Älteres mehrgeschossiges Wohnhaus

Was ist Arbeit?

Der im Alltagsverständnis allgegenwärtige und kaum hinterfragte Begriff der Arbeit muss für sozialstrukturelle Analysen präziser gefasst werden.

Arbeit

Typischerweise wird Arbeit heute als eine zweckgerichtete, bewusste, geplante und kooperative menschliche Aktivität verstanden, bei der unter Nutzung von verschiedenen Techniken (z.B. Werkzeuge, Maschinen, Software, Körper- oder Organisationstechniken) bestimmte Arbeitsergebnisse (z.B. Waren und Dienstleistungen, gesättigte und zufriedene Menschen oder eine lebendige Zivilgesellschaft) hervorgebracht werden.

Arbeit kann ökonomisch (z.B. selbstständige und abhängige, freie und unfreie Erwerbsarbeit), haushaltlich (z.B. Sorge- und Beziehungsarbeit in privaten Haushalten oder Netzwerken) oder zivilgesellschaftlich (z.B. ehrenamtliche Arbeit) eingebunden sein.

Arbeit kann als Instanz der Belastung wie der Bereicherung, der Entfremdung wie der Selbstverwirklichung, der Knechtschaft und Ausbeutung wie der Emanzipation fungieren.

Günter Voß resümiert, dass man sich von der Suche nach einer endgültigen kategorialen Festlegung des Arbeitsbegriffs verabschieden sollte. »Ziel ist vielmehr zu fragen (…), in welchem Ausmaß und in welcher Weise hinsichtlich der verwendeten Aspekte unterschiedlichste Aktivitäten verschiedenartiger Aktionseinheiten in der Gesellschaft ›Arbeits-Charakter‹ haben« (2018, S. 65).

Seit dem 19. Jahrhundert haben sich Sozialwissenschaftler:innen mit der Geschichte und der jeweiligen Gestalt von Arbeit befasst. Exemplarisch sollen einige Zitate die Spannweite der dabei entwickelten Perspektiven illustrieren.

Arbeit in sozioökonomischer Perspektive

Karl Marx hat entgegen vieler Stereotypisierungen und Vereinnahmungen (an Hegel anknüpfend) ein sehr differenziertes Verständnis von Arbeit entwickelt, das sich in historischer Perspektive für den Wandel von Arbeit interessiert, das »weder ökonomisch noch technizistisch verengt ist« (Voß 2018, S. 35) ist, das auf den Stoffwechsel mit der Natur fokussiert und das sich für die Selbstveränderungen der Arbeitenden interessiert. In seinen eigenen Worten liest sich das so:

»Der Arbeitsprozess (…) ist zweckmäßige Tätigkeit zur Herstellung von Gebrauchswerten, Aneignung des Natürlichen für menschliche Bedürfnisse, allgemeine Bedingung des Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur, ewige Naturbedingung des menschlichen Lebens und daher unabhängig von jeder Form dieses Lebens, vielmehr allen seinen Gesellschaftsformen gleich gemeinsam«. Man sehe dem Arbeitsprozess nicht an, »unter welchen Bedingungen er vorgeht, ob unter der brutalen Peitsche des Sklavenaufsehers oder unter dem ängstlichen Auge des Kapitalisten« (Marx 1972, S. 198).

Voß verweist aber auch auf die Engführungen des Marxschen Verständnisses, auf die unhinterfragte Unterwerfung der Natur sowie auf die Dominanz einer zweckrationalen und instrumentellen Perspektive auf Arbeit (2018, S. 37 f.).

Reproduktionsarbeit und Erwerbsarbeit

Die soziologischen Klassiker wie Marx aber auch Weber (1922) und Durkheim (2016) fokussierten auf entlohnte Erwerbsarbeit in den sich herausbildenden Industriegesellschaften. Die gesellschaftlichen Voraussetzungen dieser Arbeit bleiben oft unberücksichtigt oder werden dem ›Privatbereich‹ zugerechnet.

Ursula Huws konstatiert, »dass die Reproduktion des Kapitalismus entscheidend von der unbezahlten Hausarbeit abhängt. Diese Arbeit zieht die nächste Generation von Beschäftigten heran und pflegt, ernährt und schult sie in den sozialen und kulturellen Fähigkeiten, die sie zum Überleben auf dem Arbeitsmarkt benötigen. Einmal in den Arbeitsmarkt eingetreten, wie langfristig auch immer, wird ihr Körper gepflegt, ihre Kleidung gewaschen, ihr Essen zubereitet und ihre Wohnung instandgehalten. Wenn sie zu behindert, zu krank oder zu alt sind, um einer bezahlten Arbeit nachzugehen, sorgt diese Care-Arbeit ebenso für sie.
Diese Arbeit der körperlichen und der sozialen Reproduktion wird von Menschen für sich selbst und für andere verrichtet und ist in eine gesellschaftliche Arbeitsteilung eingebettet, die geschlechtsspezifisch, aber auch durch Klasse und ethnische Zugehörigkeit geprägt ist. Sie wird – in unterschiedlichem Maße in den verschiedenen nationalen Kontexten – durch andere Formen der Arbeit unterstützt, die von der Großfamilie und breiteren Gemeinschaften, von verschiedenen staatlichen Institutionen und durch formell oder informell bezahlte Arbeit geleistet werden« (2023, S. 43).

Regina Becker-Schmidt macht deutlich, dass die Arbeit in der Reproduktionssphäre alles andere als privater Natur ist: »Die Hausarbeit ist im Kapitalismus, in dem sich die Trennung der Sphären ›Markt/Familie‹ vollzieht, durchaus vergesellschaftet, aber mit negativen Folgen. In der Markierung der Hausarbeit mit der Formbestimmung ›privat‹, wie in der Formbestimmtheit der Lohnarbeit als ›marktvermittelt‹, wird davon abstrahiert, dass sie gleichzeitig durch die Aufteilung der Gesamtarbeit in unterschiedliche Sphären voneinander separiert werden und in eine wechselseitige Beziehung der Dependenz geraten: Ohne Lohnarbeit ist der Familienerhalt bedroht, ohne Privatarbeit die Regeneration der Ware Arbeitskraft« (2019, 71).

Arbeit in sozialpsychologischer Perspektive

Marie Jahoda u.a. (1975) hatten sich bereits im Rahmen der klassischen Studie ›Die Arbeitslosen von Marienthal‹ mit der Bedeutung von Arbeit und Arbeitslosigkeit befasst. In einer späteren Schrift fasst sie diese Befunde zur Bedeutung von Erwerbsarbeit pointiert zusammen:

»Erstens erzwingt sie [die Erwerbstätigkeit] ein für industrielle Länder charakteristisches Zeiterlebnis. Arbeit muß zu einer bestimmten Zeit geleistet werden; sie teilt den Tag, die Woche, das Jahr und das ganze Leben in regelmäßige Perioden von Arbeit und Freizeit.

Zweitens erweitert die Erwerbstätigkeit den sozialen Horizont der Menschen über die Familie und den engeren Kreis von Nachbarn und selbst gewählten Freunden hinaus. Am Arbeitsplatz ist es unumgänglich, daß man mit anderen Menschen in Kontakt kommt, erfährt, was sie denken und fühlen, was sie erfreut und worunter sie leiden. Gerade weil man sich die Arbeitskollegen nicht selbst aussuchen kann und weil Kontakt mit ihnen weniger emotionell ist als in der Familie, bereichert er das Wissen um die Welt.

Drittens demonstriert die Erwerbstätigkeit täglich, dass die materiellen Bedürfnisse moderner Menschen nicht von einzelnen Individuen befriedigt werden können, sondern Zusammenarbeit von vielen benötigen. Der Arbeitsplatz zwingt Menschen zu erkennen, daß eine Kollektivität mehr erreichen kann als ein einzelner, ob es sich nun um die Herstellung von komplizierten Produkten handelt oder um Anstrengungen, die Arbeitsbedingungen zu verbessern.

Viertens bestimmt die Eingliederung der Menschen in den kollektiven Arbeitsprozess ihren Platz in der weiteren Gesellschaft. Der Arbeitsplatz und die Berufskategorie, zu der man gehört, definiert die soziale Identität.

Und schließlich, fünftens, erzwingt die Erwerbstätigkeit regelmäßige, systematische Tätigkeit, deren Zweck über persönliche Zwecke hinausgeht und den Arbeitenden an die soziale Realität bindet« (Jahoda 1984, S. 12f.).

Arbeit in transnationaler Perspektive

Werner Conze (1972) hatte in der Zusammenstellung geschichtlicher Grundbegriffe auch die lange Geschichte des Verständnisses von Arbeit rekonstruiert. Andrea Komlosy würdigt diese Darstellung, macht aber auch deutlich, dass sich diese in eine »eurozentrische Meistererzählung« (2019, S. 12) einreihe, die die europäischen Peripherien und vor allem die außereuropäischen Regionen außer Acht lasse.

Dementsprechend resümiert sie: »In Hinblick auf Arbeit mussten sämtliche, aus der eurozentristischen Erzählung abgeleitete[n] Grundannahmen einer linearen Durchsetzung von Lohnarbeit im Zuge von kapitalistischer Umgestaltung und Modernisierung der Verhältnisse ad acta gelegt werden: Sklaverei, Zwangsarbeit, Subsistenzarbeit erwiesen sich als Grundkonstanten, die im Zuge der Einbeziehung in die kapitalistische Weltwirtschaft nicht abgeschafft, sondern mit verschiedenen Formen von bezahlter Erwerbsarbeit kombiniert wurden. Globale Wirtschafts- und Sozialgeschichte (…), Weltsystemanalyse (…), Studien zur Formalisierung und Informalisierung (…), zu Güter- und Versorgungsketten (…), globaler Migration (…) widmeten den unterschiedlichen Ausprägungen und Kombinationen von Arbeitsformen im Zuge der zyklischen Veränderungen und regionalen Rekonfigurationen des globalen Kapitalismus besondere Aufmerksamkeit« (S. 23 f.).

Carstensen u.a. (2024) fokussieren auf den Zusammenhang von Arbeit und Migration. Sie wiesen darauf hin, »dass Migration berücksichtigt werden muss, wenn man gegenwärtige Dynamiken in Arbeitsmärkten und am Arbeitsplatz sowie Kämpfe um die (Rahmen-)Bedingungen von Arbeit und sozialer Reproduktion überhaupt verstehen will. Umgekehrt wird auch Migration nur unzureichend verstanden, wenn nicht die enorme Bedeutung von (Lohn-)Arbeit für Praktiken und Bedingungen von Migration berücksichtigt wird« (S. 8).

Arbeit im digitalen Kapitalismus

Zweifellos kommt es im Kontext der digitalen Transformationen der Produktions- wie der Lebensweise zu weitreichenden Veränderungen der Arbeit. Es ist jedoch ausgesprochen schwer – jenseits interessierter meist technikzentrierter Argumentationen – abzuschätzen, wie sich die Quantität und Qualität von Arbeit verändern wird.

Quantität von Arbeit

Bei der Einschätzung der Quantität von Arbeit ist zu beachten, dass der digitale Kapitalismus in vielen Gesellschaften mit anderen gravierenden Veränderungen (demografischer Wandel, sozialökologische Transformationsprozesse) einhergeht, deren Wechselwirkungen nur schwer zu bestimmen sind. Florian Butollo verweist darauf, dass viele früh industrialisierte Länder gegenwärtig eher Beschäftigungsrekorde verzeichnen, obwohl doch die Entwicklung des Kapitalismus von steten Automatisierungsprozessen begleitet war. Vor diesem Hintergrund postuliert er: »Wenn das Verhältnis von Automatisierung und Arbeitsmärkten ganzheitlich erfasst werden soll, dann muss kapitalistische Entwicklung nicht nur von ihrer rationalisierenden, sondern auch von ihrer expansiven Seite her in den Blick genommen werden. Während einerseits stets neue Mittel und Wege geschaffen werden, bestehende Arbeitsschritte effizienter zu bewerkstelligen, finden andererseits Prozesse der Ausdifferenzierung und der Komplexitätssteigerung statt, was sich beispielsweise in anspruchsvollen Produktarchitekturen, weitverzweigten Wertschöpfungsketten und einer Beschleunigung von Innovationszyklen äußert. All dies erfordert mehr Arbeit« (2026, S. 17).

Qualität von Arbeit

Boes und Kämpf begreifen die gegenwärtige digitale Transformation im Lichte einer langen Geschichte von Informatisierungsprozessen und Produktivkraftsprüngen wie der Einführung des Buchdrucks oder der doppelten Buchführung und später der elektronischen Datenverarbeitung. In jüngerer Zeit habe sich ein weltweit verfügbarer Informationsraum herausgebildet. Für den damit verbundenen Strukturwandel der Arbeit konstatieren sie:

»Ähnlich wie die Fabrik zum paradigmatischen Ort der Industrialisierung im 19. Jahrhundert wurde, wird der Informationsraum zum neuen ›Raum der Produktion‹ in der digitalen Transformation. Die enorme Verbreitung der Arbeit im Homeoffice (…) unterstreicht den Stellenwert dieser neuen Arbeitssphäre. Die Arbeit mit digitalen Arbeitsgegenständen, informatisierte Arbeitsprozesse und die Nutzung digitaler Informationssysteme sind nicht länger ein nachrangiges Anhängsel der Produktion, sondern bilden das Fundament moderner Wertschöpfung. Damit steigt auch die Handlungsfähigkeit beziehungsweise die Reichweite geistiger Tätigkeit: Über den Informationsraum und vernetzte Maschinensysteme kann direkt und in Echtzeit in materiell-stoffliche Prozesse eingegriffen werden.
Arbeit unterliegt so einem grundlegenden Strukturwandel, der jedoch keinesfalls ihre grundsätzliche Bedeutung für die Gesellschaft und ihre Entwicklung schmälert. Es sind weiter Menschen mit ihrer Arbeitskraft, die die Server-Farmen des Internets betreiben, Software entwickeln, Daten aufbereiten und in sinnvolle Informationen überführen. Die Arbeit der Zukunft ist nicht ›nachindustriell‹, sondern durch neue Industrialisierungsformen gekennzeichnet. Diese setzen nicht mehr vorrangig am Maschinensystem selbst an, sondern an der Informationsebene und dem ›digitalen Fluss von Daten‹« (2023, S. 158 f.).

Literatur

Boes, Andreas/ Tobias Kämpf 2023: Informatisierung und Informationsraum. Eine Theorie der digitalen Transformation, in: Tanja Carstensen, Simon Schaupp, Sebastian Sevignani, (Hrsg.), Theorien des digitalen Kapitalismus, Berlin: Suhrkamp, S. 141–163

Butollo, Florian 2026: Das knappe Gut Arbeit. Automatisierung, Arbeitskräftemangel und sozialer Konflikt, Berlin: Suhrkamp

Carstensen, Anne Lisa/ Peter Birke, Nikolai Huke, Lisa Riedner 2024: Einleitung, in: diess. (Hrsg.), Geteilte Arbeitswelten. Konflikte um Migration und Arbeit, Weinheim, Basel: Beltz Juventa, S. 7-24

Conze, Werner 1972: Arbeit, in: Brunner, Otto von/ Koselleck, Reinhart/ Conze, Werner (Hrsg.), Geschichtliche Grundbegriffe, Band I, Stuttgart: Klett-Cotta, S. 154-215

Durkheim, Émile 2016: Über soziale Arbeitsteilung. Studie über die Organisation höherer Gesellschaften, Frankfurt am Main: Suhrkamp

Huws, Ursula 2023: Soziale Reproduktion im Kapitalismus des 21. Jahrhunderts, in: Tanja Carstensen, Simon Schaupp, Sebastian Sevignani (Hrsg.), Theorien des digitalen Kapitalismus, Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 43 – 66

Jahoda, Marie 1984: Braucht der Mensch die Arbeit?, in: Frank Niess (Hrsg.), Leben wir, um zu arbeiten? Die Arbeitswelt im Umbruch, Köln: Bund-Verlag, S. 11-17

Jahoda, Marie/ Paul F. Lazarsfeld/ Hans Zeisel 1975: Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch mit einem Anhang zur Geschichte der Soziologie, Frankfurt am Main: Suhrkamp

Komlosy, Andrea 2019: Arbeit. Eine globalhistorische Perspektive. 13. bis 21. Jahrhundert, Wien: Promedia

Marx, Karl 1972: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Bd. 1, Berlin: Dietz Verlag Berlin

Voß, G. Günter 2018: Was ist Arbeit? Zum Problem eines allgemeinen Arbeitsbegriffs, in: Fritz Böhle, G. Günter Voß, Günther Wachtler (Hrsg.), Handbuch Arbeitssoziologie, Wiesbaden: Springer, S. 15-84

Weber, Max 1922: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie, Tübingen: Mohr

weiterlesen …