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Arbeitsmarkt und Arbeitsmarktsegmente

Für die Sozialstrukturanalyse sind Arbeitsmärkte von besonderer Bedeutung, indem über sie die gesellschaftliche Teilung der Arbeit und der damit verbundenen Gratifikationen (z.B. Einkommen, soziale Sicherungsansprüche) und Belastungen organisiert wird. So bezeichnen Abraham und Hinz Arbeitsmärkte als »Maschinen der Ungleichheitsproduktion« (2018, S. 2).

Übersicht:

Die soziologische Arbeitsmarktforschung geht davon aus, dass Arbeitsmärkte komplexer sind, als es die neoklassische Arbeitsmarkttheorie (Heine/ Herr 2013, S. 120 ff.) suggeriert. Daher wird angenommen, dass der Arbeitsmarkt in verschiedener Weise segmentiert ist.

Horizontale und vertikale Segmentierung

Die Modelle gehen von Teil-Arbeitsmärkten aus, die sich nach Beschäftigungssicherheit und Einkommen unterscheiden. »Der Grundgedanke ist, dass es in Erwerbsorganisationen Arbeitsplätze gibt, die mit stabiler Beschäftigung und mittleren bis hohen Einkommen verbunden sind, während andere dauerhaft das Merkmal instabiler Beschäftigung und/oder niedriger Löhne aufweisen« (Köhler/ Weingärtner 2020, S. 79). Köhler und Weingärtner fassen verschiedene Segmentierungsmodelle zusammen:

  • In der horizontalen Dimension unterscheiden sie interne und externe Arbeitsmärkte. Interne Arbeitsmärkte finden sich oft in größeren Betrieben, in denen Beschäftigungsverhältnisse längerfristig angelegt sind und in denen berufliche Mobilität vor allem im Sinne innerbetrieblicher Auf- oder Abstiege funktioniert. Externe Arbeitsmärkte zeichnen sich durch kürzere und mittlere Beschäftigungsverhältnisse aus; berufliche Mobilität findet dann eher zwischen Betrieben statt.
  • In der vertikalen Dimension werden primäre und sekundäre Arbeitsmärkte unterschieden. Im primären Segment können Arbeitskräfte existenzsichernde (oder höhere) Einkommen erzielen und die Arbeitsplatzsicherheit ist recht hoch. Auf den sekundären Märkten herrschen Niedriglöhne vor und die Beschäftigungssicherheit ist geringer.
Arbeitsmarktsegment  intern  extern  
primär  langfristige Beschäftigung mittlere und hohe Löhnekurz-/mittelfristige Beschäftigung mittlere und hohe Löhne
sekundär  langfristige Beschäftigung Niedriglöhnekurz-/mittelfristige Beschäftigung Niedriglöhne
Quelle: Köhler/ Weingärtner (2020, S. 80)

Das für Deutschland entwickelte Modell von Werner Sengenberger geht von einem dreigeteilten Arbeitsmarkt aus. Er unterscheidet unstrukturierte Arbeitsmärkte, fachliche Arbeitsmärkte und betriebsinterne Arbeitsmärkte. Auf den unstrukturierten Arbeitsmärkten herrschen Routinearbeiten vor, die allenfalls eine Einarbeitung der Arbeitskräfte erfordern. Auf den fachlichen Arbeitsmärkten agieren Arbeitskräfte, die über »standardisierte, berufs- oder branchenspezifische und über den Einzelbetrieb hinaus transferierbare Qualifikation[en]« verfügen, »die von mehreren Beschäftigern nachgefragt« werden (Sengenberger 1987, S. 126). Betriebs- bzw. unternehmensinterne Arbeitsmärkte zeichnen sich dadurch aus, dass Beschäftigte typischerweise zu einem frühen Zeitpunkt ihrer Berufsbiografie einsteigen und dann über längere Zeit innerhalb des Unternehmens mobil sind; dieses Segment zeichnet sich durch eine stärkere soziale Schließung aus.

Die zunächst einmal plausible Unterscheidung von Arbeitsmarktsegmenten ist nicht unumstritten. So ist es nicht ganz leicht, diese Segmente mit standardisierten Daten zu modellieren. Zudem wird gefragt, ob und wieweit diese Modelle nicht im Kontext einer stärkeren Vermarktlichung von Arbeitsbeziehungen in den letzten Jahrzehnten erodiert seien.

Schließlich wird auf mögliche Trugschlüsse verwiesen: So können sich in Unternehmen durchaus verschiedene Arbeitsmarktsegmente nebeneinander finden, wenn z.B. die gut abgesicherte Kernbelegschaft um Leiharbeitskräfte ergänzt oder Reinigungsarbeiten an prekär Beschäftigte vergeben werden. Zu betonen ist auch, dass über diese Segmente soziale Positionen im Erwerbssystem markiert werden; diese können dann aber Teil ganz unterschiedlicher Erwerbsbiografien sein: ein prekärer Job ist für die einen ein Notnagel nach einer Lebenskrise; er dient anderen dazu, eine Ausbildung zu finanzieren; für wieder andere ist er aber auch ein Dauerzustand.

Geschlechtsspezifische Segmentierung

Geschlechtsspezifische Unterschiede finden sich zunächst vor allem bei der Berufswahl. In welchem Maße diese beruflichen Entscheidungen sich dann aber auch in der Zuordnung zu Arbeitsmarktsegmenten ausdrücken, ist umstritten. Juliane Achatz konstatiert: »Galt die strukturierende Wirkung der beruflichen Geschlechtersegregation auf Arbeitsmarktergebnisse bislang als zentraler Befund in diesem Forschungsfeld, so werfen neuere Studien die Frage auf, ob diese angesichts der Entwicklungen im Bildungs- und Erwerbssystem an Bedeutung verliert« (2018, S. 389).

Die empirischen Analysen zur Geschlechtersegregation zeigen »die enorme Stabilität des Ausmaßes der beruflichen Segregation im Aggregat aller Berufe, wobei sich die Geschlechterkomposition von einzelnen Berufen und Berufsfeldern im Zuge des sozioökonomischen Wandels durchaus verändert. Der sektorale Wandel und die Angleichung der Bildungsniveaus zwischen den Geschlechtern haben maßgeblich dazu beigetragen, dass sich die Geschlechterzusammensetzung von einzelnen Berufen langfristig gewandelt hat und insbesondere Frauen verstärkt in qualifizierte Berufsfelder einmünden konnten« (S. 416).

Auf institutioneller Ebene tragen die »vergeschlechtlichte Konstruktion von Berufen« (S. 401) und die damit korrespondierenden geschlechtsspezifischen Berufswahlentscheidungen, lange geltende »Geschlechtsexklusivitätsklauseln« (S. 400) und schließlich auch hergebrachte »Überzeugungen und Wissensbestände über die familiäre Arbeitsteilung, über vermeintliche Wesensmerkmale und die Platzierung von Frauen und Männern in der Statushierarchie« (S. 401) dazu bei, dass sich die beruflichen Positionierungen und die Berufsbiografien von Männern und Frauen auch heute deutlich unterscheiden.

Ein wichtiges Moment der geschlechtsspezifischen Differenzierung hängt schließlich mit der Herausbildung und Institutionalisierung von Vollzeit-, Teilzeit- und geringfügigen Arbeitsverhältnissen zusammen. So verweist Karin Gottschall darauf, »dass Geschlechterasymmetrien wie auch Unterschiede unter Frauen sich immer weniger in der Erwerbsbeteiligung als solcher als vielmehr der Rolle der Erwerbsarbeit im Lebensverlauf bzw. den Erwerbsbiografien manifestieren« (2018, S. 686).

Segmentierung im Kontext von Migration und ethnischen Zurechnungen

Empirische Analysen zum deutschen Arbeitsmarkt lassen eine ausgeprägte »ethnische[] Ungleichheit« (Kalter/ Granato 2018, S. 356) erkennen. Die Segmentation von Arbeitsmärkten hat für Arbeitsmigrant:innen unmittelbare Konsequenzen, wenn »die Migranten der ersten Generation Neuankömmlinge auf dem Arbeitsmarkt darstellen, die (…) tendenziell eher auf dem externen Segment, am unteren Ende einer Firmenhierarchie und dann in stark konjunkturabhängigen Branchen bzw. Berufen einen Einstieg finden. Aufgrund der stark eingeschränkten Mobilität zwischen den Segmenten ergeben sich aus diesen Anfangsnachteilen dann unter Umständen sehr langfristige Hemmnisse für den ökonomischen Erfolg« (S. 366 f.).

Mit zunehmender Aufenthaltsdauer nähern sich die Positionierungen von Migrant:innen denen der Autochthonen allmählich an. »Trotz des enormen Fortschritts über die Generationen stellt sich die Arbeitsmarktsituation für nicht wenige Migrantengruppen auch in der zweiten Generation noch signifikant schlechter dar als für die Mehrheitsbevölkerung. Diese noch bestehenden Nachteile lassen sich hier jedoch weitgehend auf formale Bildungsqualifikationen zurückführen« (S. 382).

In der kritischen Migrationsforschung werden solche ›Erfolgsgeschichten‹ skeptischer betrachtet. Dementsprechend wird darauf verwiesen, »dass diese ›Integration‹ nicht notwendigerweise mit den verbreiteten Erfolgsversprechungen verbunden ist, sondern immer auch als Integration in segmentierte Arbeitsmärkte und hierarchisierte Arbeitsteilungen verstanden werden muss« (Riedner u.a. 2024, S. 12 f).

Kommentar

Die verschiedenen Konzepte sollten als Modelle verstanden werden, die dafür genutzt werden können, empirische Analysen anzuleiten und spezifische Forschungsperspektiven zu entwickeln. Es ist nicht zu erwarten, dass sich entlang der theoretisch entwickelten Unterscheidungen einzelne Teilarbeitsmärkte scharf gegeneinander abgrenzen lassen. Bereits Sengenberger (1987) hatte deutlich gemacht, dass es sich um Idealtypen handele.

Die Modelle ermöglichen es, verschiedene Qualifizierungs- und Erwerbsstrategien zu unterscheiden, indem z.B. ein hoher oder ein fehlender Berufsabschluss, die langjährige Tätigkeit in einem Unternehmen oder spezifische Lebensumstände (eine Trennung oder ein ungesicherter Aufenthaltsstatus) ganz unterschiedliche Strategien der Erwerbsaufnahme bedingen.

Darüber wird dann auch deutlich, dass die verschiedenen Arbeitsmarktsegmente nicht nur aus der Perspektive von Unternehmen zu begreifen sind, sondern immer auch mit dem spezifischen Nachfrageverhalten von verschiedenen Typen von Beschäftigten zusammenhängen. So bemerkt Bosch, es werde oft übersehen, »dass ein Großteil der Bewegungen auf dem Arbeitsmarkt aus Entscheidungen der Beschäftigten folgen, die aus dem Bildungssystem ins Erwerbsleben wechseln, aus dem Ausland zu- oder auswandern, ihre Erwerbstätigkeit aus sehr unterschiedlichen privaten Gründen unterbrechen, Karriere machen und schließlich in Rente gehen. Natürlich sind diese Entscheidungen nicht unabhängig von den Angeboten, also den Beschäftigungsmöglichkeiten. Sie sind auch nicht immer freiwillig. Zwänge ergeben sich aber nicht nur aus dem Erwerbssystem, sondern auch aus unterschiedlichen individuellen Lebenslagen« (2018, S. 325 f.).

Auch für die Frage der Regulierung und sozialen Absicherung von Arbeit und Beschäftigung stellen sich in den jeweiligen Segmenten ganz unterschiedliche politische Herausforderungen.

Literatur

Abraham, Martin/ Thomas Hinz 2018: Wozu Arbeitsmarktsoziologie?, in: diess. (Hrsg.), Arbeitsmarktsoziologie, Wiesbaden: Springer VS, S. 1-8
https://doi.org/10.1007/978-3-658-02256-3_1

Achatz, Juliane 2018: Berufliche Geschlechtersegregation, in: Arbeitsmarktsoziologie, Wiesbaden: Springer VS, S. 389-435
https://doi.org/10.1007/978-3-658-02256-3_11

Bohn, Rainer/ Hirsch-Kreinsen, Hartmut/ Pfeiffer, Sabine/ Will-Zocholl, Mascha 2022: Lexikon der Arbeits- und Industriesoziologie, Baden-Baden: Nomos

Bosch, Gerhard 2018: Strukturen und Dynamik von Arbeitsmärkten, in: Fritz Böhle et al. (Hrsg.), Handbuch Arbeitssoziologie, Bd. 2, Wiesbaden: Springer, S. 325-359
https://doi.org/10.1007/978-3-658-21704-4_11

Gottschall, Karin 2018: Arbeit, Beschäftigung und Arbeitsmarkt aus der Genderperspektive, in: Fritz Böhle et al. (Hrsg.), Handbuch Arbeitssoziologie, Bd. 2, Wiesbaden: Springer, S. 361-396
https://doi.org/10.1007/978-3-658-21704-4_12

Heine, Michael/ Herr, Hansjörg 2013: Volkswirtschaftslehre. Paradigmenorientierte Einführung in die Mikro- und Makroökonomie, München: Oldenbourg Wissenschaftsverlag

Kalter, Frank/ Nadia Granato 2018: Migration und ethnische Ungleichheit auf dem Arbeitsmarkt, in: Martin Abraham, Thomas Hinz (Hrsg.), Arbeitsmarktsoziologie, Wiesbaden: Springer VS, S. 355-387
https://doi.org/10.1007/978-3-658-02256-3_10

Riedner, Lisa Peter Birke, Anne Lisa Carstensen, Nikolai Huke 2024: Einleitung, in: diess. (Hrsg.), Geteilte Arbeitswelten. Konflikte um Migration und Arbeit, Weinheim/ Basel: Beltz Juventa, S. 7-24

Sengenberger, Werner 1987: Struktur und Funktionsweise von Arbeitsmärkten. Die Bundesrepublik Deutschland im internationalen Vergleich, Frankfurt am Main: Campus
https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0168-ssoar-68120

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