oder schlicht vergessen wurden. Die Vertreter:innen der wissenschaftlichen Sozialstrukturanalyse legen weiterhin präzise Analysen zu den vielfältigen Aspekten sozialstruktureller Veränderungen vor; sie sind aber (mit einigen Ausnahmen) in den letzten Jahren mit dem Entwurf neuer Modelle vorsichtiger geworden. Das mag den eher arbeitsteiligen Logiken des wissenschaftlichen Betriebs geschuldet sein; man kann es aber auch als Anerkenntnis der Komplexität von Sozialstrukturen – mithin im Sinne eines wissenschaftlichen Lernprozesses – lesen. Schon in den 1950er Jahren hatte T. H. Marshall (2000,
S. 65) darauf verwiesen, dass Klassen seit dem 20. Jahrhundert eher als Folgeprodukte recht unterschiedlicher (ökonomischer, politischer und sozialer) Institutionen zu begreifen seien.
Der Versuch einer gesellschaftstheoretisch gegründeten Sozialstrukturanalyse
Seit einigen Jahren liegt nun mit dem Ansatz von Andreas Reckwitz ein elegant aber auch umsichtig dargestellter Entwurf vor, der Sozialstrukturen an vorliegende Forschungen anschließend zu einem schlanken Vierklassenmodell verdichtet. Das Modell wird gesellschaftstheoretisch begründet; neben einer Prognose (2019, S. 130 ff.) wird auch eine Erklärung des allgegenwärtigen Rechtpopulismus (S. 128 ff.) angeboten.4
Wie gelingt ihm all das?
Eine Schlüsselrolle spielt dabei der ›kultursoziologische Zauberstab‹ – ein Zusammenspiel von Kulturalisierungen5 und Soziologisierungen6 – mit dem (komplexe) soziale Differenzierungen in (einfache) sozio-kulturelle Differenzierungen übersetzt werden. Damit wird – vermutlich unbeabsichtigt – soziale Komplexität (und die damit verbundenen Erkenntnispotentiale) in dramatischer Weise reduziert.
Das sei an einigen Beispielen erläutert:
- Die historische Entwicklung der letzten Jahrhunderte wird bei Reckwitz in drei Phasen der Moderne abgebildet (2017, S. 41 ff.). Damit wird die lange Geschichte der ökonomischen, politischen, zivilisatorischen und sozialen Krisen und Katastrophen deutlich vereinfacht.
- Für die globale Ordnung (nach dem Zweiten Weltkrieg) geht er davon aus, dass ein »ökonomischer Dualismus« (Industrie- und Entwicklungsländer) einer globalen Dreiteilung (prekärer globaler Süden, aufstrebender globaler Süden und globaler Norden) gewichen sei (2019, S. 71). Auch dies impliziert eine Abstraktion von säkularen Hegemonien bzw. den damit verbundenen Macht- und Abhängigkeitsstrukturen.
- Bei der sozialstrukturellen Analyse in den Ländern des globalen Nordens sticht entgegen der breit angelegten Definition (s.o.) ein stark vereinfachtes Klassenkonzept hervor. Anschaulich lässt sich dies an der Darstellung sozialer Positionen aufzeigen: Berufliche Positionen sind mit einer Fülle sozialstrukturell bedeutsamer Charakteristika verknüpft (z.B. Zugehörigkeit zu Branchen, zu selbstständigen bzw. abhängigen Positionen, zu hierarchisch gestaffelten Ordnungen, Positionierungen in verschiedenen Arbeitsmarktsegmenten bzw. in sichereren oder unsichereren Beschäftigungsverhältnissen). Dieser Reichtum an Informationen wird verschenkt, wenn Berufe vor allem als einkommensdifferenzierende Kategorien (S. 91) bzw. als Milieuindikatoren genutzt werden.
- Die Veränderungen der Geschlechterverhältnisse führt Reckwitz auf die Entwicklung einer postindustriellen Ökonomie, sowie Prozesse der Bildungsexpansion und des Wertewandels (2019, S. 11) zurück. Als einen wesentlichen Indikator der Veränderungen begreift er die erheblich gestiegenen Erwerbsquoten von Frauen und konstatiert eine allmählich fortschreitende Gleichberechtigung. Mit dieser Perspektive blendet er die weiterhin stabilen Geschlechterverhältnisse z.B. die Teilung der häuslichen Arbeit und das Fortbestehen geschlechtsspezifischer Erwerbsstrukturen (Unterschiede in Arbeitsvolumen, Branchen und beruflichen Aufstiegen) aus; auch das Fortbestehen sexistischer Strukturen und die damit verbundenen Kämpfe spielen bei Reckwitz keine große Rolle, allenfalls in einer Fußnote (2019, S. 110) wird auf Probleme der Diskriminierung hingewiesen.
- Mit dem Verweis, dass die Gruppe der Migrant:innen (wie die Mehrheitsgesellschaft) vor allem nach Klassen und Milieus – er verweist hier auf eine einschlägige SINUS-Studie – unterschieden ist, trägt Reckwitz einerseits zu einer (wünschenswerten) Normalisierung der Perspektive auf Migration bei; er verschließt aber auch den Blick auf die große Vielfalt von Migrations- und Mobilitätserfahrungen bzw. rechtlichen Positionierungen und auf die Phänomene der sozialen Schließung und des Rassismus.
Techniken der Kulturalisierung und Soziologisierung
Zwei Konzepte spielen bei der oben skizzierten Kulturalisierung und Soziologisierung7 eine wichtige Rolle: das Konzept des Wertewandels und das der SINUS-Milieus.
- Eine zentrale Rolle des Wertewandels lässt sich als Folge der kultursoziologischen Reduktion von Komplexität und einer Soziologisierung der Perspektive begreifen. Wenn die mit dem fundamentalen Wandel von (ökonomisch gelabelter) Erwerbsarbeit und Reproduktionsarbeit verbundenen Praxis- und Erfahrungsfelder – mithin zentrale Bereiche, in denen Normen und Werte ausgehandelt und erfahren werden – unberücksichtigt bleiben, muss der ›Wertewandel‹ zwangsläufig als ein externer Faktor begriffen werden. Die Potentiale, die im Habituskonzept und seinen Erweiterungen – es muss nicht zwingend ein Klassenhabitus sein – stecken, werden in dem Modell des Wertewandels nicht genutzt.
- Die an verschiedenen Stellen verwendeten SINUS-Modelle tragen dazu bei, den doch recht schematisch konstruierten Klassen wieder neues Leben einzuhauchen. Wenn man jedoch – wie von Sachweh (2021, S. 184) angemerkt – auf die Geschichte und die Verwendungszusammenhänge (z.B. in der Markt- und Konsumforschung bzw. in der Politikberatung) dieses Modells blickt, wird deutlich, dass es für die wissenschaftliche Analyse von Milieus ungeeignet ist, da es komplexe soziale Differenzierung auf Geschmacks- und Lebensstildifferenzen reduziert und die vermittelnden Zusammenhänge (materielle Ressourcen, Privilegien, aber auch kumulierte Arbeits- und Lebenserfahrungen und die damit verbundenen Anerkennungen und Diskriminierungen) ausblendet. Zudem trägt die Verwendung des SINUS-Modells zu einer Personalisierung und Individualisierung der Perspektive bei, wenn die große Bedeutung verschiedener Institutionen (z.B. von Haushalten, Bildungseinrichtungen oder Sozialstaaten) für die Reproduktion von Sozialstrukturen unberücksichtigt bleibt.
Reckwitz bemerkt in seiner Replik auf die vorgebrachten Kritiken völlig zu Recht, dass derartige Modellierungen nicht ohne rigide Vereinfachungen und Zuspitzungen denkbar seien. Dieses Problem lässt sich jedoch in zweierlei Weise lösen:
zum einen, indem man von derartigen Modellen Abstand nimmt, oder die damit verbundenen Ansprüche deutlich reduziert;
zum anderen, indem man bei den unumgänglichen Vereinfachungen konsequent prüft, ob damit nicht für das Verständnis von Sozialstrukturen elementare Wissensbestände ausgeblendet werden.
Dass eine solche Prüfung nicht vorgenommen wurde, lässt sich an einem zentralen Ergebnis der Analysen aufzeigen: Wenn die Unterschiede bzw. die Abgrenzungen zwischen alter und neuer Mittelklasse zur zentralen gesellschaftlichen Konfliktachse werden, dann wird deutlich, wie rigide der kultursoziologische Zauberstab gewirkt hat.
Literatur
Burzan, Nicole 2021: Balanceakte zwischen Theorie und Empirie. Kommentar zur Debatte von Nils Kumkar/Uwe Schimank und Andreas Reckwitz, in: Leviathan, 49. Jg., 2/2021, S. 157-16
Dietrich, Hans/ Doris Hess 2021: Neue Mittelklasse? Ein empirischer Beitrag zur Reckwitz-Debatte, in: Lagemaß 2021 [https://www.infas.de/neue-mittelklasse-ein-empirischer-beitrag-zur-reckwitz-debatte-2/]
Hartmann, Marlene 2023: Die Kulturalisierung der Gegenwart. Andreas Reckwitz‘ Gesellschaft der Singularitäten, in: Sina Farzin / Henning Laux (Hrsg.) Soziologische Gegenwartsdiagnosen III. Wiesbaden: Springer VS, S. 213-226
Hartmann, Michael 2021: Die ›Oberklasse‹ – ein blinder Fleck bei Andreas Reckwitz, in: Leviathan, 49. Jg., 3/2021), S. 297-308
Kumkar, Nils/ Schimank, Uwe 2021: Drei-Klassen-Gesellschaft? Bruch? Konfrontation? Eine Auseinandersetzung mit Andreas Reckwitz’ Diagnose der ›Spätmoderne‹, in: Leviathan, 49. Jg., 1/2021, S. 7-32
Marshall, Thomas H. 2000: Staatsbürgerrechte und soziale Klassen, in: Jürgen Mackert/ Hans-Peter Müller (Hrsg.), Citizenship. Soziologie der Staatsbürgerschaft, Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 45–102 [engl. Orig. 1950]
Mau, Steffen 2021: Konturen einer neuen Klassengesellschaft? Einige Anmerkungen zur Konzeption der Mittelklasse bei Andreas Reckwitz, in: Leviathan, 49. Jg., 2/2021, S. 164-173
Nachtwey, Oliver 2021: Klassen und Klassenkonflikte. Anmerkungen zu Andreas Reckwitz, in: Leviathan, 49. Jg., 2/2021, S. 174-180
Reckwitz, Andreas 2017: Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne, Berlin: Suhrkamp
Reckwitz, Andreas 2018: Die Gesellschaft der Singularitäten 10: Einige nicht-abschließende Bemerkungen, in: Soziopolis [https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0168-ssoar-82673-2]
Reckwitz, Andreas 2019: Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne, Berlin: Suhrkamp
Reckwitz, Andreas 2021. »Auf der Suche nach der neuen Mittelklasse«, in: Leviathan, Jg. 49, 1/2021, S. 33-61
Saar, Martin 2018: Die Gesellschaft der Singularitäten 6: Affekt und Singularität, in: Soziopolis [https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0168-ssoar-82443-7]
Wehler, Hans-Ulrich 2008: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Band 5: Bundesrepublik und DDR. 1949–1990, München: C.H. Beck
Anmerkungen
- Reckwitz bezieht sich an verschiedenen Stellen auf die Modelle von Dahrendorf oder Bourdieu; das geschieht aber in einer recht selektiven Art und Weise; geht es doch bei beiden Ansätzen immer auch um die Analyse von Machtstrukturen, die mit den skizzierten sozialen Positionen verknüpft sind. ↩︎
- Es sei darauf hingewiesen, dass Reckwitz bei der Abgrenzung von alten und neuen Mittelklassen anders verfährt als die klassischen Darstellungen zur Sozialgeschichte (z.B. Wehler 2008, S. 146 f.). ↩︎
- Exemplarisch sei auf die Schriftenreihen der DGS-Sektionen Sozialstrukturanalyse, Geschlechterforschung oder Migrationsforschung verwiesen. ↩︎
- Dieses sehr umfassende von Reckwitz verfolgte Projekt erinnert an die weitreichenden Erklärungsansprüche, die sich bei Marx und vor allem im Kontext seiner Rezeption finden lassen. Man erhoffte eine one-fits-all-Lösung, die eine theoretische Rahmung, eine Analyse von Klassen und Klassenbewusstsein, eine Prognose und schließlich eine politische Orientierung zusammenführt. ↩︎
- Die stärkere Gewichtung kultureller Praktiken und Orientierungen hat viel zu einem umfassenderen Verständnis der Genese und Reproduktion von Sozialstrukturen beigetragen und einem zeitweilig vorherrschenden Ökonomismus entgegengewirkt. Es geht nun vor allem darum, ökonomische und kulturelle Phänomene in einem nicht-deterministischen Zusammenhängen zu begreifen. Von Kulturalisierung wird gesprochen, wenn diese komplexen Wechselwirkungen aus dem Blick geraten. ↩︎
- Soziologisierung meint hier die Herauslösung und Stilisierung einer (rein) soziologischen Perspektive aus dem säkularen Projekt der Wissenschaften des Sozialen, die nach der disziplinären Ausdifferenzierung zwingend die Zusammenführung von ökonomischen, politischen, soziologischen und sozialhistorischen Wissensbeständen erfordert. ↩︎
- Exemplarisch lässt sich diese Haltung an einer Bemerkung von Reckwitz aufzeigen. Er geht in einer Replik auf einen von Martin Saar (2018; S. 3f.) vorgebrachten Einwand ein, dass er sich von kapitalismustheoretischen Erklärungsmustern eher ›anti-materialistisch‹ abgrenze: »Ich nehme das etwas anders wahr. Nach meinem Verständnis handelt es sich nicht um eine Abgrenzung, vielmehr integriere ich die Ökonomisierungsdiagnose und kapitalismustheoretische Argumente in einen umfassenderen und tatsächlich etwas anders akzentuierten Theorierahmen. Auch unter meiner Perspektive lässt sich in der Spätmoderne eine durchgreifende Ökonomisierung, das heißt Vermarktlichung des Sozialen, beobachten. Doch muss man sich des Sachverhalts bewusst sein, dass es sich in aller Regel um jene spezifische Struktur handelt, die ich Kulturökonomisierung nenne: eine Verbreitung von Singularitätsmärkten, von Märkten für kulturelle Singularitätsgüter« (Reckwitz 2018, S. 3). ↩︎