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Grenzregime/Migrationsregime

Das Konzept des Migrationsregimes bzw. des Grenzregimes wird in verschiedenen sozialwissenschaftlichen Disziplinen genutzt, um zu analysieren, wie Nationalstaaten ihre äußeren und inneren Grenzen organisieren. Es geht um jene Regeln, Normen und Praktiken, mit denen die Bewegung von Menschen über Grenzen gesteuert wird und wie mit Menschen verfahren wird, die diese Grenzen (auf dem einen oder anderen Weg) überwunden haben. Es geht aber auch darum, wie (z.B. Migrant:innen oder NGO´s) mit diesen externen und internen Grenzziehungen umgehen.

Sozialstrukturell betrachtet verändert sich so die Bevölkerung von Nationalgesellschaften; es entstehen dann aber auch neue soziale Positionen (z.B. mit unterschiedlichem Zugang zu staatsbürgerlichen Rechten) und neue Möglichkeiten der Abgrenzung und wertenden Etikettierung von sozialen Gruppen

Grenzregime/Migrationsregime

Das Grenzregime wird so als ein komplexes System von staatlichen und nicht-staatlichen Akteuren, aber auch von internationalen Organisationen, NGOs und transnationalen Netzwerken und schließlich von Migrierenden begriffen. Steffen Mau konstatiert: »Unter Bedingungen der Globalisierung setzen Grenzregime territoriale Kontrolle und Selektivität durch, sind machtvolle Sortiermaschinen der globalisierten Welt« (2021, S. 15).

Es geht aber auch um das Geschehen innerhalb der Grenzen. »Die Grenzregime setzen nicht in erster Linie (…) auf tatsächliche Exklusion irregulärer Migrantinnen und Migranten. Sie zielen vor allem darauf, die Momente des Überschusses (die Autonomie der Migration) zu verwerten und sie auf eine ökonomische Dimension rückzuverpflichten (…). Vor allem aber bestimmen sie, unter welchen Bedingungen und mit Ausstattung welcher Rechte sich die, welche die Grenzen überlebt und überwunden haben, auf der nun anderen Seite aufhalten« (Ralser 2016, S. 71 f.).

Exemplarisch seien zwei Ansätze skizziert, die darauf zielen, Migrationsregime bzw. Grenzregime nicht nur in politisch-administrativer makrostruktureller Perspektive zu begreifen. Der erste fokussiert vor allem auf die Mesoebene, der zweite eher auf die Mikroebene.

Migrationsregime in praxeologischer Perspektive

Rass und Wolff verstehen Migrationsregime nicht als greifbare Entitäten, sondern als ein Modell (S. 44) zur Analyse jener komplexen und dezentralen Machtformen, die sich im Kontext von Migrationen herausbilden. Sie fokussieren eher auf eine Mesoperspektive, die dann aber die Makroebene (Normen, Werte und Strukturen) wie die Mikroebene (Handlungen, Erfahrungen Mobilitätsmuster) einbezieht. »We will refer to these aggregated and experience-based social acts as practices (…). This naturally includes all social actors relevant to explaining migration processes, such as migrants, relief providers, activists, analysts, administrators, border patrol, law makers and many more. As a consequence of this second order character of the regime as an observer’s category, these actors are not ‘part’ of the regime but rather constitute it through their interaction. This is why regime formation should be seen as a process of structuration and mobilization« (S. 45).

Sie schlagen vor, »to understand the regime as a process of both migration and its conceptualization. Within it, various actors claim presence and relevance in their struggle to maintain or achieve power positions to impact migration through behavior, categorization and regimentation. Through reflexive structuration, they mobilize and alter constitutive and institutional frames to support their claims to presence, recognition and influence. This necessarily includes the researcher’s position. One important part of this process is the negotiation of the meaning of migration for societies« (2018, S. 51).

Rass und Wolff unterscheiden dabei drei Praxisebenen:

  • »First, primary practices are acts and routines of direct mobility or their respective preparations. This covers many practices of actors who move or intend to do so« (S. 46).
  • »Secondary practices claim defining power and intend to direct the process of migration. They are enacted by persons, organizations and institutions – from the individual to the multilateral and from the local to the global – who define, exercise, design or pursuit the control of migration« (S. 46).
  • »Tertiary practices indirectly impact migration by altering its meaning, challenging categorizations, or attempting to mobilize others through public expression« (S. 47).

Grenzregime in ethnographischer Perspektive

Die ethnografische Regimeanalyse versteht sich im Sinne einer ›kritischen Migrationsforschung‹, die den Fokus auf Migrierende und Prozesse der Migration richtet und Fragen der nationalstaatlichen Regulierung von Migration und Integration eher als ›Rahmenhandlungen‹ begreift. Migration wird als gesellschaftliche Normalität begriffen.

»Der grundlegende Dreh- und Angelpunkt der ethnografischen Regimeanalyse (…) ist die These von der Autonomie der Migration. Damit ist ein Verständnis von Migration gemeint, welches Migration aufbauend auf ihrer Konzeptualisierung als soziale Bewegung und politische Praxis auch als (Erst-)Beweger der Geschichte betrachtet. Geschichtsschreibung muss demnach ebenso wie jede andere Gesellschaftsanalyse von Mobilität ausgehen« (Hess/ Kasparek/ Schwertl 2018, S. 273).

Das impliziert dann auch einen anderen Blick auf die Versuche von Nationalstaaten und supranationalen Einheiten, Migration zu regulieren. Hess/ Schmidt-Sembdner zeigen dies am Beispiel der EU: »Dabei lässt sich die Herausbildung des europäischen Grenzregimes nicht als ein linearer politischer Akt verstehen; vielmehr ist er gekennzeichnet von zahlreichen Rückschlägen und widersprüchlichen (politisch‐sozialen) Visionen und Interessen unterschiedlichster Akteursgruppen (…). Die verschiedenen Orte, Akteur*innen, Entwicklungspfade und Tempi seiner Hervorbringung führen jedoch auch dazu, dass das europäische Grenzregime als eine multiskalare Assemblage zu verstehen ist: bestehend aus Agenturen der EU wie FRONTEX (…), Institutionen des europäischen Rechts (wie das Gemeinsame Europäische Asylsystem) und Standardisierungs‐ und Harmonisierungsprozessen innerhalb der EU vor allem im Bereich des Grenzmanagements« (Hess/ Schmidt-Sembdner 2021, S. 204).

Dabei geht es auch darum, wie in der administrativen Anwendung von Recht dieses geformt und erweitert wird, wenn es z.B. in lokalen Behörden immer auch zu einer »informelle(n) Auslegung der Gesetze« (Eule u.a. 2020, S. 63) kommt.

Bedeutung für die Sozialstrukturanalyse

Wenn man Sozialstrukturen in einer transnationalen Perspektive begreift, indem man über den Tellerrand der nationalstaatlichen Container hinausblickt, wird deutlich, dass soziale Ungleichheiten (in erheblichem Maße) mit den großen Ungleichheiten zwischen den Nationalstaaten zusammenhängen. Mithin bekommt die Frage, wer in welchem Nationalstaat geboren wird – birthright privilege (Shachar 2009) – bzw. die Frage, wem es gelingt, in einen prosperierenden Sozialstaat zuzuwandern, eine große Bedeutung. Vor diesem Hintergrund sind Fragen der Grenzziehung und der Grenzkontrolle (i.w.S.) zwischen Nationalstaaten (bzw. supranationalen Einheiten wie der EU) entscheidend für soziale Positionierungen. Dazu gehört jenseits der Grenze dann auch die Frage des Zugangs zu staatsbürgerlichen Rechten und Möglichkeiten der Integration.

Sozialstrukturell betrachtet ist es von zentraler Bedeutung, wie gut einzelnen Gruppen von Migrierenden der Einstieg in verschiedene Arbeitsmarktsegmente und die Vermarktung ihrer Qualifikationen gelingt. Birke und Bluhm (2019, S. 12) zeigen auf, wie Grenzregime auch mit Arbeits- und Verwertungsregimen verknüpft sind.

Schließlich geht es auch um Fragen der sozialen Anerkennung. So verweisen Ende u.a. auf die Undurchschaubarkeit der Rechtsanwendung für Migrierende. »Die Undurchsichtigkeit der alltäglichen Bürokratie und ihrer Prozeduren zwingt sie, zugleich auf den besten und den schlimmsten Fall gefasst zu sein, vor allem weil die Abschiebung stets als Damoklesschwert über ihnen schwebt. Deshalb hat die Unlesbarkeit oft potenziell dramatische Folgen für Migrant*innen und perpetuiert die Machtasymmetrien« (Eule u.a. 2020, S. 171).

Das Konzept des Migrations- bzw. Grenzregimes bietet gute Möglichkeiten, diese Prozesse und die damit einhergehenden Veränderungen von Sozialstrukturen zu analysieren.

Literatur

Birke, Peter/ Felix Bluhm 2019. Arbeitskräfte willkommen. Neue Migration zwischen Grenzregime und Erwerbsarbeit. Sozial.Geschichte Online, Nr. 25, S. 11–44
https://doi.org/10.17185/duepublico/70543

Eule, Tobias G./ Lisa Marie Borrelli / Annika Lindberg / Anna Wyss 2020: Hinter der Grenze, vor dem Gesetz. Eine Ethnografie des europäischen Migrationsregimes, Hamburg: Hamburger Edition

Hess, Sabine/ Bernd Kasparek/ Maria Schwertl 2018: Regime ist nicht Regime ist nicht Regime. Zum theoriepolitischen Einsatz der ethnografischen (Grenz-)Regimeanalyse, in: Andreas Pott, Christoph Rass, Frank Wolff (Hrsg.), Was ist ein Migrationsregime? Wiesbaden: Springer VS, S. 257-283

Hess, Sabine/ Matthias Schmidt-Sembdner 2021: Perspektiven der ethnographischen Grenzregimeforschung: Grenze als Konfliktzone, in: Zeitschrift für Migrationsforschung, 1(1), S. 197-214

Mau, Steffen 2021: Sortiermaschinen. Die Neuerfindung der Grenze im 21. Jahrhundert, München: C.H.Beck

Ralser, Michaela 2016: Die Illegitimen. Grenz- und Migrationsregime in biopolitischer Perspektive, in: Österreich Zeitschrift für Soziologie (Suppl 3) 41, S. 63–77

Rass, Christoph/ Frank Wolff 2018: What Is in a Migration Regime? Genealogical Approach and Methodological Proposal, in: Andreas Pott, Christoph Rass, Frank Wolff (Hrsg.), Was ist ein Migrationsregime? Wiesbaden: Springer VS, S. 19-64

Shachar, Ayelet 2009: The Birthright Lottery. Citizenship and Global Inequality, Cambridge Mass.: Harvard University Press

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