
Arenen der sozialen Differenzierung
Soziale Ungleichheiten entstehen grob vereinfacht über soziale Differenzierungsprozesse, die in verschiedenen gesellschaftlichen ›Sphären‹ lokalisiert sind. Diese Sphären werden hier als Arenen bezeichnet:
- die Arena der gesellschaftlichen Produktion, in der z.B. Arbeit geteilt und Einkommen erzielt werden
- die binnenstaatliche bzw. zwischenstaatliche Arena der Nationalstaaten, die als Organisatoren von Binnen- und Außenordnungen fungieren,
- die Arena der privaten Haushalte, in der z.B. Arbeit geteilt, Einkommen kumuliert und angelegt werden.
Zusammenwirken der Arenen
Die soziale Lage einer Person hängt (aus der Einkommensperspektive) von den erzielten Erwerbseinkommen (Arena der Produktion) und von Prozessen der Regulierung (z.B. Mindestlöhne, Arbeitsverträge) und Umverteilung (z.B. Abgaben oder Transferleistungen) durch den Nationalstaat (binnenstaatliche Arena) ab. All dies kann nur funktionieren, wenn in der Arena der privaten Haushalte wesentliche Voraussetzungen (z.B. Sorgearbeit und Sozialisation) erbracht werden; auch damit sind Teilungen bzw. Umverteilungen von Arbeit und Einkommen verbunden. Schließlich ist es die Geburt in einem mehr oder weniger prosperierenden Land bzw. die Einwanderung in ein solches Land (zwischenstaatliche Arena), die die soziale Lage prägt.1
In all diesen Arenen lassen sich Konflikte um die Teilung von Ressourcen ausmachen; es finden ›Kämpfe‹ statt, in denen verschiedene Gruppen von Akteuren, mit verschiedenen Mitteln und Strategien2, nach verschiedenen Regeln um verschiedene Ziele kämpfen.
- So wird in der Arena der Produktion um Löhne (und Gewinne) gekämpft, aber auch um die Sicherheit von Beschäftigung. Hier agieren Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände, aber auch regulierende Instanzen wie z.B. die Gewerbeaufsicht. Letztlich sind es immer auch Beschäftigte mit mehr oder weniger Verhandlungsmacht, denen es gelingt, höhere Einkommen und bessere Beschäftigungsbedingungen durchzusetzen (oder nicht).
- In der staatlichen Arena geht es um die Regulierung des Kapitalismus und die Ausgestaltung des Sozialstaats (z.B. Bildungssystem, Gesundheitsversorgung, soziale Sicherung). Hier agieren Parteien, Interessenverbände oder Lobbyorganisationen. Es sind aber auch Wähler:innen, die Parteien mit spezifischen Programmatiken wählen oder abwählen. Eine wichtige Rolle spielen dann aber auch zwischenstaatliche Machtverhältnisse und Konflikte, die dazu beitragen, dass sich die durchschnittlichen sozialen Lagen in verschiedenen Weltregionen deutlich unterscheiden und dass sich unterschiedliche Grenzregime herausbilden.
- In den privaten Haushalten gibt es schließlich Konflikte um die Teilung der häuslichen Arbeit und die Erwerbsbeteiligung. Es geht aber auch um die Verwendung der erzielten Einkommen und die Allokation von Zeit3.
Die hier getroffene Unterscheidung von drei Arenen der sozialen Differenzierung findet sich in der einen oder anderen Form in vielen Sozialwissenschaften4.
Literatur
Esping-Andersen, Gøsta 1999: Social Foundations of Postindustrial Economies, Oxford: University Press
Heine, Michael/ Herr, Hansjörg 2013: Volkswirtschaftslehre. Paradigmenorientierte Einführung in die Mikro- und Makroökonomie, München, Wien: Oldenbourg
Kaufmann, Franz-Xaver 1984: Solidarität als Steuerungsform. Erklärungsansätze bei Adam Smith, in: ders./ Hans-Günter Krüsselberg (Hrsg.), Markt, Staat und Solidarität bei Adam Smith, Frankfurt am Main: Campus
Anmerkungen
- Aus der Perspektive der Bildung bzw. des kulturellen Kapitals spielt die Arena der Haushalte eine zentrale Rolle, weil hier der Transfer kulturellen Kapitals zwischen den Generationen erfolgt und über Qualifizierungswege entschieden wird. Zudem hat die binnenstaatliche Arena eine große Bedeutung, weil hier primäre, sekundäre und tertiäre Bildungsangebote gemacht werden,weil hier aber auch die regulativen Voraussetzungen für ein Mehr oder Weniger an Chancengleichheit im Bildungssystem oder am Arbeitsmarkt gesetzt werden. Die Arena der Produktion ist schließlich der Ort, an dem kulturelle Kapitalien und Zertifikate angelegt und in ökonomisches Kapital konvertiert werden; sie ist auch der Ort, an dem sich der Erhalt (Aufwertung, Abwertung) des kulturellen Kapitals entscheidet. ↩︎
- So untersucht Kaufmann (1984), wie Adam Smith verschiedene Steuerungsformen unterscheidet. Übersetzt in den hier verfolgten Ansatz heißt das: In der Arena der Produktion dominiert die Steuerung über den Markt; in der staatlichen Arena herrschen eher hierarchische Steuerungsformen vor; in der Arena der privaten Haushalte spielen schließlich (mehr oder weniger) solidarische Steuerungsformen eine wichtige Rolle. ↩︎
- Esping-Andersen konstatiert: »As decision‐maker, the family is a ‘player’ in the daily life of society. What one family decides to do may not make waves throughout society, but if a huge number of families line up behind a certain behaviour they may very well create institutional change, indeed social revolution. There is always the odd husband who abandons wife and children, but this will hardly have major societal repercussions. Massive repercussions will, however, ensue, when most women decide to transform themselves from housewives into workers. As dual‐earner households become the new norm, the family as an institution has changed—indeed, society has changed« (1999, S. 47). ↩︎
- So werden in der Volkswirtschaftslehre einfache und erweitere Modelle von Wirtschaftskreisläufen genutzt, in denen Unternehmen, Haushalte und Staat (bzw. das Asland) als zentrale Einheiten fungieren (vgl. Heine/ Herr 2013, S. 333). Auch in der Analyse von wohlfahrtsstaatlichen Modellen findet sich diese Dreigliederung, so z.B. bei Esping-Andersen (1999, S. 47). ↩︎